DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Wissenschaftlerinnen in der Offensive
Zur Arbeit des Zentrums interdisziplinärer Frauenforschung

An über 600 Universitäten der Welt ist die Frauenforschung etabliert - in den USA bereits seit 20 Jahren (!). Mehr als 50 000 Frauenstudien, -vorlesungen und -seminare werden angeboten. Die Zahl der Lehrstühle dafür nimmt tendenziell zu.

Ende vergangenen Jahres [1989] wurde an der Humboldt-Universität zu Berlin das "Zentrum interdisziplinärer Frauenforschung" (ZiF) gegründet und hat seine Arbeit aufgenommen. Es ist die erste und bisher einzige Einrichtung dieser Art an den Universitäten und Hochschulen der DDR. Zu Anliegen und inhaltlichem Konzept sprachen wir mit der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Dr. Helga Voth.

HU: Wie kam es zur Gründung des ZiF?

Dr. Helga Voth: Die Initiative, ein Zentrum interdisziplinärer Frauenforschung einzurichten, ging von einigen Wissenschaftlerinnen aus, die sich schon seit Jahren der Geschlechterproblematik forschend zuwenden: Dr. Anneliese Neef (Sektion Kulturwissenschaft/Ästhetik), Dr. Hildegard Maria Nickel (Soziologie), Prof. Dr. Irene Dölling (Kulturwissenschaft/ Ästhetik) sowie Dr. Heidi Kuhlmey-Oehlert (Medizin). Mit Unterstützung des Prorektors für Gesellschaftswissenschaften kam es am 8. Dezember zur Gründung des ZiF.

HU: Mit welchem Anliegen nahen Sie Ihre Arbeit auf?

Dr. Helga Voth: Zunächst ging es darum, die vereinzelten Forschungspotentiale zusammenzuführen. Das ZiF soll ein Netzwerk für Frauenforschung an der Humboldt-Universität darstellen. Wir beginnen damit, Forschungsprojekte, die in verschieden Wissenschaftsdisziplinen realisiert werden, sowie interdisziplinär angelegte Forschung mit Wissenschaftlerinnen und Studentinnen verschiedener Bereiche zu koordinieren und zu leiten. Generell orientiert das ZiF darauf, Geschlechterverhältnisse und ihren historisch-konkreten Formen, d.h. auch in ihrer Veränderbarkeit unter expliziter Berücksichtigung einer strukturellen Benachteiligung des weiblichen Geschlechts aktuell und historisch zu untersuchen.

HU: Ergeben sich durch die Arbeits- und Erfahrungswelt der Frauen neue/andere Fragestellungen und Forschungsansätze?

Dr. Helga Voth: So ist es. Die an überwiegend patriarchalischen Wahrnehmungs- und Denkstrukturen orientierten Wissenschaftskonzepte gilt es auch bei uns aufzubrechen. Die Art und Weise der Wissenschaftsproduktion ist zu verändern. Die "Geschlechterneutralität" der Wissenschaft wird somit durch Frauenforschung in Frage gestellt. Insofern geht es uns u. a. darum, Wissenschaftlerinnen durch die Arbeit im ZiF zu befähigen, in allen Forschungsprojekten, an denen sie beteiligt sind, feministische Fragestellungen und Ansätze einzubringen.

HU: Sie sprachen von interdisziplinär angelegter Frauenforschung. Können Sie hierzu schon Konkretes sagen?

Dr. Helga Voth: Mit dem ZiF wird an der Universität ein wichtiger schritt in Richtung einer tatsächlichen Interdisziplinarität und eines Aufbrechens begrenzender, disziplinärer Strukturen getan. Ich habe darauf verlesen, dass durch das ZiF zwei Arten an Forschung zu koordinieren sind: 1. Forschungsprojekte, die disziplinär in den einzelnen Wissenschaftsgebieten realisiert werden. Hier ist das ZiF vor allem Stätte für den Erfahrungsaustausch über theoretische Grundlagen, methodische Verfahren, Ergebnisse verwandter Projekte u. ä. Dazu haben wir drei thematische Arbeitskreise gebildet. 2. Interdisziplinär angelegte Projekte. Das eine beschäftigt sich (unter Leitung von Frau Prof. Dr. Irene Dölling) mit den soziokulturellen Veränderungen bei Frauen nach der Wende. Das zweite (Leitung: Frau Dr. Hildegard Maria Nickel) wird sich der Lage und Zukunft der Frauen in den 90er Jahren zuwenden. Ein Teilprojekt konzentriert sich auf Umstrukturierungsprozesse an der Universität und Arbeitsplatzperspektiven für Mitarbeiterinnen.

HU: Stichwort feministisch. Für eine nicht geringe Zahl von Männern und Frauen ist dieser Begriff ein rotes Tuch. Sie erkennen entweder die real existierende Ungleichheit der Geschlechter nicht (oder wollen sie nicht erkennen?), begnügen sich mit der formalen Gleichstellung nach dem Gesetz etc. oder halten sie gar für eine "private Angelegenheit". Wie kann man sie nun für dieses (ihr) Problem sensibilisieren?

Dr. Helga Voth: Die Aufdeckung des Geschlechterwiderspruchs in seiner historisch-konkreten Form ist notwendig und muss ins gesellschaftliche Bewusstsein gerückt werden.

Dass der Begriff Feminismus einseitig, d. h. negativ belegt ist, offenbart sich immer wieder. Ich halte die Formulierung, wie sie der Unabhängige Frauenverband in seinem Programm fixiert, für treffend. Darin heißt es: "Feministische Politik zielt darauf, Geschlechterverhältnisse als Rang- und Machtverhältnisse aufzuheben. Es geht uns um die reale Gleichstellung von Frauen und Männern ... Reale Gleichstellung zielt darauf, alle Bedingungen dafür zu schaffen, dass Frauen ihr Recht auf selbstgewählte persönliche Entwicklung in gleichem Maße wie Männer wahrnehmen können."

Viele Frauen denken, es läge an ihnen selbst, wenn sie es nicht schaffen, alles unter einen Hut zu bringen: Beruf, Familie, Haushalt ... Ich selbst hatte es für mich auch einst als persönliches Problem angesehen. Zum "Erbe" der bisherigen Form in der DDR gehört, dass trotz formaler Gleichberechtigung und sozialpolitischer Maßnahmen beträchtliche Unterschiede in den Lebensbedingungen und -möglichkeiten von Frauen und Männern, verbunden mit handfesten Benachteiligungen von Frauen auf allen Gebieten, bestehen. Dazu gehört, dass sich in der gegenwärtigen Situation des Umbruchs, in der Arbeitslosigkeit, Sozialabbau und eine harte Konkurrenz um Arbeitsplätze drohen, die Lage der Frauen besonders ungünstig gestaltet. Dies nicht zuletzt deshalb, weil Frauen in den vergangenen Jahrzehnten kaum die Möglichkeit hatten, sich ihrer spezifischen Interessen bewusst zu werden, diese öffentlich zu artikulieren und in politischen Willen umzusetzen.

HU: Eines Ihrer Ziele ist es, einen Einblick In die feministische Forschung an der Universität zu geben. Wie schlägt sich das in der Lehre nieder?

Dr. Helga Voth: Wir bieten derzeit eine Ringvorlesung mit Diskussion zum Studium generale an (Programm siehe HU-Nr. 21/22 - d. Red.), die von den Studenten. angenommen wurde. Für die interessierte Berliner Bevölkerung und für Angehörige der Universität beginnt am 3. April um 20 Uhr im Senatssaal eine Vorlesungsreihe "Grenzenlose Frauenforschung". Es liest eine Wissenschaftlerin der HU bzw. TU zum gleichen Thema an der jeweils anderen Einrichtung. Ab Herbst führen wir einen Kurs "Feministische Wissenschaft" für Studentinnen durch. In einigen ausgewählten Fachrichtungen, in denen es schon eine bestimmte Anzahl von Frauenforscherinnen gibt, werden als Modellfall sog. Frauenseminare eingerichtet (z. B. Germanistik, Kulturwissenschaft, Soziologie). In der Weiterbildung wollen wir uns mit Vorträgen einbringen und uns an internationalen Hochschulferienkursen beteiligen.

HU: Wie wird das ZiF öffentlichwirksam?

Dr. Helga Voth: Viele Mitarbeiterinnen des ZiF sind im Unabhängige Frauenverband und anderen Organisationen und Parteien aktiv. Das Zentrum ist dabei, eine Informations- und Dokumentationsstelle aufzubauen. Sie könnte über den universitären Bereich hinaus der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. So erfassen wir in einer systematischen Sammlung Seminar-, Diplomarbeiten und Dissertationen. Ein Präsensbestand von Frauenliteratur, ausgewählten nationalen und internationalen Frauenzeitschriften könnte dazugehören. Eine Dokumentation soll ausweisen, wer zu welcher Frauenproblematik arbeitet. Kontakte und Kooperationen sollen von uns vermittelt werden. Ferner planen wir die Herausgabe eines Rundbriefes zu Aktivitäten des ZiF, für 1991 ist ein "Humboldt-Journal" mit wissenschaftlichen Beiträgen vorgesehen. Für Herbst 1991 planen wir unser 1. internationales Kolloquium zur Frauenforschung.

Den "Humboldt-Frauen" zugehörig, will das Zentrum interdisziplinärer Frauenforschung Einfluss nehmen auf die Politik an der Universität. So unterstützen wir die Einrichtung eines Gleichstellungsreferates und beteiligen uns an der Ausarbeitung einer Konzeption über seine Aufgaben und Befugnisse. Die Leiterin des ZiF, Prof. Irene Dölling, arbeitet in der Struktur und Statutenkommission der Uni mit.

HU: Wohin kann man sich wenden, wenn man Interesse hat mitzuarbeiten, wenn man sich - ob Frau oder Mann - über Forschungsergebnisse und Vorhaben informieren möchte?

Dr. Helga Voth: Das Büro des ZiF befindet sich im Hauptgebäude der Humboldt-Universität, Unter den Linden 6, Raum 3070, Tel. (...).

Für "HU" fragte: Heike Zappe

aus: Humboldt Universität, Die Zeitung der Alma mater berolinensis, Nr. 24/25, 1989/90, Herausgeber: Der Rektor

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