DDR 1989/90Brandenburger Tor

Impressum


Sa. 14. Oktober


In den Medien der DDR wird ein breites Echo zur Erklärung des Politbüros der SED veröffentlicht. Weitere Mitglieder des Politbüros und Minister der Regierung gehen in Betriebe und suchen den Dialog. In einem Presseinterview erklärt SED-Politbüromitglied und FDGB-Vorsitzender Harry Tisch u. a.:

"(...) ich sage hier ganz offen, man kann mit Arbeitern über alles reden. Ich sage aber ebenso deutlich, dass das Klima gegenwärtig sehr angespannt ist, es ist ein anderes geworden. Die Stimmung unter den Kollegen hat sich verändert. Darauf müssen wir reagieren. Wenn wir das nicht tun, machen es andere. Hinzu kommt, dass viele gute und fleißige Kollegen, mit denen ich gesprochen habe, ungeduldig werden. Sie spitzen manche Probleme zu und möchten möglichst schon morgen alles gelöst sehen. Ein verständlicher Erwartungsdruck ist da entstanden. Deshalb müssen wir zwar auch zügig, aber vor allem gründlich überlegen, was wir sofort verändern können und was nicht. Wir sind in einer Lage, die Entscheidungen fordert, aber großes Verantwortungsgefühl verlangt.
(JW, 16.10.1989)

Nach eigenen Angaben hat das Neue Forum bislang rund 25 000 Unterschriften für seine Zulassung gesammelt. In einzelnen Fällen seien Unterschriftensammler zu Geldstrafen verurteilt worden.

Der Vorsitzende der NDPD, Prof. Dr. Heinrich Homann, erklärt gegenüber dem Parteiorgan "National-Zeitung" u. a. zur Position seiner Partei:

"(...) Für uns gilt: Die Deutsche Demokratische Republik ist ein Gemeinschaftswerk aller Klassen und Schichten, und die NDPD tritt dafür ein, das von der Arbeiterklasse und ihrer Partei geführte Bündnis, diesen bislang beispiellosen nationalen Zusammenschluss in Gestalt des Mehrparteiensystems, des Demokratischen Blocks, der Nationalen Front und der Volksvertretungen, zu festigen, noch effektiver zu machen. Dabei wissen wir uns eins mit allen Mitgliedern, die bei allem, was sie für den Sozialismus in unserem Lande an Gutem und Anerkanntem leisten, stets die Handschrift ihrer Partei erkennen lassen, die ihr Eigenständiges als Bereicherung für das Ganze einbringen, wozu außer Wissen und Können, der festen Verbundenheit mit unserer Partei, außer einem gesunden Selbstvertrauen auch Beherztheit und Durchsetzungswillen nötig sind. (...) Von Angriffen der Feinde waren wir zu keiner Zeit geschont, aber unsere Partei war in der Härte des Kampfes in ihren Grundsätzen nie zu beugen. Eine klare Bündnishaltung vertritt sie stets ohne Wenn und Aber. Und auf den Schulterschluss aller Demokraten kommt es in dieser Zeit besonders an. (...)" Zu den mit neuem Anspruch auf der Tagesordnung stehenden Fragen, die einer Klärung bedürfen, zählt Homann Warenangebot, Dienstleistungen, Material- und Ersatzteilversorgung, Umweltschutz, Reisemöglichkeiten, konsequente Anwendung des Leistungsprinzips, Ausfüllen vieler ungenutzter Freiräume sozialistischer Demokratie, größere Konsequenz bei der Handhabung sozialistischer Gesetzlichkeit.
(Nat.Z. 14.10.1989)

bis hier aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR 1. Folge 2. Auflage Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990 ISBN 3-7303-0582-4

In den Räumen der Kirche von Unten in Berlin-Mitte findet das erste überregionale Treffen, Treff der Kontaktadressen der Bezirke, des Neuen Forum statt. Der ursprüngliche Treffpunkt, die Sophienkirche war von der Staatssicherheit abgesperrt. Die 109 Vertreter aus allen Bezirken berichten von einem enormen Zuspruch in der DDR-Bevölkerung. Nach einer Aussage von Bärbel Bohley kamen rund um die Uhr zu ihr Leute.

Bis zur republikweiten Delegiertenkonferenz soll es eine provisorische Struktur geben. Auf der Bezirksebene sollen sich Sprecherräte bilden, diese bilden den republikweiten Sprecherrat. Gesprochen wird über eine Zeitungsgründung. Die Diskussion über die führende Rolle der SED, ideologische Fragen usw. wird mit Mehrheitsbeschluss abgebrochen.

Das Treffen diente auch dazu sich gegenseitig zu stärken, sagte Bärbel Bohley später über das Treffen. Als Termin für das nächste Treffen wird der 11.11.1989 festgelegt.

In Potsdam findet in den Gemeinderäumen der Erlöserkirche das 4. Regionaltreffen "Konkret für den Frieden" statt. Thema war "Aufbruch oder Krise?".

Erster Tag des zweitägiges DDR-weites Treffen der SDP nach ihrer Gründung in Markus Meckels Pfarrhaus in Niederndodeleben.

Im Westfernsehen meint Wolf Biermann über die DDR Bürger, "was sie stört ist nicht, dass sie nicht genug zu fressen kriegen, sondern dass sie einen Maulkorb tragen. Das ist der Punkt. Und wenn sie frei sagen könnten was sie denken und fühlen, wenn sie sich nicht wie Leibeigene bewegen müssten, wenn sie nicht eingesperrt wären in ihr eigenes Land, dann würden sie lachen über die wirtschaftlichen Probleme, die ein im Grunde, ich habe es selbst erlebt in der DDR, nur sozusagen Ersatzweise ärgern."

In Warschau wird mit der DDR vereinbart, dass ab Montag für die ausreisewilligen DDR-Bürger, die sich in Polen aufhalten, Ausreisepapiere ausgestellt werden.

Δ nach oben