DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Unabwendbarer Todesstoß?

Ein Mediengewerkschafter aus der BRD über die Zukunft des DDR-Journalismus

Über die Perspektiven der Medien In der DDR beriet vor kurzem der Verband der Journalisten auf einem außerordentlichen Kongress. Im Verlauf der Beratungen sprach als Gast der Vorsitzende der Fachgruppe Journalismus der IG Medien der BRD, Hartmut Schergel, dessen Rede wir nachfolgend abdrucken, da er wesentliche Fragen des Journalismus, die auch unsere Leser interessieren durften, berührt:

Ich bedanke mich für die Einladung zu Ihrem außerordentlichen Kongress und die Möglichkeit, hier zu Ihnen zu sprechen.

Ich überbringe Ihnen die Grüße unserer Fachgruppe Journalismus und der gesamten IG Medien und möchte Ihnen die Zusammenarbeit in allen Bereichen der Interessenvertretung unserer Mitglieder, der Mitglieder des VDJ und der IG Medien anbieten. Eine solche Zusammenarbeit wird nach unserer Einschätzung dringend erforderlich werden.

Denn natürlich bleibt, was hier in der DDR geschieht, nicht ohne Auswirkung auf uns in der BRD. Ich habe in unseren Medien noch nie so viele Reportagen aus Betrieben und Fabriken gesehen, noch nie so viel von außerparlamentarischer Opposition gehört, noch nie so viele Berichte über Demonstrationen und Streiks gelesen wie in den letzten Wochen und Monaten - sie stammten allesamt aus der DDR. Wenn es nämlich um die Realität in unserem Lande geht, kennen wir das Problem der "Schere im Kopf" sehr wohl auch bei uns.

Unter dem Glücksrad der Bundesrepublik?

Und während bundesdeutsche Politiker das Streikrecht in der DDR fordern, schränken sie es durch Gesetzesänderung in der BRD ein, versuchen sie die einheitliche Vertretung der Arbeitnehmer in den Betrieben durch Sonderrechte für leitende Angestellte und gelbe Gewerkschaften und Splittergruppen zu spalten. Und während sie die Demonstrationen in Leipzig und Dresden feiern, werden Demonstranten, die in Mutlangen gegen Atomraketen protestiert haben, von den Gerichten wegen Nötigung verurteilt.

Die gängige Parole derzeit lautet: Der Sozialismus ist tot. Wer sollte da noch etwas haben gegen einen tatkräftigen Kapitalisten, gegen einen risikofreudigen Unternehmer, gegen die freie Marktwirtschaft . . . Die Arbeit der Gewerkschaften jedenfalls ist schwieriger geworden.

Im Pressedienst der evangelischen Kirche der Bundesrepublik habe ich einen Bericht über die erste deutsch-deutsche "Medienpolitische Grundsatztagung" gefunden, die vor wenigen Tagen in Meißen stattgefunden hat. Dort hat der Vorstandsvorsitzende von Gruner + Jahr zur Sache geredet. Er hat die Alternative für die DDR-Presse beschrieben: "Entweder suchten die Publikationen sich schnell einen kapitalkräftigen Partner im Westen oder aber die West-Verleger würden eigene Blätter gründen, und dies wäre der Todesstoß für viele einheimische Zeitungen."

Und der Bericht fährt fort: "Die kühle Luft des Pragmatismus blies da vielen Skeptikern von Kirchen und Opposition die letzten Illusionen fort, sie könnten doch eine eigene DDR-Identität für die Medien finden und retten." "Wir kommen unter das Glücksrad der Bundesrepublik", warnte auch der Chefredakteur der Leipziger Kirchenzeitung "Der Sonntag". Sie werden es also demnächst hier in der DDR mit denjenigen zu tun haben, die wir schon gut kennen, Springer, Burda, Bertelsmann u. a. Unsere Probleme können sehr schnell auch zu Ihren Problemen werden, deshalb meine ich, im Interesse unserer Mitglieder sollten wir eng zusammenarbeiten.

Wir haben 1989 - nach vielen Jahren der Vorbereitung - die Mediengewerkschaft gegründet und sind stolz auf diesen Erfolg, eine Gewerkschaft für die in den Medien Tätigen geschaffen zu haben. Dass noch nicht alle bei uns Mitglied sind, dass noch viele im DJV (Deutscher Journalistenverband) organisiert sind, dass es aber noch mehr gibt, die überhaupt nicht organisiert sind, das zählt zu den Dingen, die wir noch ändern müssen. Die Attraktivität der IG Medien steigt. Und die Mitgliederzahl auch. Wir haben zur Zeit 180 000.

Interessenverband unbedingt erforderlich

Und doch haben uns Kritiker schon nach der Gründung der IG Medien gesagt: Ihr kommt doch viel zu spät, die Bertelsmann, Springer, Berlusconi, Murdoch arbeiten schon weltweit.

Es waren die Schriftsteller und die Journalisten, die schon in den 70er Jahren für eine Mediengewerkschaft eingetreten sind. Weil sie erkannt hatten, dass sie ihre Interessen allein nicht durchsetzen können. Sie brauchen die Solidarität der Drucker, der Montierer, der Layouter, der Korrektoren, der Angestellten. Denn auf die Durchsetzbarkeit kommt es an, auf die Fähigkeit, durch Androhung eines Streiks oder durch einen Streik die Unternehmer für die Erfüllung unserer Forderungen letztlich doch zu gewinnen.

Und in einer Mediengewerkschaft gehen die Belange der Journalistinnen und Journalisten nicht unter. Es kommt ja auch auf uns an, die wir in der Mediengewerkschaft mitarbeiten. Die Fachgruppe Journalismus jedenfalls hat Sitz und Stimme im höchsten Gremium der Organisation, dem Hauptvorstand.

Wir glauben, dass die IG Medien den Forderungen, die die Journalisten schon seit Jahren - bisher immer vergebens erheben, mehr Nachdruck verleihen kann. Einige dieser Forderungen - Dauerbrenner allesamt - will ich nennen:

Sind unsere Probleme auch bald die Ihren?

Sind unsere Probleme auch bald Ihre Probleme? Ich denke ja, wenn Sie unsere Unternehmer bekommen. Oder kann die DDR einen eigenen Weg gehen, wie ihn Heiner Müller kürzlich im Neuen Deutschlands beschrieben hat? Können die Journalisten der DDR einen eigenen Weg gehen etwa in dem Sinne, wie ihn die bekannte Rundfunk-Journalistin der BRD Carmen Thomas in Meißen formulierte: Man sollte den Ost-Kollegen Zeit lassen bei ihrer Suche nach einem anderen Journalismus, der nicht an den vermeintlichen Bedürfnissen oder Interessen etwa stupider Unterhaltung orientiert sei.

Wie der Weg auch aussehen wird, Sie alle werden Kraft, Mut und Solidarität brauchen und eine starke Interessenvertretung. Ich sage einmal vorlaut: eine starke IG Medien.

aus: Berliner Zeitung, 06.02.1990, Jahrgang 46, Ausgabe 31

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