DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Eine Mitteilung in eigener Sache

Die Initiative für unabhängige Gewerkschaften ist entstanden, weil ihre Mitglieder davon ausgehen, dass der FDGB in seiner bisherigen Arbeit die Interessen der Werktätigen nur sehr ungenügend oder gar nicht vertreten hat und es keineswegs sicher ist, dass sich daran etwas wesentliches ändert. Solange in den Führungsetagen bloß Personen gegeneinander ausgetauscht werden, die sämtlich dem alten Kaderbestand angehören, scheint uns da Skepsis angebracht. Wir meinen überhaupt, dass unsere Interessenvertretung nicht irgendwelchen hauptamtlichen Funktionären überlassen werden kann - wir müssen uns selbst darum kümmern. Die alte Kommandostruktur muss dadurch überwunden werden, dass wir die Probleme an der Basis diskutieren, Maßnahmen und Forderungen beschließen, Leute mit ihrer Durchsetzung beauftragen, die wir für geeignet halten und die wir jederzeit abwählen können, wenn sich herausstellt, dass wir uns in ihnen getäuscht haben.

Wenn wir daher unabhängige Gewerkschaften sagen, meinen wir das im doppelten Sinne: einerseits Unabhängigkeit unserer Organisation vom Diktat das Staates, einer Partei oder der Betriebsleitung und andererseits Unabhängigkeit der Mitglieder selbst in ihrer eigenen Gewerkschaft, d.h. keine Unterordnung unter die Beschlüsse der Leitungen, sondern Unterordnung der Leitungen unter die Beschlüsse der Belegschaften.

Dagegen kann es natürlich keine Unabhängigkeit von den ökonomischen Zwängen geben. Wir können nicht Löhne verlangen, die unbezahlbar sind, wir können keine Arbeitszeitverkürzung verlangen, die die gesamte Wirtschaft ruinieren würde, wir können keine Preise verlangen, die unterm Strich die Kosten nicht decken. Aber wir können sehr wohl verlangen, dass wir sämtliche Informationen darüber erhalten, statt wie bisher belogen und betrogen zu werden, denn erst aus der Kenntnis der Fakten lassen sich begründete Forderungen ableiten. Ebenso können und müssen wir verlangen, dass der bürokratische Verwaltungsapparat auf allen Ebenen abgebaut wird und wir können auch nicht hinnehmen, dass wir jetzt durch neue Opfer eine Suppe auslöffeln sollen, die nicht wir uns eingebrockt haben, sondern die eine selbstherrliche und inkompetente Führung zu verantworten hat. Durchsetzung des Leistungsprinzips darf daher nicht heißen, noch mehr Arbeit bei der gleichen schlechten Bezahlung und vor allem ungenügender Versorgung von uns zu verlangen: in einer sinnvolleren Arbeitsorganisation liegen genügend Reserven, die Produktionsergebnisse erheblich zu verbessern, ohne dass Abstriche am Lebensstandard notwendig sind. Das Gegenteil müsste uns jedenfalls erst einmal bewiesen werden.

Wann wir all diese Fragen in den Griff bekommen wollen, brauchen wir unabhängige Gewerkschaften, ganz gleich, ob sie aus einem umgestalteten FDGB hervorgehen oder ob es notwendig wird, eigene Organisationen zu gründen, wie wir vermuten.

Unsere Initiative sieht sich nun aber nicht als der Keim neuer oder erneuerter Gewerkschaften. Die müssen überall entstehen, wo Werktätige selbst meinen, dass sie lange genug organisiert worden sind, und dass es jetzt darauf ankommt, sich selbst zu organisieren. Eine solche Entwicklung wollen wir unterstützen.

In unserem Kontaktbüro im Literaturclub Conrad-Blenkle-Str. 1 (Eingang Leninallee; zwischen Kulturzentrum und S-Bahnhof), Berlin 1055

Tel.: (...) Montags 19.00 - 21.00 Uhr und
Mittwoch 17.00 - 19.00 Uhr

ist Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch. Hier sammeln wir Informationen, die uns mündlich oder schriftlich zugehen und versenden sie an alle, die wissen wollen was in unseren Betrieben vorgeht, wie dort die Stimmung ist, wo und wie etwas erreicht wurde, was schief läuft.

Teilt uns Eure Erfahrungen mit, wir sagen sie weiter!

Initiative für unabhängige Gewerkschaften

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