DDR 1989/90Brandenburger Tor


Mi. 1. November 1989


Tausende Bürger der DDR haben am Mittwoch die Grenzübergänge zur ČSSR passiert. Ab Mitternacht war die zeitweilige Aussetzung des pass- und visafreien Verkehrs aufgehoben. Schon bis in die Nachmittagsstunden reisten rund 8 000 Bürger in das Nachbarland.
(Neues Deutschland, Do. 02.11.1989)

In mehreren Städten der DDR demonstrierten auch am Mittwochabend zahlreiche Bürger. In Neubrandenburg schlug Oberbürgermeister Dr. Heinz Hahn vor rund 20 000 Demonstranten vor, Initiativgruppen interessierter Bürger bei den ständigen Kommissionen zu bilden. Mehrere zehntausend Menschen formierten sich in Frankfurt (Oder) zu einem Zug durch die Innenstadt und hielten anschließend auf dem zentralen Platz eine Kundgebung ab. Auch in Freital und Ilmenau fanden Demonstrationen statt.
(Neues Deutschland, Do. 02.11.1989)

Der Vorsitzende des Zentralvorstandes der IG Metall im FDGB, Gerhard Nennstiel, tritt von seiner Funktion zurück. In einer Erklärung des Sekretariats des Zentralvorstandes der Industriegewerkschaft Metall heißt es dazu, das Sekretariat des Zentralvorstandes der IG Metall habe am Mittwoch mit großer Bestürzung durch einen Artikel in der "Berliner Zeitung" "über den Umfang und das Ausmaß des Eigenheimbaues des Vorsitzenden des Zentralvorstandes der IG Metall, Kollegen Gerhard Nennstiel, Kenntnis erhalten". Die mit diesem Artikel der Gewerkschaft und der Öffentlichkeit bekanntgewordene Problematik berühre das Sekretariat in außerordentlich tiefem Maße. "Damit wurde das Vertrauensverhältnis zwischen den Mitgliedern und dem Vorsitzenden erheblich belastet. Im Interesse des Vertrauens der Mitglieder der IG Metall zu ihrer zentralen Leitung und ihrer Glaubwürdigkeit hat das Sekretariat des Zentralvorstandes mit Kollegen Nennstiel eine gründliche Beratung durchgeführt. In dieser Beratung nahm Kollege Nennstiel zu diesen Vorwürfen Stellung und gab eine Erklärung ab. Das Sekretariat des Zentralvorstandes billigte den Antrag des Kollegen Nennstiel zur Entbindung von der Funktion des Vorsitzenden des Zentralvorstandes der IG Metall und beschloss, dazu eine Sondersitzung des Zentralvorstandes der IG Metall für den 7. November 1989 einzuberufen. Das Sekretariat habe veranlasst, dass durch die zuständigen staatlichen Organe eine Untersuchung aller Umstände erfolgt und die Ergebnisse öffentlich bekannt gemacht werden.
(Neues Deutschland, Do. 02.11.1989)

Der Bundesvorstand des FDGB setzt seine 10. Tagung, die am Montag begann, nicht wie ursprünglich beschlossen am 17. November, sondern bereits am Donnerstag dieser Woche fort. Der Vorsitzende des FDGB-Bundesvorstandes, Harry Tisch, hat mitgeteilt, er werde auf dieser Sitzung seinen Rücktritt erklären. In Erklärungen und Stellungnahmen an den Bundesvorstand, die der Presse, so auch dem ND am Dienstag übermittelt wurden, hatten zahlreiche Gewerkschafter namens ihrer Kollektive gegen die Vertagung dringend erforderlicher Entscheidungen, wie zum Beispiel über die von Harry Tisch gestellte Vertrauensfrage, protestiert. Im Interesse der Erhaltung der Einheitsgewerkschaft wurde unter anderem gefordert, die Bundesvorstands-Tagung unverzüglich fortzusetzen.
(Neues Deutschland, Mi. 01.11.1989)

Disput am gestrigen Mittwochabend über Wirtschaftsreformen, namentlich zur Planung, im Stammbetrieb des Kombinats VEB Kabelwerk Oberspree "Wilhelm Pieck". Disput von Kabelwerkern mit Gerhard Schürer Kandidat des Politbüros und Vorsitzender der Staatlichen Plankommission.
(Neues Deutschland, Do. 02.11.1989)

Oberbürgermeister Erhard Krack, Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann und der Vorsitzende der Gewerkschaft Kunst, Herbert Bischoff, haben den folgenden Aufruf unterzeichnet:

Liebe Bürgerinnen und Bürger der Hauptstadt!

Am 4.11.1989 führen Berliner Kunst- und Kulturschaffende in Ausübung ihrer demokratischen Rechte eine Demonstration durch. Gemeinsam mit anderen Werktätigen der Hauptstadt wollen sie für eine DDR als sozialistischen Rechtsstaat eintreten, der die Rechte und Meinungen seiner Bürger schützt und ihnen entspricht. Das war und ist auch Gegenstand vieler Gespräche in Berlin, ja, im ganzen Land.

Diese Volksaussprache ist Ausdruck eines Prozesses der Veränderung und Erneuerung unserer sozialistischen Gesellschaft, die es vor allem durch konkrete Taten zu untermauern gilt. Viel wird davon abhängen, mit welcher Konsequenz, aber auch mit welcher Sachlichkeit und Besonnenheit wir diesen Prozess weiterführen.

Die am 29.10.1989 in Berlin begonnenen Sonntagsgespräche sind nur ein Beispiel dafür.

Wir rufen alle Bürgerinnen und Bürger auf, durch ihr Verhalten am 4.11.1989 dafür Sorge zu tragen, damit diese friedliche Manifestation ihrem Grundanliegen gerecht werden kann, damit der Geist dieser Initiative nicht durch Provokation und Gewalt gestört wird.
(Neues Deutschland, Do. 02.11.1989)

Als unmittelbare Reaktion auf eine Anfrage beim ersten Berliner Sonntagsgespräch gründen die Freidenker der DDR einen Interessenverband für Rollstuhlfahrer. Das wurde vom Zentralvorstand des Verbandes mitgeteilt.
(Berliner Zeitung, Do. 02.11.1989)

Seine dreitägigen Beratungen begann am Mittwoch in Berlin der VII. Philosophie-Kongress der DDR. Er gehe zeitlich mit einer tiefen Zäsur im Entwicklungsprozess der sozialistischen Gesellschaft unseres Landes einher, stellte Prof. Dr. Alfred Kosing, Präsident der Vereinigung der Philosophischen Institutionen der DDR, in seiner Eröffnungsansprache fest.
(Neues Deutschland, Do. 02.11.1989)

Geht die Erneuerung an uns Frauen vorbei? Link zu einem Bericht dazu

Auf der Pressekonferenz in Moskau sagt Egon Krenz: "Also hier muss ich Genossen Gorbatschows Politik verteidigen und sagen, alles was sich in der DDR vollzogen hat, ist das Ergebnis der Arbeit des Politbüros und des Zentralkomitees meiner Partei."

Genossen in der Nähe des Mikrofons platzieren, in Reden Konzentration auf kleine Problem, damit größere nicht angesprochen werden können, Beschallung und Schutz der Demonstration durch die Volkspolizei, sind Überlegungen, die im Vorfeld der Demonstration bei der SED-Bezirksleitung Neubrandenburg angestellt wurden.

In Neubrandenburg ziehen die Demonstranten durch die Innenstadt. Kundgebung auf dem Karl-Marx-Platz.

Demonstrationen gibt es auch in Halberstadt, Neustrelitz, Pasewalk und Penzlin.

In Potsdam-Babelsberg findet eine Kundgebung der Gruppe "Kontakte" statt. Es wird auch zur Demonstration am 04.11. aufgerufen.

Leipziger Bürgerinnen und Bürger verhindern am Morgen den Abbau der erst vor wenigen Tagen aufgestellten Litfaßsäule mit dem Schriftzug "Dialog am Karl-Marx-Platz".

Die Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe tagt in Strausberg bei Berlin.

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