DDR 1989/90Brandenburger Tor


So. 5. November 1989


Die Gründungsinitiative für eine Grüne Partei in der DDR veröffentlicht einen Aufruf.

Ihrer Sorge um die Erhaltung der natürlichen Umwelt gaben gestern Abend mehr als 10 000 Bürger bei einer Demonstration in Dresden Ausdruck. Ihr Weg führte sie durch die Stadt zum Rat des Bezirkes und zum Rathaus der Elbestadt, wo Vertreter kirchlicher Arbeitskreise Petitionen mit Vorschlägen zur "ökologischen Erneuerung" in der DDR und in Dresden sowie ihre Position zum geplanten Bau eines Reinstsiliziumwerkes in Dresden übergaben. Die offizielle Mitteilung, dass dieser von vielen Bürgern Dresdens mit Sorge und Ablehnung bedachte Bau nicht erfolgen wird, hatte zuvor bei einem Fürbitt- und Dankgottesdienst in der überfüllten Kreuzkirche stürmischen Beifall gefunden.
(Berliner Zeitung, Mo. 06.11.1989)

Auf Demonstrationen und Meetings gaben am Wochenende Zehntausende Bürger ihrem Willen nach politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Veränderungen Ausdruck.

Mehrere tausend Demonstranten zogen durch das Zentrum von Arnstadt und forderten u. a. die Zulassung des "Neuen Forum".

Auch in Plauen und mehreren Städten des Bezirkes Schwerin kam es zu Demonstrationen.

Mehr als 15 000 Dresdner Bürger trafen sich vor dem Hygiene-Museum. Sie formierten sich zu einem Demonstrationszug und brachten den Straßenverkehr zum Erliegen.
(Berliner Zeitung, Mo. 06.11.1989)

Rostock. Den Abschluss einer Serie von 14 Foren mit 12 000 Teilnehmern bildete am Sonntag in der Rostocker Sport- und Kongresshalle ein öffentliches Gespräch über "Parteienpluralismus und Bürgermitbestimmung". Dabei diskutierten Bezirksvorsitzende der im demokratischen Block vereinten Parteien sowie Vertreter von FDJ und DFD mit über 800 Rostocker Bürgern. In vorangegangenen Foren war über Stadtentwicklung, Umweltschutz, Wohnungspolitik, Jugend-, Medien- und Informationspolitik, Versorgung, Gesundheitswesen, Handwerk u. a. gesprochen worden.

Karl-Marx-Stadt. Das Verlangen nach einem Volksentscheid zur Verfassung, nach einem neuen Wahlgesetz und der Zulassung des "Neuen Forums" bestimmte am Sonntag in der Mensa der Technischen Universität Karl-Marx-Stadt die Atmosphäre. Rund tausend Bürger hatten sich dort zu einer umfassenden Aussprache zusammengefunden.
(Neues Deutschland, Mo. 06.11.1989)

Ob große Säle und Plätze der richtige Ort für einen konstruktiven Dialog sind, sei fraglich, sagte Christa Zellmer, 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Frankfurt (Oder), nach einem mehrstündigen Treffen mit dem Frankfurter Bürgerkomitee "Neues Forum" bei einem Pressegespräch.

Das "Neue Forum" billige nicht, dass Berlin besser versorgt werde als Frankfurt und die Bezirksstadt besser als die Kreisstädte, legte Rolf Rüdiger Henrich dar. Schnell machbar sei seiner Ansicht nach auch ein kleiner Grenzverkehr nach Polen und Berlin (West).

Die Zulassung des "Neuen Forums" hänge aber letztlich von der Entscheidung des Innenministeriums ab, betonte der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung.
(Neue Zeit, Mo. 06.11.1989)

Im Zeitraum vom 30. Oktober bis 5. November 1989 fanden ca. 230 politisch geprägte Veranstaltungen mit fast 300 000 Teilnehmern in kirchlichen Räumen statt. Das ist eine wesentliche Zunahme sowohl von der Anzahl her als auch hinsichtlich der Beteiligung gegenüber der Vorwoche. Insbesondere in den Südbezirken Gera, Karl-Marx-Stadt und Erfurt ist eine territoriale Ausweitung solcher Veranstaltungen von den Bezirksstädten auf Kreisstädte und Gemeinden zu verzeichnen.

Im Ergebnis sowohl des anhalten Drucks von Kräften aus Sammlungsbewegungen als auch der Fortführung des Dialogs kam es in der Woche vom 30. Oktober bis 5. November 1989 ebenfalls zu einer Ausweitung öffentlicher Demonstrationen und Massenansammlungen in allen Bezirken der DDR und der Hauptstadt Berlin. Bei gestiegener Anzahl solcher Veranstaltungen hat sich die Zahl der daran teilnehmenden Personen verdreifacht. Nach vorliegenden Hinweisen beteiligten sich über 1,35 Millionen Menschen an mehr als 210 Demonstrationen, Kundgebungen u.ä. Veranstaltungen (Vorwoche: 145/über, 540 000 Teilnehmer).
(MfS, ZAIG, Nr. 496/89, 07.11.1989)

Die 32. Zentrale Messe der Meister von morgen und die 11. Leistungsschau der Studenten und jungen Wissenschaftler wurden gestern in Leipzig eröffnet.

Die Aussteller begrüßten die Entscheidung der Veranstalter, die für die Produktion oder Forschung unentbehrliche Technik in den Betrieben und Einrichtungen zu belassen und nicht auszustellen. Die Messeleitung hatte außerdem dem Ministerium für Gesundheitswesen empfohlen, Ärzte und Schwestern, die Exponate betreuen sollten, nicht aus ihren medizinischen Einrichtungen abzuziehen. Wie Günter Bohn, Sekretär des FDJ-Zentralrates, gegenüber ADN mitteilte, habe das Ministerium jedoch eine gegensätzliche Entscheidung getroffen. Antwort auf herangereifte Fragen der Zeit wurde in rund 70 Gesprächsrunden gesucht. Gefordert wurde, der MMM-Bewegung jeglichen Formalismus zu nehmen.
(Berliner Zeitung, Mo. 06.11.1989)

Für eine "Begrenzung des Zuzugs deutschstämmiger Aussiedler aus dem Osten" hat sich der saarländische Ministerpräsident und stellvertretende SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine ausgesprochen. In einem Interview für die Illustrierte "Bunte" sagte der SPD-Politiker, es sei "unverantwortlich, Menschen zu uns zu locken, die hier keine Wohnung und keine Arbeit haben". Die Bundesrepublik sei nicht unbegrenzt aufnahmefähig für Aus- und Übersiedler. "Wenn wir unsere eigene Bevölkerung überfordern, treiben wir sie den Republikanern zu", betonte er.

Auf die zugespitzten Probleme, die sich mit der Aufnahme von immer mehr Übersiedlern aus der DDR ergeben, machte am Wochenende auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident und stellvertretende SPD-Vorsitzende Johannes Rau aufmerksam. Die Bundesrepublik sei überhaupt nicht darauf vorbereitet, wenn jetzt DDR-Bürger mit Passen in den Westen kämen und in der Bundesrepublik blieben. "Dann entstehen Probleme, von denen sich manche in Bonn überhaupt noch keine Vorstellung machen.

Der DGB-Vorsitzende Ernst Breit hat die Übersiedler aus der DDR vor Illusionen über die Realität der BRD gewarnt. Auf einem Gewerkschaftskongress am Sonntag in Mannheim sagte Breit, den Menschen, die in die Bundesrepublik kommen, müsse deutlich gesagt werden, "dass unser Teil Deutschlands kein Paradies ist, dass sie hart um wirtschaftlichen Wohlstand und soziale Sicherheit kämpfen müssen und dass sich viele unserer Mitbürger nicht gerecht behandelt fühlen und damit neue, schwierige politische Probleme auf uns zukommen, die nicht so leicht zu lösen sind".
(Neues Deutschland, Mo. 06.11.1989)

Nach einem Gottesdienst kommt es in Ueckermünde zu einer Demonstration.

In Guben findet eine öffentliche Anhörung zum örtlichen Polizeieinsatz am 07.10. gegen sich am Wilhelm-Pieck-Denkmal versammelte statt.

Nach einem Bericht des Ministeriums für Staatssicherheit sind im Zeitraum 01.01. bis 05.11.1989 nach genehmigten Privatreisen ins nichtsozialistische Ausland 10 437 Personen nicht in die DDR zurückgekehrt.

Verbunden mit einer Veranstaltung in der Berliner Sophienkirche wird der Bezirksverband Berlin der SDP gegründet.

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