DDR 1989/90Brandenburger Tor

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"Macht ist nichts Schlechtes an sich"

Interview mit Konrad Weiß

Wie hat sich die Bürgerbewegung seit dem Frühjahr, seit den Wahlen und der Parlamentsbeteiligung verändert?

Konrad Weiß: Die Veränderungen haben eigentlich mit der Arbeit am Runden Tisch begonnen. Das war die erste große Zäsur, wo wir eine praktische politische Arbeit aufgenommen haben oder aufnehmen mussten. Das kam dann insbesondere noch zum Ausdruck in der Regierung der nationalen Verantwortung unter Modrow, wo Minister aus unseren Reihen, zwar ohne Geschäftsbereich, aber immerhin als gleichberechtigte Ansprechpartner, mit dabei waren. Die andere Zäsur, die inhaltlich sehr viel tiefer griff, war sicher der 18. März. Vor dem 18. März haben die meisten von uns, fast alle, gemeint, dass die Ziele, mit denen wir im Herbst angetreten sind, die Gesellschaft zu verändern, nicht nur die Menschenrechte durchzusetzen, zu dem Zeitpunkt im wesentlichen durch den Runden Tisch, durch Gesetze, die der Runde Tisch der Volkskammer in den Mund gelegt hat, schon verwirklicht waren. Wir waren bis zum 18. März schon der Meinung, dass wir ausreichenden Rückhalt in der Bevölkerung haben, der es uns möglich macht, an diesem Modell einer anderen, einer zur bundesdeutschen alternativen Gesellschaft weiter zu arbeiten. Wir waren uns durchaus auch einig, dass wir, um das durchsetzen zu können, gemeinsam mit der SPD arbeiten wollen.

Hat sich seitdem die Bürgerbewegung neu orientiert, gab es neue Themen und Schwerpunkte?

Konrad Weiß: Jetzt würde ich sehr selbstkritisch sagen, dass diese Orientierung bis heute nicht ausreichend stattgefunden hat. Wir sind im Grunde genommen durch die praktische Alltagsarbeit, in die wir alle reingenommen worden sind, in der Volkskammer, im Bundestag, in den Landesparlamenten und vor allem aber auch in den Kommunen, erst mal gebunden worden. Unsere Kräfte waren auf diese ganz praktischen, alltäglichen Schritte konzentriert, so dass die Vision, das, was wir eigentlich wollen, zunächst undiskutiert geblieben ist. Es gibt in der Bürgerbewegung "Demokratie Jetzt" noch kein neues Programm, das ist immer noch vom Dezember. Es gibt auch keine inhaltliche Auseinandersetzung, wir haben vier Wahlen in einem Jahr und die Kräfte sind sehr schmal in den Bürgerbewegungen. Die Basis ist nicht sehr breit, "Demokratie Jetzt" hat in Berlin etwa 300, das Neue Forum hat in Berlin 850 Mitglieder. Dazu kommt, dass es natürlich auch Unterschiede gibt innerhalb der Bürgerbewegungen vom Ansatz und den inhaltlichen Zielpunkten her. Das ist ungenügend aufgearbeitet und ich hoffe, dass diese Arbeit wirklich nach den Wahlen beginnen kann. Sie muss beginnen, wenn die Bürgerbewegung sich nicht totlaufen soll.

Hat sich im Selbstverständnis der Bürgerbewegungen etwas grundlegend verändert, seitdem sie in das parlamentarische Spiel eingetreten sind?

Konrad Weiß: Es ist über dieses Selbstverständnis in den Bürgerbewegungen eigentlich nie diskutiert worden. Es wird nur deutlich in den Widersprüchen zwischen der Basis, ich sage sehr gern der sogenannten Basis, und uns, die wir in parlamentarischer Verantwortung sind. Da sind Widersprüche im Verständnis davon, was eine Bürgerbewegung soll und kann, was sie wirklich zu leisten in der Lage ist und dem, was diese Basisgruppen wollen, die eigentlich aus einem ganz anderen Hintergrund herkommen, wie soll ich das sagen, einem basisdemokratischen, aber doch mehr anarchistisch orientierten Hintergrund.

Gibt es eine Arbeitsteilung zwischen der Basis, die bürgerbewegte Arbeit macht und denjenigen, die parlamentarische Arbeit machen?

Konrad Weiß: Ich glaube, dass es in der Tat inzwischen eine Kluft gibt. Diese Kluft ist uns bewusst. Aber es ist einfach durch die Fülle der praktischen Arbeiten bisher nicht möglich gewesen, ständig im Gespräch zu bleiben. Wir haben immer wieder darüber gesprochen, wie man es schaffen kann, dass wir als Abgeordnete, als künftige Abgeordnete auch mit der Basis im Gespräch bleiben. Wir wissen genau, dass das notwendig ist.


"Wenn wir in der Regierungsverantwortung versagen, wird es das Ende der Bürgerbewegungen sein."


Sie haben bei der Einschätzung der Märzwahlen gesagt, dass eine konkrete Erfahrung war, dass die Schwierigkeiten deutlich wurden, ein anderes Deutschland aufzubauen. Aus der Sicht der Parteien würde man vielleicht sagen: das Wahlergebnis zeigt bereits das Scheitern der Bürgerbewegung - ist dieser Schluss zulässig?

Konrad Weiß: Ich denke, dass dieser Schluss nicht zulässig ist; denn das halbe Jahr parlamentarische Arbeit in der Volkskammer hat gezeigt, dass wir uns durchaus an der Arbeit der Parteien herkömmlichen Typs messen können, dass wir nicht weniger einzubringen gehabt haben. Eine neue Bewährungsprobe wird sein, wenn jetzt die Bürgerbewegungen erstmalig auch Regierungsverantwortung übernehmen werden wie im Lande Brandenburg. Daran wird sich viel entscheiden. Wenn es gelingt, dort pragmatische Politik mit dem Ansatz der Bürgerbewegung in den Ressorts, die wir haben, zu verbinden, dann kann es ein sehr gutes Signal sein. Wenn es misslingt, denke ich, wird es das Ende der Bürgerbewegung oder das vorläufige Ende der Bürgerbewegungsidee sein. Aber ich bin eigentlich ganz optimistisch, dass das gelingen kann, weil die Konstellationen in Brandenburg sehr günstig sind. Ich denke, der Schnittpunkt des 18. März war, dass wir gelernt haben, uns realistischer einzuschätzen, dass wir gelernt haben, uns von der Illusion zu trennen, dass Bürgerbewegungen auch das Volk sind. Das haben wir vor dem 18. März gleichgesetzt und das ist einer unserer entscheidenden Fehler gewesen. Wir haben gedacht, die Leute, die sagen, "Wir sind das Volk", meinen damit auch die Bürgerbewegungen und umgekehrt.

Zur aktuellen Entwicklung, zum staatlichen Vereinigungsprozess: Was tut sich in dieser Phase im Bündnis der Bürgerbewegung und in den einzelnen Bewegungen - wachsen sie zusammen oder lösen sie sich auf?

Konrad Weiß: Dass es zu einem Zusammenschluss der Bürgerbewegungen kommen sollte in diesem Bündnis, das war ja von Anfang an unsere Absicht. Wir haben seit dem 4. Oktober 1989 bereits dafür gearbeitet, es gab ja diesen Koordinierungsausschuss. Dass wir es nicht geschafft haben, eine gemeinsame Bürgerbewegung zu bilden, hängt ganz einfach mit der Geschichte, aus der heraus die einzelnen Gruppen entstanden, aber auch mit vielen persönlichen Dingen zusammen. Umso wichtiger war es dann, dass es gelungen ist, zu den Volkskammerwahlen dieses Bündnis 90 auf die Beine zu stellen, in dem ja ursprünglich die Vereinigte Linke und auch die SPD und der Demokratische Aufbruch mit Bestandteil waren, die Anfang Januar rausgegangen sind. Ich denke, dass es ein weiteres Zusammengehen der Bürgerbewegungen unbedingt geben muss, wobei im Augenblick die Schwierigkeit ist, dass die kleineren Gruppen mit der größeren Gruppe Neues Forum zusammenkommen. Demokratie Jetzt und Initiative Frieden und Menschenrechte sind dabei, sich organisatorisch zusammenzuschließen, einfach weil sie relativ viel Aufwand für die Organisation betreiben und das effektiver gestalten wollen. Wir sind uns auch inhaltlich sehr nahe, da gibts überhaupt keine Probleme, aber das wird dann schon schwieriger wenn es ums Neue Forum geht. Das Neue Forum gilt im Selbstverständnis immer noch als die Bewegung des Herbstes, die das alles angestoßen hat und da ist auch sehr viel Selbstbewusstsein von einer sehr großen Gruppierung da. Das macht ein Zusammengehen mit dem Neuen Forum schwieriger.

Ist das unbedingt notwendig - ein organisatorisches Zusammengehen würde ja nicht bedeuten, dass sich die Ideen und Inhalte der einzelnen Bürgerbewegung auch vereinheitlichen?

Konrad Weiß: Ich denke, dass diese Organisation, das Bündnis 90, wo dann eben zu den Wahlen etwas gemeinsam gemacht wird, eine gute Form ist, gut ist auch, dass man gemeinsam in einer Fraktion ist. Es gibt einige Probleme dort, wo der inhaltliche Ansatz sehr unterschiedlich ist also mit den Vereinigten Linken beispielsweise, die ja auch aus der Bürgerbewegung kommen, die uns auch von der oppositionellen Vergangenheit sehr nahe sind, und zum Teil eben auch mit den Unabhängigen Frauen. Da ist es vor allem die distanzlose Nähe zur PDS, die uns Zusammenarbeiten sehr schwierig gemacht hat und weswegen es auch so lange gedauert hat, bis Möglichkeiten gefunden wurden, die Frauen und Vereinigte Linke in das Bündnis zu integrieren oder einzubeziehen. Ansonsten meine ich schon, dass es richtig ist, wenn auch Bürgerbewegung sich Ränder geben. Ich denke also nicht, dass es richtig ist, jetzt beispielsweise nach rechts offen zu sein und alles mit reinzunehmen, und genauso auch nach links. Das muss nicht unbedingt Ausgrenzung heißen, ich glaube Positionierung ist da da richtige Wort.

Ist das Positionieren nur Ausdruck dessen, dass man im politischen Spektrum das von Parteien besetzt ist, handelt, oder ist es Ausdruck der Identität der Bürgerbewegungen und ihrer Ziele?

Konrad Weiß: Ich denke, dass es vor allem auch Ausdruck der Identität der jeweiligen Bürgerbewegung ist. Demokratie Jetzt, um wieder bei meinem Verein zu bleiben, hat natürlich einen ganz anderen Hintergrund als die anderen. Wir kommen aus dem christlichen Hintergrund, aus der ökumenischen Bewegung, sind sehr stark davon geprägt und verfolgen natürlich auch Ziele, die innerhalb der ökumenischen Bewegung und im ökumenischen Konzil behandelt und besprochen worden sind, also Frager der Gerechtigkeit, der solidarisches ; Gesellschaft. Das ist natürlich bei den Vereinigten Linken, die aus einem marxistischen Hintergrund kommen, völlig anders, und wieder ganz anders beim Neuen Forum, das sehr viel breiter ist, wo sich Christen genauso wie Leute, die aus der SED gekommen sind, wiederfinden und auch mitarbeiten können. Ich denke, für die Arbeit vor Ort in den Basisgruppen ist das auch nicht so sehr von Belang, da geht es in erster Linie um ganz praktische Dinge. Bürgerbewegungen sollten nach meinem Verständnis auch immer Bürgerinitiativen sein, also neben dem, was nun im Parlament an Positionen zu vertreten ist und auch durchzusetzen ist, immer auch konkrete Projekte vor Ort haben und das ist zum großen Teil auch so. Da spielt es natürlich keine Rolle, von welchem Hintergrund jemand kommt, aber ich glaube für die Wählbarkeit und für die praktische politische Arbeit ist diese Positionierung wichtig.

Wie verändert sich die Bürgerbewegung über die Auseinandersetzung um die Teilnahme an der Macht?

Konrad Weiß: Es hat in dieser Frage eine Entwicklung gegeben. Vor den Wahlen haben wir als Bürgerbewegung gesagt, wir wollen politische Verantwortung, aber wir wollen keine Macht. Ich weiß heute, dass das illusorisch ist, das ist eben auch eine Erfahrung aus einem halben Jahr Parlamentarismus. Man kann ohne Teilnahme an der Macht auch nicht politisch wirksam sein, seine politischen Ideen nicht realisieren. Macht muss man definieren. Macht ist ja nichts Schlechtes an sich, es kommt eben darauf an, wer sie ausübt und wie er kontrolliert wird. Das ist für mich das Entscheidende, dass Macht kontrolliert wird. Und auch diejenigen, die als Opposition an der Kontrolle teilnehmen, haben ja Teil an der Macht und üben sie dadurch aus. Ich glaube, das ist aber ein Lernprozess, der im Augenblick von den Bürgerbewegungen gemacht wird und wogegen sich viele noch sträuben. Da zeigen die Reaktionen aus der Basis, dass das auf Unverständnis stößt und dass dann eben sehr schnell kurzgeschlossen wird, dass ich parteipolitische Macht meine. Das ist etwas anderes. Ich denke ganz einfach, dass diese Teilnahme an der Macht, an der Ausübung der Souveränität, auch in Bürgerbewegungen möglich ist, ohne dass sie sich dadurch zur Partei verwandeln, eben dadurch, dass es keinen Fraktionszwang gibt. Aber auch dadurch, dass der Weg zwischen den Bürgern und denen, die sie als Bürgerbewegungen in den Parlamenten vertreten oder meinetwegen auch in der Regierung, sehr viel kürzer ist. Ob wir das schaffen, das weiß ich nicht, es ist auf jeden Fall dann aber ein Kriterium, ob wir Partei geworden sind oder nicht.

Die Erfahrung, dass man sich an der Macht beteiligen muss, die haben hauptsächlich die gemacht, die in den Parlamenten gearbeitet haben, zum Teil gegen die Basis und deren Vorstellungen. Wird das eine Dauererscheinung bleiben und können die Bürgerbewegungen damit leben?

Konrad Weiß: Ich meine, es könnte natürlich auch die Entscheidung geben für die Bürgerbewegung, dass sie sagen, wir beteiligen uns nicht am Parlamentarismus, sondern wir arbeiten vor Ort. Aber dann sind das in meinen Augen keine Bürgerbewegungen mehr, sondern Bürgerinitiativen, die nur ein ganz schmales Anliegen haben, das zweckbedingt verfolgt wird, was natürlich nichts Schlechtes ist, im Gegenteil. Eigenart der Bürgerbewegungen ist es ja eben auch, dass sie das gesamte gesellschaftliche Spektrum abdecken müssen und also über Konzepte für den gesamten gesellschaftlichen Bereich verfügen müssen, von der Kultur bis zur Landwirtschaft, von der Wirtschaftspolitik bis zur Energiepolitik. Das unterscheidet eine Bürgerbewegung von einer Bürgerinitiative.

Nochmal zum Verhältnis Bürgerbewegungen und Parteien: Wie hat sich das Verhältnis nach den Wahlen im Frühjahr entwickelt, welche Haltungen zur Zusammenarbeit oder Ablehnung gibt es seitens der Bürgerbewegungen?

Konrad Weiß: Die Partei, die uns vom Inhalt und auch den Personen her am nächsten ist, das war die SPD. Das hätte auch anders laufen können, wenn die SPD nach dem 18. März darauf verzichtet hätte, sich an der Regierung zu beteiligen und wenn nicht die Gruppe sich durchgesetzt hätte in der SPD, die sich durchgesetzt hat, sondern eben der Kreis um Herrn Böhme, also die mehr linken Sozialdemokraten. Obwohl ich sagen muss, das Verhältnis zur Sozialdemokratie hat die ersten Risse bereits am Runden Tisch bekommen, als die Sozialdemokraten versucht haben, Bürgerbewegungen durch entsprechende Wahlgesetzgebung außen vorzuhalten. Aber die persönlichen Beziehungen zu den wichtigsten Leuten in der sozialdemokratischen Partei waren einfach in der Zeit vorher gewachsen und haben dann auch über vieles hinweghelfen können. Das Verhältnis zur CDU war eigentlich klar von vornherein, wir haben gesagt, wir sind nicht bereit, mit der SED oder einer Nachfolgepartei und auch nicht mit den Blockparteien zusammenzuarbeiten, das heißt, für uns wäre eine Regierungsbeteiligung oder eine sonstige Zusammenarbeit mit der CDU genau sowenig in Frage gekommen wie mit der PDS. Das Verhältnis zur CDU ist dann im Laufe dieses letzten halben Jahres durch die aggressive Deutschlandpolitik sehr belastet worden.

Besteht eine reelle Chance, basisdemokratische Elemente in das politische Modell der parlamentarischen und Parteiendemokratie einzubringen?

Konrad Weiß: Ich könnte mir vorstellen, dass eine breite Verfassungsdiskussion und dann die Übernahme von plebiszitären Elementen in das politische Instrumentarium den Bürgerbewegungen auch neuen Auftrieb geben würde, weil das natürlich das ureigenste Metier der Bürgerbewegung wäre, mit diesem politischen Instrumentarium umzugehen. Ich hoffe, dass das gelingt in den nächsten vier Jahren, wenn es diese Verfassungsdiskussion gibt, wenn es eine Novellierung des Grundgesetzes gibt. Ich weiß natürlich auch, dass insbesondere die konservativen Parteien sich sehr dagegen wehren, ganz einfach weil sie wissen, dass damit eine neue Belastungsprobe auf sie zukommt. Damit können sie schlecht umgehen, weil das antihierarchische Strukturen sind, die da gefördert werden. Für uns, die Bürgerbewegung, wäre das eine Chance zur Stabilisierung. Ich denke, dass eine Neubelebung der Friedensbewegung erfolgen könnte dadurch, dass die Bürgerbewegungen jetzt auch in den westlichen Bundesländern wieder aktiv werden.

Was bedeutet die gegenwärtige Entwicklung der nationalen Vereinigung für das Verhältnis der Bürgerbewegungen in der ehemaligen DDR zu den sozialen Bewegungen aus Westdeutschland? Ist es solidarisch oder zeichnet sich eine Tendenz der zunehmenden Vereinnahmung ab?

Konrad Weiß: Im Augenblick ist es noch ein spannungsvolles Verhältnis und es ist einfach noch das Problem, dass auf beiden Seiten, hier in den neuen Bundesländern und dort in den alten, das Verständnis für die Probleme, die der jeweils andere hat, noch zu wenig entwickelt ist und da gibt es natürlich auch diese Spannungen zwischen Bürgerbewegungen hier und den Bewegungen in der Bundesrepublik, insbesondere auch bei den Grünen, die ja auch wirklich eine ganz andere Geschichte haben.


"Bürgerbewegungen müssen sich rechts und links Ränder geben."


Auf welche Themen der Auseinandersetzung sollten sich Ihrer Meinung nach die Bürgerbewegungen in Zukunft konzentrieren?

Konrad Weiß: Die Fragen der Menschenrechte und des Aufbaus einer gerechten Gesellschaft, das wird ein Hauptthema sein und zum anderen eben auch die Frage der Friedenspolitik, der Abrüstung. Wir alle sind gegen unseren Willen Mitglied der NATO geworden, das ist eigentlich der schwerste Schock bei diesem ganzen Einigungsprozess. Außerdem sind wir zunehmend konfrontiert, insbesondere wir in der parlamentarischen Arbeit, aber auch die Bürgerbewegung als solche, mit den sozialen Problemen, die jetzt nach der Wende entstanden sind: die Arbeitslosigkeit, die Umstrukturierung der Wirtschaft, die sozialen Veränderungen.

Kann denn zum Beispiel die Beschäftigung mit Sozialpolitik die zukünftige Rolle der Bürgerbewegungen sein? Verliert sie damit nicht langfristig gesehen an Perspektive und Vision?

Konrad Weiß: Ich denke, wenn wir die Vision von einer solidarischen Gesellschaft haben, dann gehören dazu auch die Schritte, die dahin führen und das ist eben, nach innen wirkliche soziale Gerechtigkeit zu schaffen. Diese soziale Gerechtigkeit setzt eine vernünftige Wirtschaftspolitik voraus, die auch ökologisch verträglich ist, aber auch dem Menschen dient, nicht nur dem Profit. Das setzt nach außen hin voraus, dass wir offen sind für die Menschen in der Zweidrittelwelt, und da denke ich, sind viele Reserven möglich durch Verzicht auf Rüstung. Ich habe diese Vision von einer solidarischen Gesellschaft, aber ich sehe natürlich auch, dass kleine Schritte notwendig sind, um dahin zu kommen. Ich glaube, das ist der richtige Weg, diese kleineren Schritte, die die Politiker immer gehen müssen. Nur was ich den Politikern immer vorgeworfen habe, ist, dass sie zu sehr die Vision aus dem Auge verlieren und ich hoffe, dass solange wir Politik machen, diese Vision lebendig bleibt.

Sie sagten, "solange wir Politik machen". Werden Bürgerbewegungen auch im 21. Jahrhundert Politik machen oder eventuell nur noch eine Randexistenz führen, mit anderen Bewegungen und Parteien verschmelzen oder im Gegenteil zum politischen Subjekt des 21. Jahrhundert werden?

Konrad Weiß: Es ist im Augenblick sehr schwer einzuschätzen. Ich halte beides für möglich, dass die Bürgerbewegungen innerhalb der nächsten vier Jahre in sich zusammenfallen bzw. aufgehen werden in den herkömmlichen Parteien. Ich halte es aber auch für möglich, dass die Bürgerbewegungen weiter bestehen und sich ausdehnen werden, wenn es uns gelingt, den Bürgerinnen und Bürgern und damit auch den Wählerinnen und Wählern deutlich zu machen, dass es Sinn hat, uns zu wählen. Das heißt, wenn wir also verstehen, eine vernünftige Opposition zu sein, dort, wo wir in den Parlamenten sind, bzw. eine vernünftige Politik zu machen dort, wo wir an der Regierung beteiligt sind. Wenn das gelingt, haben auch die Gruppen an der Basis einen Anreiz, politisch weiterzuarbeiten. Ansonsten kann es wirklich sein, dass die Bürgerbewegungen eben auseinanderfallen und dann nur Bürgerinitiativen übrig bleiben, die ein schmales Spektrum haben. Ich bin eher skeptisch, ganz einfach, weil ich sehe, dass es innerhalb der Bürgerbewegungen da sehr viele Illusionen gibt über das, was machbar ist, weil ich sehe, dass es sehr viel Differenzen zwischen den Bürgerbewegungen gibt. Für mich ist auch ein Anzeichen dafür, dass es misslingen könnte, dass es bisher nicht möglich war, die Bürgerbewegungen politisch sehr eng zusammenzufassen.

Sie sprachen von solidarischer Gesellschaft als einer entideologisierten Form und benutzten in dem Zusammenhang die Begriffe Vision und Ideologie. Was bedeuten diese für das Handeln und die Orientierung der Bürgerbewegungen?

Konrad Weiß: Vision ist für mich letzten Endes mein Weltbild, die Vorstellung von dem, wie ich die Welt haben möchte, die Vorstellung von dem, wofür ich arbeite. Das ist durchaus positiv gesetzt und für mich ist Vision etwas durchaus Realistisches, ich halte mich da an Ben Gurion, der gesagt hat, nur wer an Utopien glaubt, ist Realist. Weltanschauung ist für mich positiver besetzt als Ideologie. Das meint letzten Endes ja dasselbe, aber es ist einfach unbelasteter. Ich denke, dass diese Erfahrung, die die Deutschen gemacht haben mit Ideologien in diesem Jahrhundert, also mit der Ideologie des Nationalsozialismus oder der Ideologie der Marxisten, die immer versucht haben, ihr Weltbild mit Gewalt und gegen den Willen der Bürger durchzusetzen, zeigt, vielleicht kann man das so sagen, man kann niemanden zu seinem Glück zwingen. Wir müssen daraus die Lehren ziehen, zu begreifen, was die Menschen wollen und darauf, von der Realität ausgehend, unsere Visionen haben, und dabei diese uralte Weisheit, die im Christentum viel stärker ist, berücksichtigen, dass die Menschen nicht einfach gut sind. Es kommt nur darauf an, durch Erziehung, durch die Gesellschaft, auch durch die Bürgerbewegungen dazu beizutragen, dass die Menschen besser sind und lernen, das Böse in sich zu bekämpfen und dadurch aktiver denken können. So würde ich das vielleicht umschreiben wollen.

Konrad Weiß, Jahrgang 42, ist verheiratet und hat drei Töchter. Seit 1969 arbeitet er als Regisseur am DEFA-Studio für Dokumentarfilme. Außerdem ist er seit 1975 Autor und Publizist verschiedener Kinderbücher. Konrad Weiß ist Mitbegründer von DEMOKRATIE JETZT und Spitzenkandidat für das Bündnis 90 Brandenburg zur Bundestagswahl.

Die Andere, Nr. 43, 14.11.1990, Beilage, Unabhängige Wochenzeitung für Politik, Kultur und Kunst, Herausgeber: Klaus Wolfram

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