DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Was will die "Grüne Liga"?

Unsere Fragen beantwortete Harald Wilken, Sprecher der Ökologischen Allianz Cottbus

Republikweit und also auch in unserem Bezirk formiert sich gegenwärtig eine "Grüne Liga". Die Ökologische Allianz Cottbus (bestehend aus Arbeitsgemeinschaft Stadtökologie, Jugendklub "Ludwig Leichhardt" und Umweltgruppe Cottbus) gehört zu jenen Basisgruppen, die bereits ihre Bereitschaft zur Mitarbeit bekundeten. Als was versteht sich die "Grüne Liga"?

Wir wollen nicht Organisationen vereinigen, sondern unsere Kräfte. Wir verstehen uns als Aktionsbündnis zur Rettung der natürlichen Lebensgrundlagen, zur Stimulierung alternativer Denk- und Verhaltensweisen und zur Überwindung des ökologischen Handlungsdefizits in unserer Gesellschaft.

Wer ist zu diesem Bündnis aufgerufen?

Alle bereits bestehenden und die sich neu bildenden Umweltgruppen, wohlbemerkt bei Wahrung ihrer Eigenständigkeit und lokalen Wirksamkeit. Nur durch gemeinsames Handeln können wir sichtbare Erfolge bei der Bewältigung der ökologischen Krise erreichen.

Kann nicht die Gesellschaft für Natur und Umwelt (GNU) im Kulturbund auch für die Zukunft ein wirksames Aktionsbündnis zur Rettung der natürlichen Umwelt sein?

Wir meinen: nein.

Warum nicht?

Weil die GNU eine Politik gegen Umweltgruppen der Kirche gemacht hat, wogegen wir in Cottbus uns übrigens mit Unterstützung der Bezirksleitung des Kulturbundes schon vor Jahren erfolgreich gewehrt haben. Weil die GNU belastet ist mit dem alten und neuen Umweltminister, der Staatsjagdgebiete toleriert, Umweltgruppen nachweislich gemaßregelt und der versucht hat, Stadtökologie ganz zu unterbinden. Hinzu kommen Uneinigkeit und Spaltungsversuche, deren Zeuge ich als Gast der Zentralvorstandssitzung der GNU am 15. November in Berlin war.

Was ist Ihr Vorschlag in Bezug auf das Umweltministerium?

Nicht nur personeller Wechsel, sondern Veränderung der Struktur. Herauslösung der Wasserwirtschaft aus dem jetzigen Umweltministerium und Aufnahme des Naturschutzes, der zur Zeit noch dem Landwirtschaftsministerium untersteht. Ich wäre wie mein Parteifreund Prof. Dr. Michael Succow, Mitglied der LDPD-Fraktion der Volkskammer, für ein Ministerium für Umwelt- und Naturschutz.

Wie steht die "Grüne Liga" zu Wirtschaftswachstum?

Wir sind für qualitatives Wachstum, also für intensiv erweiterte Reproduktion. In dieser Hinsicht stimmen wir wie in vielen Dingen mit den neuen Konzepten der SED überein. Es geht darum, Lenins Wort in die Tat umzusetzen, dass Naturschutz nur funktionieren kann, wenn er Bestandteil des Produktionsprozesses ist. Deshalb will die "Grüne Liga" auch mit Vertretern der Produktion ins Gespräch kommen. Konsequent praktizierter Umweltschutz verlangt nicht nur zusätzliche Aufwendungen, sondern wirft auch zusätzlichen Gewinn ab.

Welche Position haben Sie zur Marktwirtschaft?

Wir sind für Marktwirtschaft, aber mit eindeutig sozialistischem Vorzeichen. Wären wir schneller gewesen, gäbe es heute wohl kaum ein "Wiedervereinigungs"-Gefasel. Ich bin gegen eine Vereinigung mit der BRD jetzt. Die würden uns noch das letzte Stück heile Landschaft mit ihrer Industrialisierung kaputtmachen. Wie könnten wir unsere Wirtschaft in Ordnung bringen, wenn wir das Sozialgefüge der BRD übernähmen? Nie sollten wir vergessen, dass die Bilder von hungernden afrikanischen Kindern in Neckermann- und Hertie-Filialen verursacht werden.

Wo kann sich melden, wer an Mitarbeit in der "Grünen Liga" interessiert ist?

Unsere beiden Cottbuser Kontaktadressen sind: H(...) W(...) und P(...) M(...) Das Gründungstreffen ist für Anfang Februar vorgesehen.

(Das Gespräch führte Ulrike Elsner)

aus: Lausitzer Rundschau, Nr. 298, 19.12.1989, 38. Jahrgang, Sozialistische Tageszeitung für den Bezirk Cottbus

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