DDR 1989/90Brandenburger Tor

Impressum


So. 29. Oktober


Rund 22 000 Berlinerinnen folgen der Einladung von Oberbürgermeister Erhard Krack zu Sonntagsgesprächen unter freiem Himmel vor dem Roten Rathaus und in der Kongresshalle am Alexanderplatz. Wie aus dem umfassenden Bericht der "Berliner Zeitung" (30. 10. 1989) hervorgeht, wird auf dieser vierstündigen, "in Berlin bislang einmaligen Veranstaltung" ein "hitziger Dialog" zwischen der hauptstädtischen Bevölkerung und "Repräsentanten der Berliner Bezirksorganisationen aller Parteien, unter ihnen SED-Politbüromitglied Günter Schabowski, der Oberbürgermeister und weitere Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft, von Massenorganisationen und Medien, Staatsanwaltschaft und Volkspolizei" geführt.

Themen, Fragen und Antworten, die sowohl sachlich als auch stark emotional vorgetragen werden und teils von Beifall, teils von Buh-Rufen begleitet sind, betreffen u. a.:

Infragestellung der führenden Rolle der SED, denn sie habe doch die gesellschaftliche Krise zu verantworten; Erwartungen, dass von Verantwortlichen verschiedener Partei- und staatlicher Ebenen persönliche Konsequenzen für fehlerhafte Politik gezogen werde; es sei zu bezweifeln, dass nur zwei, drei Leute schuld an der Situation im Lande hätten; Forderungen nach Rücktritt der Volksbildungsministerin Margot Honecker und von Staatssicherheitsminister Erich Mielke; Festlegung einer Altersgrenze für SED-Politbüromitglieder; Einführung des Rotationsprinzips; Erwartung einer offiziellen Entschuldigung seitens der Polizei und Sicherheitskräfte für ihr Vorgehen gegen Demonstranten am 7.und 8. Oktober; Einsetzung eines unabhängigen Ausschusses zur Untersuchung jener Ereignisse; Abbau von Privilegien; Umwandlung der Wohnsiedlung Wandlitz der SED-Politbüromitglieder in ein Ferienheim; Offenlegung der Deviseneinnahmen und -ausgaben des Staates; Wahlgesetzgebung; Mauer; Reisen; Intershop; Aufgaben der anderen Blockparteien und ihre Verantwortungen; Absetzung des "Schwarzen Kanals" von Karl-Eduard von Schnitzler im DDR-Fernsehen; ziviler Wehrersatzdienst; Zustand im Gesundheitswesen; Ablehnung jetzt plötzlich auftauchender "Wendehälse"; in FDGB-Heimen sollen reservierte Etagen für den Feriendienst freigegeben werden; Information über die Finanzen des FDGB und ihre Handhabung; Zulassung des Neuen Forum und anderer neu entstehender BürgerInnenbewegungen; Zulassung von Opposition; Schluss mit der Gängelei von Lehrern und Schülern, mit der Erziehung zu Doppelzüngigkeit und Zensurenhascherei; Verwirklichung der Steuergleichheit auch für das Handwerk; Wert und Unwert von Demonstrationen; Rechtsstaatlichkeit und Rechtssicherheit für alle BürgerInnen.

Berlins Oberbürgermeister Krack, SED-Politbüromitglied und 1. SED-Bezirkssekretär von Berlin, Schabowski, treffen auf Einladung von Konsistorialpräsident Manfred Stolpe mit dem Regierenden Bürgermeister von Berlin (West), Walter Momper, Vorsitzender der SPD von Berlin (West), zu einem Gespräch zusammen. Momper trifft anschließend in einer Privatwohnung mit Vertretern des Neuen Forum und anderer BürgerInnenbewegungen zusammen.

Zu einem "Dialog am Karl-Marx-Platz" finden sich Tausende Leipziger im Opernhaus, im Gewandhaus und in zwei Hörsälen der Universität ein. Die kontrovers geäußerten Meinungen zielen auf die Beantwortung der Frage "Wie weiter in der DDR?"

bis hier aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR, 2. Folge, 1. Auflage, Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990 ISBN 3-7303-0594-8

Auch in Karl-Marx-Stadt findet eine Diskussionsveranstaltung statt.

In Waren (Müritz) findet eine Demonstration statt.

Auf dem Hauptmarkt in Gotha findet eine Kundgebung statt.

Im evangelischen Königin-Elisabeth-Krankenhaus in Berlin-Lichtenberg wird die am 1. Oktober von der Stasi verhinderte Gründung des Demokratischen Aufbruch (DA) fortgesetzt. Es wird beschlossen den DA bis spätestens zum 1. Mai 1990 in eine Partei umzuwandeln. Als Vorsitzender wurde Wolfgang Schnur und zu seinen Stellvertretern Brigitta Kögler und Ehrhart Neubert gewählt. Pressesprecher wird Rainer Eppelmann.

Mitglieder des Neuen Forum treffen mit Mitgliedern der SDP und der SPD in Berlin zusammen.

Eine Basisgruppe des Neuen Forum wird in Finsterwalde gegründet. Es werden Arbeitsgruppen gebildet.