DDR 1989/90Brandenburger Tor


Sa. 14. Oktober 1989


Am 13. und 14. Oktober weilte der Stellvertreter des Ministers für Auswärtige Angelegenheiten der DDR Harry Ott in Warschau. Er führte Konsultationen mit dem Staatssekretär im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der VR Polen Bolestaw Kulski und wurde von Außenminister Krzysztof Skubiszewski empfangen.

Während der Gespräche machte sich die polnische Seite - wie die polnische Nachrichtenagentur PAP berichtet - unter anderem mit den Vorschlägen der DDR bezüglich einer humanitären Lösung des Problems von in Warschau weilenden DDR-Bürgern bekannt, die in die BRD ausreisen wollen. Mit Befriedigung nahm die polnische Seite die Entscheidung der DDR auf, wonach die daran interessierten DDR-Bürger in kürzest möglicher Frist in der DDR-Botschaft in Warschau entsprechende Dokumente erhalten können, die zur Ausreise in ein beliebiges Drittland berechtigen.
(Neue Zeit, Mo. 16.10.1989)

In den Räumen der Kirche von Unten in Berlin-Mitte findet das erste überregionale Treffen, Treff der Kontaktadressen der Bezirke, des Neuen Forum statt. Der ursprüngliche Treffpunkt, die Sophienkirche war von der Staatssicherheit abgesperrt. Die 109 Vertreter aus allen Bezirken berichten von einem enormen Zuspruch in der DDR-Bevölkerung. Nach einer Aussage von Bärbel Bohley kamen rund um die Uhr zu ihr Leute.

Bis zur republikweiten Delegiertenkonferenz soll es eine provisorische Struktur geben. Auf der Bezirksebene sollen sich Sprecherräte bilden, diese bilden den republikweiten Sprecherrat. Gesprochen wird über eine Zeitungsgründung. Die Diskussion über die führende Rolle der SED, ideologische Fragen usw. wird mit Mehrheitsbeschluss abgebrochen.

Das Treffen diente auch dazu sich gegenseitig zu stärken, sagte Bärbel Bohley später über das Treffen. Als Termin für das nächste Treffen wird der 11.11.1989 festgelegt.

Nach einer Aussage Martin Gutzeits soll Manfred Stolpe versucht haben das landesweite Treffen des Neuen Forum in kirchlichen Räumen in Berlin zu verhindern.
(Martin Gutzeit, Helge Heidemayer, Bettina Tüffers (Hg.): Opposition und SED in der Friedlichen Revolution. S. 160)

Im Stammbetrieb des Magdeburger Schwermaschinenbaukombinates "Ernst Thälmann" sprach Werner Eberlein, Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees der SED und 1. Sekretär der Bezirksleitung, mit Stahlwerkern. Sie brachten ihre Meinung zu der von der Erklärung des Politbüros des Zentralkomitees der SED ausgelösten und geförderten Diskussion vor dem Parteitag zum Ausdruck. Die Werktätigen betonten, dass sie konstruktiv über wunde Stellen sprechen wollten. Dazu gehöre die Durchsetzung des Leistungsprinzips, was die Ausnutzung der Arbeitszeit als Leistungszeit einschließe. Angesprochen wurde auch das Problem der Reisemöglichkeiten. Die Arbeiter bemängelten, daß in den vergangenen Monaten auf zahlreiche ihrer Fragen in den Medien kaum Antworten gegeben wurden.
(Berliner Zeitung, Mo. 16.10.1989)

Mit Kumpeln im Tagebau Berzdorf des VEB Braunkohlenwerk Oberlausitz sprach der Minister für Kohle und Energie, Dr. Wolfgang Mitzinger. Zu den aktuellen Fragen, die zur Zeit in den Tagebau-Kollektiven diskutiert werden, gehören neben den Problemen des Alltags vor allem die Ereignisse der letzten Tage. Wie Arbeiter sagten, seien gerade hier im Dreiländereck die neuen Bestimmungen zum Reiseverkehr in die ČSSR umstritten. Auch Versorgungsmängel trügen zu schlechter Stimmung bei. Zu einem Disput zwischen Bergarbeitern und Minister kam es, als die Frage erörtert wurde, wie man sich gegenüber denjenigen verhalten solle, die die DDR verlassen.
(Berliner Zeitung, Mo. 16.10.1989)

Aus Anlass seines 100. Geburtstages ehrten am Sonnabend über 3 000 Einwohner von Falkenstein im Vogtland das Andenken an den Revolutionär Max Hoelz, der mehrere Jahre hier gewirkt und 1918 u. a. die Initiative zur Bildung eines Arbeiter- und Soldatenrates ergriffen hatte. In einer Rede auf einem Meeting im Zentrum von Falkenstein würdigte Siegfried Lorenz, Mitglied des Politbüros des ZK der SED und 1. Sekretär der Bezirksleitung Karl-Marx-Stadt, Max Hoelz als einen leidenschaftlichen, selbstlosen Kämpfer für die Sache der Arbeiterklasse. In Anwesenheit zahlreicher Ehrengäste, darunter der einstigen Lebensgefährtin von Max Hoelz, der sowjetischen Schriftstellerin Elena Serebrowskaja aus Leningrad, sagte Siegfried Lorenz, Hoelz habe ein Stück Geschichte der revolutionären Arbeiterbewegung, besonders des Vogtlandes, mitgeschrieben.
(Neues Deutschland, Mo. 16.10.1989)

In Potsdam findet in den Gemeinderäumen der Erlöserkirche das 4. Regionaltreffen "Konkret für den Frieden" statt. Thema war "Aufbruch oder Krise?".

Erster Tag des zweitägiges DDR-weites Treffen der SDP nach ihrer Gründung in Markus Meckels Pfarrhaus in Niederndodeleben.

Im Westfernsehen meint Wolf Biermann über die DDR Bürger, "was sie stört ist nicht, dass sie nicht genug zu fressen kriegen, sondern dass sie einen Maulkorb tragen. Das ist der Punkt. Und wenn sie frei sagen könnten was sie denken und fühlen, wenn sie sich nicht wie Leibeigene bewegen müssten, wenn sie nicht eingesperrt wären in ihr eigenes Land, dann würden sie lachen über die wirtschaftlichen Probleme, die ein im Grunde, ich habe es selbst erlebt in der DDR, nur sozusagen Ersatzweise ärgern."

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