DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Grüne Liga: Ökonomische Entscheidungen von ökologischen Kriterien abhängig machen

MAREILE LÖBER

Die Grüne Liga entstand aus zahlreichen Arbeitsgruppen, die in zurückliegenden Jahren für Natur- und Umweltschutz in der DDR gegründet wurden. Dazu zählen beispielsweise Gruppen aus dem Grünen Netzwerk arche, die stadtökologischen Gruppen der Gesellschaft für Natur und Umwelt und einzelne unabhängige Gruppierungen in solchen größeren Städten wie Leipzig, Potsdam u.a. Unter Schirmherrschaft der Kirchen entstand auch die "Analyse Energie und Umwelt", die für die Energiepolitik der Grünen Liga bedeutsam ist.

Im November 1989 trafen sich Vertreter zahlreicher Umweltgruppen und riefen dazu auf, ein gemeinsames Bündnis zu bilden, weil die Gefährdung der natürlichen Lebensgrundlagen den Zusammenschluss aller umweltbewussten Kräfte verlangt; das gilt für die globalen Probleme ebenso wie für die Situation in der DDR. Die so gegründete Grüne Liga will möglichst viele Bürger, unabhängig von Parteizugehörigkeit, Glaubensbekenntnis oder Nationalität, zusammenführen, die Arbeit für den Umwelt- und Naturschutz fördern und koordinieren. Sie fühlt sich den Grünen Bewegungen in Ost und West verbunden und ordnet sich in die Bürgerbewegungen für Demokratie und gesellschaftliche Erneuerung ein:

Dieses umfassende und parteienübergreifende Bündnis setzt voraus, dass die Eigenständigkeit der Basisgruppen gewährleistet bleibt und auf basisdemokratischer Grundlage ein Netzwerk gebildet wird. Die Grüne Liga steht auf solche Weise allen offen, die sich für den Erhalt und, den Schutz der Lebenssphäre von Mensch, Tier und Pflanze einsetzen. Die daraus abzuleitenden Aufgaben stellen auch das große Rahmenprogramm dar, das seinen Niederschlag in einer Vielzahl thematischer und territorialer Arbeitsgebiete findet.

Einen Schwerpunkt sieht die Grüne Liga darin, schnellstens Konzepte zum ökologischen Umbau der Gesellschaft zu erarbeiten; die Lebensweise und die Wirtschaft müssen in allen Teilbereichen umweltfreundlich gestaltet werden. Da alle Umweltprobleme ihren Ursprung in der Aktivität des Menschen, insbesondere in seinen Ansprüchen, Gewohnheiten, Bedürfnissen und Wünschen haben, ist es notwendig, eine neue Zivilisation zu begründen: Es geht um Frieden - nicht nur zwischen den Menschen, sondern auch zwischen Mensch und Natur!

Umweltwissen und Verantwortungsbewusstsein sind für eine neue Umweltpolitik unerlässlich. Dabei bringen Losungen noch keine Lösung. Deshalb gilt, die neuen und die alten Parteien sowie die vielfältigen Gruppierungen genau zu befragen, mit welchen Mitteln, auf welche Art und Weise sie einen konkreten Beitrag leisten wollen, um die Umwelt zu sanieren und um künftige Wirkungen unserer Lebensweise auf den Umweltbereich zu minimieren. Unter diesem Gesichtspunkt wird die Grüne Liga dort, wo sie über starke Basisgruppen und kompetente Vertreter verfügt, direkt in den Kommunalparlamenten mitwirken bzw. jene Abgeordnete unterstützen, die beispielsweise in der Grünen Partei, im NEUEN FORUM oder in anderen politischen Vereinigungen glaubhaft und engagiert eine veränderte Umweltpolitik anstreben denn uneingeschränktes Wirtschaftswachstum und goldene Konsumberge tragen weltweit dazu bei, die Biosphäre zu zerstören.

Wenn es gelingen soll, die Erde und damit auch unser Land bewohnbar zu erhalten und nachfolgenden Generationen eine Lebenschance zu hinterlassen, müssen künftig alle ökonomischen Entscheidungen von ökologischen Kriterien abhängig gemacht werden. Nach Jahrzehnten der Mangelwirtschaft und ausgebliebenen wirksamen Festlegungen zum Natur- und Umweltschutz ist das sicher nicht sonderlich populär. Die Grüne Liga geht aber davon aus, dass es in allen Territorien und produzierenden Bereichen viele verantwortungsbewusste Politiker und Wirtschaftsfachleute gibt, die ihre Zukunftsvorstellungen gemeinsam mit den Bürgern und folgenkritisch überdenken. So steht bereits heute fest, dass sanfte Technologien, eine dezentrale Wirtschaft und umweltfreundliche Verhaltensweisen unabdingbar dafür sind, allen Menschen eine neue Lebensqualität zu ermöglichen.

Voraussetzung ist allerdings auch hier, dass das Recht auf Selbstbestimmung bewahrt bleibt. Dabei gewinnt die parlamentarische Arbeit, vor allem in den Kommunen, an Bedeutung, kann auf die breite Mitwirkung der Bürgerbewegungen nicht verzichtet werden; die tägliche Kleinarbeit in den Städten und Gemeinden auf dem Gebiet des Natur- und Umweltschutzes ist ebenso wichtig wie eine große Volkskongressbewegung, um das Recht auf Selbstbestimmung und den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen nachdrücklich einzufordern.

Verfasser:
Mareile Löber
Grüne Liga
Haus der Demokratie
Berlin

aus: Bürgerbewegungen für Demokratie in den Kommunen, 1. Aufl. - Berlin: Staatsverlag der DDR, 1990, ISBN 3-329-00720-6

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