DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Röhrende Hirsche auf dem Alex in Aussicht?

Wohlstand und intakte Umwelt nicht zum Nulltarif

Fünf Orkane über Europa in zwei Monaten, vier warme Winter in einem Jahrzehnt von wegen Treibhauseffekt, alles Zufall.

Saubere Flüsse, dichte, rauschende Wälder, Orchideenwiesen an jeder Autobahn und wahrscheinlich sogar röhrende Hirsche auf dem Alexanderplatz - dafür brauchen wir doch keine Grünen, das plant doch heute schließlich jede Partei mit ein, neben Wohlstand, Vollbeschäftigung, D-Mark, sozialem Netz, Golf GTI, Marlboro und Videorecorder - alles zusammen spätestens am 1. Juli. Man braucht sie nur zu wählen, den Rest machen sie mit Helmut dann schon.

"Wir bekennen uns zur Ehrfurcht vor dem Leben" diesen Leitsatz aus dem Hallenser Programm mit Inhalt zu füllen, ist die GRÜNE PARTEI der DDR angetreten.

Vor uns stehen immense Aufgaben, die Solidarität. Optimismus und Intelligenz verlangen. Die Dezentralisierung aller Lebensbereiche, Vielfalt in Industrie, Handel und Gewerbe (ohne neue Monopolstellungen) starke Kommunen und Länder, sowie Möglichkeiten zur Einbringung der Sachkompetenz der Betroffenen (Runde Tische, Volksentscheide, Bürgerkomitees) sind zu organisieren.

Wir sollten es hier mit Robert Havemann halten, von dem der Satz stammt: "Demokratie bedeutet eben, dass das Regieren schwer und regiert werden leichter gemacht wird."

Ökologische Aspekte sind in der GRÜNEN PARTEI Ausgangspunkt und Ziel aller Überlegungen. Selbstverständlich werden auch künftig Kompromisse das Wesen der Politik bestimmen, auch wir werden sie machen müssen. In diesem Zusammenhang werden von der GRÜNEN PARTEI auch zunächst unpopuläre Vorschläge und Entscheidungen zu vertreten sein. Industrie, Landwirtschaft und Handel brauchen Entfaltungsmöglichkeiten und dies sofort.

Dabei soll und muss jede Aktivität allerdings daraufhin durchleuchtet werden, ob sie auch aus der Sicht unserer Nachkommen Bestand hat Die Rahmenbedingungen sollen den Unternehmergeist auf Ressourceneinsparung und Umweltverträglichkeit orientieren das sind wirkliche Investitionen in die Zukunft am besten Standort Europas, spannend und lohnend. So können wir dazu beitragen, dass weder unsere noch die Existenz unserer Kinder durch Macht- und Gewinnstreben zerstört werden.

Schnell erreichbarer Wohlstand auf bundesdeutschem Niveau, soziale Sicherheit in gehabter Weise und dazu noch eine intakte Umwelt: Dies alles sofort und zum Nulltarif zu versprechen, ist unrealistisch und gefährlich. Eine 40jährige Fehlentwicklung ist nicht mit einer Zauberformel zu kompensieren. Das sollte auch die weitere Gestaltung des Vereinigungsprozesses in Europa und Deutschland bestimmen. Wir verlieren nichts, sondern können nur gewinnen, wenn wir unsere staatliche Selbständigkeit auch über die Einführung der D-Mark hinaus noch bewahren. Nur so wird es uns möglich sein, uns betreffende Fragen noch mitzuentscheiden. Ich bleibe dabei, dass Zusammenwachsen für alle Seiten besser ist als Zusammenstürzen.

Wir werden chancenlos vor der Zukunft stehen, wenn wir nicht lernen, die Probleme anderer als die unseren zu sehen, wenn wir uns nicht anderen Kulturen und Lebensweisen öffnen. Nur durch die Einbindung in den KSZE-Prozess und die Anerkennung der polnischen Westgrenze von allen Seiten können beide deutsche Staaten verhindern, dass es zu destabilisierenden in Europa kommen kann. Lassen wir uns nicht zu Werkzeugen in Kohls Wahlkampf machen Ich möchte nicht geduckt ins einig Vaterland hasten, sondern aufrecht und mit weitem Blick, als Deutscher gut gelitten, in die Welt gehen.

Lassen wir uns bei allen Entscheidungen davon leiten, dass wir unsere Erde nicht von unseren Vorfahren geschenkt bekommen haben, sondern von unseren Kindern geliehen.

Matthias Platzeck
Grüne Partei

aus: Podium, die Seite der neuen Parteien, Initiativen und Gruppierungen in der Berliner Zeitung, Jahrgang 46, Ausgabe 59, 10.03.1990

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