DDR 1989/90Brandenburger Tor

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SPALTER am Werk?

"Initiative für unabhängige Gewerkschaften"

Als Heiner Müller am 4. November '89 auf der Berliner Protestdemonstration den ersten Aufruf unserer Initiative verlas, war die Resonanz spärlich. Die Situation hat sich jedoch grundlegend geändert.

Innerhalb kürzester Zeit offenbarte sich der FDGB in seiner Korruptheit, ein Skandal jagte den anderen. Es wurde überdeutlich, auf welcher Seite er stets gestanden hatte. In all den Jahren hatte er sich weder für die Erhöhung der Löhne, deren Anpassung an die schleichende Inflation, noch für die Durchsetzung der 40-Stunden-Woche, die Erhöhung des Urlaubs oder die Herabsetzung des Rentenalters kämpferisch eingesetzt.

Stattdessen verhalf er einer privilegierten Partei- und Staatsführung zur uneingeschränkten Herrschaft über die Werktätigen. Die Entrüstung darüber kommt in massenhaften Austritten aus dem FDGB oder in Beitragsverweigerungen zum Ausdruck.

Gegenüber den sich rasch vollziehenden Veränderungen im Wirtschaftssektor erweist sich der FDGB Im besten Falle als ein hilfsloser und ohnmächtiger Apparat, dessen zentralistischer Aufbau jegliche Reformbestrebungen erstickt. Was die Kollegen in den Betrieben aber benötigen, ist eine starke und von Staat und Parteien unabhängige Interessenvertretung, soll die Effektivierung der Wirtschaft nicht auf ihre Kosten gehen.

Unser Kontaktbüro, das nunmehr häufig überfüllt ist, gibt den Kollegen aus Betrieben und Einrichtungen Gelegenheit, ihre Erfahrungen mit einer selbstorganisierten Interessenvertretung auszutauschen, über die Situation in ihren Betrieben zu berichten und Informationen einzuholen.

Deutlich wird: Den Kollegen brennen die Probleme auf den Nägeln, und sie sind dabei auf sich allein gestellt. Sie berichten darüber, wie z.B. die Betriebsleitung Verhandlungen mit westlichen Firmen hinter ihrem Rücken führt, sie sind in Sorge um ihre Arbeitsplätze, sie möchten wissen, wie ihre Arbeitsbedingungen sich verändern und welche sozialen Folgen insgesamt auf sie zukommen werden. Dabei müssen sie erleben, wie staatliche Leiter sich als selbstherrliche Unternehmer aufspielen und ausdrücklich das Mitspracherecht der Belegschaften unterbinden.

Aus diesen Erfahrungen heraus haben sich Kollegen in Basisgruppen zusammengeschlossen. Solche Gruppen gibt es inzwischen in 170 Betrieben in der gesamten Republik. Die Aufgabe unseres Kontaktbüros sehen wir darin, Initiativen miteinander zu vernetzen.

Von SED-PDS und FDGB werden wir in der Öffentlichkeit als Gewerkschaftsspalter denunziert. Von einer Spaltung der gewerkschaftlichen Interessenvertretung könnte allerdings nur die Rede sein, wenn es eine solche jemals gegeben hätte. Die Erfahrung der Werktätigen in diesem Lande ist, dass der FDGB mit der staatlichen und Parteileitung stets gemeinsame Sache gemacht hat - unter dem Motto "wir ziehen doch alle an einem Strang". Von den Betrieben bis hinauf zu den höchsten Ebenen.

Unsere unabhängige Gewerkschaftsbewegung geht davon aus, dass sich Staat, politische Parteien und Betriebsleitung auf der einen und die Masse der Lohnabhängigen auf der anderen Seite in einem widersprüchlichen Verhältnis gegenüberstehen. Der FDGB ist zwar eine Einheitsgewerkschaft, aber das ist eine Einheit, die denen "oben" nützt. Mit Einheitsparteien und anderen Einheiten haben wir schmerzliche Erfahrungen genug gemacht.

In Abgrenzung zu den Empfehlungen der Regierungspartei und des FDGB hat unsere Initiative einen Satzungsentwurf für eine Unabhängige Gewerkschaftsbewegung (UGB) erarbeitet, in dem eindeutig Stellung bezogen wird, welche Interessen wem gegenüber zu vertreten sind. Ein basisdemokratischer Aufbruch erteilt einem zentralistischen hauptamtlichen Funktionärsapparat eine Absage. In diesem Satzungsentwurf kommt unser Grundprinzip der Selbstorganisation zum Ausdruck, was natürlich eine aktive Haltung der Werktätigen voraussetzt, andernfalls ist der alte Zustand schnell wieder hergestellt.

Leonore A(...),
Initiative für
Unabhängige Gewerkschaften

aus: Die Andere Zeitung 3/1990, 08.02., Zeitung für basisdemokratische Initiativen im Auftrag des Landessprecherrates des Neuen Forums

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