DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Sexismus in der DDR

Wie der Unabhängige Frauenverband DER ANDEREN mitteilte, wurden in den letzten Tagen mehrfach Frauen des Verbandes in der Öffentlichkeit bei Wahlveranstaltungen und Plakatierungsaktionen tätlich angegriffen. Seit einigen Wochen macht sich eine zunehmend miese Stimmung gegen Frauen breit. Die ehemalige Sprecherin des UFV, Dr. Ina Merkel, erhielt nach einer TV-Sendung der ARD vor einigen Wochen mehrere, zum Teil aggressive Briefe, deren Inhalt keine Auseinandersetzung mit Themen und Positionen von Ina Merkel beinhaltet, sondern einzig ihr souveränes Auftreten in der Öffentlichkeit kritisiert. In dieses Bild der unerwünschten starken Frau passt auch der zunehmende Sexismus einiger unserer Zeitungen. "Junge Welt", "das blatt", "Für Dich" und die "NBI" hielten es in der letzten Woche für nötig, die Aufmerksamkeit des (männlichen) Lesers mit sexuellen Assoziationen auf sich zu lenken. Als besonders peinlich sprang die blonde, einen schwarz-rot-goldenen Lolli lutschende Frau der "Für Dich" dem Betrachter ins Auge. Diese Lieblingsphantasie der Männer wurde in keinem Textbeitrag des Heftes angegriffen oder sonst wie behandelt.

Gegen die Langeweile der Nichtbeachtung wollte auch die Alternative Jugendliste etwas tun und erlaubte einem Mittzwanziger, eine Wahlanzeige in der jungen Welt zu veröffentlichen. Frau mit Höschen hält sich großen Busen fest - dazu die Wahlaussage "Uns kann jeder auf die Finger schauen". Mal abgesehen davon, dass dieses Foto aus Opas Mottenkiste stammt, ist die Begründung für eine solche Anzeige interessant. Auf Nachfrage DER ANDEREN distanzierte sich zunächst der Chefredakteur der Jungen Welt, Jens König, von dieser Art der Wahlwerbung ("Untertrieben gesagt: nicht gelungen"). Bei der Alternativen Jugendliste war man auch nicht ganz glücklich über diesen Wahlkrampf, gab aber zu bedenken, dass auch Negativ-Werbung eine Art Werbung sei. Und überhaupt, man wolle ja nur auf sich aufmerksam machen, weil die bösen Journalisten und Zeitungen bislang nichts bzw. viel zuwenig über die Jugendliste schrieben. Motiv gut - Ziel verfehlt?

Jörg Goebeler

aus: Die Andere, Nr. 8, 15.03.1990, Zeitung für basisdemokratische Initiativen im Auftrag des Landessprecherrates des Neuen Forum, herausgegeben von Klaus Wolfram