DDR 1989/90Brandenburger Tor

Neugewählte FDGB-Vorsitzende stellte sich in Beratungspause Journalistenfragen

ND: Am Montag war im Bundesvorstand eine gewisse Ratlosigkeit zu spüren. Zeichnet sich inzwischen eine Wende ab?

Annelis Kimmel: Es bestand in der Tat unter der Mehrzahl der Funktionäre im Bundesvorstand noch keine übereinstimmende Auffassung zur Lage. Das hatte dazu geführt, dass sich keiner zu einer Entscheidung durchringen konnte. Ich selbst war außerordentlich unglücklich darüber.

ND: Klarheit sollen acht Arbeitsgruppen schaffen. Wann nehmen sie ihre Tätigkeit auf?

Annelis Kimmel: Sofort. Es ist ja in der Diskussion gefordert worden, dass heute noch die Vorsitzenden der Gruppen und ihre Zusammensetzung bekanntgegeben werden sollen. Die Ergebnisse unserer 10. Tagung fließen bereits mit ein.

ND: In diesen Gruppen - so wurde gesagt - können auch Gewerkschafter mitarbeiten, die nicht dem Bundesvorstand angehören. Wie wird das ermöglicht?

Annelis Kimmel: Zugegeben, darüber haben wir uns im Detail noch keine Gedanken gemacht Sie könnten sich ganz einfach hier im Bundesvorstand melden. Natürlich kann es nicht sein, dass jeder Arbeitsgruppe mehrere hundert Gewerkschafter angehören. Da kommen wir ja vor Diskussionen nicht zum Arbeiten.

Junge Welt: Gab es neben Ihnen noch mehr Kandidaten?

Annelis Kimmel: Nein.

Junge Welt: Wie viel Zeit hatten Sie, sich für die Kandidatur zu entscheiden?

Annelis Kimmel: Zehn Minuten.

Berliner Zeitung: Berlin hat eine Vorsitzende verloren, der Bund eine gewonnen. Ist die Berliner Bezirksorganisation nun führungslos?

Annelis Kimmel: Nein, das Berliner Sekretariat ist ein gutes Kollektiv. Auf der nächsten Bezirksvorstandssitzung wird aus diesem Kollektiv ein neuer Vorsitzender gewählt.

ADN: Welche Prioritäten siehst du in der Gewerkschaftsarbeit?

Annelis Kimmel: Erwartet bitte jetzt von mir keine Liste. Auf jeden Fall werden alle Funktionäre des Bundesvorstandes an die Basis gehen, nach Dresden, Leipzig, Berlin, Schwerin und anderen Städten. Schließlich haben wir heute gesagt, dass wir weniger Papier und Statistiken bewegen wollen. Deshalb gewinnt die unmittelbare, massenverbundene Arbeit an Priorität.

Tribüne: Was wirst du morgen als erstes tun?

Annelis Kimmel: Wenn nichts dazwischenkommt, werde ich mit Gewerkschaftern von NARVA im Berliner Glühlampenwerk sprechen.

Junge Welt: An der Spitze des FDGB steht zum ersten mal eine Frau ...

Annelis Kimme: Ob nun Frau oder nicht Frau. Die richtigen Mittel und Inhalte müssen gefunden werden. Das würde für jeden Mann genauso stehen. Als Frau hat man nur noch ein paar mehr Sorgen. Bei mir zu Hause darf zur Zeit keiner rein schauen ...

(Neues Deutschland, Fr. 03.11.1989, Jahrgang 44, Ausgabe 259)

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