DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Die Grünen scheinen sich grün zu sein

Nachbemerkung zum Gründungskongress der Grünen Liga

Nun ist es also soweit: Nach glücklich überstandenem Hickhack um die Satzung formierte sich am 3. Februar im Hallenser Buna-Kulturhaus erstmals ein landesweites Bündnis verschiedener Umwelt- und Naturschutzgruppen, von Bürgerinitiativen und anderen auf ökologischem Gebiet tätigen Vereinigungen - genannt Grüne Liga.

Ein beruhigendes Zeichen. Die Grünen scheinen sich grün zu sein. Organisation gegründet, Geschäftsstelle eingerichtet, vorläufige Sprecher gewählt, Minister bestätigt. Das aber kann nicht mehr als ein "Gerippe" sein. Doch bereits das Kongressgeschehen wurde über weite Strecken davon bestimmt, was die Grüne Liga ausmachen soll, wovon sie lebt: das Wissen um den überregionalen, ja globalen Charakter der Umweltprobleme, die ein Bündeln möglichst vieler Kräfte erfordern. Und so ging's, wie angenehm, weitgehend ohne allgemeines Lamentieren über die sattsam bekannte DDR-Umweltmisere ab. Vielmehr nahmen zahlreiche Vertreterinnen von Initiativen das Wort, um ihre Vorstellungen - etwa eines Nationalparks Oberharz, eines Biosphärenreservats Spreewald, zur Arbeit eines unabhängigen Öko-Instituts oder eines künftig vielleicht nicht nur Dresdner, sondern Elberats mehrerer Anrainerstädte - darzulegen. Man knüpfte Kontakte, tauschte Adressen aus. Aktionen, z. B. gegen Mülltourismus oder den Ausbau der Kernkraft, wurden vereinbart.

Also alles in Butter? Leider noch nicht. Obwohl die Eigenständigkeit jeder Gruppe verbrieft ist und jedem frei steht, wie die Fäden des Netzwerks regional zu knüpfen sind, gab es auch im Vorfeld skeptische Stimmen. Zu tief sitzt die Vergangenheit auch den Umweltschützern in den Knochen. Da ist die Angst, die Grüne Liga könnte ein zweiter händeschüttelnder Einheitsbrei werden, wo einzelne sich auf Kosten aller profilieren, und dass sich in Berlin, dem juristischen Sitz, ein "grün angestrichenes Politbüro" das von oben verordnet, was unten zu tun ist. Verständlich, wenn man bedenkt, welche Rolle Berlin in der Vergangenheit zu spielen verdammt war. Verständlich auch die Vorbehalte einiger Mitglieder der Arche, eines Netzwerks, das lange Jahre offiziell totgeschwiegen wurde und trotz Verhaftungen und Verhören im Schutz der Kirche gegen eine verlogene Umweltpolitik anging. Sie sehen sich nun auf sanfte Weise vereinnahmt mit der stets "staatsgenehmen" Gesellschaft für Natur und Umwelt.

Dennoch sollte es trotz aller Unterschiede in Struktur und Arbeitsweise, trotz verschiedener Vergangenheiten und mit einem wachsamen Auge auf die Wahrung demokratischer Gepflogenheiten möglich sein, Misstrauen abzubauen und zumindest unter den "Grünen" eine Koalition der Vernünftigen herzustellen. Schließlich erleben wir gerade jetzt, wie Programme und Wahlversprechen mit dem Zusatz "ökologisch" ausgeschmückt werden, dieselben Parteien am Runden Tisch aber die Lösung drängender Umweltprobleme vor sich her schieben. Ein Treffen von Berliner Umweltgruppen steht deshalb auf der Tagesordnung. Des Beschlusses eines "grüngefärbten Politbüros" bedarf es dazu nicht, nur möglichst vieler, die mitmachen.

Martin Waldhausen
Grüne Liga

aus: Podium, Die Seite der neuen Parteien, Initiativen und Gruppierungen in der Berliner Zeitung, Ausgabe 35, 10.02.1990, Jahrgang 46

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