Interview mit Frank Neubert, Mitbegründer der "Gruppe der 20"

Wie kam es zu der "Gruppe der 20"?

Mehr oder weniger spontan während der Demonstration auf der Prager Straße am 8. Oktober [1989 in Dresden], als uns die Polizei aufforderte zu sagen, was wir eigentlich fordern.

Worin bestehen Ihre prinzipiellen Forderungen?

Kurz gesagt: Demonstrationsfreiheit, Pressefreiheit, Reisefreiheit, ziviler Wehrersatzdienst. Und nun, nachdem wir eine Menge Sympathiebekundungen erhielten, wollen wir das Recht haben, angemeldete Kundgebungen abzuhalten.

Die Möglichkeit, dass drei Vertreter Ihrer Gruppe auf der Stadtverordnetenversammlung sprechen durften, ist sicher auch als Zeichen von Anerkennung zu werten. Wie wollen Sie sich künftig in die Arbeit des Stadtparlaments einbringen?

Vor allem über unsere Mitarbeit in den 14 Arbeitsgruppen, die jetzt von der Stadtverordnetenversammlung gebildet wurden, und die alle für die Menschen und ihre Stadt wichtigen Themen - von der Lösung des Reiseproblems bis zum Umweltschutz - behandeln und Lösungsvorschläge erarbeiten.

Warum sind Sie eigentlich auf die Straße gegangen?

Für mich trifft auch das zu, was unser Oberbürgermeister sagte: Solange Menschen das Gefühl haben, nicht mehr angehört zu werden, gehen sie auf die Straße.

Vertreter aller Fraktionen äußerten vor allem den festen Willen, verlorengegangenes Vertrauen wiederzugewinnen. Was wird aus der "Gruppe der 20", wenn das gelingt?

Von heute auf morgen wird das kaum zu schaffen sein. Wir verstehen uns nicht als Opposition, aber als eine mögliche Kraft, um zu einer wirklich funktionierenden sozialistischen Demokratie zu gelangen.

Sie waren das erste Mal bei einer Stadtverordnetenversammlung dabei. Welche Eindrücke hatten Sie?

Ich hatte schon das Gefühl von einer Art Aufbruchstimmung, wobei zugleich eindeutig zum Ausdruck kam, dass unser Weg zu neuen Ufern beschwerlich, sein wird. Enttäuscht war ich vom Verhalten einiger Gäste auf der Tribüne. Buhgeschrei, Rufe wie "aufhören" oder so behindern nur den nötigen sachlichen Dialog. Von solchen Misstönen distanzieren wir uns genauso wie von jeglichen Formen der Gewalt und von neonazistischem Gedankengut.

Nachtrag

Letzten Montag in Dresden. Ein weiteres Rathausgespräch vom Oberbürgermeister mit der "Gruppe der 20" ergibt u.a. folgende gemeinsame Festlegungen: Wolfgang Berghofer akzeptiert den Vorschlag zur Bildung von zwei weiteren Arbeitsgruppen zu den Themen Reisen/Ausreisen sowie ziviler Wehrersatzdienst. Die "Gruppe der 20" wird akzeptiert als Bürgerinitiative. Zugleich vorstehen sich Vertreter der Gruppe nur als zeitweilige Vereinigung, solange, bis das Vertrauen zu den vorhandenen demokratischen Strukturen wiederhergestellt ist.

(In Dresden unterwegs war unser Mitarbeiter Lutz Künzel)

aus: Junge Welt, Nr. 257 B, 01.11.1989, 43. Jahrgang, Organ des Zentralrats der FDJ

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