DDR 1989/90Brandenburger Tor

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ND-Gespräch mit Vera Wollenberger, Pressesprecherin der Grünen Partei

Wir haben mehr einzubringen als bloß fleißige Menschen

Zuerst einmal Dank dafür, dafür, dass Sie ja gesagt haben zu diesem Gespräch. Das ND ist in der Vor-Wende-Zeit Ja nicht eben gerecht mit Ihnen umgegangen. Wir möchten ans deshalb dafür zunächst entschuldigen. Frau Wollenberger, wo sieht sich Ihre Partei im Parteienspektrum bei uns im Land?

Wir sehen uns im Spektrum der Bürgerbewegung, also der Leute, die im Oktober die Wende herbeigeführt haben. Und wir wollen natürlich möglichst viele demokratische Formen, die wir uns jetzt geschaffen haben, auch in die neue Gesellschaft hinüberretten. Wir diskutieren zum Beispiel Vorstellungen, ob man nicht die Institution des Runden Tisches mit in die neue Gesellschaft hinübernimmt.

Ich befürchte, dass Dinge, für die Leute wie Sie auf die Straße gegangen sind, untergebuttert werden . . .

Die Gefahr ist ganz bestimmt vorhanden. Und wenn man die Anträge von Herrn Schnur bedenkt, den Runden Tisch abzuschaffen, weil er angeblich gescheitert sei, dann geht das genau in diese Richtung. Da bereiten sich neue Kräfte vor, wieder eine Alleinherrschaft anzutreten. Einer unserer Hauptpunkte im Wahlkampf ist mit gutem Grund, dass wir eine neue Einparteienherrschaft verhindern wollen.

Wie stehen Sie zur deutschen Frage?

Wir haben als Grüne Partei gesagt, wir möchten, dass vor der Vereinigung eine KSZE-Konferenz stattfindet Sie sollte als Ziel die Auflösung der Militärblöcke beinhalten, weil unserer Meinung nach ein vereinigtes Deutschland wenn es schon die stärkste wirtschaftliche Macht Europas wird - auf keinen Fall auch die stärkste oder die zweitstärkste militärische Macht Europas werden darf. Das ist schon deshalb für unsere Nachbarn nicht zumutbar, weil ja schließlich die Teilung Deutschlands ein Ergebnis des zweiten Weltkrieges war. Gleichzeitig haben wir immer gesagt, dass parallel oder gleichwertig zu dieser KSZE-Konferenz eine ökologische Sicherheitskonferenz stattfinden müsste.

Ihre konsequent grüne Haltung bringt der Grünen Partei sicherlich viel Sympathie?

Ja, und das zunehmend nach unserem Parteitag. Im Büro gehen täglich ganz verzweifelte Anrufe und Schreiben ein von Gruppen in Thüringen, auf dem Darß oder in der Sächsischen Schweiz. Sie berichten, dass es schon Vorverträge gibt für die Anlage von Golfplätzen, Motorcross-Strecken in Naturschutzgebieten oder Landschaftsschutzgebieten und alles solche Sachen. Es ist also ganz dringlich, den Ausverkauf unserer Natur, die Vermarktung unserer landschaftlichen Schönheiten zu verhindern. Und wir denken, dass in der Wertehierarchie solche Dinge wie: Leben in einer intakten, besser: in einer möglichst wenig beeinträchtigten Natur, in einem Fluss baden, unbedenklich das Wasser trinken können, saubere Luft haben. Raum für ökologische Vielfalt, zunehmend wieder an Bedeutung gewinnen werden und müssen, wenn es ein Überleben der menschlichen Gesellschaft geben soll.

Wie sollte Ihrer Meinung nach das künftige Deutschland aussehen?

Es müsste entmilitarisiert und neutral sein. Dafür setzen wir uns ein. Und dafür, dass die DDR auch nicht indirektes Mitglied der NATO wird - nach der Vereinigung. Dieses Deutschland sollte seine Wirtschaftskraft vorrangig dem ökologischen Umbau der Gesellschaft zur Verfügung stellen, aber auch, um die Probleme in der Dritten Welt lösen zu helfen.

Es müsste ein Deutschland sein, wo es außer einer Parteienherrschaft auch noch Formen der direkten Demokratie gibt. Das. was jetzt hier in der DDR entwickelt wurde, müsste durchaus auch für die Bundesrepublik von Interesse sein. Weil wir nämlich meinen. dass die Bundesrepublik genauso reformbedürftig wie unsere Gesellschaft ist. Wir haben mehr einzubringen als bloß fleißige Menschen. Entscheidungen wollen wir immer dort getroffen wissen, wo die Menschen leben, die sie betreffen, und nicht in einer fernen Zentrale. Ein föderatives System bietet da ganz gute Ausgangspunkte.

Wir haben auf unserem Parteitag gesagt, dass Ökologie Ökonomie ist. Es kann keine rein ökonomischen Entscheidungen mehr geben. Es geht nicht nur um unsere lokalen ökologischen Probleme in der DDR. die ja erheblich sind, sondern auch um den ökologischen Zustand der Welt insgesamt. Wer sich heutzutage konsequent dafür einsetzt, dass ökologische Belange bei allen Entscheidungen des gesellschaftlichen Lebens berücksichtigt werden, der denkt auch ökonomisch.

Herr Platzeck glaube ich, war's, rechnete mit zehn Prozent für Ihre Partei am 18. März. Ist das real?

Die bisherigen Meinungsumfragen wurden gemacht in einer Zeit, in der die Menschen noch nicht wussten, dass es eine Grüne Partei gibt. Ich denke aber, dass sich das jetzt sehr ändert. Spätestens seit unserem Parteitag sind wir doch stärker in die öffentliche Aufmerksamkeit geraten. Wir haben ein ziemlich breites Spektrum von Sympathisanten. Das einzige, was uns meiner Meinung nach hindern könnte, solche Prozentzahlen zu erreichen, wie Platzeck sie nennt, wäre, dass es im Augenblick viele Leute gibt, die sagen, sie würden eigentlich Grün wählen, weil ihnen Grün am sympathischsten ist. Aber in dieser speziellen Wahl wollen sie erstmal SPD wählen, um einer mehrheitsfähigen Partei in die Regierungsverantwortung zu verhelfen. Wir hoffen, dass sich da unsere Sympathisanten noch korrigieren. Denn nach den neuesten Studien geht es ja eigentlich wirklich schon darum, eine neue Einparteienherrschaft zu verhindern. Wenn man den Umfragen trauen darf, ist ja die SPD im Augenblick schon über der absoluten Mehrheitsgrenze. Das muss man abwarten. Was nicht heißt, dass wir einen Wahlkampf gegen die SPD führen wollen. Das wäre Quatsch.

Sie sind also nicht für so einen Wahlkampf, der aggressiv gegen andere geführt wird?

Na ja, also, das kann ich nicht so ausschließlich sagen. Ich denke, dass der Wahlkampf gegen die DSU und die Allianz für Deutschland schon einer gewissen Deutlichkeit nicht entbehrt. Ohne dass man deshalb Aggressivität nennen muss. Auch wenn wir, jedenfalls was die führenden Leute betrifft, aus derselben Bewegung kommen. Also, was Schnur und Eppelmann inzwischen vertreten, das hat wenig mit dem zu tun, wofür die unabhängige Friedensbewegung in unserem Lande mal gestanden hat.

Der Runde Tisch hat sich mehrheitlich gegen Wahlkampfredner ans der BRD ausgesprochen. Bleibt die Grüne Partei dabei?

Ich denke schon. Wir wollen ja unser eigenes Profil im Wahlkampf zeigen, nicht das irgendeiner Schwesterpartei. Wir denken, dass unsere Wähler ein Recht darauf haben, diejenigen oder das kennen zu lernen, was sie dann wählen sollen und nicht das westliche Pendant. Eine thematische Veranstaltung mit einem westlichen grünen Sachverständigen kann es natürlich geben.

Das Gespräch führte KARIN DÖRRE

aus: Neues Deutschland, Sozialistische Tageszeitung, 45. Jahrgang, Ausgabe 49, 27.02.1990. Die Redaktion wurde 1956 und 1986 mit dem Karl-Marx-Orden und 1971 mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold ausgezeichnet.

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