DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Neue Gewerkschaft gegen beamtete Lehrer

Am kommenden Wochenende soll in Berlin eine neue Gewerkschaft gegründet werden, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Frau Burkert, Sie sind Lehrerin für Biologie/Chemie und gehören zu den Initiatoren . . .

Wir gründen einen Landesverband für Berlin und wollen uns zum einen bildungspolitischen Fragen zuwenden und uns zum anderen für soziale Sicherheit aller Beschäftigten im Bildungswesen einsetzen.

In Konkurrenz zur Gewerkschaft Unterricht und Erziehung?

Als Konkurrenz und Motor würde ich sagen. Die alte Gewerkschaft trägt an einer großen Last aus der Vergangenheit und hat nach meiner Ansicht nicht konsequent genug damit begonnen, diese Vergangenheit aufzuarbeiten. Die allgemeine Verunsicherung und die Suche nach neuen Wegen führte in der DDR in den letzten Wochen zu einer Reihe gewerkschaftlicher Neugründungen. Wir mochten als GEW diese Splittergewerkschaften zu einer wirklichen Kraft zusammenführen.

Im Übrigen verstehen wir uns als Alternative zu Lehrerverband oder Philologenverband nach BRD-Beispiel und sind gegen einen Beamtenstatus für Lehrer. Beamtenrecht zu fordern hieße, gerade errungene politische Freiheiten wieder abzugeben. Beamte - siehe in der BRD - haben auf Tarife und Beförderungen keinen Einfluss.

Was wird konkret auf bildungspolitischem Gebiet angestrebt?

Wir wollen Einfluss darauf nehmen, dass die Bildungsreform von unten, wie sie nach der Wende im Herbst 89 eingeleitet wurde, vorankommt. Zahlreiche Gruppen, Bewegungen, Organisationen haben Gedanken und Ideen für eine Erneuerung des Bildungswesens eingebracht. Das darf nicht verloren gehen. Wir sind für eine Demokratisierung der Strukturen im Bildungs- und Wissenschaftsbereich und streben an, die augenblicklich vorhandene Zehnklassenschule als Regelschule nach dem Muster einer Gesamtschule umzugestalten. Einer Schule, die eine humanistische Bildung zum Ziel hat, die allen Kindern gleiche Bildungschancen einräumt, die Behinderte integriert und natürlich begabte Kinder besonders fördert. Ebenso geht es uns um umfassende Fortbildungs- und Umschulungsmöglichkeiten für Lehrer, umfangreiche Informationen in allen beruflichen Fragen oder um den Erhalt und die Verbesserung der Ganztagsbetreuung der Kinder.

Wer kann Mitglied In der GEW werden, und woher bekomm die Unterstützung?

Mitglied kann jeder im Bildungs-, Erziehungs- und Wissenschaftsbereich Beschäftigte werden, einschließlich technischer Kräfte und Studenten. Wir haben Verbindung zur GEW in der Bundesrepublik und in Westberlin. Im Sinne einer Zusammenarbeit, denn wir meinen, wir können unsere Angelegenheiten selbst regeln.

Es fragte BÄRBEL GRIMM

Neues Deutschland, Sozialistische Tageszeitung, Ausgabe 91, 45. Jahrgang, 19.04.1990, Zeitung der Partei des Demokratischen Sozialismus. Die Redaktion wurde 1956 und 1986 mit dem Karl-Marx-Orden und 1971 mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold ausgezeichnet.