DDR 1989/90Brandenburger Tor

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So. 22. Oktober


500 Bürger Leipzigs treffen sich im Gewandhaus zu einem Gesprächsforum, zu dem Gewandhauskapellmeister Prof. Kurt Masur, der Theologe Dr. Peter Zimmermann, der Kabarettist Bernd-Lutz Lange und die Sekretäre der SED-Bezirksleitung Dr. Kurt Meier, Jochen Pommert und Dr. Roland Wötzel eingeladen haben. Die sechs Leipziger Persönlichkeiten hatten sich am 9. Oktober 1989 mit einem Aufruf an die Demonstranten im Zentrum der Stadt gewandt, Ruhe und Besonnenheit zu bewahren und in einem Dialog über die zu lösenden Fragen einen Konsens zu finden.

Das Gesprächsforum, das drei Stunden währt, Auftakt für weitere Sonntagsgespräche sein soll, unterbreitet Vorschläge und Forderungen, die darauf abzielen, den eingeleiteten Erneuerungsprozess unumkehrbar zu machen. Neue Mechanismen der Machtausübung werden verlangt, die garantieren, dass Entscheidungen nie mehr am Volk vorbei gefällt werden können. Die von Leipzig ausgehenden Impulse zum Umbruch in der DDR sollen auch Signale sein, entscheidende Verbesserungen der Lebensqualität in der Stadt, im Bezirk und im ganzen Land herbeizuführen.

In Rostock demonstrieren nach Angaben des Neuen Forum 18 000 Menschen.

Die sowjetische Gewerkschaftszeitung "Trud" veröffentlicht einen Bericht ihres DDR-Korrespondeten, in dem es u. a. heißt:

"Es muss angemerkt werden, dass die Mehrheit der Bevölkerung und der Kommunisten (...) die gefassten Beschlüsse (Gemeint sind die Beschlüsse der 9. Tagung des SED-Zentralkomitees vom 18. 10. 1989. Siehe Neue Chronik DDR, 1. Folge. - Anm. d. Autors) erwartet hat und sie unterstützt. In der Republik hatten sich Probleme in der ökonomischen, der gesellschaftlichen sowie der sozialen Sphäre angestaut, lange Jahre jedoch wurden immer nur Erfolge beim Aufbau des Sozialismus 'in den Farben der DDR' hervorgehoben. (...) Großen moralischen und materiellen Verlust brachte die letzte Welle der illegalen Ausreise Zehntausender von DDR-Bürgern in die BRD (...). Viele Vorwürfe gingen an die Adresse der Massenmedien, die sich, so scheint es, mit einer Wand ohne Fenster und Türen von den Lebensrealitäten abgrenzten und die laufenden Erfolge und die übererfüllten Pläne ausposaunten. (...) Das geschah nicht deshalb, weil die hiesigen Journalisten nicht das Leben kannten oder etwa nicht ihr Handwerk verstanden. Nein. Die Kollegen aus der DDR waren, wie einst bei uns, durch Befehle von oben gezwungen, nicht das zu schreiben, was ist, sondern das, was man sehen wollte. (...)"

(Trud, Moskau, 22.10.1989, "DDR: Frischer Wind der Erneuerung", n. d. Übers. d. Autoren)

In einem Papier fordert die LDPD u. a. die Zulassung des Neuen Forum und erklärt sich bereit, Mitglieder dieser Bürgerbewegung aufzunehmen und "auf eigenen Listen kandidieren" zu lassen.

bis hier aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR, 2. Folge, 1. Auflage, Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990 ISBN 3-7303-0594-8

In München findet eine Podiumsdiskussion unter dem Motto "Deutschland einig Vaterland" J.R. Becher statt.