DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Ökologisch, sozial, basisdemokratisch, gewaltfrei und human will sie sein - die Grüne Partei.
Junge Welt sprach mit dem Sprecher

Vollrad Kuhn (33) ist einer der zehn vom Sprecherrat der Grünen Partei. Der Bewegung fühlt sich der Diplomingenieur schon viele Jahre verbunden. Seit 1984 arbeitete er in einer kirchlichen Gruppe in Fürstenwalde mit. 1988, in Berlin, schloss er sich dem Grünen Netzwerk Arche an, lernte so Problematik und Leute kennen

Grüne Partei - Was unterscheidet euch beispielsweise von der Grünen Liga oder dem Netzwerk Arche?

In den genannten Bürgerinitiativen ist es im Prinzip egal, welcher Partei die Mitglieder angehören oder was sie sonst noch machen. Sie konzentrieren sich auf nur ein Problem des gesellschaftlichen Lebens, speziell des Umweltschutzes. Dies Ziel können sie intensiver verfolgen als eine Partei, weil sie relativ ungebunden sind.

Viele unserer 2 000 Mitglieder sind in diesen Kreisen gewachsen, haben dann aber eine Partei gegründet. Wir wollen und müssen mehr Verantwortung tragen. Uns geht es um den Aufbau einer ökologischen, sozialen, basisdemokratischen und gewaltfreien, menschlichen Gesellschaft.

Nun haben sich aber viele, auch alte Parteien, die Ökologie mit auf die Fahnen geschrieben . . .

. . . das ist schon richtig, aber bei uns ist der Umweltschutz der Ausgangspunkt aller weiteren Überlegungen. Die heutigen Industriegesellschaften sind auf dem Weg, in kurzsichtigem Macht- und Gewinnstreben unsere Lebensgrundlagen zu zerstören.

Das trifft Ost und West gleichermaßen. Nun schwebt ja vielen Menschen eine Wirtschaftsexplosion durch schnelle Vereinigung von DDR und BRD vor. Meinst du, dass die Umwelt da auf der Strecke bleibt?

Auch, wenn das "grüne" Bewusstsein wächst - die Gefahr besteht natürlich. Wobei wir davon ausgehen, dass für absehbare Zeit zwei Staaten deutscher Nation bestehen bleiben, die konföderativ verbunden sind. Und da steht für uns erst einmal die wirtschaftliche Zusammenarbeit auf der Tagesordnung. Stichwort: Joint ventures. Hier müssen die Belange des Umweltschutzes klar und eindeutig geregelt sein. Schließlich wollen wir keine Alttechniken importieren und die DDR zu einem "ökologischen Hongkong" machen.

Klingt das noch Absage an die von etlichen erträumte Konsumgesellschaft?

Wir glauben, es ist nicht mit einem stetigen Mehr an materiellen Waren getan. Viel wichtiger sind dauerhafte Entwicklungen. Eine Wirtschaftsweise, die unsere Ressourcen schont, Energie spart, umweltverträglich ist. Also auch ein allmählicher Ausstieg aus der Kernenergie, weg von solchem Verpackungsluxus, der die Natur belastet.

Gebt ihr der DDR-Wirtschaft eine neue Chance?

Zunächst haben wir die Chance wegzugehen vom Größenwahn unserer bisherigen Wirtschaftspolitik. Vom sinnlosen Versuch, sich unabhängig vom Weltmarkt machen zu wollen. Bei einer Vielfalt an Eigentumsformen können wir jetzt hingehen zu umfassender internationaler Arbeitsteilung. Auch, indem wir nur jene Wirtschaftszweige weiterentwickeln, durch die wir heute schon auf dem Weltmarkt präsent sind.

Andererseits müssen wir eine den Territorien angepasste Kleinproduktion entwickeln. Damit entfallen unnötige Transportwege, die Umwelt wird also weniger belastet. Ebenso lässt sich in der Landwirtschaft durch die Zusammenführung von Pflanzen- und Tierproduktion ein gesunder Kreislauf schaffen.

Umreißt dies bereits eure Wirtschaftsstrategie?

Von groben Strategien zu sprechen wäre sicher verfrüht. Es sind erste Vorstellungen. Sie im täglichen Leben umzusetzen, fehlen uns als junger Partei etliche Voraussetzungen. Vor allem erfahrene, kompetente Leute und finanzielle Mittel, die unter anderem ermöglichen, dass jene Leute ordentlich arbeiten können. Bisher tun wir das hauptsächlich in unserer Freizeit, leben von Spenden . . .

. . . auch seitens der Grünen in der Bundesrepublik?

Ja, dafür sind wir sehr dankbar, doch gehören die Grünen nicht gerade zu den reichsten Parteien. Außerdem wollen sie sich nicht so offenkundig in den DDR-Wahlkampf einmischen.

Wenn dann am 18. März die Entscheidung fällt, ob ihr in die Volkskammer einzieht - wofür würdet ihr euch besonders einsetzen?

Um neben dem Umweltschutz nur einen Aspekt zu nennen: In der angestrebten Leistungsgesellschaft sollen bisher sozial Benachteiligte nicht zu kurz kommen. Unsere Senioren, jene, die in der Vergangenheit die materiellen Werte schufen, auf denen der relative Wohlstand der DDR beruht. Bei einem unerlässlichen Abbau staatlicher Subventionen müssen also auch die Renten entsprechend aufgebessert werden. Ebenso sind wir für eine Gleichstellung von Mann und Frau, wo sie sinnvoll ist, denn für bestimmte Dinge hat jedes Geschlecht nun mal seine spezifischen Fähigkeiten. Weiterhin setzen wir uns für eine stärkere gesellschaftliche Einbeziehung Behinderter ein.

Weiche Rolle spielen da bei euch die speziellen Belange der Jugendlichen?

Junge Menschen sind für uns vollwertige Mitglieder der Gesellschaft. Wir brauchen ein Bildungssystem, das mündige Bürger hervorbringt, die sich politisch bewegen und mit Problemen fertig werden können. Ansonsten machen wir keine Unterschiede zwischen jung und alt, verstehen uns als Familienpartei.

Einrichtungen für die Jugend müssen auf jeden Fall bestehen bleiben, allerdings unabhängig, vom Staat unterstützt. Und, falls die Frage dahin zielt, ob wir einen eigenen Jugendverband gründen wollen, wie das bei einigen Parteien mit Blick auf die Wahlen in Mode gekommen zu sein scheint. - Wir haben das nicht vor.

(Das Gespräch führten Antje Looks und Kathi Seefeld)

aus: Junge Welt, Nr. 29 B, 03./04.02.1990, 44. Jahrgang, Linke Sozialistische Jugendzeitung

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