DDR 1989/90Brandenburger Tor

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. . . KOMMT AN DEN HERD

Geschlechtertrennung durch Arbeitsteilung von
Hildegard-Maria Nickel

In der DDR sind Ende der 80er Jahre 91 Prozent aller Frauen berufstätig gewesen. Unter marktwirtschaftlichen Bedingungen wird sich das vermutlich rasch ändern, und zwar zuungunsten der Frauen. Bisher galt in der DDR nicht nur die Pflicht, sondern auch das Recht auf Berufsarbeit. Das war - bei aller Problematik, die damit zugleich auch verbunden ist - ein sozialer Schutz für Frauen. Dieses Arbeitsrecht ermöglichte ihnen doch wenigstens ein Stück weit materielle Souveränität, Unabhängigkeit und die Verwirklichung eines eigenen Anspruchs auf Leben. "Wer sich nicht wehrt, kommt an den Herd!"

Dieser Slogan der neuen autonomen Frauenbewegung in der DDR könnte schon in allernächster Zeit bittere Realität für viele Frauen sein.

Eine zu lange verzögerte, längst überfällige Rationalisierung beginnt auf Touren zu kommen und ihre Opfer zu fordern. Umschulungskonzepte und soziale Strategien für diesen Fall gibt es nicht. Als hätte niemand ahnen können, dass hier passieren würde, was anderswo geschieht oder längst geschehen ist.

Noch aber ist ja etwa die Hälfte aller Berufstätigen weiblich. Unterschiede im Niveau der formalen beruflichen Qualifikation von Männern und Frauen sind, vor allem durch die Weiterbildungsoffensive bis zu Beginn der 70er Jahre, sukzessive abgebaut worden. Diese Fakten galten bis vor kurzem als hinreichende Beweise für die erfolgreiche Realisierung von Gleichberechtigung in der DDR. Tabuisiert wurde, dass damit längst nicht die sozialen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern beseitigt waren. Männer und Frauen haben bis heute weder die gleichen Bedingungen in der Berufsarbeit noch gleiche Chancen und Ressourcen für ihre berufliche Qualifikation. Im Gegenteil, das starre Festhalten an einer traditionellen, patriarchalischen Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern führte zu deutlichen sozialen Differenzierungen und Polarisierungen und zur geschlechtlichen Segmentation des Arbeitsmarktes. Er weist Frauen überall in der Gesellschaft die zweiten Plätze zu. Frauen wurden - vor allem durch die in vielen Punkten konservative Sozialpolitik der 70er und 80er Jahre - vorwiegend zur Reproduktions- und Dienstleistungsarbeit in Gesellschaft und Familie verpflichtet.

Wie prekär und eng das Berufswahlfeld für Frauen noch immer ist, zeigt sich darin, dass sich mehr als 60 Prozent, also fast zwei Drittel der Schulabgängerinnen des Jahres 1987, auf nur 16 Facharbeiterberufe verteilten. Einige dieser Berufe werden sogar beinahe ausschließlich von Frauen erlernt. Das betrifft den Facharbeiter für Schreibtechnik, aber auch den Fachverkäufer, den Wirtschafts- und Finanzkaufmann, den Facharbeiter für Textiltechnik und schließlich solche Berufe, die eine längere Ausbildungszeit, nämlich die Fachschulqualifikation, erfordern wie pädagogische und medizinische Berufe. All diesen Berufen ist gemeinsam, dass sie zu den am schlechtesten bezahlten gehören. Gehen Mädchen/Frauen in die besser entlohnende Industrie, so sind es auch hier bestimmte Felder, die ihnen reserviert sind, zumeist solche, wo man vom Fingerspitzengefühl und von der Fingerfertigkeit von Frauen profitiert.

Jahrzehntelang hatte es sich Inge Lange zur Aufgabe gemacht - und in welchem Maße sie dabei durch soziologische Untersuchungen gestützt wurde, mag jeder selber prüfen -, darauf hinzuwirken, "dass die nachfolgende Generation junger Frauen erkennt, dass sich die Art und Weise ihrer Berufsarbeit, ihres Lebens als Mutter unter grundlegend besseren Bedingungen als für vorangegangene Frauengenerationen vollzieht und dass ihre Teilzeitarbeit nicht nur das gesellschaftliche Arbeitsvermögen schmälert, sondern auch ihre berufliche Entwicklung negativ beeinträchtigt". Notfalls sollten Frauen zu ihrem Glücke gezwungen werden. Der Zweck heiligte die Mittel. Gleichberechtigung verkam so zu einer ökonomischen Floskel, ihr Kriterium verkürzte sich auf formal gleiche Zeitstrukturen in der Berufsarbeit. Männliche - vom häuslichen Ballast gereinigte - Zeitverhältnisse galten als Maßstab. Propagandistisch ging die Rechnung auf. Gleichberechtigung konnte vollmundig belegt werden. Die meisten Frauen wussten es aber dennoch besser. Sie erfuhren tagtäglich die Kluft zwischen Realität und Propaganda. Sie spürten am eigenen Leibe und am Zerfall der Familien, wer die Last. dieser von oben verordneten, formalen Gleichberechtigung zu tragen hatte, einer Gleichberechtigung, die Frauen das Äußerste abforderte, nicht aber gleichermaßen Männer bewegte und zur Aufgabe traditioneller Privilegien veranlasste. Frauen rebellieren nicht, sondern richten sich in diesen ambivalenten Verhältnissen ein. Das heißt, sie ließen sich nur auf solche beruflichen Anforderungen ein, die ihnen die Balance von Beruf und, Mutterschaft erlaubten. Frauen zahlten den Preis der Ausgrenzung aus zentralen Entscheidungsprozessen im Beruf wie in der Politik, überließen Männern die Zentren der Macht, der Produktivkraftgestaltung, der Wissenschaft und begnügten sich mit der Peripherie. Soziologische Studien zeigen, wie rationalisierungsanfällig die aber ist und wie schnell - mausern sich Peripherien mal zu Zentren - es Männern gelingt, Frauen zu verdrängen.

Jüngste, noch vor der Wende erhobene soziologische Befunde zur Einführung moderner Informations- und Kommunikationstechnik in Angestelltenberufen, und zwar in frauentypischen Berufsfeldern wie dem Versicherungswesen, dem Handel, der Industrieverwaltung einerseits und in männlich dominierten Produktions- und Konstruktionsbereichen andererseits zeigen: Die sozialen Wirkungen dieser neuen Technik sind zwar sozialdifferenziert, das heißt für unterschiedliche Qualifikations- und Berufsgruppen verschieden, ein Ende der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern - und damit ein Abbau der Machtasymmetrie - war nirgendwo in Sicht. Im Gegenteil, es bildeten sich unter der Hand und ganz beiläufig neue Hierarchien, die Frauen wiederum in die zweiten Reihen verwiesen.

Tabuisierung dieser Probleme einesteils und Erfolgsbilanzen andererseits blockierten über Jahre die Entwicklung eines kritischen Bewusstseins, vor allem bei den Frauen selbst. Das um so mehr, als sie permanent einem enormen Stress kräftezehrender Doppelbelastung ausgesetzt sind. Die Gewerkschaft ist - momentan jedenfalls - nicht die Kraft, die den Frauen hilft, ihre Situation zu reflektieren und Gegenstrategien zu entwickeln. Es zeichnete sich in den genannten Untersuchungsfeldern zwar die dringende Notwendigkeit ab, über partizipatorisch ausgerichtete Technisierungsprozesse soziale Gestaltungspotentiale freizusetzen, und zwar derart, dass die Betroffenen befähigt werden, ihre Interessen zu erkennen, zu artikulieren, zu vertreten und damit verbundene Konflikte auszutragen. Die entsprechenden neuen demokratischen Strukturen müssen sich aber erst noch bilden und ihre Funktionsfähigkeit beweisen. Das Beharren auf alten, "bewährten" Strukturen war durchgängiger Trend: Und Fraueninteressen wurden selten auch in Frauenbetrieben, als legitime und spezifische Interessen erkannt und behandelt.

In diesem Problemzusammenhang ist dringend feministische Sozialwissenschaft gefordert, Frauenforschung, die die Grenzen traditioneller soziologischer Forschung über Frauen überwinden muss. Und zwar meine ich folgende Grenzen:

1. Frauen wurden weitgehend funktional und damit einseitig betrachtet. Sie wurden auf ihre ökonomische, biologische und/oder politische Funktion reduziert. Frauen interessierten nicht als Subjekte öder in der Komplexität ihrer spezifischen Lebenszusammenhänge, sondern als Arbeitskräfte, politische Funktionäre, Leitungskader, Gebärende und/oder als Mutter.

2. In "objektiven" androzentrischen Analysen ging es um die "optimale" Verteilung von Frauen auf Qualifikationsgruppen, Berufe, Leitungsfunktionen. Oft unter dem Aspekt, dass sie das eine schon "ganz gut" machen, das andere aber auch noch "lernen" müssen. Der Maßstab war in jedem Fall, ob bewusst oder unbewusst, männlich gesetzt. Es war, so gesehen, über weite Strecken Defizit- statt Differenzforschung. Das heißt, es ging um Defizite, die Frauen im Vergleich zu Männern "noch" haben und die - zur Erreichung "höherer", meist ökonomischer Zwecke - zu überwinden waren, vor allem durch den Fleiß und die Anstrengung der Frauen selbst. Die gesellschaftlichen Defizite bzw. die objektive Ungleichheit der Ausstattung mit Ressourcen, materiellen, zeitlichen, sozialen und kulturellen, standen weniger im Blickpunkt.

3. Diese traditionelle Forschung über Frauen war parteilich im Sinne der herrschenden Ideologie und Apparate, nicht aber für Frauen. Sie hatte keiner Frauenbewegung im Rücken, dafür die Abteilung Frauen beim ZK der SED im Nacken. Sie hatte Legitimationsleistungen zu erbringen und demzufolge Anteil an den Mythenbildungen vom erfolgreichen Voranschreiten der Gleichberechtigung in der DDR wie auch an den Tabuisierungen der realen Lebensverhältnisse von Frauen. Sie. hat Anteil an der Verkümmerung des Frauenbewusstseins bzw. an der gesellschaftlichen Desensibilisierung in der Geschlechterfrage.

4. Geschlecht wurde auf eine statistische Merkmalsklasse reduziert und nicht als Strukturkategorie behandelt. Das Geschlechterverhältnis wurde auf einen Nebenwiderspruch von Hauptwidersprüchen verkleinert. Seine Lösung musste so beinahe automatisch erfolgen, wenn die Individuen nur die rechte Einsicht hatten, wiederum vor allem die Frauen selbst.

Perspektivenwechsel in der soziologischen Frauenforschung heißt für mich:

1. Frauen als Subjekte sichtbar zu machen, und zwar in Geschichte und Gegenwart. Sie sind die Hälfte der Menschheit!

2. die internationale Frauenforschung, die es seit mehr als 10 Jahren gibt, aufzuarbeiten. Sie hat ernstzunehmende Theorieansätze hervorgebracht und vor allem eine andere Sicht auf den gesellschaftlichen Reproduktionszusammenhang. Sie hat eine Diskussion um den Arbeitsbegriff, um Arbeitsleistung und um die Wechselbeziehungen zwischen privaten, individuellen Diensten und produktiver Arbeit in Gang gesetzt, die hierzulande erst noch zu führen ist. Sie muss geführt werden, und zwar schnell. Es geht um die Bewertung von Arbeit, aber auch darum zu verhindern, dass Frauen durch eine "leise" Umwertung der Werte in den Haushalt, an den Herd abgedrängt werden;

3. Geschlecht als Strukturkategorie zu begreifen. Nur so ist die Doppelsinnigkeit von Geschlecht zu erfassen, das heißt die Organisation der Geschlechterverhältnisse als strukturelles Phänomen einerseits wie als subjektive Verankerung von Geschlechterstereotypen in den Individuen andererseits;

4. die Patriarchatsdiskussion produktiv zu machen, zu ergründen, warum die Ordnung der Welt über die Zweigeschlechtlichkeit auch heute noch Sinn macht und soziologisch zu erklären, wie sich im Geschlechterverhältnis Machtstrukturen vermitteln;

5. schließlich heißt das, unter methodischen Gesichtspunkten die Androzentrismus-Debatte zuführen und zu fragen, wie männlich unsere Wissenschaft schon von ihren Ansätzen her ist.

Das ist eine Programmatik, die sich nicht ad hoc einlösen lässt und die auf Widerstände stoßen wird. Dennoch, da bin ich sicher, wird eine solche Frauenforschung in Gang kommen, denn die Frauenbewegung unseres Landes wird sie einklagen.

(Rede Hildegard-Maria Nickels auf dem 5. Soziologiekongress)

aus: Sonntag, Nr. 8, 1990, 45. Jahrgang, Herausgeber: Kulturbund der DDR

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