DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Das Weimarer Beispiel:

Zusammengestritten

Überlebensgroß hing das gute alte Frauenideal am Bühnenvorhang zum 1. Weimarer Frauenforum. Ein blondgewellter Schopf, den Blick züchtig nach oben gewandt, die Hände gefaltet; flankiert von spöttischen Sprüchen. 200 unternehmungslustige Frauen saßen ihm gegenüber. Während einige von ihnen nach drei Stunden Forum das Blondinchen losknüpften und symbolisch zusammenrollten, sichteten andere im Foyer schon einen Teil der "Ausbeute" ihres Treffens vom 27. Januar. Über 30 Bereitschaftserklärungen, im Unabhängigen Frauenverband mitzuarbeiten, und mindestens noch einmal so viele Interessentinnen für die angeregten Arbeitsgruppen "Frauen im Betrieb", "Frauen in den Medien", "Sozialpolitik" oder auch "Stadtplanung" lagen uns vor. Die neuen Mitstreiterinnen können für unsere Stadt Weimar eine nicht zu unterschätzende politische Kraft werden.

Das Forum hat aber auch gezeigt, wie einfach und wie kompliziert die Sache mit uns Frauen ist. Autonome Gruppen, Unabhängiger Frauenverband, Evangelisches Frauenwerk und DFD hatten die Veranstaltung gemeinsam organisiert. Mit einem Kinderprogramm, das dank dem Deutschen Nationaltheater Weimar über die Bretter ging, lösten wir das "Kinderproblem".

Heute kann ich sagen, nur mit einer gemeinsamen Veranstaltung ist es uns gelungen, so viele Frauen zu erreichen. Damit aber standen sich zugleich auch kontroverse Vorstellungen und Ansprüche gegenüber. Letztlich erwies sich gerade das als Vorzug. So wurde deutlich, dass unsere Frauen nicht gewillt sind, einfach nur Männerrollen zu übernehmen.

Wenn etwas verändert werden muss, so meinte Petra Streit für den Unabhängigen Frauenverband, dann das patriarchalische Denken überhaupt. Statt dessen sollte ein Konzept ausgearbeitet werden, das die Lebensleistung jedes Menschen akzeptiert und damit auch jedem gleiche Chancen in dieser Gesellschaft einräumt. Es besteht der begründete Verdacht, dass Frauen in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklung zunehmend abqualifiziert und an den Rand gedrängt werden. Genau dieses Gefühl haben viele Frauen, wie ihre Wortmeldungen zeigten.

Die Mehrzahl der Veranstalterinnen hat sich in jahrelanger Arbeit für Fraueninteressen in kirchlichen wie in autonomen Gruppen profiliert. Zu ihnen gehört Magda Tamm, Krankenschwester. Sie sprach für die autonome Frauengruppe, die es seit sieben Jahren in Weimar gibt.

Aus vielen Aktionen, z.B. der Vorbereitung des Frauentages und -forums auf dem 88er Kirchentag in Erfurt, dem durch die DDR getragenen Vortrag über Gewalt gegen Frauen und die seit März 88 jeden Freitagabend geöffnete Frauen-Teestube, gewannen die Beteiligten ein Gefühl von Solidarität und Verbundenheit.

Die einstige DDR-Alibifrauenorganisation DFD, so machte die amtierende Weimarer Kreisvorsitzende und Mitinitiatorin des Forums, Margitta Braun, deutlich, ist in einer Krise. Hervorgerufen wurde sie vor allem durch den Zweifel an der Zukunftsträchtigkeit des DFD, durch die Erschütterung gerade vieler älterer Mitglieder angesichts der gesellschaftlichen Wende in der DDR. Ganz sicher werden innerhalb des Bundes Selbstverständnis und künftiges Profil zu diskutieren sein. Das soll aber, so Margitta Braun, nicht davon abhalten, kooperativ mit dem Frauenverband zu wirken und jetzt sofort das Notwendige zu tun: konsequent für die Interessen der Frauen im Weimarer Stadt- und Landkreis einzutreten. In der Forderung nach einem Referat für Gleichstellungsfragen sind sie sich ebenso einig wie in der für eine Frauenfraktion im Stadtparlament. Die Unterschrift Margitta Brauns steht neben denen der Vertreterinnen vom Unabhängigen Frauenverband, vom Evangelischen Frauenwerk und von autonomen Gruppen unter dem Antrag auf ein Frauenzentrum in Weimar. Da die Entscheidung darüber noch aussteht, aber ein Treff gebraucht wird, stellt der DFD sein einstiges "Beratungszentrum für SIE und IHN" jeden Mittwochabend dem Frauenverband zur Verfügung. Einstweilen und in vernünftiger Kooperation haben also die Weimarer Frauen schon einen Ort zum Teetrinken. Ihre Diskussionen aber werden in politischer Aktion münden.

Christiane Kloweit

aus: Für Dich, 12/90, 28. Jahrgang, Unabhängige Frauenzeitschrift

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