DDR 1989/90Brandenburger Tor


Demonstrationen, Kundgebungen und Dialogveranstaltungen November 1989


Mi. 01.11.
In mehreren Städten der DDR demonstrierten auch am Mittwochabend zahlreiche Bürger. In Neubrandenburg schlug Oberbürgermeister Dr. Heinz Hahn vor rund 20 000 Demonstranten vor, Initiativgruppen interessierter Bürger bei den ständigen Kommissionen zu bilden. Mehrere zehntausend Menschen formierten sich in Frankfurt (Oder) zu einem Zug durch die Innenstadt und hielten anschließend auf dem zentralen Platz eine Kundgebung ab. Auch in Freital und Ilmenau fanden Demonstrationen statt.

Genossen in der Nähe des Mikrofons platzieren, in Reden Konzentration auf kleine Problem, damit größere nicht angesprochen werden können, Beschallung und Schutz der Demonstration durch die Volkspolizei, sind Überlegungen, die im Vorfeld der Demonstration bei der SED-Bezirksleitung Neubrandenburg angestellt wurden.

In Neubrandenburg ziehen die Demonstranten durch die Innenstadt. Kundgebung auf dem Karl-Marx-Platz.

Demonstrationen gibt es auch in Halberstadt, Neustrelitz, Pasewalk und Penzlin.

In Potsdam-Babelsberg findet eine Kundgebung der Gruppe "Kontakte" statt. Es wird auch zur Demonstration am 04.11. aufgerufen.

Do. 02.11.
In mehreren Städten der DDR gaben auch gestern Abend Bürger ihren Forderungen mit Demonstrationen Nachdruck.

Zehntausende Erfurter nahmen mit brennenden Kerzen an einer Schweigedemonstration durch das Zentrum zum Domplatz teil. Auf Transparenten forderten sie mehr Demokratie, die Zulassung von Initiativgruppen, sinnvolle Altstadtsanierung und die Abschaffung von Privilegien.

Nach Gottesdiensten in drei Kirchen formierten sich in Gera über 10 000 Menschen zu einer friedlichen Demonstration.

Das Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees der SED Hans-Joachim Böhme, 1. Sekretär der Bezirksleitung und weitere Gesprächspartner standen etwa 10 000 Hallensern auf dem Marktplatz der Saalestadt Rede und Antwort.

Vor dem Gubener Wilhelm-Pieck-Monument versammelten sich rund 15 000 Einwohner zu einer genehmigten Demonstration des "Neuen Forums". In Sprechchören und auf Transparenten forderten sie Offenheit, Machtkontrolle, weitere personelle Konsequenzen sowie Änderungen des Wahlrechts und im Staatsbürgerkundeunterricht.

In Teterow bewegen sich die Demonstranten vom Marktplatz zum Platz des Friedens.

Die Dialogveranstaltung im Kulturraum der Gießerei Ueckermünde muss wegen des großen Andrangs in den Ueckerpark verlegt werden.

Fr. 03.11.
In verschiedenen Städten der DDR verliehen auch am Freitagabend Bürger ihren Forderungen nach Veränderungen Im Leben der Städte und Gemeinden Ausdruck. In Karl-Marx-Stadt schlossen sich rund 20 000, vor allem junge Bürger einer Demonstration im Zentrum der Stadt an. Vor dem Rathaus gaben Oberbürgermeister Dr. Eberhard Langer und Rainer Hufenbach von der "Gesprächsgruppe der 25" Ergebnisse des dritten Rathausgesprächs bekannt. Im Anschluss an eine Friedensandacht versammelten sich in Eberswalde-Finow rund 3 000 Bürger zu einer Demonstration. Vor mehreren 10 000 Bürgern legte Dessaus Oberbürgermeisterin Sylvia Retzke dar, dass sie und ihr Rat mit vielen der Forderungen, die zuvor auf der genehmigten Demonstration aufgestellt wurden, übereinstimmen. Zu einer Demonstration trafen sich rund 6 500 Bürger von Güstrow und aus Orten der Umgebung. Rund 50 000 Erfurter nahmen an einer Diskussion auf dem Domplatz teil.

Nach der Demonstration in Dessau findet auf dem Rathausplatz eine Dialogveranstaltung statt. Die Kritik richtete sich besonders gegen die SED, den Rat der Stadt und der Oberbürgermeisterin.

Eine Demonstrationen gibt es in Schleusingen.

Auf dem Kirchplatz vor der Stadtkirche in Caulau findet eine Versammlung im Freien statt. In Erfurt versammeln sich Zehntausende auf dem Domplatz.

Dialogveranstaltung auf dem Marx-Engels-Platz in Bernburg (Saale).

Sa. 04.11.
Offiziell beantragt und genehmigt, findet in Berlin mit Hunderttausenden Teilnehmern die, wie Rechtsanwalt Dr. Gregor Gysi, einer der 27 Sprecher, feststellt, größte Demonstration und Kundgebung in der Geschichte der DDR statt, die als erste nicht von oben, sondern von unten organisiert worden ist.

Der Aufruf zu dieser Willenskundgebung war von Künstlern der Berliner Theater ausgegangen, denen sich später der Verband der Bildenden Künstler, der Verband der Film- und Fernsehschaffenden und das Komitee für Unterhaltungskunst anschlossen. In einem Presseinterview äußern die Mitinitiatoren Wolfgang Holz (Berliner Ensemble), Johanna Schall und Thomas Neumann (Deutsches Theater) über Inhalt und Anlass der Demonstration und mit ihr verbundener Forderungen u. a.:

"Veränderung hat begonnen, aber unser Misstrauen ist noch nicht beseitigt. Bisher vollzogene personelle Veränderungen sind unbefriedigend. Die Analyse der Lage unseres Landes, die ehrliche Selbstkritik der politisch Verantwortlichen steht weiterhin aus. Wir sind dafür, dass es weitergeht. Die Menschen in unsrem Land sind wach geworden. Jetzt geht es darum, dass sie wach bleiben.

Verfassungsgrundsätze müssen eingehalten, Diskrepanzen zur Gesetzgebung verändert werden. Das Recht muss durchschaubar und für die Menschen anwendbar sein. Rechtssicherheit ist eine wesentliche Grundlage für die Entwicklung der sozialistischen Demokratie. Uns geht es auch um grundsätzliche Veränderungen in der Medienpolitik, die künftig Machtmissbrauch einzelner ausschließt. Sorgen machen uns die Probleme in der Volksbildung, in der Erziehung junger Menschen überhaupt.

Der Magdeburger Bezirksvorstand Bildender Künstler hatte seine Mitglieder und alle Bürger am Sonnabend zu einer Demonstration für Offenheit, Ehrlichkeit, Rechtssicherheit, durchgängige Fachkompetenz in allen Ebenen und gegen konjunkturelles Reformertum aufgerufen. Nach Schätzung der Veranstalter hatten sich auf dem Domplatz rund 40 000 versammelt. In einer von Schriftsteller Bernd Wolff verlesenen gemeinsamen Erklärung der Künstlerverbände hieß es unter anderem: "Im Dialog darf niemand behindert oder eingeschränkt werden. Wir treten ein für eine faire Auseinandersetzung, gegen jede Form von Diktatur, Bevormundung, Besserwisserei und Herabwürdigung, gegen Übergriffe und Gewalt von beiden Seiten."

Zu dieser fairen Auseinandersetzung kam es auf dem Domplatz jedoch leider nicht. Der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung, Werner Eberlein, Mitglied des Politbüros des ZK der SED, und Oberbürgermeister Werner Herzig konnten die an sie gerichteten Fragen kaum beantworten, weil sie von lauten Zwischenrufen immer wieder unterbrochen wurden.

Befragt nach seinem persönlichen Leben bestätigte Werner Eberlein, dass sein Vater und weitere Verwandte während der Zeit der Repressionen in der Sowjetunion umgebracht wurden. Er selbst habe acht Jahre hart in Sibirien gearbeitet, um zum Sieg über den deutschen Faschismus beizutragen. Der OB erklärte nun seine Bereitschaft zum Dialog auch in großen Sälen und auf Marktplätzen.

In Jena waren rund 40 000 Einwohner am Sonnabendnachmittag der Einladung des Rates auf den Platz der Kosmonauten gefolgt. Oberbürgermeister Hans Span konnte über erste Veränderungen seit dem Rathausgespräch vom vergangenen Montag informieren: So wurde an den Schulen der Wehrkundeunterricht ausgesetzt, die Offenlegung der Umweltdaten begann, und über 200 Mitarbeiter des Rates, aus dem Apparat von Parteien und Massenorganisationen werden in den kommunalen Bereich delegiert.

In Lauscha beteiligten sich nach einem Gottesdienst in der Kirche am Sonnabendabend 2 000 Einwohner an einer Demonstration.

Am Sonnabend waren in Rostock über 30 000 Bürger auf die Straße gegangen.

Suhl. Über 20 000 Bürger des Bezirkes Suhl fanden sich am Sonnabend auf dem Ernst-Thälmann-Platz der Stadt zusammen. Zuvor hatten sie sich an Kirchen eingefunden, in denen Friedensgebete stattfanden. Danach formierten sie sich zu einer genehmigten Demonstration durch das Stadtzentrum.

Auch in vielen anderen Städten der DDR finden Demonstrationen statt. So in Altenburg, Arnstadt, Dahme, Dresden, Gadebusch, Ludwigslust, Parchim, Plauen, Röbel, Schwerin.

Nach einem Bericht des MfS vom 05.11. nehmen in Potsdam 20 000 Personen an einer genehmigten Demonstration teil. "... heftige Sprechchöre konzentrierten sich vorrangig auf die Diffamierung des MfS", ist dort zu lesen. "('Stasi raus', 'Stasi in die Produktion', 'Schließt euch an')". Nach Ende der Demonstration bewegen sich 500 Personen zur Bezirksverwaltung des MfS. Sie riefen "wir kommen wieder".

So. 05.11.
Mehrere tausend Demonstranten zogen durch das Zentrum von Arnstadt und forderten u. a. die Zulassung des "Neuen Forum".

Mehr als 15 000 Dresdner Bürger trafen sich vor dem Hygiene-Museum. Sie formierten sich zu einem Demonstrationszug und brachten den Straßenverkehr zum Erliegen.

Auch in Plauen und mehreren Städten des Bezirkes Schwerin kam es zu Demonstrationen.

Rostock. Den Abschluss einer Serie von 14 Foren mit 12 000 Teilnehmern bildete am Sonntag in der Rostocker Sport- und Kongresshalle ein öffentliches Gespräch über "Parteienpluralismus und Bürgermitbestimmung". Dabei diskutierten Bezirksvorsitzende der im demokratischen Block vereinten Parteien sowie Vertreter von FDJ und DFD mit über 800 Rostocker Bürgern. In vorangegangenen Foren war über Stadtentwicklung, Umweltschutz, Wohnungspolitik, Jugend-, Medien- und Informationspolitik, Versorgung, Gesundheitswesen, Handwerk u. a. gesprochen worden.

Karl-Marx-Stadt. Das Verlangen nach einem Volksentscheid zur Verfassung, nach einem neuen Wahlgesetz und der Zulassung des "Neuen Forums" bestimmte am Sonntag in der Mensa der Technischen Universität Karl-Marx-Stadt die Atmosphäre. Rund tausend Bürger hatten sich dort zu einer umfassenden Aussprache zusammengefunden.

Bürgerinnengespräche finden in Berlin, Dresden, Gera, Leipzig und anderen Städten der DDR statt.

Im Zeitraum vom 30. Oktober bis 5. November 1989 fanden ca. 230 politisch geprägte Veranstaltungen mit fast 300 000 Teilnehmern in kirchlichen Räumen statt. Das ist eine wesentliche Zunahme sowohl von der Anzahl her als auch hinsichtlich der Beteiligung gegenüber der Vorwoche. Insbesondere in den Südbezirken Gera, Karl-Marx-Stadt und Erfurt ist eine territoriale Ausweitung solcher Veranstaltungen von den Bezirksstädten auf Kreisstädte und Gemeinden zu verzeichnen.

Im Ergebnis sowohl des anhalten Drucks von Kräften aus Sammlungsbewegungen als auch der Fortführung des Dialogs kam es in der Woche vom 30. Oktober bis 5. November 1989 ebenfalls zu einer Ausweitung öffentlicher Demonstrationen und Massenansammlungen in allen Bezirken der DDR und der Hauptstadt Berlin. Bei gestiegener Anzahl solcher Veranstaltungen hat sich die Zahl der daran teilnehmenden Personen verdreifacht. Nach vorliegenden Hinweisen beteiligten sich über 1,35 Millionen Menschen an mehr als 210 Demonstrationen, Kundgebungen u.ä. Veranstaltungen (Vorwoche: 145/über, 540 000 Teilnehmer).

Mo. 06.11.
Hunderttausende Leipziger und Bürger aus anderen Bezirken vereinten sich gestern Abend zur bisher machtvollsten Demonstration auf dem Karl-Marx-Platz der Messestadt. In Sprechchören und auf Transparenten forderten sie weitere spürbare Veränderungen auf dem Wege einer demokratischen Erneuerung des Landes. Hauptaussagen ihrer Losungen waren unter anderem: "Reisegesetz ohne Einschränkungen" und "Schluss mit dem Führungsanspruch der SED - Verfassungsänderung Artikel 1!".

Zwischen Oper und Gewandhaus, wo sich trotz anhaltenden Regens die Menschen dicht an dicht drängten, ergriffen Arbeiter, Abgeordnete sowie Vertreter von Parteien, staatlichen Einrichtungen sowie dem "Neuen Forum" das Wort. Nicht erneut über Trennendes reden, sondern gemeinsam nach Wegen suchen, wie aus der Misere herauszukommen sei, verlangte der Leipziger Stadtverordnete Bernhard Knupp (SED). Das sei nur mit neuen Leuten in Partei- und Staatsführung zu erreichen. In diesem Zusammenhang forderte der Abgeordnete den sofortigen Rücktritt von Politbüro und Regierung.

Immer wieder vom Ruf "Wir sind das Volk!" begleitet, rief ein Arbeiter auf, mit dem Missbrauch der Macht Schluss zu machen. Nur durch eine direkt vom Volk gewählte Regierung könne Vertrauen wiedergewonnen werden. Ein weiterer Sprecher verlangte die Zurücknahme des neuen Reisegesetzentwurfes: "Was nutzen Reiseerleichterungen mit einem Bettelsack auf dem Rücken?!" Gegen Missfallensbekundungen ankämpfend, versuchte sich der neugewählte 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung, Dr. Roland Wötzel, Gehör zu verschaffen. Das kleine, zarte Pflänzchen, das in Leipzig erste Blüten getrieben habe, müsse weiter gedeihen, sagte er. Unter dem Beifall der Versammelten verlangte als Sprecher des "Neuen Forums" Pfarrer Martin Kind die Legalisierung dieser bisher nicht zugelassenen Gruppierung.

Halle (ND). Nachdem einige tausend Einwohner kurz nach 17.00 Uhr durch die Innenstadt demonstrierten, stellten sich den auf dem Marktplatz versammelten 60 000 Bürgern Mitglieder des Sekretariats der SED-Bezirksleitung, Bezirksvorsitzende weiterer Parteien sowie der Rat der Stadt zum Disput der emotionsgeladen geführt wurde. Gegenüber Hans-Joachim Böhme, Mitglied des Politbüros des ZK der SED und 1. Bezirkssekretär, brachten die Demonstranten heftige Kritik vor. In seiner Antwort bekannte er sich zur Politik der Wende und sagte, für ihn seien diese Tage eine Lektion fürs Leben.

Karl-Marx-Stadt (ADN). Mehr als 50 000 Menschen versammelten sich am Montagabend in einem Demonstrationszug im Zentrum von Karl-Marx-Stadt. Sie forderten ehrliche und radikale Losungen für die herangereiften Probleme, kritisierten zu langes Reden ohne Taten.

Nach heftigen Unmutsäußerungen ergriff der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung, Siegfried Lorenz, Mitglied des Politbüros das Wort "Der Aufbruch in der DDR ist den Kundgebungen zu danken. Ich stehe zu einer radikalen Erneuerung des Sozialismus, in dem wahre Demokratie gebraucht wird wie, die Luft zum Atmen", erklärte er.

Cottbus (ND). Über zehntausend Cottbuser versammelten sich am Montagabend vor der Stadthalle, auf der unterschiedlichste Meinungen geäußert, Anfragen vorgetragen und Antworten von Funktionären der Parteien und des Staates, von Bürgern verschiedener Schichten und Organisationen gegeben wurden. Es ist harte Arbeit erforderlich, um die eingeleitete Politik der Erneuerung auf allen Gebieten unseres Lebens zu verwirklichen, sagte Werner Walde, Kandidat des Politbüros und 1. Sekretär der Bezirksleitung der SED. Dafür wolle auch die SED ihr Potential, ihre Vorschläge einbringen.

Schwerin (ADN). Im Anschluss an ein Friedensgebet bildete sich am Montag in Schwerin ein Demonstrationszug von rund 25 000 Bürgern. Kurze Ansprachen von Vertretern des Neuen Forums sowie der LDPD leiteten den friedlichen Marsch durch die Innenstadt ein. Die Demonstranten sprachen sich, unter anderem für die Zulassung neuer Bewegungen, freie Wahlen, Gleichberechtigung der Parteien und umfassende Reformen aus.

Erfurt (ADN). An einer oft erregt geführten Diskussion in der überfüllten Erfurter Predigerkirche, zu der Organisationen des Neuen Forums eingeladen hatten, beteiligten sich am Montag fast alle Mitglieder des Rates des Bezirkes. "Hier geht es nicht in eine Ungewisse Zukunft, hier kann es nur noch besser werden", sagte unter lang anhaltendem Beifall einer der Diskussionsredner an die Adresse all jener gewandt, die sich mit dem Gedanken tragen, die DDR zu verlassen. Die Kundgebungen hielten in einigen Städten bei Redaktionsschluss noch an, so auch in Magdeburg und Dresden.

Nach vorliegenden Hinweisen nahmen an ca. 100 bedeutenden Dialog - und Protestveranstaltungen mehr als 750 000 Personen teil. Der Einfluss des "Neuen Forum" und anderer Sammlungsbewegungen wächst. Es verstärken sich Anzeichen der Ablehnung des Dialogs. Die erhobenen Forderungen tragen zunehmend radikalen und ultimativen Charakter.

Massencharakter nahmen die Demonstrationen und Kundgebungen erneut vor allem in Leipzig (über 200 000 Teilnehmer), Karl-Marx-Stadt (100 000 Teilnehmer), Dresden und Halle (jeweils ca. 80 000 Teilnehmer), Magdeburg und Cottbus (jeweils ca. 32 000 Teilnehmer) an. Zu Ausschreitungen kam es nicht. In einer sich weiter zuspitzenden Atmosphäre in Halle forderten die Teilnehmer den Rücktritt des 1. Sekretärs der Bezirksleitung der SED und der SED Stadtleitung sowie des Vorsitzenden des Rates des Bezirkes.

Die Teilnehmer eines Dialoggespräches im Anschluss an eine Demonstration in Karl-Marx-Stadt verhinderten durch Sprechchöre und Pfiffe weitgehend die Rede des 1. Sekretärs der Bezirksleitung der SED.

Die Demonstranten in Bernburg (Saale) ziehen vor den Sitz der SED-Kreisleitung und der MfS-Kreisdienststelle.

Während einer Demonstration vor einer Montagsandacht der Katholischen Kirche in Henningsdorf wurde ein Brief an den Minister für Staatssicherheit mit der Forderung nach Beseitigung des MfS verlesen.

In der Nikolaikirche in Pritzwalk findet die erste Informationsveranstaltung des Neuen Forum statt. Im Anschluss kommt es zu einer Demonstration. Auf dem Flugblatt zum Aufruf der Demonstration werden grundlegende Veränderung im Staat gefordert. Forderungen sind Meinungs-, Rede-, Reise- und Versammlungsfreiheit sowie die Zulassung der neu entstandenen Organisationen.

Zu Demonstration kommt es in Friedland (Bezirk Neubrandenburg), Hoyerswerda, Malchow, Nordhausen, Schwerin, Templin, Waren und anderen Städten.

Di. 07.11.
In Wismar demonstrierten am Dienstagabend vor dem Rathaus rund 50 000 Einwohner. In Nordhausen kamen am gleichen Tag 35 000 bis 40 000 Bürger auf dem August-Bebel-Platz zusammen, und rund 20 000 Menschen versammelten sich in Meiningen.

Mehrere tausend Bürger, vor allem Jugendliche, demonstrierten gestern am späten Nachmittag im Berliner Stadtzentrum für freie Wahlen. Im Zug wurden Transparente getragen mit der Aufschrift "Für eine freie Kommunalwahl 1990" und "Wahlbetrüger vors Gericht". Vor der Volkskammer, dem Staatsratsgebäude und dem Haus des Zentralkomitees der SED riefen sie "Wir sind das Volk" und "Alle Macht dem Volke und nicht der SED".

Mi. 08.11.
Mehr als 25 000 Neubrandenburger kamen am Mittwochabend nach einer Demonstration auf dem Karl-Marx-Platz im Zentrum der Stadt zusammen. Redner von Parteien, dem Neuen Forum sowie weitere Bürger brachten ihre unterschiedlichen Standpunkte zu der sich im Lande vollziehenden Wende zum Ausdruck. Oberbürgermeister Dr. Heinz Hahn sprach sich für die sofortige Einberufung der Volkskammer, ein neues Wahlgesetz und die Zulassung des Neuen Forums aus.

Zu Demonstrationen kommt es in Demmin, Finsterwalde, Halberstadt, Loitz und Neustrelitz.

Genossen aus Berliner SED-Grundorganisationen versammelten sich in den Nachmittagsstunden am Mittwoch vor der Parteizentrale. Bis in die Abendstunden vergrößerte sich deren Zahl weiter. Mit Nachdruck machten sie am Tagungsort des Zentralkomitees auf Vorschläge und Forderungen der Parteibasis aufmerksam. Auf Transparenten und in Sprechchören teilten sie mit, was Kommunisten von ihrer Führung erwarteten: "SED in die Offensive", "Für eine Parteiführung, die auf das Volk hört", "SED - Sozialismus, Ehrlichkeit, Demokratie", "Sozialismus Wende ohne Umkehr", "Erneuerung der SED - Neuer Sozialismus", "Parteikonferenz - wir stehen zu Egon Krenz". Und: "Ehrlichkeit ist die beste Politik", "Trotz alledem: Ja zur SED und gerade jetzt".

Do. 09.11.
Zur bisher größten Demonstration in Gera formierten sich am Donnerstagabend mehrere 10 000 Bürger der Bezirksstadt.

Auf dem Erfurter Domplatz forderten am Donnerstagabend rund 80 000 Bürger freie Wahlen, Rechtstaatlichkeit und Freizügigkeit.

Aus Anlass der Pogromnacht vom 9. November 1938 gedachten gestern in vielen Orten Bürger der Republik der Jüdischen Opfer der faschistischen Rassenverfolgung.

Karl-Marx-Stadt. "Wir sind nicht nur als Juden hier geblieben, um zu mahnen und zu erinnern. Wir fordern die Bürger dieses Landes auf, mit allen gesellschaftlichen Kräften entschieden Widerstand gegen aufkommenden Neonazismus und Ausländerfeindlichkeit zu leisten", sagte Siegmund Rotstein, Präsident des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in der DDR, bei einer Kranzniederlegung an der Porphyrstele auf dem Karl-Marx-Städter Stephanplatz, wo vor 51 Jahren Nazi-Brandstifter die Synagoge vernichtet hatten.

Leipzig. Die ersten Exemplare der Dokumentation "Juden in Leipzig" übergab der stellvertretende Vorsitzende des Rates des Bezirks Dr. Hartmut Reitmann. Empfänger waren Siegmund Rotstein und der Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinde.

Einige zehntausend Leipziger marschierten schweigend zum mit Kränzen umlegten Synagogenstein in der Gottschiedstraße. Sie protestierten damit, auch gegen rechtsradikale Tendenzen.

Erwin Martin, Vorsitzender der "Zur Geschichte der Leipziger Juden", überreichte Siegmund Rotstein einen Brief. Darin befürwortet eine Zwei-Drittel-Mehrheit der Besucher beim Auftakt der ersten Leipziger "Tage der jüdischen Kultur" (7. bis 9. November), dass die DDR unverzüglich diplomatische Beziehungen zum Staate Israel aufnimmt.

Berlin. Mit einer Kranzniederlegung vor der Ruine der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin ehrten Mitglieder der Jüdischen Gemeinde von Berlin, Bürger der Stadt sowie Vertreter des Magistrats, von Parteien und Massenorganisationen die Opfer der Pogromnacht.

Weitere Veranstaltungen fanden u. a. in Potsdam, Magdeburg, Schwerin und Halle statt.

In Teterow findet eine Gedenkkundgebung zum Gedenken an die Opfer der Pogrome am 09.11.1938 statt.

Dresden. Mehrere tausend Genossen hatten sich am Donnerstagabend vor dem Haus der Bezirksleitung Dresden versammelt, um ihre Forderungen zur politischen Erneuerung zum Ausdruck zu bringen. Sie verlangten einen Sonderparteitag, mehr neue Leute im Politbüro und Bestrafung derer, die maßgeblich Schuld an der kritischen Situation im Lande haben.

Cottbus. Vor mehreren tausend Teilnehmern einer Kundgebung auf dem Berliner Platz sprach Albrecht Schauerhammer, 2. Sekretär der Bezirksleitung Cottbus. Auf dieser Zusammenkunft, auf der die Entbindung Werner Waldes von seiner Funktion bekanntgegeben wurde, unterstützten mehrere Redner, die sich auf der Tribüne als Mitglieder der SED vorstellten, den Plenumsbeschluss zur Einberufung einer Parteikonferenz.

Rostock. Über 20 000 Genossen von Rostocker Grundorganisationen begrüßten am Donnerstagabend den Erneuerungsprozess der Partei, der sich auf der 10. Tagung des Zentralkomitees zu vollziehen beginne. Obwohl die Teilnehmer den sofortigen Rücktritt der Sekretariate der Kreisleitungen und der SED-Bezirksleitung forderten, ergriff kein Genosse der Bezirksleitung das Wort.

Fr. 10.11.
In Dessau wird die Streichung der führenden Rolle der SED in der Verfassung gefordert. Die Kampfgruppen sollen aufgelöst werden. Und die Mitarbeiter des MfS sollen in die Produktion gehen.

In Teterow, Bezirk Neubrandenburg, demonstrieren rund 300 Menschen vor der MfS-Kreisdienststelle.

Wenige Stunden nach Abschluss der 10. Tagung des Zentralkomitees der SED vereinte eine Großkundgebung der Berliner Parteiorganisation rund 150 000 Menschen im Lustgarten und den angrenzenden Straßen und Plätzen im Zentrum. Die Kommunisten der Hauptstadt der DDR, Arbeiterinnen und Arbeiter, Wissenschaftler, Mediziner und Künstler bekundeten ihre Bereitschaft, an der Erneuerung des Sozialismus mitzuwirken.

Nach der Eröffnung durch Günter Schabowski legten 15 Redner ihre Standpunkte dar. Generalsekretär Egon Krenz informierte anschließend über die 10. Zentralkomitee-Tagung und sprach zu aktuellen Aspekten der eingeleiteten Wende.

Eine Dialogveranstaltung auf dem Marx-Enges-Platz findet in Bernburg (Saale) statt.

Im Kreiskulturhaus in Pritzwalk findet die zweite Dialogveranstaltung statt. Erstmals dürfen Vertreter des Neuen Forum daran offiziell teilnehmen.

Sa. 11.11.
2 000 Genossinnen und Genossen der Kreisparteiorganisation Neubrandenburg waren am Sonnabend zu der Kundgebung in die Bezirksstadt gekommen. Viele sprachen sich ihre Enttäuschungen, Hoffnungen, Vorschläge vom Herzen.

Auf Initiative einer kirchlichen Gruppe findet am Sonnabend in Fürstenwalde eine friedliche Demonstration für demokratische Erneuerung statt. Etwa 8 000 Teilnehmer, darunter auch Mitglieder der SED und der LDPD, forderten auf Transparenten unter anderem freie Wahlen, eine Erneuerung des Bildungssystems und die Zulassung demokratischer Bürgerinitiativen.

Auch in Plauen demonstrieren Tausende.

So. 12.11.
Zehntausende Mitglieder und Kandidaten der SED bekannten sich am Wochenende in weiteren Orten der DDR zu Einheit und Erneuerung ihrer Partei. Mehr als 50 000 Genossen demonstrierten allein in Dresden, in Karl-Marx-Stadt rund 20 000.

Zu SED-Kundgebungen, auf der die Erneuerung der Partei gefordert wird, kommt es in Gera, Leipzig, Magdeburg, Suhl und Wismar.

Mo. 13.11.
Leipzig: Für freie Wahlen, dauerhafte, gesetzlich verbriefte Reisefreiheit und gegen den Anspruch auf eine führende Rolle der SED gingen in Leipzig schätzungsweise 200 000 Bürger auf die Straße. Der kilometerlange Demonstrationszug hatte sich auf dem Karl-Marx-Platz formiert, wo Sprecher des neuen Forum über Megaphone dazu aufriefen, einen Ausverkauf der DDR durch Schwarzarbeit und Schacher im Westen zu verhindern. Gleichzeitig warnten sie vor Opportunisten und Demagogen im eigenen Land. "Offene Grenzen ganz allein kann nicht die einzige Freiheit sein, nur SED - Nee!". "Die Mauer hat ein Loch, aber weg muss sie doch!", "Führungsanspruch der SED taut bei Wahlen weg wie Schnee" und "Freie Wahlen, wahre Zahlen" waren die Hauptaussagen der mitgeführten Losungen.

Während des Marsches um die Innenstadt, der den Verkehr im Zentrum lahmlegte, trugen Bürger auch zur Sicherung öffentlicher Gebäude bei. Die Demonstration löste sich gegen 20.15 Uhr friedlich auf.

Dresden: Hunderttausend Einwohner Dresdens stellten auf einer Protestkundgebung den Anspruch auf eine führende Rolle der SED in Frage. Vertreter von Bürgerinitiativen und von Parteien ergriffen das Wort. Arnold Vaatz vom Neuen Forum forderte einen unverzüglichen Volksentscheid zum Paragraphen 1 der Verfassung der DDR. Horst Korbella bekundete, er sehe als katholischer Christ eine neue Gemeinsamkeit aller Parteien und der neuen Gruppen als einzigen Weg zur Gestaltung der Heimat. Er erinnerte an die geschichtliche Erfahrung von 1945, als die Kommunisten ihre Hände dem Volk entgegenstreckten. Heute sei es an der Zeit, dies umgekehrt zu tun, denn ohne SED sei das Land nicht zu regieren. Der Sozialismus höre mit der Vorherrschaft der SED nicht auf; sondern bekäme einen wahrhaft demokratischen Charakter, sagte Jürgen Bönninger von der Gruppe "Demokratie jetzt". Vorschläge für eine umfassende Wirtschaftsreform brachte Dr. Frank Tellkamp von der NDPD ein. Die Kundgebung, der eine Demonstration durch das Stadtzentrum vorausging, war von zehn basisdemokratischen Gruppen Dresdens organisiert worden.

Karl-Marx-Stadt: Mehr als 50 000 Karl-Marx-Städter formierten sich in einem kilometerlangen Marsch zum Zentrum ihrer Stadt. Auf Losungen und in Sprechchören wurden freie Wahlen und ein Volksentscheid über den Paragraphen 1 der Verfassung der DDR gefordert. Auf einer anschließenden Zusammenkunft verlangten Vertreter des Neuen Forum unter anderem die Bestrafung derer, die für die Misswirtschaft verantwortlich sind.

Cottbus: Für mehr als 10 000 Cottbuser Bürger war der Platz vor der Stadthalle Treffpunkt, zu dem die SED-Parteiaktivs der Lausitzer Bezirksstadt und des Kreises Cottbus-Land sowie die Bürgerinitiative Neues Forum eingeladen hatten.

Auch in Halle, Magdeburg, Neubrandenburg und Schwerin fanden Demonstrationen statt.

Auf der Kundgebung im Anschluss an eine Demonstration in Wismar werden die Redner der SED ausgepfiffen. Eine Kundgebung findet auch in Guben und Luckau auf dem Marktplatz statt.

Nach einem Friedensgebet in der Martinskirche, kommt es in Bernburg (Saale) zu einer Demonstration mit Ziel Rathaus.

Ein Schweigemarsch gegen Fluglärm findet in Neuruppin statt.

Mi. 15.11.
Eine vom "Neuen Forum" initiierte Kundgebung vereinte am Mittwochabend schätzungsweise 10 000 Bürger in Ilmenau. Paul Latussek vom Sprecherrat der Bürgerbewegung sagte, dass die Vorwärtsbewegung in der DDR vor allem auch durch die Demonstrationen Hunderttausender auf der Straße erkämpft worden sei und das Volk weiterhin wachsam sein müsse, bis alle Rechte gesichert seien und ein neuer Machtmissbrauch unmöglich würde. Nicht vertretbar sei es, dass der abgesetzte 1. SED-Bezirkssekretär Hans Albrecht noch im Namen des Volkes den Präsidenten der Volkskammer sowie den Vorsitzenden des Ministerrates gewählt habe. Ihr Missfallen darüber brachten mehrere Sprecher zum Ausdruck.

An der Mittwoch-Demonstration durch Limbach-Oberfrohna nahmen nach Angaben der Organisatoren etwa 15 000 Bürger teil. Die Teilnehmer forderten eindringlich freie Wahlen und Demokratie.

Demonstriert wird in Demmin, Herzberg, Neustrelitz, Pasewalk und Strasburg.

Zu einer Demonstration für die Rechte des rumänischen Volkes hatten Mitglieder des Berliner Bezirksverbandes Bildender Künstler (VBK) für Mittwoch Nachmittag aufgerufen. An der Demo, die von der Pankower Johannes-R.-Becher-Straße über Schönholzer Straße und Parkstraße zur Rumänischen Botschaft führte, beteiligten sich schätzungsweise 300 Menschen. Vertreter der "Koordinierungsgruppe für eine Initiative zur Bildung einer vereinigten Linken" und des Zentrums für Kunstausstellungen der DDR sprachen sich gegen die Entsendung einer SED-Delegation zum 40. Parteitag der RKP aus. Die Veranstalter beschlossen, an jedem 15. des Monats wieder zu friedlichen Demonstrationen vor dem Botschaftsgebäude zusammenzukommen.

Do. 16.11.
Am Abend wird in Rostock demonstriert.

FDJ entscheide Dich, Du brauchst ein eigenes Gesicht - das war eine der vielen Losungen bei der Demonstration am Donnerstagabend im Lustgarten, die von der FDJ-GO bei Bergmann-Borsig und der FDJ-Kreisleitung Pankow organisiert worden war. Mehrere hundert Jugendliche demonstrierten für eine neue FDJ. Zahlreiche Redner sprachen sich für einen einheitlichen, demokratischen, sozialistischen und antifaschistischen Jugendverband aus, der auf der Basis der Freiwilligkeit arbeitet. Gefordert wurden unter anderem ein neues Statur der FDJ, die Einberufung eines Jugendparlaments, der Rücktritt aller gewählten Leitungen. Von einigen Sprechern wurde die Existenzberechtigung der FDJ in Frage gestellt. Empört waren die jungen Leute darüber, dass Eberhard Aurich die Demonstration verließ, ohne zu ihnen gesprochen zu haben.

Sa. 18.11.
Rund 30 000 Bürger Leipzigs und aus der Umgebung kamen am Sonnabend auf dem Dimitroffplatz zur ersten genehmigten Kundgebung des Neuen Forums zusammen. Etwa zwei Dutzend Frauen und Männer - rund 200 Anträge zum Reden lagen vor - ergriffen auf der rund dreistündigen Manifestation das Wort. Sie forderten unter anderem freie Wahlen, den Verzicht auf die Führungsrolle der SED, eine gleichberechtigte Zusammenarbeit aller Parteien sowie Organisationen, die Reduzierung der Sicherheitsorgane, besonders der Staatssicherheit, eine stärkere Einbeziehung von Frauen in die Politik und Wirtschaft, die Abschaffung jedweder Zensur, freie Presse und Verlage, die öffentliche Kontrolle der Medien und Sofortmaßnahmen zur Verbesserung der Umweltbedingungen im Ballungsraum Leipzig. Neben Arbeitern, Hausfrauen, Künstlern und Akademikern vom Neuen Forum traten auch Vertreter der Bewegung "Demokratischer Aufbruch", der neu gegründeten sozialdemokratischen Partei, der vereinigten Linken, der Initiative "Frieden und Menschenrechte" und von Behinderten an das Mikrofon. Tausende Unterschriften auf ausliegenden Listen drückten Sympathien für die geforderte Möglichkeit eines Volksentscheides aus, der wieder verfassungsrechtlich sanktioniert werden müsse.

Weitere Kundgebungen fanden unter anderem statt in Berlin, Dresden, Frankfurt/Oder, Gera, Eberswalde-Finow, Karl-Marx-Stadt, Suhl und Plauen.

Leipzig. Zu einer vom Neuen Forum angemeldeten Kundgebung trafen sich am Samstagvormittag rund 30 000 Bürger auf dem Leipziger Dimitroff-Platz. Vor dem Museum der bildenden Künste machte die Menge auf mitgeführten Transparenten und Spruchbändern ihre Forderungen nach Neuwahlen, gleichberechtigtem Meinungsstreit und gegen Gesinnungsterror deutlich. Viele Familien kamen mit ihren Kindern, junge wie ältere Bürger erhoben in Sprechchören ihre Stimme: "Wir sind das Volk!" - dieser Ruf wurde immer wieder laut.

Eberswalde-Finow. Die Forderung nach mehr Mitsprache in allen Bereichen erhoben am Sonnabend in Eberswalde-Finow mehr als 7 000 Bürger mit einer Demonstration, zu der das Neue Forum aufgerufen hatte. Auf Transparenten und Spruchbändern ging es um Umweltschutzprobleme und gegen eine führende Rolle der SED. Dazu sprachen auf der abschließenden Kundgebung auch Vertreter von Parteien und Bürgerbewegungen sowie der evangelischen Kirche.

Plauen. Vor dem Plauener Rathaus versammelten sich am Sonnabend, wie schon an vorangegangenen Wochenenden, rund 10 000 Einwohner aus der Vogtlandstadt und aus umliegenden Orten. Sie forderten unter anderem freie Wahlen und sprachen sich gegen eine führende Rolle der SED aus.

Suhl. Teilnehmer eines "Gebetes für unser Land" in der Suhler Kreuzkirche und eines Sternmarsches aus allen Wohngebieten der Thüringer Bezirksstadt beteiligten sich am Sonnabend vor der Stadthalle an einer Kundgebung der Bürgerinitiative Neues Forum. Vor etwa 5 000 Menschen traten zwölf Redner ans Mikrofon und sprachen sich unter anderem für eine allseitige demokratische Erneuerung des Lebens in der DDR aus, vor allem für eine Wirtschaftsreform, ein neues Mediengesetz und den Schutz der Umwelt.

Auch in Finsterwalde wird an diesem Tag demonstriert.

So. 19.11.
Für die konsequente Verwirklichung von Meinungs-, Medien- und Versammlungsfreiheit demonstrierten am Sonntag wieder Zehntausende Bürger in mehreren Städten der DDR. Aufgerufen hatten Kunst- und Kulturschaffende, um - wie ihre Berliner Kollegen am 4. November - die in den Verfassungsartikeln 27 und 28 verankerten Rechte einzuklagen.

Rund 50 000 Bürger folgten in Dresden dem Ruf der Künstler. Auf Plakaten und Transparenten sprachen sie sich gegen den Führungsanspruch einer Partei, für die Abrechnung mit den an der gegenwärtigen Krise Schuldigen und für eine vollständige Reformierung der Kulturpolitik aus. Weitere Forderungen galten der Rettung von Denkmalen in der Stadt und richteten sich gegen den Export von Kulturgütern.

Vor der Semperoper wandten sich Redner an die Demonstranten. Chefregisseur Horst Schönemann vom Staatsschauspiel Dresden knüpfte an die einleitenden Worte des Opernsängers Günther Emmerlich an, der die Zivilcourage der Bürger in den vergangenen Wochen als Unterpfand demokratischer Selbstbestimmung würdigte. Mit dem Widerspruch von "Gigantomanie" wie der Bauernkriegsgedenkstätte bei Bad Frankenhausen auf der einen und dem Verfall kulturhistorisch wertvoller Baudenkmale beispielsweise in Dresden auf der anderen Seite setzte sich der Maler Hubertus Giebe auseinander. In Briefen hatten sich die 87jährige Gret Palucca und Kammersänger Peter Schreier für die Verknüpfung von Dialog mit "harter gemeinsamer Arbeit" ausgesprochen.

Weitere Vorschläge von Rednern galten der Aufarbeitung von DDR-Geschichte, der Rehabilitierung von in der Vergangenheit gedemütigten und gemaßregelten Künstlern und Wissenschaftlern sowie neuen Umweltkonzepten. Unter dem Beifall der Anwesenden wurde mehrfach solidarische Unterstützung für das rumänische Volk und für gewaltfrei Demonstrierende in der ČSSR bekundet.

Demonstrationen gab es in Frankfurt (Oder), Schwedt, Karl-Marx-Stadt, Gera, Neustrelitz, Meiningen, Erfurt, Potsdam und in Berlin. In der Hauptstadt zogen - diesmal vor allem auf Initiative der bildenden Künstler mehrere tausend Menschen durch das Zentrum der Stadt.

Mehr als 30 000 versammelten sich am Sonntag auf dem Platz der Nationen. Zu dieser Kundgebung hatte die Partei der Arbeiterklasse aufgerufen. Andere Parteien zeigten in ihren Zeitungen ihre Nichtteilnahme an. So wurde die Zusammenkunft auf dem Platz der Nationen zu einer Willensbekundung Potsdamer Kommunisten und Bürger, kraftvoll, offenherzig und mit einer Hauptforderung: Zur Gemeinsamkeit aller, die die Erneuerung des Sozialismus wollen. Mehrere Redner riefen zur Unterstützung der Regierungserklärung auf. "Wirklicher Sozialismus ist die Koalition der Vernünftigen", hieß es auf einem Transparent. "Wir wollen keine Spaltung, weil jede Idee und jede Hand für die sozialistische Erneuerung gebraucht wird", rief Rolf Kutzmutz, kürzlich erst gewählter 1. Sekretär der SED-Kreisleitung Potsdam, aus. "Wir lassen uns nicht ausgrenzen und machen das auch nicht mit anderen, und wir werden auch nicht ungeduldig mit jenen, die das zur Zeit mit uns zu tun versuchen!" Michael Schumann, Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft, erklärte unter Zustimmung der Zehntausenden: "Wir, die SED, sind offensichtlich nicht die einzigen, die viel dazulernen müssen. Wir erheben keinen Alleinvertretungsanspruch für demokratische und sozialistische Entwicklung - das sollten jedoch auch andere nicht tun. Klar ist doch: Es kann keinen Sozialismus ohne Sozialisten geben!" Der neugewählte 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Potsdam, Heinz Vietze, erläuterte: "Wir sind für einen Sozialismus, wo jeder seine Meinung frei äußern kann wo man auch zuhören kann. Nur der Dialog bringt vorwärtsdrängende Ideen. Aber aus dem Dialog muss auch die Entscheidung erwachsen und dann das aktive Handeln zum Nutzen des Volkes."

Auf dem Theaterplatz in Dresden findet eine von Künstlern vorbereitete Kundgebung statt.

Zu eine Demonstration und Kundgebung auf dem Obermarkt kommt es in Freiberg.

In Potsdam findet auf dem Platz der Nationen eine Kundgebung der SED statt. Nach einem Bericht des MfS wird ein Redner aus dem GRW Teltow, das MfS vermutet einen Anhänger des "NF" bzw. "unabhängiger Gewerkschaften", ausgepfiffen.

Während einer Demonstration mit anschließender Kundgebung in Neustrelitz werden u.a. Freie Wahlen und Änderung des Paragrafen 1 der Verfassung gefordert. Diese Forderungen sind auch auf der Demonstration in Ueckermünde zu vernehmen.

Mo. 20.11.
Leipzig. Zu der schon traditionellen Montagsdemonstration auf dem Ring um das Leipziger Stadtzentrum vereinten sich gestern Abend über 200 000 Bürger. Zuvor hatte sich die riesige Menschenmenge zu einer fast zweistündigen Kundgebung auf dem Karl-Marx-Platz versammelt. Auf Transparenten und Spruchbändern dominierten Forderungen nach freien geheimen Wahlen und der Aufgabe des Führungsanspruchs der SED. Über Mikrofone wandten sich Vertreter von Parteien, Organisationen, verschiedenen Initiativgruppen sowie Werktätige aus Betrieben und Einrichtungen an die Kundgebungsteilnehmer. Dabei wurden unter anderem Auskünfte über den Verbleib der Deviseneinnahmen des Staates sowie über das Ausmaß von Privilegien angemahnt. Großen Beifall fanden Worte der Zustimmung zur Bürgerrechtsbewegung in der ČSSR, zu der sich die Versammelten auch mit einer Schweigeminute bekannten. Auch zahlreiche kontroverse Auffassungen wurden geäußert: So die Forderung nach freier Marktwirtschaft und zum Leistungsprinzip bei Erhalt sozialer Errungenschaften des Sozialismus.

Der Demonstration waren wiederum Friedensgebete in sieben Kirchen vorausgegangen.

Dresden. "Rechtssicherheit spart Staatssicherheit" unter diesem Leitgedanken formierten sich am Montagabend viele Zehntausende Dresdner zu einer genehmigten Demonstration. An ihr beteiligten sich alle basisdemokratischen Gruppen der Stadt. Bei ihrem Zug durch das Stadtzentrum beiderseits der Elbe forderten sie auf Plakaten, Transparenten und in Sprechchören u.a. "Nicht Links- sondern Rechtsstaat" — "Wir lassen uns nicht erlauben, was niemand uns verbieten kann" oder "Für Kontrolle von Stasi und Polizei". Erneut wurden Forderungen nach freien Wahlen, zur Reduzierung der Staatssicherheit, zur Auflösung der Kampfgruppen und gegen den Führungsanspruch der SED erhoben. Die Demonstration endete auf dem Fučíkplatz vor den Ausstellungshallen mit einer Kundgebung, die bei Redaktionsschluss noch andauerte.

Demonstrationen fanden am Montag auch in Cottbus, Halle, Karl-Marx-Stadt, Magdeburg, Neubrandenburg und Schwerin statt.

Demonstrationen finden in Anklam, Malchow und Waren statt. In Magdeburg rufen Neues Forum, SDP und die Beratergruppe DOM zu einem Schweigemarsch zur Kreisdienststelle der Staatssicherheit auf.

Vor der SED-Kreisleitung in Berlin-Hellersdorf fordern die Demonstranten Räume für die neuen Parteien und Vereinigungen. Folge ist, die neuen Parteien und Vereinigungen richteten bei der SED-Kreisleitung ihre Geschäftsstellen ein.

Mi. 22.11.
Ihren festen Willen zur Erneuerung der Partei bekräftigten am Mittwochabend mehrere tausend Kommunisten aus Halle und Halle-Neustadt während einer Kundgebung am Fahnenmonument "Flamme der Revolution", zu der Bezirks- und Stadtleitung der SED eingeladen hatte. "Was wir jetzt brauchen, sind Mut und Entschlossenheit", sagte Roland Claus, 1. Sekretär der Bezirksleitung. Notwendig sei eine erneuerte SED mit neuem Programm. Der Staatsbürgerkundelehrer Michael Ebert sprach sich für Ehrlichkeit aus. Er selbst habe stets auf die Fragen seiner Schüler geantwortet, auch wenn von "oben" noch keine Antworten gegeben wurden.

Demonstriert wird in Herzberg.

Do. 23.11.
In Erfurt wird demonstriert.

Fr. 24.11.
In mehreren Städten in der DDR wird demonstriert. U.a. in Dessau und Gotha.

Sa. 25.11.
In Plauen versammelten sich auch an diesem Sonnabend trotz Schnee und Kälte wieder rund 5 000 Bürger zu einer friedlichen Demonstration durch die Innenstadt. Auf Plakaten und Transparenten wurde erstmals häufig der Wille von Demonstranten nach "Wiedervereinigung" der beiden deutschen Staaten geäußert. Vor der SED-Kreisleitung riefen sie die Funktionäre auf, von ihren Ämtern abzutreten und eine Arbeit in Betrieben aufzunehmen. Eine mehrfach erhobene Forderung war die nach Wahl der Betriebsdirektoren.

Etwa 200 Berliner protestierten am Sonnabendvormittag vor der Ständigen Vertretung der BRD in der Hannoverschen Straße gegen den Schutz neofaschistischer Skinheads, die Verfolgung von Antifaschisten und den Tod einer antifaschistischen Demonstrantin am 17. November durch die Göttinger Polizei. Bei der Mahnwache, zu der eine Berliner Antifa-Gruppe aufgerufen hatte, wurden Protestschreiben verteilt und Kerzen angezündet. In Sprechchören und auf Plakaten forderten die Demonstranten Solidarität mit den Antifaschisten und das Verbot aller neofaschistischen Organisationen in der BRD.

So. 26.11.
In Jena wird eine Kundgebung abgehalten, auf der sich neue Gruppen und Parteien vorstellen.

Mo. 27.11.
Schwarz-rot-goldene Fahnen ohne DDR-Emblem und Rufe "Deutschland einig Vaterland" bestimmen Bild und Inhalt der Leipziger Montagsdemonstration, an der sich etwa 200 000 Menschen beteiligen.

In Leipzig kommt es zu einer "kleinen" Demonstration, die sich bewusst von der "großen" Demonstration absetzen will. So von der Parole "Deutschland einig Vaterland". Hier wird die Beseitigung noch vorhandener Machtstrukturen und die Selbstverwaltung der Betriebe gefordert.

In Bernburg (Saale) ziehen die Demonstranten vors Rathaus und vor die MfS-Kreisdiensstelle.

In Pritzwalk demonstrieren rund 250 Menschen. "Stasi in den Tagebau" ist eine der Parolen.

Di. 28.11.
In Parchim kommt es zu einer Demonstration organisiert vom Neuen Forum.

Mi. 29.11.
Mehrere tausend Frankfurter beteiligten sich gestern Abend an einer vom Neuen Forum angemeldeten Demonstration zum Bezirksamt für Nationale Sicherheit. In einer Resolution, die ein Sprecher der Initiativgruppe vor dem Amt verlas, wurden der Leiter der, Bezirksbehörde und der Kreisstaatsanwalt aufgefordert bis zum 10. Dezember mit einer Kommission des Neuen Forums zu sprechen. Ferner wurde die Forderung erhoben, Strukturen und finanzielle Mittel des Amtes offenzulegen sowie im Rahmen der Gespräche der Kommission eine Besichtigung aller Anlagen des Amtes zu ermöglichen.

Weitere Demonstrationen gab es in Ilmenau und Limbach-Oberfrohna.

Ihre Entschlossenheit, für eine grundlegend erneuerte SED mit neuem Programm und neuem Statut einzutreten, bekundeten am Mittwochabend weit über 10 000 SED-Mitglieder der Messestadt während einer Manifestation auf dem Dimitroff-Platz. Noch vor dem Parteitag müsse die ganze Schuld der ehemaligen Führung, ihr an Partei und Volk verbrecherisches Handeln offengelegt und die strafrechtliche Verfolgung der dafür Verantwortlichen eingeleitet werden, forderte Thomas Bonesky, 1. Sekretär der SED-Stadtleitung.

Auch sei es erforderlich, die inhaltlichen Fragen der künftigen Parteiarbeit in einem Diskussionspapier vorzulegen. Während der Diskussion, zu der rund 50 Wortmeldungen vorlagen, sprachen sich zahlreiche Redner gegen eine Wiedervereinigung aus und bekannten sich dazu, die DDR als sozialistische Alternative zur BRD zu erhalten. Aus diesem Grunde setzten Hunderte Teilnehmer der Manifestation ihren Namenszug unter den Appell "Für unser Land". Unter den Teilnehmern war auch Dr. Roland Wötzel 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung.
(Neues Deutschland, Do. 30.11.1989)

Do. 30.11.
In Erfurt demonstrieren rund 10 000 Menschen. Demonstriert wird auch in Rostock.


Alle Angaben sind Auszüge aus den Chronikseiten November 1989 www.ddr89.de. Es wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben. Die Teilnehmerzahlen sind mit Vorsicht zu genießen. Niemand war in der Lage sie zu zählen.

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