DDR 1989/90Brandenburger Tor

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So. 19. November


In Dresden sprechen sich rund 50 000 Demonstranten gegen den Führungsanspruch einer Partei, für die Abrechnung mit den an der gegenwärtigen Krise Schuldigen und für eine vollständige Reformierung der Kulturpolitik aus.

Weitere Demonstrationen für die konsequente Verwirklichung von Meinungs-, Medien- und Versammlungsfreiheit finden in Frankfurt (Oder), Schwedt, Karl-Marx-Stadt, Gera, Neustrelitz, Meiningen, Erfurt, Potsdam und Berlin statt.

Über 3 Millionen DDR-BürgerInnen haben das zweite Wochenende nach Inkrafttreten der neuen Reiseregelungen zu Besuchen in der BRD und Berlin (West) genutzt.

In einem Fernsehinterview mit dem Fernsehen der DDR teilt Staats- und Parteichef Egon Krenz mit, dass er mit seiner Familie von der Wohnsiedlung des ehemaligen SED-Politbüros in Wandlitz nach Berlin-Pankow umgezogen ist.

bis hier aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR, 2. Folge, 1. Auflage, Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990 ISBN 3-7303-0594-8

"DDR - Woher - Wohin?" war das Thema eines Podiumsgesprächs, bei dem sich in der überfüllten Erlöserkirche von Potsdam Vertreter der Bürgerbewegung "Neues Forum" und profilierte Wissenschaftler trafen. Diktatorische und administrative Elemente in allen gesellschaftlichen Strukturen der Republik zu beseitigen, sei eine der Hauptaufgaben des beginnenden Umbruchs, äußerte Prof. Dr. Helmut Bock vom Zentralinstitut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR. Zu lange sei eine stromlinienartige DDR-Geschichte mit unzähligen weißen Flecken geschrieben worden. Das werde besonders in der im Schulunterricht dargestellten oberflächlichen Geschichtsvermittlung deutlich. Auf stalinistische Einflüsse in Strukturen von Partei und Staat angesprochen, legte Prof. Otto Reinhold, Rektor der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim Zentralkomitee der SED, dar, dass sich heute viele Konzeptionen als Fehlentwicklungen erweisen. Das Verständnis der führenden Rolle der Partei, aus der Geschichte und später der Verfassung hergeleitet, sei mit der marxistischen Auffassung von der führenden Rolle nicht in Übereinstimmung zu bringen.

Bärbel Bohley sprach von ihrer Angst, dass mit der ihrer Meinung nach überstürzten Öffnung der Grenzen die Chancen genommen werden, als Opposition zur Identifikation zu finden. Sie vermisse Authentizität bei vielen, die jetzt weiter Politik machen und wie auf Knopfdruck die Geschichte anders sehen und nun die vom Volk eingeforderte Demokratie üben.
(Neue Zeit, Di. 21.11.1989)

Die Standard Elektrik Lorenz AG (SEL) in Stuttgart ließ mitteilen, sie stehe bereits "in ständigem Kontakt" mit der DDR wegen des Ausbaus des dortigen Telephonnetzes. Der Vorstand der Reemtsma AG will am 19. und 20. November erstmals in Dresden und Ost-Berlin tagen und dabei über Investitionen in der DDR beraten.

Und Markenartikelhersteller wie die Deutsche Unilever hoffen sogar schon auf den Absatzmarkt DDR - dank der Fernsehwerbung sind westliche Konsumartikel mit klangvollen Markennamen im zweiten deutschen Staat genauso bekannt wie in der Bundesrepublik.
(DIE ZEIT, Fr. 17.11.1989)

Umweltgruppen halten eine Kundgebung vor dem Rathaus in Berlin-Schöneberg gegen Müllexport in die DDR ab, mit anschließender Demonstration.

Forderungen sind:

1. Sofortige Einstellung der Giftmülltransporte in die DDR und gleichzeitig auslösen des Giftmüll-Notstandes in Westberlin.

2. Durchsetzen eines Sondermüll-Vermeidungskonzeptes in Westberlin.

3. Veröffentlichung aller vorhandenen Messdaten zur SMVA Schöneiche und den Deponien.

4. Erstellung eines unabhängigen Gutachtens über den Zustand der Deponien und deren Sanierung.

5. Einberufen einer Gesprächsrunde von Experten, Behörden und Vertretern der unterzeichneten Umweltvereinigungen.

Wir erwarten eine schnelle Antwort von der Regierung der DDR und dem Senat von Berlin/West.

Unterzeichner:

- Umweltbibliothek Berlin

- Grünes Netzwerk "arche", Berlin/Brandenburg

- Demokratischer Aufbruch - sozial, ökologisch

- Müllgruppe BRD-DDR (Bloß rüber damit - Dreck dankend retour)

In Potsdam findet auf dem Platz der Nationen eine Kundgebung der SED statt. Nach einem Bericht des MfS wird ein Redner aus dem GRW Teltow, das MfS vermutet einen Anhänger des "NF" bzw. "unabhängiger Gewerkschaften", ausgepfiffen.

Vor dem Sitz der SED-Kreisleitung in Berlin-Hellersdorf findet eine Kundgebung statt. Es werden Forderungen an die SED und den Bezirksbürgermeister vorgetragen.

Während einer Demonstration mit anschließender Kundgebung in Neustrelitz werden u.a. Freie Wahlen und Änderung des Paragrafen 1 der Verfassung gefordert. Diese Forderungen sind auch auf der Demonstration in Ueckermünde zu vernehmen.

In den westdeutschen Städten mit großem Besucherzuspruch aus der DDR und in Westberlin wird das Ladenschlussgesetz außer Kraft gesetzt. Besuchern werden Aushilfsjobs angeboten. Manche Besucher versuchen mitgebrachtes zu verticken.

Auf dem Gipfel der Europäischen Gemeinschaft in Paris wird übereinstimmend festgestellt, die bestehenden Grenzen sollen unverändert bleiben. Auch die beiden Militärpakte, Warschauer Vertrag und NATO sollen bleiben. Eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten komme jetzt nicht in Frage.

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