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Mehr Frauen in die Chefetagen ist Wunsch und Erfordernis

Warum gibt es so wenig Leiterinnen?/Wie kann sich das ändern?

In unserem Lad beträgt der weibliche Anteil der Bevölkerung 52 Prozent. So sind Frauenprobleme immer und zugleich Ausdruck allgemeiner und gesellschaftlicher Problemlagen. Zum Thema Frauen in Leitungsfunktionen äußern sich Frauenforscherinnen aus dem Institut für Soziologie und Sozialpolitik der AdW.

Wenn wir Frauen heute fordern, endlich entsprechend unserer Leistungen auch an den Macht- und Entscheidungsfunktionen in allen Bereichen der Gesellschaft, des Staates und der Wirtschaft beteiligt zu sein und zwar nicht nur auf den unteren Ebenen, dann ist das ein Anspruch im Namen aller Frauen, unabhängig davon, wo und als was sie tätig sind. Wir sind uns dabei durchaus bewusst, dass sich aufgrund großer Unterschiede in den Lebensbedingungen, Interessen und Bedürfnissen der einzelnen Frauen auch verschiedene Lebensansprüche entwickeln. So will der überwiegende Teil der Frauen gar nicht selbst leiten. Wie sehen denn Leitungsfunktionen heute aus? Ein erheblicher bürokratischer Aufwand, nicht durchgehend geregelte Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten, oft schlechte Arbeitsorganisation, zentralistische Entscheidungseinschränkungen und ungerechtfertigte Verknüpfung mit politischen Aufgabenstellungen. Aus diesem Bedingungsgefüge resultieren diakontinuierlicher Arbeitsverlauf, nicht selten Hektik und eine beträchtliche Überschreitung der normalen Arbeitszeit.

In alten Strukturen haben es Frauen doppelt schwer

Diese Art zu leiten entwickelten Männer. Frauen haben es in diesen Strukturen verdammt schwer.

Sie müssen in der Regel für die vielfältigen Familienaufgaben mehr Zeit aufwenden als Männer. Handel und Versorgung, Kindereinrichtungen und Bildungswesen weisen bisher nicht die Qualität auf, dass die Familie ausreichend unterstützt wird. Sie erfährt bei uns zwar viel Aufmerksamkeit, aber: Die Familienaufgaben sind vorwiegend uns Frauen zugewiesen.

Damit verstärkte sich der Eindruck: Wegen der familiären Belastung kann eine Frau keine Leitungstätigkeit ausüben. Das stimmt, betrachtet man den Leitungsstil. Andererseits beweisen bereits viele Frauen, dass sie sehr wohl - sogar unter den heutigen Leitungsstrukturen - beides miteinander vereinbaren können. Ein Drittel aller Leitungsfunktionen in unserer Wirtschaft werden von Frauen ausgeübt. Allerdings vorwiegend auf den unteren Ebenen. Das Bild gleicht einer Pyramide, wie die Soziologin Dr. Hildebrandt sagt. Wir haben eine breite Basis, nach oben ist die Spitze schmal.

Das hat Vor- und Nachteile. Der Nachteil: An den entscheidenden Stellen sitzen noch zu selten Frauen, die sich auch ihrer besonderen Verantwortung nicht bewusst sind.

Sensibilität für besondere Verantwortung entwickeln

Frauen übernehmen Leitungsverantwortung, verhalten sich dabei aber wie Männer. Sie dafür zu sensibilisieren, dass sie eine besondere Verantwortung haben, das muss in der Öffentlichkeit stärker artikuliert werden. Als Frauen haben sie Fraueninteressen zu vertreten, auch die der Arbeiterin. Sie haben sich dafür einzusetzen, dass die Wirtschaft durch eine höhere Produktivität aus der Krise heraus kommt, damit sich auch die Lebensbedingungen der Familien verbessern. Sie haben sich gleichzeitig aber auch dafür einzusetzen, dass sich Leitungsmethoden ändern. Eine soziologische Untersuchung bestätigt, bemängeln in hohem Maße, dass die Leitungstätigkeit häufig der Arbeit mit dem Menschen entbehre.

Der Vorteil der Pyramide ist die breite Basis. Viele Frauen haben sich bereits ein erhebliches Maß an Leitungskompetenz angeeignet. Unsere Untersuchung bestätigt, aus der Sicht der Leiterinnen haben sie nicht mehr und nicht weniger Probleme in der Familie und mit ihren Kindern als andere. Viele Frauen beklagen vor allem die mangelnde Pflichterfüllung der Kinder zu Hause, wobei Leiterinnen deutlich weniger Schwierigkeiten haben. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass sich Leiterinnen in der Erziehung ihrer Kinder besser durchsetzen müssen und können, weil die Zwänge dazu für sie auch größer sind. Auch die Arbeitsteilung mit dem Partner ist etwas günstiger. So gaben beispielsweise 59 Prozent der Leiterinnen an, dass ihr Partner mitunter bei Erkrankung der Kinder zu Hause bleibt. Jedoch meinen gerade die in die Untersuchung einbezogenen Männer, dass Familienaufgaben und Leitungsfunktionen sich nicht miteinander vereinbaren ließen. Sie haben von allen Befragten die größten Vorurteile.

Frauen, die jetzt bereits Leiterinnen sind, sind somit Vorbild. Das muss nur stärker publik gemacht werden. In dem von uns untersuchten Bereich, dem Schwermaschinen- und Anlagenbau - also eigentlich ein typischer Männerbereich - waren von den befragten Leiterinnen 27 Prozent bereit, eine höhere Funktion zu übernehmen. Würde diese Aufgeschlossenheit genutzt, könnte sich die Situation schnell wesentlich ändern. Von den befragten Hochschulabsolventinnen ohne Leitungsverantwortung waren zudem 43 Prozent bereit, solche wahrzunehmen. Eine erfreuliche Tendenz.

Quotierung schafft Zwänge für Soziale Gleichstellung

Aber welche Funktionen sollen sie übernehmen? Solche, die jetzt von Männern besetzt sind? Dafür fehlt die breite gesellschaftliche Aufgeschlossenheit. Es zeigt sich doch: Je mehr Macht Frauen übernehmen, um so mehr verlieren Männer Macht! Deshalb entwickeln sie nur sehr schwer Interessen dafür, Frauen Leitungsverantwortung zu übertragen. Dieses Bündel ungünstiger gesellschaftlicher Bedingungen können wir nur gemeinsam mit den Männern angehen. Unser Ministerpräsident hat in dieser Hinsicht unsere volle Sympathie und Unterstützung. Quotierungen schaffen nötige Zwänge, um eine soziale Gleichstellung der Frauen zu erreichen.

Prof. Dr. Gisela Ehrhardt
Inis Peter

aus: Berliner Zeitung, Nr. 284, 02./03.12.1989, 45. Jahrgang. Die Redaktion wurde mit dem Karl-Marx-Orden, dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold und dem Orden "Banner der Arbeit" ausgezeichnet.

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