DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Demonstrationen, Kundgebungen und Dialogveranstaltungen November 1989


Mi. 01.11.
In mehreren Städten in der DDR kommt es zu Demonstrationen. Genossen in der Nähe des Mikrofons platzieren, in Reden Konzentration auf kleine Problem, damit größere nicht angesprochen werden können, Beschallung und Schutz der Demonstration durch die Volkspolizei, sind Überlegungen, die im Vorfeld der Demonstration bei der SED-Bezirksleitung Neubrandenburg angestellt wurden.

In Neubrandenburg ziehen die Demonstranten durch die Innenstadt. Kundgebung auf dem Karl-Marx-Platz.

Demonstrationen gibt es auch in Halberstadt, Neustrelitz, Pasewalk und Penzlin.

In Potsdam-Babelsberg findet eine Kundgebung der Gruppe "Kontakte" statt. Es wird auch zur Demonstration am 04.11. aufgerufen.

Do. 02.11.
In Erfurt, Gera, Rostock und der Wilhelm-Pieck-Stadt Guben, kommt es zu Demonstrationen.

In Teterow bewegen sich die Demonstranten vom Marktplatz zum Platz des Friedens.

Die Dialogveranstaltung im Kulturraum der Gießerei Ueckermünde muss wegen des großen Andrangs in den Ueckerpark verlegt werden.

An der Diskussionsveranstaltung auf dem Marktplatz in Halle nimmt der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung der SED, Hans-Joachim Böhme, teil. Sein Auftritt verstärkt den Unmut in der Bevölkerung erheblich.

Fr. 03.11.
Demonstrationen gibt es in Dessau, Eberswalde-Finow, Erfurt, Güstrow, Karl-Marx-Stadt und in Schleusingen.

Auf dem Kirchplatz vor der Stadtkirche in Caulau findet eine Versammlung im Freien statt. In Erfurt versammeln sich Zehntausende auf dem Domplatz.

Erste Dialogveranstaltung auf dem Marx-Engels-Platz in Bernburg (Saale).

Sa. 04.11.
Offiziell beantragt und genehmigt, findet in Berlin mit Hunderttausenden Teilnehmern die, wie Rechtsanwalt Dr. Gregor Gysi, einer der 27 Sprecher, feststellt, größte Demonstration und Kundgebung in der Geschichte der DDR statt, die als erste nicht von oben, sondern von unten organisiert worden ist.

Der Aufruf zu dieser Willenskundgebung war von Künstlern der Berliner Theater ausgegangen, denen sich später der Verband der Bildenden Künstler, der Verband der Film- und Fernsehschaffenden und das Komitee für Unterhaltungskunst anschlossen. In einem Presseinterview äußern die Mitinitiatoren Wolfgang Holz (Berliner Ensemble), Johanna Schall und Thomas Neumann (Deutsches Theater) über Inhalt und Anlass der Demonstration und mit ihr verbundener Forderungen u. a.:

"Veränderung hat begonnen, aber unser Misstrauen ist noch nicht beseitigt. Bisher vollzogene personelle Veränderungen sind unbefriedigend. Die Analyse der Lage unseres Landes, die ehrliche Selbstkritik der politisch Verantwortlichen steht weiterhin aus. Wir sind dafür, dass es weitergeht. Die Menschen in unsrem Land sind wach geworden. Jetzt geht es darum, dass sie wach bleiben.

Verfassungsgrundsätze müssen eingehalten, Diskrepanzen zur Gesetzgebung verändert werden. Das Recht muss durchschaubar und für die Menschen anwendbar sein. Rechtssicherheit ist eine wesentliche Grundlage für die Entwicklung der sozialistischen Demokratie. Uns geht es auch um grundsätzliche Veränderungen in der Medienpolitik, die künftig Machtmissbrauch einzelner ausschließt. Sorgen machen uns die Probleme in der Volksbildung, in der Erziehung junger Menschen überhaupt.

Auch in vielen anderen Städten der DDR finden Demonstrationen statt. So in Altenburg, Arnstadt, Dahme, Dresden, Gadebusch, Jena, Lauscha, Ludwigslust, Magdeburg, Parchim, Plauen, Potsdam, Röbel, Rostock, Schwerin und Suhl.

Nach einem Bericht des MfS vom 05.11. nehmen in Potsdam 20 000 Personen an einer genehmigten Demonstration teil. "... heftige Sprechchöre konzentrierten sich vorrangig auf die Diffamierung des MfS", ist dort zu lesen. "('Stasi raus', 'Stasi in die Produktion', 'Schließt euch an')". Nach Ende der Demonstration bewegen sich 500 Personen zur Bezirksverwaltung des MfS. Sie riefen "wir kommen wieder".

So. 05.11.
Zu weiteren Demonstrationen, auf denen Zehntausende BürgerInnen gesellschaftliche Erneuerung fordern, kommt es am Wochenende in Magdeburg (40 000), Potsdam (mehrere tausend), Rostock (30 000), Suhl (20 000), Lauscha (3 500), Dresden (15 000).

Mehrere tausend Demonstranten zogen durch das Zentrum von Arnstadt und forderten u. a. die Zulassung des "Neuen Forum".

Mehr als 15 000 Dresdner Bürger trafen sich vor dem Hygiene-Museum. Sie formierten sich zu einem Demonstrationszug und brachten den Straßenverkehr zum Erliegen.

An einem Schweigemarsch durch die thüringische Kleinstadt Lauscha nahmen rund die Hälfte der 3 500 Einwohner teil. Auf einer anschließenden Kundgebung verlangten sie die Einsetzung einer Untersuchungskommission, die alle Gründe für den Niedergang der Glaskunst in Lauscha aufdecken soll.

In Magdeburg versammelten sich 40 000 Bürger auf dem Domplatz um Politiker und Staatsfunktionäre zur gesellschaftlichen Erneuerung zu befragen. In einer Erklärung der Künstlerverbände des Bezirkes wurde gefordert, im Dialog dürfe niemand behindert oder eingeschränkt werden.

Auch in Plauen und mehreren Städten des Bezirkes Schwerin kam es zu Demonstrationen.

Tausende Einwohner aus Potsdam und anderen Orten des Havelbezirkes beteiligten sich an einer Demonstration durch die Innenstadt, deren Veranstalter die Generalsuperintendentur des Sprengeis Potsdam der Evangelischen Kirche war.

Für freie Wahlen, Pressefreiheit und den Rücktritt der Regierung zogen 30 000 Rostocker durch das Stadtzentrum.

In Suhl, wo sich über 20 000 Menschen versammelt hatten, wurde u. a. gegen eine beabsichtigte neue Mülldeponie im Suhler Landkreis protestiert.

Bürgerinnengespräche finden in Berlin, Dresden, Gera, Leipzig und anderen Städten der DDR statt.

Mo. 06.11.
Nach vorliegenden Hinweisen nahmen an ca. 100 bedeutenden Dialog - und Protestveranstaltungen mehr als 750 000 Personen teil. Der Einfluss des "Neuen Forum" und anderer Sammlungsbewegungen wächst. Es verstärken sich Anzeichen der Ablehnung des Dialogs. Die erhobenen Forderungen tragen zunehmend radikalen und ultimativen Charakter.

Massencharakter nahmen die Demonstrationen und Kundgebungen erneut vor allem in Leipzig (über 200 000 Teilnehmer), Karl-Marx-Stadt (100 000 Teilnehmer), Dresden und Halle (jeweils ca. 80 000 Teilnehmer), Magdeburg und Cottbus (jeweils ca. 32 000 Teilnehmer) an. Zu Ausschreitungen kam es nicht. In einer sich weiter zuspitzenden Atmosphäre in Halle forderten die Teilnehmer den Rücktritt des 1. Sekretärs der Bezirksleitung der SED und der SED Stadtleitung sowie des Vorsitzenden des Rates des Bezirkes.

Die Teilnehmer eines Dialoggespräches im Anschluss an eine Demonstration in Karl-Marx-Stadt verhinderten durch Sprechchöre und Pfiffe weitgehend die Rede des 1. Sekretärs der Bezirksleitung der SED.

Während einer Demonstration vor einer Montagsandacht der Katholischen Kirche in Henningsdorf wurde ein Brief an den Minister für Staatssicherheit mit der Forderung nach Beseitigung des MfS verlesen.

Zu Demonstration kommt es in Bernburg (Saale), Friedland (Bezirk Neubrandenburg), Hoyerswerda, Malchow, Nordhausen, Schwerin, Templin, Waren und anderen Städten.

Di. 07.11.
In mehreren Städten kommt es zu Demonstrationen. In Meiningen sollen es 20 000 und in Wismar rund 50 000 Menschen sein.

Mi. 08.11.
Demonstrationen gibt es in mehreren Städten der DDR. In Neubrandenburg gibt es nach der Demonstration durch die Innenstadt eine Kundgebung auf dem Karl-Marx-Platz. Zu Demonstrationen kommt es auch in Demmin, Finsterwalde, Halberstadt, Loitz und Neustrelitz.

In einer Willenskundgebung Tausender Mitglieder der Berliner SED-Basis vor dem Haus des ZK wird die Einberufung einer Parteikonferenz verlangt.

Do. 09.11.
In Erfurt und Gera beteiligen sich Tausende an den Demonstrationen. In Leipzig ruft das Neue Forum zu einer Schweigedemonstration zum Gedenken an die Opfer der Pogrome am 09.11.1938 auf. In Teterow findet dazu eine Gedenkkundgebung statt.

Die drei SED-Kreisleitungen Rostocks rufen zu einer "Manifestation für die Erneuerung des Sozialismus in der DDR" auf. In dem Aufruf wird betont, das sei keine Gegendemonstration zu der wöchentlichen Donnerstagsdemonstration in Rostock.

Fr. 10.11.
In Teterow, Bezirk Neubrandenburg, demonstrieren rund 300 Menschen vor der MfS-Kreisdienststelle.

Sa. 11.11.
8 000 EinwohnerInnen von Fürstenwalde demonstrieren u. a. für freie Wahlen, ein erneuertes Bildungssystem und die Zulassung demokratischer Bürgerinitiativen.

Auch in Plauen demonstrieren Tausende.

Mo. 13.11.
In mehreren Städten demonstrieren wiederum BürgerInnen. In Leipzig (etwa 200 000) werden freie Wahlen, gesetzlich verbriefte Reisefreiheit und die Abschaffung der führenden Rolle der SED gefordert. Unter den Losungen ist u. a. zu lesen: "Offene Grenzen ganz allein kann nicht die einzige Freiheit sein, nur SED - Nee!", "Die Mauer hat ein Loch, aber weg muss sie doch!", "Führungsanspruch der SED taut bei Wahlen weg wie Schnee" und "Freie Wahlen, wahre Zahlen".

Auch in Dresden stellen etwa hunderttausend EinwohnerInnen auf einer Protestkundgebung die führende Rolle der SED in Frage. In diesem Zusammenhang fordert Arnold Vaatz vom Neuen Forum einen unverzüglichen Volksentscheid zum Artikel 1 der DDR-Verfassung. Der Sozialismus höre mit der Vorherrschaft der SED nicht auf, sondern bekomme einen wahrhaft demokratischen Charakter, erklärt Jürgen Bönninger von Demokratie Jetzt.

Volksentscheid über Artikel 1 der Verfassung und Bestrafung derer, die für Misswirtschaft in der DDR verantwortlich sind, fordern u.a. die 50 000 Demonstranten in Karl-Marx-Stadt.

Für wirksame Veränderungen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft demonstrieren in Cottbus mehr als 10 000.

Zu Demonstrationen kommt es u.a. in Halle, Magdeburg, Neubrandenburg und Schwerin.

Auf der Kundgebung im Anschluss an eine Demonstration in Wismar werden die Redner der SED ausgepfiffen. Eine Kundgebung findet auch in Guben und Luckau auf dem Marktplatz statt.

Mi. 15.11.
Demonstriert wird in Demmin, Herzberg, Neustrelitz, Pasewalk und Strasburg.

Do. 16.11.
Am Abend wird in Rostock demonstriert.

In Berlin demonstrieren Mitglieder der FDJ für eine Erneuerung ihrer Organisation.

Sa. 18.11.
Die Zulassung des Neuen Forum fordern in Leipzig 30 000, in Eberswalde-Finow mehr als 7 000 und in Suhl etwa 5 000 DDR-BürgerInnen.

Auch in Finsterwalde und Plauen wird an diesem Tag demonstriert.

So. 19.11.
In Dresden sprechen sich rund 50 000 Demonstranten gegen den Führungsanspruch einer Partei, für die Abrechnung mit den an der gegenwärtigen Krise Schuldigen und für eine vollständige Reformierung der Kulturpolitik aus.

Weitere Demonstrationen für die konsequente Verwirklichung von Meinungs-, Medien- und Versammlungsfreiheit finden in Frankfurt (Oder), Schwedt, Karl-Marx-Stadt, Gera, Neustrelitz, Meiningen, Erfurt, Potsdam und Berlin statt.

Während einer Demonstration mit anschließender Kundgebung in Neustrelitz werden u.a. Freie Wahlen und Änderung des Paragrafen 1 der Verfassung gefordert. Diese Forderungen sind auch auf der Demonstration in Ueckermünde zu vernehmen.

In Potsdam findet auf dem Platz der Nationen eine Kundgebung der SED statt. Nach einem Bericht des MfS wird ein Redner aus dem GRW Teltow, das MfS vermutet einen Anhänger des "NF" bzw. "unabhängiger Gewerkschaften", ausgepfiffen.

Mo. 20.11.
Zum traditionellen Montagsgebet mit anschließender Demonstration kommen 200 000 Leipziger zusammen. Auf Transparenten bekennen sie ihren Willen, in der DDR bleiben zu wollen. Sie fordern sofortige freie und geheime Wahlen sowie Aufgabe des Führungsanspruches der SED.

Demonstrationen finden in Anklam, Cottbus (Choésebuz), Dresden, Halle, Karl-Marx-Stadt, Leipzig, Malchow, Neubrandenburg, Schwerin und Waren statt. In Magdeburg rufen Neues Forum, SDP und die Beratergruppe DOM zu einem Schweigemarsch zur Kreisdienststelle der Staatssicherheit auf.

Do. 23.11.
In Erfurt wird demonstriert.

Fr. 24.11.
In mehreren Städten in der DDR wird demonstriert. U.a. wird in Dessau und Gotha demonstriert.

Sa. 25.11.
In Plauen demonstrieren rund 5 000 BürgerInnen. Besonders auffällig ist der auf Plakaten und Transparenten formulierte Wille nach Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten. Die Kreisfunktionäre der SED werden aufgefordert, von ihren Ämtern abzutreten und in Betrieben arbeiten zu gehen. Eine mehrfach erhobene Forderung ist die nach Wahl der Betriebsdirektoren.

Etwa 200 Berliner protestierten am Sonnabendvormittag vor der Ständigen Vertretung der BRD in der Hannoverschen Straße gegen den Schutz neofaschistischer Skinheads, die Verfolgung von Antifaschisten und den Tod einer antifaschistischen Demonstrantin am 17. November durch die Göttinger Polizei. Bei der Mahnwache, zu der eine Berliner Antifa-Gruppe aufgerufen hatte, wurden Protestschreiben verteilt und Kerzen angezündet. In Sprechchören und auf Plakaten forderten die Demonstranten Solidarität mit den Antifaschisten und das Verbot aller neofaschistischen Organisationen in der BRD.

So. 26.11.
In Jena wird eine Kundgebung abgehalten, auf der sich neue Gruppen und Parteien vorstellen.

Mo. 27.11.
Schwarz-rot-goldene Fahnen ohne DDR-Emblem und Rufe "Deutschland einig Vaterland" bestimmen Bild und Inhalt der Leipziger Montagsdemonstration, an der sich etwa 200 000 Menschen beteiligen.

In Leipzig kommt es zu einer "kleinen" Demonstration, die sich bewusst von der "großen" Demonstration absetzen will. So von der Parole "Deutschland einig Vaterland". Hier wird die Beseitigung noch vorhandener Machtstrukturen und die Selbstverwaltung der Betriebe gefordert.

Di. 28.11.
In Parchim kommt es zu einer Demonstration organisiert vom Neuen Forum.

Mi. 29.11.
Mehrere tausend Bürgerinnen von Frankfurt (Oder) beteiligen sich an einer vom Neuen Forum angemeldeten Demonstration zum Bezirksamt für Nationale Sicherheit und fordern u.a., Strukturen und finanzielle Mittel des Amtes offen zu legen sowie eine Besichtigung aller Anlagen des Amtes zu ermöglichen.

Weitere Demonstrationen werden aus Ilmenau und Limbach-Oberfrohna gemeldet.

In Leipzig führt die SED eine Kundgebung unter dem Motto "Einheit der Partei" durch.

Do. 30.11.
In Erfurt demonstrieren rund 10 000 Menschen. Demonstriert wird auch in Rostock.


Alle Angaben sind Auszüge aus den Chronikseiten November 1989 www.ddr89.de. Es wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben.

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