DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Sozialpaket der Gewerkschafter des VEB Webstuhlbau

Jahrzehntelang wurden die Mitglieder des FDGB an der kurzen Leine der SED gehalten.

Der Bundesvorstand FDGB unter der ehemaligen Führung des "Freiwildjägers" Tisch schoss kapitale Böcke. Die Mitglieder des FDGB und alle übrigen Werktätigen mussten die Staatsjagdgebiete als Okkupationsterritorium von sogenannten "Arbeiterführern" akzeptieren.

Alle Arten Südfrüchte waren für diese "Arbeiterführer" und ihre Angehörigen tägliches Normalangebot. Aber der Arbeiterklasse wurde jahrelang Fallobst angeboten.

"Schlange stehen" für alle Waren des täglichen Bedarfs für das arbeitende Volk in den 40 Jahren DDR war der triumphale Erfolg der Sozialpolitik für die immer bessere Befriedigung der materiellen Bedürfnisse der arbeitenden Massen.

Die Gewerkschaft, die sich FDGB nennt, betrachtete dies als gewerkschaftliche Errungenschaft. Wir haben geschwiegen! Warum? Nie wieder "Maulkorb-Politik"!

Unsere Geduld ist erschöpft, wir wollen nicht noch mehr Schmach und Korruption erdulden und erst recht nicht mehr ertragen. "Was des Volkes Hände schaffen, muss des Volkes eigen sein." Diese Losung betrachten wir als Gewerkschafter in der praktischen Umsetzung für alle Werktätigen unseres Landes als unbedingt notwendig.

Unsere Forderungen an den FDGB-Bundesvorstand und damit im Zusammenhang an den außerordentlichen FDGB-Kongress lauten wie folgt:

1. Erhöhung des Grundurlaubes von 18 Arbeitstagen auf 21 Arbeitstage für alle Werktätigen, welche dieser unrealen Urlaubsregelung unterliegen.

2. In allen Industriebetrieben, einbezogen alle Werktätigen der materiellen Produktion, ist ab 25 Jahre basisbezogener Betriebszugehörigkeit ein Treueurlaub von 2 Tagen zu gewährleisten, neben bereits bestehender betriebseigener materieller Stimulierung.

3. Eine neue, ökonomisch gerechtfertigte, einheitliche Steuerreform für alle Werktätigen ist zu erarbeiten.
Die ungerechtfertigt hohe Besteuerung aller Angestellten und aller übrigen Gehaltsempfänger ist unbedingt schnellstens zu liquidieren.

4. Wir fordern ein sozial gerechtfertigtes Rentengesetz, wobei alle bisher wirkenden Sonderprivilegien der Nettoberechnung für gesetzwidrig erklärt werden.

Die ab 1.12.1989 wirkende Rentenerhöhung muss bei allen privilegierten Schichten, welche Sonderregelungen unterliegen, rückgängig gemacht werden und zugunsten der Altersrentner mit Mindestrente verteilt werden.

Die Neufestlegung der Rentenberechnung muss für alle gleiche Grundbedingungen beinhalten, und zwar SV-pflichtiger Verdienst im Zusammenhang mit Arbeitsjahren.

5. Frauen mit 2 Kindern, die im eigenen Haushalt selbst erzogen wurden, erhalten ab dem 58. Lebensjahr Altersrente.

Frauen mit 3 Kindern erhalten unter den gleichen Bedingungen ab 57. Lebensjahr Altersrente.
Frauen mit 4 und mehr Kindern, welche im eigenen Haushalt erzogen wurden, erhalten ab 55. Lebensjahr Altersrente.

6. Alleinstehenden werktätigen Männern wird ab 40. Lebensjahr, gleichgestellt den werktätigen Frauen, monatlich ein Hausarbeitstag zuerkannt.

7. Allen Meistern der materiellen Produktion sollte ein zusätzlicher monatlicher Bruttozuschlag bis 300 Mark gezahlt werden, wenn sie ihre Leistungskriterien umfassend erfüllen und der jeweilige Betrieb den eigenen Gewinnzuwachs erarbeitet.

8. Wir sprechen uns dafür aus, dass alle Werktätigen, welche in der materiellen Produktion von Gießereien arbeiten, ab 25jähriger produktiver Arbeit soziale Sicherstellungen erhalten, wenn sie aus gesundheitlichen Gründen oder auf Grund der Schwere der Arbeit diese Tätigkeit nicht mehr ausüben können. Werktätige der Gießereien, die 30 Jahre und länger in der materiellen Produktion arbeiten, sollten die Herabsetzung des Lebensarbeitsalters auf 60 Jahre garantiert bekommen.

Wir Gewerkschafter des VEB Webstuhlbau Karl-Marx-Stadt vertreten den Standpunkt, dass diese Forderungen entsprechend unserer jetzigen wirtschaftlichen Lage nicht überspannt sind, und bekennen uns uneingeschränkt zur Leistungsbereitschaft , und bekunden unseren Willen, die vor uns stehenden ökonomischen Aufgaben des Jahres 1990 mit hoher persönlicher Bereitschaft zu realisieren.

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Auf einer außerordentlichen Vollversammlung am 6.12.1989 gaben die Vertrauensleute diesem Sozialpaket ihre Zustimmung. Jetzt wird darüber in den Kollektiven diskutiert. Unterstützen die Gewerkschafter des Betriebes die Forderungen, werden diese an den Bundesvorstand des FDGB und den Zentralvorstand der IG Metall geschickt. Den Presseorganen "Tribüne", "Freie Presse" und "ND" wird das Sozialpaket zur Veröffentlichung zugesandt.

BGL

aus: Weba-Kollektiv, Nr. 12/1989, Dezember-Ausgabe, 32. Jahrgang, Organ der SED-Betriebsparteiorganisation des VEB Webstuhlbau Karl-Marx-Stadt, Herausgeber: SED-Betriebsparteiorganisation des VEB Webstuhlbau Karl-Marx-Stadt

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