Kein schöner (Männer-) Land ...
Geschichten von einem Störfall

Auf dem Dorfe Vettin in der Prignitz lebt Frau Martina S. mit ihrer Familie. Im Rahmen unserer sozialpolitischen Maßnahmen wurde ihr wie folgt maßgenommen:

Nach der Geburt ihres zweiten Kindes, das mittlerweile vier Jahre alt ist, genoss sie, die Agraringenieurin der Tierproduktion, das ansehnlichste Vorzeige-Bonbon unseres Vaters Staat - das Babyjahr. Als Martina S. nach Ablauf desselben ihre Tätigkeit, die eigenverantwortliche Dokumentation der LPG-Färsen, fortsetzen wollte, fand sie ihren Stuhl besetzt. Ein Kollege N., vormals in einem anderen Betriebsteil als Brigadier tätig, war zur Strafe an den ihren versetzt worden. Wegen zu heftiger Schnapsliebe. Martina S. wurde natürlich nicht arbeitslos. Sie wurde von der LPG-Leitung beschäftigt. Mit der Dokumentation der Milchkühe. Martina S. gab sich Mühe, sich der neuerlichen Güte würdig zu erweisen. Sie musste bei Null anfangen, erarbeitete eine neue Kartei. Indes - von den Kühen steht nicht eine in Vettin, die Ställe befinden sich in den umliegenden Dörfern, zehn Kilometer weit entfernt. Ein Fahrzeug hatte Martina S. nicht, und der notwendige enge Kontakt zu Tierarzt und Brigadieren konnte nicht zustande kommen. Kurzum, Martina S. Arbeit musste uneffektiv und letztlich sinnlos bleiben, die Fünfunddreißigjährige fühlte sich "wie auf dem Abstellgleis". Nun gab es aber noch die Hoffnung, bei der führenden Männlichkeit des Betriebes um Änderung einzukommen. Martina S. sprach wiederholt mit LPG-Vorsitzenden und SED-Parteisekretär. Man vertröstete sie. Man nahm sie offenbar nicht ernst. Bis die Frau so unbequem wurde, dass ihr Anfang Dezember 89 eröffnet wurde: Ihre Planstelle würde gestrichen, ihre Arbeit würde zusätzlich der (nicht eben zuverlässige) Kollege N. übernehmen, sie aber hätte in diesem Betrieb keine Perspektive.

Martina S. hat die Verantwortung für zwei Kinder, ein Eigenheim im Bau und einen Mann, der als LPG-Schlosser mit 540 M netto nicht der Besserverdienende ist. Martina S. wehrte sich. Schrieb eine Stellungnahme an die Leitung. Entschieden wurde betreffs ihrer Zukunft bis Ende Januar nichts. Ihr Büro wurde geräumt, doch gelöst ist das Arbeitsverhältnis nicht. Noch ein Detail: Kurz vor Weihnachten war der LPG-Vorsitzende bei ihr erschienen, um ihr mitzuteilen, sie könne eventuell doch noch ihre frühere Tätigkeit, die Dokumentation der Vettiner Färsen (und dazu die der Milchkühe), wieder übernehmen. Es werde daran gedacht, den Kollegen N. zur Strafe zu versetzen, in einen anderen Betriebsteil. Dort werde eine Brigadierstelle frei, die Kollegin gehe in Schwangerenurlaub . . .

Anna Walther

aus: Für Dich, 8/90, 28. Jahrgang