DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Kolleginnen und Kollegen !

Was hat der FDGB in 40 Jahren für uns getan? Hat er die Frage der Arbeitszeitverkürzung als ständige Forderung an die Betriebsleitung gerichtet? Warum hat er nicht die 40-Stunden-Woche mit uns erkämpft?

Hat er dafür gesorgt, dass unsere Löhne der schleichenden Inflation angepasst werden? Warum sind nicht ständige Tarifverhandlungen über Lohnerhöhungen geführt worden?

Wo stehen die Funktionäre des FDGB, wenn in unserem Betrieb neue Normen eingeführt werden? Auf unserer Seite? Verhindern sie die Normen, bevor nicht klar ist, dass wir auch entsprechend bezahlt werden?

Wie kann der FDGB als unser angeblicher Interessenvertreter es zulassen, dass wir im Durchschnitt 10 Tage weniger Urlaub haben als unsere Kollegen im Westen?

Hat der FDGB sich für die Herabsetzung des Rentenalters stark gemacht?

Haben wir schon mal erlebt, dass die Betriebsgewerkschaftsleitung den staatlichen Plan in unserem Interesse nicht akzeptiert? Haben wir überhaupt schon mal erlebt, dass die Gewerkschaft etwas gegen den Staat und die Partei für uns durchsetzt?

40 Jahre ohne eigene Interessenvertretung sind genug!

Wir dürfen uns nicht mehr organisieren lassen, auch nicht von "neuen Männern" - wir müssen uns selbst organisieren.

Die nächsten Jahre werden für uns kein Zuckerschlecken. Die Daumenschrauben sollen angezogen werden. Die Preise werden steigen, die Löhne kaum. Wenn Subventionen wegfallen, trifft vor allem uns. Der Staat fordert Leistung, bald wird er mit Entlassung drohen. Wir sollen die Karre aus dem Dreck ziehen!

Wenn der Lebensstandard für die meisten von uns nicht erheblich sinken soll, brauchen wir eigene Interessenvertretungen.

- Beruft Vollversammlungen ein und fordert Rechenschaft von der Betriebsgewerkschaftsleitung

- Ernennt Kollegen aus euren eigenen Reihen zu Sprechern

- Lasst diese Kollegen eure Forderungen an die Betriebsleitungen stellen

- Stellt euch hinter diese Kollegen, wenn sie Schwierigkeiten bekommen

- Macht die Ergebnisse sofort öffentlich, das schützt vor Repressalien

- Sucht den Kontakt zu Kollegen in anderen Betrieben

- Gründet unabhängige Gewerkschaften!

Kontaktbüro "Initiative für unabhängige Gewerkschaften" im Klub Conrad-Blenkle-Straße 1, Berlin 1055, Telefon: (...) ab 15. 11. Mittwoch 17.00-19.00 und Montag 19.00-21.00 Uhr.

[Dieser Aufruf wurde vom Schriftsteller Heiner Müller auf einer Demonstration am 04.11.1989 in Berlin verlesen. Während seines Redebeitrages gab es sowohl Applaus als auch Pfiffe. Schon auf der FDGB-Vorstandssitzung am 30.10. kursierte ein Flugblatt mit diesem Inhalt.
Link zur Müllers Rede.]