DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Gegen die Herrschaft des Geldes

Gespräch mit Pfarrer Schorlemmer (Demokratischer Aufbruch) zu den Perspektiven der Opposition in der DDR

taz: Herr Schorlemmer, in den letzten Tagen hat die SED einiges an verlorenem Terrain wieder gutgemacht, doch wo steckte die Opposition derweil?

Friedrich Schorlemmer: Wir sind zu Hause geblieben und haben nachgedacht. Darüber, wie wir mit dem plötzlichen Wandel fertig werden und wo das hingehen soll. Wir dürfen uns nicht in diesen Strudel hineinreißen lassen, wir müssen jetzt nachdenken. Allerdings übersehe ich die Entwicklung gegenwärtig noch nicht. Ich fürchte aber, dass die Emotionen die politische Vernunft besiegen. Vernunft heißt, dass es für die europäische Stabilität nicht wünschenswert ist, jetzt von Vereinigungsgedanken das weitere politische Handeln bestimmen zu lassen. Ich trete ein für eine Konföderation der beiden deutschen Staaten in einem Europa ohne Eisernen Vorhang. Wir sind am Wochenende hier geblieben und nicht nach Berlin gefahren. Für uns ist klar, dass wir nach der Ablösung der Herrschaft einer Ideologie nun nicht die Herrschaft des großen fremden Geldes über uns wollen.

Welche Regulative ließen sich einbauen, um die Macht des Geldes einzudämmen bei gleichzeitiger Öffnung der DDR?

Soweit ich es sehe, können wir unser Land nicht ohne Hilfe von außen aufbauen. Was machbar ist, müssen Wirtschaftsexperten beurteilen, und zwar solche, die nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch denken. Die DDR ist eine ökologische Giftküche ersten Grades, davon ist die BRD auch mitbetroffen, daher wären auch Investitionen in ihrem eigenen Interesse vonnöten. Das Nebeneinander zweier politischer und sozialer Systeme wird noch große Probleme aufwerfen. Daher bin ich dafür, dass die Mauer, dort wo keine Durchgänge sind, noch ein bisschen bestehen bleibt. Die Geldspekulationen, die nun möglich werden, hätten fürchterliche Konsequenzen für uns.

Noch sieht es so aus, als hätte die Opposition keine Konzepte parat. Auf der anderen Seite versuchen die Blockparteien, sich zu profilieren. Hätten die Opposition und die SED bei kurz anberaumten Neuwahlen das Nachsehen?

Ich spreche jetzt nur für mich. Es geht nicht um Machtanteile. Wir wollen verhindern, dass es wieder so wird, wie es war. Wenn die Blockparteien Profil entwickeln und unsere Positionen aufgreifen, müssen wir nicht extra noch andere Gruppen bilden. Allerdings weiß ich nicht, ob die Blockparteien wirklich die geistige Kraft entwickeln können. Bisher fehlt mir bei ihnen die Priorität der ökologischen Verträglichkeit jeglicher Politik. Das fehlt auch der SED. Ansonsten prescht sie vor und zeigt ihr ganzes intellektuelles Potential, dass man nur staunen kann. Ich gucke das neidlos und mit Freude an, was in der SED und dieser Arbeiterschaft drinsteckt.

Grundsätzlich halten Sie die SED also für erneuerungsfähig?

In den letzten fünf Tagen hat sie sich von der Basis und der Intelligenz her so offenbart. Ob sie aber nach 40 Jahren noch das Vertrauen der Bevölkerung erhält, ist noch fraglich. Jetzt geht es in ihr fast basisdemokratisch zu. Der Zentralismus scheint beseitigt. Ob sich das allerdings halten wird, ist noch fraglich.

Interview: Klaus-Helge Donath

aus: taz Nr. 2962 vom 14.11.1989