DDR 1989/90Brandenburger Tor


Demonstrationen, Kundgebungen und Dialogveranstaltungen Oktober 1989


Mo. 02.10.
In Leipzig demonstrieren 15 000 bis 20 000 Menschen nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche für Reformen in der DDR. Es kommt zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften. Auf beiden Seiten gibt es Verletzte. Mehrere Demonstranten werden festgenommen.

Di. 03.10.
Nach Bekanntwerden der Schließung der Grenze zur ČSSR versammeln sich mehrere Tausend Menschen auf dem Dresdener Hauptbahnhof und protestieren gegen diese Maßnahme. In mehreren Städten, u. a. in Eisenach und Ruhla kommt es zu Arbeitsniederlegungen.

Mi. 04.10.
Zu schweren Zusammenstößen mit Sicherheitskräften der DDR kommt es am Dresdener Hauptbahnhof. Hier haben sich etwa 10 000 Menschen (Reisende, Ausreisewillige, Schaulustige) versammelt. Es kommt zu tätlichen Auseinandersetzungen und zu Verletzten auf beiden Seiten.

Auch in Plauen kommt es in der Nacht im Zusammenhang mit der Durchfahrt von Zügen mit Ausreisenden DDR-Bürgern die aus der ČSSR kommen zu Gewalttätigkeiten, Verletzte, Verhaftungen.

In Karl-Marx-Stadt wird der Hauptbahnhof gesperrt. Im Bahnhof versammeln sich rund 1 000 Personen. Vor dem Bahnhof kommt es zu Auseinandersetzungen. In Freiberg, Plauen und Reichenbach versammeln sich hunderte von Personen. An Streckenabschnitten, wo die Züge langsam fahren müssen, versammeln sich Personen in der Nähe der Gleise.

Do. 05.10.
In Dresden kommt es erneut zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften.

Von einer Demonstration mit rund 800 Teilnehmern in Magdeburg werden etwa 250 Demonstranten den Sicherheitsbehörden zugeführt.

Sa. 07.10.
Wie an jedem 7. eines Monates finden wieder Proteste gegen die Fälschung der Kommunalwahl vom 07.05. statt. Auf dem Berliner Alexanderplatz formierte sich ein Demonstrationszug. Es kommt zu Festnahmen. Zur größten Gewaltanwendung gegen Demonstranten kommt es rund um die Gethsemane-Kirche in Berlin-Prenzlauer Berg.

In Plauen findet die erste große Demonstration statt. Bereits im September wird von Ausreisewilligen eine Demonstration am Jahrestag der DDR Gründung für Plauen angemeldet. Es kommt zu gewalttätigen Auseinandersetzungen und Verhaftungen. Neben verletzten Personen werden auch zwei Löschfahrzeuge der Freiwilligen Feuerwehr Plauen, die als Wasserwerfer eingesetzt werden, beschädigt. Nach der Demonstration bildete sich die Bürgerinitiative Plauen.

Beginn der "Samstagsdemonstrationen" in Plauen.

Ein Jahr später wird dieser Tag mit einer Gedenkdemonstration gedacht.

Weil nicht genug Platz für die in Dresden "Zugeführten" ist, werden "Zugeführte" auch nach Bautzen gebracht.

Nach einer Veranstaltung, organisiert von Künstlern, kommt es in Karl-Marx-Stadt zu einer spontanen Demonstration. Sie wird gewaltsam aufgelöst. Nach Angaben des MfS gibt es 48 Zugeführte.

Auf dem Platz der Nationen und der Klement-Gottwald-Straße in Potsdam versammeln sich Demonstranten. Die Staatsmacht geht gewaltsam gegen sie vor.

Demonstranten bewegen sich vom Universitätsplatz zum Rostocker Rathaus.

In Halle versammeln sich Bürger auf dem Marktplatz. Polizei und MfS gehen gegen die Versammelten vor. Nach einem Bericht des MfS werden 47 Personen zugeführt.

Am Abend in Guben versammeln sich Bürgerinnen und Bürger am Wilhelm-Pieck-Denkmal. Die VP geht gewaltsam gegen sie vor.

Vom Dom in Magdeburg bewegen sich Demonstranten in Richtung Alter Markt. Die Demonstration wird aufgelöst. Auch unter Gewalteinsatz. Es kommt zu 120 Festnahmen, 16 kommen in Haft.

Nach Auskunft des "Neuen Deutschland" (10.10.1989), das sich auf Bezirkszeitungen der SED beruft, kommt es auch in Leipzig, Magdeburg, Karl-Marx-Stadt, Plauen, Dresden, Potsdam, Arnstadt zu Demonstrationen. Informationen des Neuen Forum zufolge nehmen an ihnen mehr als 60 000 Menschen teil. Alle diese als nicht genehmigt geltenden Kundgebungen werden von Sicherheitskräften gewaltsam aufgelöst. Die DDR-Medien berichten, dass es sich bei den Demonstranten nahezu ausschließlich um zum Teil schon vorbestrafte kriminelle Elemente und Randalierer handle. In der "Jungen Welt" (9.10.1989) ist zu lesen, dass neben "jenen, die immer vorneweg marschierten und dem Ganzen seine schlimme Richtung und die Parolen gaben", auch solche waren, "die 'nur' so mal mitliefen".

So. 08.10.
In Berlin kommt es im Bereich der Gethsemanekirche und der Schönhauser Allee erneut zu Demonstrationen. Tausende nehmen daran teil. Die Polizei geht mit Hunden und Räumfahrzeugen gegen die Demonstranten vor. Über die gewaltsame Auflösung dieser und anderer Demonstrationen in Berlin verfassen von der Polizei Festgenommene später Gedächtnisprotokolle in einem Gesamtumfang von etwa 80 Seiten.

In Berlin gibt es gestern und heute 1 071 Zuführungen. Mindestens 58 Personen bedurften sofortiger medizinischer Versorgung. Mindestens 163 Personen berichteten über ernstzunehmende Beeinträchtigungen, die nicht als Notfälle medizinisch versorgt wurden. Klaus Bästlein, nannte diese Zahlen in seinem Vortrag in Berlin am 30.09.2009. Er schätzt die Dunkelziffer der Verletzungen zwei bis drei Mal so hoch.

In Dresden auf dem Theaterplatz sammeln sich Bürger um 15 Uhr für eine Demonstration. "Wir bleiben hier, Reformen wollen wir", wurde u.a. gerufen. "Gesellschaftliche Kräfte" werden eingesetzt, die sich unter die Demonstranten mischen, um die Demonstration zu verhindern. Eine Stunde später kommt es zur Einkesselung durch die Polizei. Anschließend werden die eingekesselten mit LKWs weggebracht. Aufgerufen hat ein "Autonomes Forum". Was zu allgemeiner Verwirrung sorgt, neben dem Neuen Forum, den Demonstranten auch bei den staatlichen Organen. Es ist die Zeit, wo der Aufruf eines Einzelnen Hunderte auf die Beine bringt.

Um 18.30 Uhr formierte sich ein zweiter Demonstrationszug. Nachdem die Volkspolizei gegen 20 Uhr Demonstranten auf der Prager Straße eingekesselt hatte nahmen die Kapläne Andreas Leuschner und Frank Richter Kontakt mit der Polizeiführung auf. Es wurden 20 Teilnehmer ausgewählt, die einen Tag später sich mit dem Dresdner Oberbürgermeister zu einem Gespräch treffen sollten. Danach wurde die Einkesslung aufgehoben und die Demonstration löste sich auf. Die Geburtsstunde der Gruppe der 20 in Dresden.

Mo. 09.10.
Nach dem inzwischen traditionellen Friedensgebet in mehreren Leipziger Kirchen kommt es in der Messestadt erneut zur Montagsdemonstration für demokratische Erneuerung in der DDR, an der rund 70 000 Menschen teilnehmen. In den Kirchen und über den Leipziger Stadtfunk wird ein Aufruf verlesen, der die Unterschriften von Generalmusikdirektor Prof. Kurt Masur, Gewandhauskapellmeister, dem Pfarrer Peter Zimmermann, dem Kabarettisten Bernd-Lutz Lange und der drei Sekretäre der SED-Bezirksleitung Leipzig Roland Wötzel, Kurt Meyer und Jochen Pommert trägt. In dem Aufruf heißt es u. a.:

"(...) Wir alle brauchen einen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Lande. Deshalb versprechen die Genannten heute allen Bürgern, dass dieser Dialog nicht nur im Bezirk Leipzig, sondern auch mit unserer Regierung geführt wird. (...)"

An jenen Tag erinnert der Wittenberger Pfarrer Friedrich Schorlemmer später in einem Zeitungsinterview:

"Die Leute gingen mit der chinesischen Angst im Bauch auf die Straßen. Ich habe das erlebt in Leipzig. Wie war die Stadt belagert. Sie können sich das nicht vorstellen.

In dieser bedrohlichen Situation ist etwas Wunderbares passiert. Als nämlich drei der Kirche nahen Gruppen in Leipzig am 9. Oktober den Appell zur Gewaltlosigkeit verabschiedeten, der dann in den Kirchen verlesen worden ist. Leute, die jahrelang unter starker Bespitzelung und Bedrängung der Staatssicherheit standen, bekannten sich darin zu ihrer Angst, auch zu der Angst um die Uniformierten und mahnten: Gewalt löst keine Probleme, ist unmenschlich. Gewalt kann nicht das Zeichen einer neuen, besseren Gesellschaft sein."


Laut dem emeritierten Soziologie-Professor, Karl-Dieter Opp, sei die Zahl von 70 000 Demonstranten am 09.10.1989 in Leipzig zu niedrig geschätzt. Nach seiner Zählung, Anzahl der Demonstranten pro Quadratmeter, ergibt sich eine Teilnehmerzahl zwischen 124 500 und 166 000.


Auf dem Marktplatz vor der Marktplatzkirche in Halle versammeln sich die Menschen zu einer Kundgebung. Der Marktplatz wird am Abend mehrmals von der Polizei auch unter Gewaltanwendung geräumt. Zugeführte werden in die Kaserne der Transportpolizei gebracht.

In Magdeburg demonstrieren mehrere tausend Menschen.

Mi. 11.10.
Die SED entdeckt den Dialog

Vor der Mensa Nord der Humboldt-Universität Berlin versammeln sich Studenten, um gegen das gewaltsame Vorgehen gegen Demonstranten am 07. und 08. zu protestieren.

Mo. 16.10.
Zum ersten Mal berichten die DDR-Medien über die Leipziger Montagdemonstration. Die von ADN verbreitete Meldung lautet:

"Nach Friedensgebeten in fünf Leipziger Kirchen trafen sich am Montag Zehntausende Bürger der Messestadt sowie aus dem Bezirk Leipzig und aus angrenzenden Territorien zu einer Demonstration. Der Zurückhaltung der Sicherheitskräfte und der eingesetzten Ordnungskräfte sowie der Demonstranten ist es zu danken, dass es zu keinen Ausschreitungen kam."

Wiederum müssen die DDR-BürgerInnen aus Medien der BRD und Westberlin erfahren, dass auch in Magdeburg und Dresden jeweils 10 000, in Halle 5 000 und in Berlin 3 000 Menschen auf der Straße demonstrieren.

Bei der Demonstration in Leipzig werden neben den Parolen, "Schließt Euch an", "Gorbi", "Gorbi", "Wir sind das Volk", "freie Wahlen", "Freiheitsrechte" auch die "Internationale" gesungen.

Auch in Halle versammeln sich Bürgerinnen und Bürger, hier auf dem Marktplatz. Beginn der Montagsdemonstrationen in Halle.

Nach einem Friedensgebet im Magdeburger Dom kommt es zur ersten Demonstration.

Im Anschluss eines Fürbittgottesdienstes wird in Waren an der Müritz ein Schweigemarsch durchgeführt.

Di. 17.10.
Auf der Demonstration in Dresden wird die Freilassung der Inhaftierten gefordert.

Mi. 18.10.
In Proseken bei Wismar wird eine Dialogveranstaltung durchgeführt.

Nach einem Friedensgebet in der evangelischen Johanneskirche in Neubrandenburg kommt es zu einer Demonstration. Gefordert wird Meinungsfreiheit, Offenheit, Reformen und Reisefreiheit. Der Friedensgottesdienst wird in der katholischen Kirche fortgesetzt.

Beginn der wöchentlichen Friedensgottesdienste in Greifswald. Zum Schluss wird eine Erklärung des Neuen Forum verlesen. Im Anschluss an den Gottesdienst kommt es zu einer spontanen Demonstration.

In Greifswald demonstrieren 1 000 Menschen, in Neubrandenburg gehen 10 000 auf die Straße und fordern Reformen.

Do. 19.10.
Zu Demonstrationen kommt es in Rostock mit 10 000, in Zeulenroda mit 3 000, in Erfurt mit 300 Teilnehmern. In Halle werden Vertreter des Neuen Forum der Polizei zugeführt, wo ihnen Kontaktaufnahme mit Leipziger Gesinnungsgenossen vorgeworfen und untersagt wird.

Fr. 20.10.
In Gotha demonstrieren 6 000 Menschen.

Ein Führbittgottesdienst für die Freilassung der Inhaftierten findet in der Dresdner Kreuzkirche statt. Zum Abschluss kommt es zu einer Demonstration. Nach einem Friedensgebet in der Johanniskirche in Dessau, Neues Forum und SDP stellen sich vor, findet eine Demonstration statt. Beginn der Freitagsdemonstrationen in Dessau.

In Anklam bewegte sich ein Demonstrationszug durch die Innenstadt. Im Anschluss kam es zu einem Gespräch zwischen einer Abordnung der Demonstranten und dem Bürgermeister.

Demonstriert wird auch in Mühlhausen.

Sa. 21.10.
Rund 20 000 Bürger (laut ADN, Neues Forum nennt die Zahl 50 000) demonstrieren in Plauen und fordern u. a. Reisefreiheit und Meinungsfreiheit. Oberbürgermeister Dr. Norbert Martin verspricht den Bürgern gerechtere Verteilung von Wohnungen und Umverteilung der Baukapazität der Stadt, um Plauener Probleme schneller zu lösen.

Wie in Plauen wird in Anklam, Dresden, Karl-Marx-Stadt, Potsdam und Rostock demonstriert.

In Berlin wird zu einer Menschenkette von 16-17 Uhr vom Palast der Republik, die Karl Liebknechtstraße entlang bis zur Keibelstraße aufgerufen. Gefordert wird Freiheit für alle, auch für Befehlsverweigerer aus Bereitschaftspolizei und Kampfgruppen. Einstellung aller Ermittlungs- und Strafverfahren. Zurücknahme ausgesprochener Strafen. Höchstmögliche Entschädigung der Opfer. Meinungsfreiheit. Recht auf auf Demonstration.

So. 22.10.
500 Bürger Leipzigs treffen sich im Gewandhaus zu einem Gesprächsforum, zu dem Gewandhauskapellmeister Prof. Kurt Masur, der Theologe Dr. Peter Zimmermann, der Kabarettist Bernd-Lutz Lange und die Sekretäre der SED-Bezirksleitung Dr. Kurt Meier, Jochen Pommert und Dr. Roland Wötzel eingeladen haben.

In Rostock demonstrieren nach Angaben des Neuen Forum 18 000 Menschen.

Mo. 23.10.
In Leipzig demonstrieren nach Schätzungen aus Kirchenkreisen rund 300 000 (nach ADN 150 000) Bürger. Der Zug formiert sich nach Friedensgebeten in sechs Kirchen. Unter Rufen "Ohne Gewalt" ziehen die Demonstranten diszipliniert auf den Ring um das Stadtzentrum. Sie fordern freie Wahlen, weiterführenden Dialog und kritische Bewertung der gesellschaftlichen Entwicklung in der DDR; sie warnen vor neuen Machtkonzentrationen. in Sprechchören rufen sie u. a.: "Visafreiheit!" und "Reden und Handeln - Land verwandeln!". Ordnungskräfte greifen nicht ein.

Zum Montagsgebet versammeln sich im und um den Magdeburger Dom 10 000 Bürger und fordern in einem anschließenden Demonstrationszug entschiedene gesellschaftliche Erneuerung. Zu weiteren Kundgebungen und Demonstrationen kommt es in Dresden (mehrere zehntausend), Schwerin (50 000), Zwickau (15 000), Halle (10 000), Stralsund (4 000); die über 2 000 Demonstranten in Berlin fordern, dass sich der bevorstehenden Wahl zum Staatsratsvorsitzenden mehrere Kandidaten stellen.

In Schwerin ruft das Neue Forum zu einer Demonstration auf. "Mit Demokratie zum Sozialismus." Gefordert wird die Zulassung des Neuen Forum und der anderen demokratischen Initiativen. Gegen Gleichmacherei - für leistungsgerechte Bezahlung in allen Bereichen. Uneingeschränkte Reisefreiheit für Jeden. Offene Medien -, Meinungs- und Versammlungsfreiheit.

Daraufhin ruft der Demokratische Block und der Rat der Stadt zu einer Kundgebung am Treffpunkt der Demonstration, Alter Garten, auf. "Dialog und Tat - gemeinsam für Erneuerung in unserem Land!" lautet ihr Motto. Auf der Kundgebung spricht der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung, Heinz Ziegner.

Zu Beginn der Kundgebung beginnt der Demonstrationszug, zu der das Neue Forum aufgerufen hat, sich in Bewegung zu setzen. Nach der Demonstration finden Veranstaltungen in Kirchen statt.

Auch in Aue, Eisenach, Forst, Glauchau, Greiz, Jena, Magdeburg, Olbernhau, Oelsnitz, Osterburg, Reichenbach und Zepernick kommt es Demonstrationen.

Erste Montagsdemonstration in Pößneck. Die Rede des 1. Sekretärs des Rates des Kreises geht in Buhrufen unter.

Bei einem Friedensgebet in der Maria-Magdalenenkirche in Templin werden Unterschriften für das Neue Forum gesammelt. Ein Teil der Teilnehmer führt eine Demonstration durch das Stadtzentrum durch.

Besucher einer Veranstaltung in der Georgenkirche in Waren ziehen zur Marienkirche.

In Ribnitz-Damgarten führt die SED eine Dialogveranstaltung durch. Zu einer Dialogveranstaltung ruft Hans Modrow in Dresden auf. An ihr nimmt auch der Dresdner Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer teil.

Di. 24.10.
Am Abend demonstrieren in Berliner Straßen des Stadtzentrums rund 12 000 Menschen. ADN berichtet u. a.:

"(...) Auf Transparenten und in Sprechchören wurde Widerspruch gegen die Wahl des Vorsitzenden des Staatsrates geäußert und wurden Veränderungen in der Wahlgesetzgebung, mehr Demokratie und eine offene Presse gefordert. (...) Unter den Teilnehmern befand sich ein harter Kern von mehreren hundert Personen, die mit der Absicht unterwegs waren, die öffentliche Ordnung, und Sicherheit zu stören. Diese Gruppen lehnten jeden Dialog ab. (...)"

Auch in Dresden bringen Demonstranten auf dem Theaterplatz ihren Widerspruch gegen die Wahl von Krenz zum Staatsratsvorsitzenden zum Ausdruck.

Ein Demonstrationszug mehrerer tausend Menschen, vor allem Jugendlicher, formierte sich Dienstagabend in der Berliner Innenstadt. Die zeitweilig bis zu 12 000 Demonstranten zogen vom Alexanderplatz zum Gebäude der Volkskammer und dann durch verschiedene Straßen des Stadtzentrums. Auf Transparenten und in Sprechchören wurde Widerspruch gegen die Wahl des Vorsitzenden des Staatsrates der DDR geäußert und wurden Veränderungen in der Wahlgesetzgebung, mehr Demokratie und eine offene Presse gefordert. Zahlreiche Demonstranten trugen brennende Kerzen.

In mehreren Städten wird gegen die Wahl von Egon Krenz zum Vorsitzenden des Staats- und des Verteidigungsrates demonstriert.

In der Marienkirche in Anklam wird während der Versammlung "Zum Frieden in der Welt und der Zukunft in unserem Lande", eine Resolution von Beschäftigten aus Betrieben verlesen. Anschließend kommt es zu einer Demonstration. Daran schließt sich eine Dialogveranstaltung im Kulturraum des Tiefbaukombinats an.

In Lychen (Kreis Templin) findet ein Schweigemarsch statt. Anschließend kommt es zu einem Gespräch mit dem stellvertretenden Bürgermeister.

Demonstriert wird auch in Weimar.

In Rostock findet das erste "Dialoggespräch" zwischen Bürgerinnen und Bürgern und dem Rat der Stadt statt.

Eine Dialogveranstaltung in Erfurt findet im Rathaus statt. Vor dem Rathaus versammeln sich hunderte Bürger, die Einlass begehren, in dem zu kleinen Raum aber keinen Platz finden. Es muss die Zusage abgegeben werden, die nächste Dialogveranstaltung in der Thüringenhalle stattfinden zu lassen.

Mi. 25.10.
Nach einem Friedensgebet in der Johanniskirche von Neubrandenburg formieren sich 20 000 Bürger zu einem "Marsch der Hoffnung" ins Zentrum der Bezirksstadt. Oberbürgermeister Dr. Heinz Hahn fordert zum Wochenende zu zwei Diskussionsrunden auf, denen weitere "Sonnabendgespräche" mit den BürgerInnen folgen sollen. SED-Bezirkschef Johannes Chemnitzer bittet, die Lösung von angestauten Fragen nicht länger in Demonstrationen zu suchen.

Tausende Zwickauer Bürger trafen sich am Mittwochabend auf dem Hauptmarkt. Sie forderten eine kritische Bewertung der gesellschaftlichen Entwicklung und spürbare Veränderungen. 13 Redner ergriffen auf der vom Kreisausschuss der Nationalen Front einberufenen Kundgebung das Wort.

Im Anschluss daran standen in einer Vielzahl von Gesprächsgruppen Ratsmitglieder und andere Funktionäre der Stadt den Bürgern Rede und Antwort. Ein Teil der Kundgebungsteilnehmer zog in einer friedlichen Demonstration durch die Innenstadt.

Zeitgleich mit dem Neuen Forum organisiert die Nationale Front in Zwickau eine Kundgebung. Was zu Tumulten führt.

Im Anschluss an einen Fürbitt-Gottesdienst in der Jenaer Michaeliskirche formierte sich am Mittwochabend ein friedlicher Demonstrationszug mit 5 000 Teilnehmern durch die Innenstadt zum Rathaus. Die Demonstranten übergaben an Oberbürgermeister Hans Spahn eine Petition sowie einen zuvor in der Stadtkirche verlesenen offenen Brief. Der Oberbürgermeister schlug im Gespräch mit ihnen vor, die Probleme nicht auf der Straße zu lösen, sondern im Dialog mit den Verantwortlichen des Rates der Stadt zu klären. Er bekräftigte, dass dazu das Rathaus für jeden Bürger offensteht.

Demonstrationen gibt es in Greifswald, Halberstadt, Jena, Neustrelitz und Wittstock. In Neubrandenburg treffen Demonstranten der neuen Gruppen auf dem Karl-Marx-Platz auf Demonstranten von der SED, die sich um die Rednertribüne versammelt haben. Vom Oberbürgermeister wird für das kommende Wochenende zu einer Gesprächsrunde eingeladen.

Erste Dialogveranstaltung im Rathaus von Wismar. Im Saal ist nicht genug Platz für alle interessierten Bürgerinnen und Bürger.

In Wernigerode ziehen Bürgerinnen und Bürger zum Rathaus und zum Wehrkreiskommando. Es wird ein Wehrersatzdienst gefordert.

Do. 26.10.
Geras Oberbürgermeister Horst Jäger traf sich am Donnerstag mit kirchlichen Amtsträgern und Bürgern zu einem Meinungsaustausch. In dem fast dreistündigen Disput wurde ein breites Spektrum von Problemen aufgeworfen. Zur Sprache kamen überfällige Sanierung von Altstadtgebieten, unzureichende Dienstleistungen, der Umgang mit den Bürgern, die Forderung nach Offenlegung von Umweltdaten und die unzureichende Effektivität der Wirtschaft.

Auf eine von den Gesprächsteilnehmern unterbreitete Problemliste eingehend, betonte Oberbürgermeister Jäger, dass 11 der 20 Punkte identisch seien mit einem Katalog von Sofortmaßnahmen und mittelfristig zu lösenden Aufgaben, den er am Vortag der Stadtverordnetenversammlung unterbreitet hatte. Einhellig wandten sich die Gesprächsteilnehmer, die den Dialog fortsetzen wollen, gegen Demonstrationen. Sie seien kein Mittel, die gravierenden Sachfragen zu lösen.

Dennoch formierten sich am späten Abend über 5 000 Bürger, darunter viele Jugendliche, zu einem Zug durch die Innenstadt. Zuvor hatten sich Tausende in Kirchen der Stadt zu Friedensgebeten und Diskussionen versammelt. Während der friedlich verlaufenen Demonstration, die bei Redaktionsschluss noch andauerte, forderten sie unter anderem "Demokratie - jetzt oder nie" und "Umbruch durch Aufbruch".

Zu einer gewaltfreien Demonstration, an der sich 25 000 Bürger beteiligten, kam es am Donnerstagabend im Rostocker Stadtzentrum. Zuvor war dazu bei Gebetsandachten in vier Rostocker Kirchen angehalten worden. Die Teilnehmer stellten vor der Bezirksbehörde des Ministeriums für Staatssicherheit Kerzen auf und begaben sich zum Rathaus. Zur gleichen Zeit fanden in öffentlichen Einrichtungen Foren statt, zu denen der Rat der Stadt Tausende Einwohner eingeladen hatte. Im sachlich-kritischen Dialog ging es dabei um neue Medienpolitik, um Gesundheitsfürsorge und Fragen der Versorgung.

Am Donnerstagabend kam es in Erfurt im Anschluss an Friedensgebete in zwei Kirchen zu einem Zug durch die Innenstadt zum Domplatz, wo sich etwa 15 000 Bürger versammelten. In Sprechchören forderten sie unter anderem zu Reformen und mehr Demokratie auf, riefen auch nach Zulassung der Gruppierung "Neues Forum". Ordnungskräfte der VP sorgten mit verkehrsregelnden Maßnahmen für einen gefahrlosen Verlauf der nicht angemeldeten Demonstration. Nach etwa 40 Minuten stellten die meisten der Teilnehmer ihre Kerzen ab und verließen den Platz. Mehrere tausend zogen weiter durch die Innenstadt.
(Neues Deutschland, Fr. 27.10.1989)

Hunderttausende Einwohner des Bezirks Dresden nahmen am Donnerstagabend auf Plätzen, in Schulen, Kulturhäusern, Kinos und Klubs Stellung zu drängenden Problemen der gesellschaftlichen Entwicklung in der DDR und in ihren Kommunen. Mit ihnen sprachen Funktionäre der in der Nationalen Front der DDR vereinten Parteien und Massenorganisationen, Volksvertreter und Prominente aus allen gesellschaftlichen Bereichen.

Rund 100 000 Bürger der Bezirksstadt waren auf ein Freigelände nahe dem Hygienemuseum gekommen. Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer informierte über die Ergebnisse eines außerordentlichen Plenums der Stadtverordnetenversammlung am selben Tage. Es hatte die Bildung von zeitweiligen Arbeitsgruppen und damit einen neuen Weg des gemeinsamen Tragens von Verantwortung beschlossen.

Das jetzt Begonnene werde in der Republik einen revolutionären Wandel auslösen, schätzte Hans Modrow, 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Dresden, unter Beifall ein. Angehörige unterschiedlicher sozialer Schichten nahmen die Möglichkeit zur Anfrage wahr. Dafür standen mehrere kleine Podien mit Mikrofonen zur Verfügung.

Mit zunehmender Dauer der Veranstaltung gewann der Dialog an Gewicht, brachten Parteilose und Christen, Facharbeiter und Ingenieure, sich zum "Neuen Forum" oder für die Bildung einer unabhängigen Gewerkschaft bekennende Teilnehmer neben Kritischem Lösungsvorschläge ein: leistungsabhängige Gehälter auch dort, wo Verantwortung für die gesellschaftliche Entwicklung getragen wird: Privilegien für einzelne Funktionäre abschaffen.

"Für eine Marktwirtschaft sind wir nicht auf die Straße und als Atheisten in die Kirche gegangen", sagte der parteilose Norbert Sahr von Herrenmode Dresden und erhielt dafür Beifall. Er schlage vor, den Plan wieder zum Gesetz werden zu lassen, die Bezirksplankommission solle sich mit Experten und Bürgern beraten. Mehrfach unterstrichen Gesprächspartner ihren Willen zur Arbeit und zum gemeinsamen Handeln, denn "ohne funktionierende Wirtschaft können wir alle Reformen in den Wind schreiben", formulierte der Dresdner Günther Hoffmann. Übereinstimmung bekundete die Mehrheit der Bürger auf dem Platz auch darin, die Achtung voreinander zu bewahren und einander vorbehaltlos zuzuhören. Widerspruch wurde unter anderem bei Fragen zum Recht, zu den bestehenden demokratischen Strukturen sowie zu Vorstellungen über wirtschaftliche Umgestaltung laut.

Im Anschluss an die Veranstaltung formierte sich ein Zug von etwa fünf- bis sechstausend Menschen, die mit Spruchbändern, Kerzen und Fackeln von der Dialogstätte friedlich durch das Stadtzentrum zogen.

Im Kreiskulturhaus in Neustrelitz führt die Nationale Front eine Veranstaltung durch. In einer Resolution wird u.a. Pressefreiheit, eine Wahlgesetzgebung, Zulassung des Neuen Forum gefordert. Die Aufforderung an den 1. Sekretär der SED-Kreisleitung sich für die Zulassung des Neuen Forum einzusetzen, sagt er zu.

Aus der Kirche heraus findet in Halberstadt eine Demonstration statt.

In Calbe (Saale) wird ein Schweigemarsch durchgeführt.

Auf dem Röbener Marktplatz findet eine Versammlung satt.

Bürgerinnen und Bürger fordern vor dem Wehrkreiskommando in Genthin einen Wehrersatzdienst.

Fr. 27.10.
In folgenden Städten demonstrieren Bürger für Veränderungen im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben des Landes: Karl-Marx-Stadt - 10 000, auf ihren Transparenten steht u. a.: "Wir wollen Taten sehen"; Dresden - 12 000; Lauchhammer - 3 500; Großräschen über 1 000; Saalfeld - 8 000; Güstrow - 20 000, sie fordern die Zulassung des Neuen Forum.

Demonstrationen finden in Auerbach, Demmin, Gotha, Malchow, Neustrelitz und Pritzwalk statt.

In Auerbach wird die Zulassung des Neuen Forum und freie Wahlen gefordert. Während der Rede des Vorsitzenden des Rates des Kreises Auerbach sind Buhrufe und Pfiffe zu hören.

Sa. 28.10.
In verschiedenen Städten, u. a. in Plauen (40 000), Greiz (6 000), Rostock (10 000), Senftenberg (3 500), Freiberg (3 000), finden Demonstrationen statt, in deren Mittelpunkt die Forderung nach konsequenten Reformen in allen gesellschaftlichen Bereichen stehen.

So. 29.10.
Rund 22 000 Berlinerinnen folgen der Einladung von Oberbürgermeister Erhard Krack zu Sonntagsgesprächen unter freiem Himmel vor dem Roten Rathaus und in der Kongresshalle am Alexanderplatz. Wie aus dem umfassenden Bericht der "Berliner Zeitung" (30. 10. 1989) hervorgeht, wird auf dieser vierstündigen, "in Berlin bislang einmaligen Veranstaltung" ein "hitziger Dialog" zwischen der hauptstädtischen Bevölkerung und "Repräsentanten der Berliner Bezirksorganisationen aller Parteien, unter ihnen SED-Politbüromitglied Günter Schabowski, der Oberbürgermeister und weitere Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft, von Massenorganisationen und Medien, Staatsanwaltschaft und Volkspolizei" geführt.

Zu einem "Dialog am Karl-Marx-Platz" finden sich Tausende Leipziger im Opernhaus, im Gewandhaus und in zwei Hörsälen der Universität ein. Die kontrovers geäußerten Meinungen zielen auf die Beantwortung der Frage "Wie weiter in der DDR?"

Auch in Karl-Marx-Stadt findet eine Diskussionsveranstaltung statt.

In Waren (Müritz) findet eine Demonstration statt.

Auf dem Hauptmarkt in Gotha findet eine Kundgebung statt.

Mo. 30.10.
Das ist in Leipzig seit drei Wochen Wirklichkeit: Die Demonstration ist ein Stück der politischen Kultur. Am Montagabend gehört der kilometerlange Zug schon zum gewohnten Bild der Messestadt. Gegen 17 Uhr schließen die meisten Geschäfte in der Innenstadt, langsam kommt der Straßenbahnverkehr zum Erliegen. Vor allem um die Nikolaikirche, aber auch am Karl-Marx-Platz und um weitere sechs Kirchen sammeln sich schnell Tausende Menschen, viele auch aus der näheren und weiteren Umgebung mit Zug oder Auto angereist.

Mehr als 200 000 - so die offizielle Schätzung - setzten sich dann vorgestern in Marsch über den Ring, einmal rund ums Zentrum. Junge und Alte, auch Kinder. Hunderte Transparente werden mitgetragen, hängen über Brückengeländer und zwischen Fahnenmasten. Nicht alles hält dabei Maßstäben der Sachlichkeit stand, aber es zeigen sich die Hauptprobleme, für deren Lösung die Leipziger auf die Straße gehen. "Reformer an die Macht" wird gefordert und "Im Namen unsrer Kinder Glück - Margot Honecker tritt zurück!" Nicht die einzige Forderung nach personellen Konsequenzen. Dass der Schwarze Kanal noch am selben Abend seine letzten Sendeminuten haben würde, hatte sich im langen Zug noch nicht herumgesprochen; diese Art des Journalismus rief den besonderen Unmut hervor.

Immer wieder fordern Sprechchöre die Zulassung des "Neuen Forums", deren Leipziger Kontaktadresse auch im Sender Leipzig verlesen wurde. Ein neues Wahlgesetz wird verlangt, das eine Wahl zwischen verschiedenen Parteien und Kandidaten vorsieht. "Visafrei bis Hawaii", heißt es auf anderen Spruchbändern und "Wir wollen endlich Taten sehen!" Viele sind ungeduldig, befürchten, dass sich nach vielem Reden doch wieder der alte Trott breitmacht.

Halle. Losungen wie "Umweltschutz statt Umweltschmutz" und "Lasst Taten folgen, wir sind dabei" führten die rund 50 000 Demonstranten mit, die durch die Innenstadt von Halle zogen. Die Demonstration, die an der Marktkirche ihren Anfang nahm, führte durch die Fußgängerzone zum Gebäude der SED-Bezirksleitung. In Sprechchören verlangten die Bürger konkrete Antworten vom 1. Bezirkssekretär zu mehr Mitsprache in Angelegenheiten der Stadt und des Staates, zur Presse- und Meinungsfreiheit, zu größerer Rechtsstaatlichkeit sowie zu Reformen auch im Bildungswesen. Während der gesamten Zeit sorgten Volkspolizisten für die Umleitung des Verkehrs.

Ab sofort werden die Bürger von Halle donnerstags um 18 Uhr zu Stadthausgesprächen eingeladen. Der Rat reagiert damit auf Forderungen der Einwohner. Zu einem Meinungsaustausch hatten sich seitens der SED Hans-Joachim Böhme sowie weitere Funktionäre u.a. mit Vertretern der Halleschen Initiativgruppe "Neues Forum" getroffen.

Schwerin. Nach einem Friedensgebet in drei Schweriner Kirchen formierte sich ein Demonstrationszug durch die Schweriner Innenstadt. Rund 40 000 Einwohner zogen zunächst zum Alten Garten, dem traditionellen Kundgebungsplatz der Schweriner. Ein Sprecher rief zur friedlichen und gewaltfreien Demonstration auf und plädierte unter anderem für Presse- und Informationsfreiheit, Reisefreiheit und die Durchsetzung des Leistungsprinzips auf allen Ebenen. Es schloss sich ein Marsch durch die Innenstadt an. Auf Transparenten verlangten die Demonstranten unter anderem die Abschaffung von Privilegien und die Gleichberechtigung aller Parteien.

Karl-Marx-Stadt. Mehr als 20 000 Menschen nahmen an einer Demonstration im Zentrum von Karl-Marx-Stadt teil. Auf Transparenten wurde u.a. "Demokratie jetzt" und ziviler Wehrersatzdienst für das Gesundheitswesen gefordert. Im Anschluss an die fast einstündige Demonstration versammelten sich die Teilnehmer vor dem Rathaus und brachten ihre Forderungen und Überlegungen vor. Oberbürgermeister Dr. Eberhard Langer teilte unter anderem mit, dass ein Forderungskatalog von Mitarbeitern des Bezirkskrankenhauses abgearbeitet wird und Mitarbeiter des Rates der Stadt zeitweilig in der Volkswirtschaft tätig sein werden.

Pößneck. Rund 800 Bürger nahmen an einem Friedensgebet in der Pößnecker Stadtkirche teil. Danach bewegte sich ein Zug von rund 5 000 Demonstranten im Schweigemarsch durch die Innenstadt zum Rathaus. Auf Transparenten forderten sie unter anderem "Freie Wahlen - freie Bürger", "Sozialfürsorge ist notwendig" und "Zivildienst ist Menschenrecht - Gesundheitsreform".

Magdeburg. Nach einem Gebet im Magdeburger Dom für gesellschaftliche Erneuerung in der DDR formierte sich ein Demonstrationszug mit 15 000 Teilnehmern. Die Frauen und Männer, die auch aus anderen Orten in die Bezirksstadt gekommen waren, forderten auf Transparenten unter anderem Veröffentlichung aller Umweltdaten, die Einführung eines zivilen Wehrersatzdienstes und ein neues Wahlgesetz. Ein Plakat, das dem Zug vorangetragen wurde, zeigte das Symbol einer Friedenstaube. Der Marsch durch die Innenstadt verlief friedlich.

Dresden. Mehrere tausend Bürger Dresdens und umliegender Kreise kamen vor der Goldenen Pforte des Rathauses zusammen. Sie traten unter anderem für Durchsetzung von Demokratie, zivilen Wehrersatzdienst und Reisefreiheit ein. Später begaben sie sich auf einen friedlichen Demonstrationszug durch die Innenstadt, woran zeitweise rund 20 000 Menschen teilnahmen.

Hoyerswerda. Nach einem Demonstrationszug durch Straßen der Kreisstadt versammelten sich etwa 10 000 Menschen im neuen Zentrum von Hoyerswerda. Partei- und Staatsfunktionäre, Abgeordnete und Vertreter aus dem Gaskombinat Schwarze Pumpe standen den Diskutierenden Rede und Antwort zu angestauten Problemen in gesamtgesellschaftlichen wie in kommunalen Bereichen.

Suhl. Viereinhalbtausend Einwohner von Suhl nahmen am Montagabend in der Stadthalle die Gelegenheit wahr, mit Kommunalpolitikern ins Gespräch zu kommen, jenen Dialog fortzuführen, der vor Wochenfrist an gleicher Stelle aufgenommen wurde. Nach Vorstellung der Gesprächspartner wurde die Frage gestellt, weshalb leitende Funktionäre der SED-Bezirksleitung, darunter der 1. Sekretär, Hans Albrecht, dem Dialog offensichtlich aus dem Wege gehen. Der Sekretär der SED-Bezirksleitung Gerhard Koszycki antwortete darauf, dass sich das Sekretariat damit beschäftigt habe und in absehbarer Zeit auch personelle Veränderungen vorgenommen werden.

Der Leiter der Bezirksmusikschule, Peter Backhaus, äußerte den Standpunkt, man müsse jenen, die die Wende wirklich wollen, auch die Chance geben, es durch Tatsachen zu beweisen. "Wer die Wende nicht will, muss von seiner Verantwortung befreit werden, sagte er unter Beifall. Da die Kapazität der Stadthalle nicht ausreichte, um alle interessierten Bürger aufzunehmen, wurden die 2 000 vor dem Gebäude wartenden Suhler über Lautsprecher und Monitore über den Verlauf der Diskussion informiert. Auf Vorschlag von Oberbürgermeister Joachim Kunze soll dieser Dialog künftig mehreren themenbezogenen Gruppen fortgesetzt werden.

Cottbus. Nach mehr als eineinhalbstündiger Debatte kam aus den Reihen der am Montagabend im Zentrum von Cottbus Versammelten der Vorschlag, auf vernünftiger Basis an gleicher Stelle den Dialog über brennende Fragen fortzuführen. Mehr als 20 000 Bürger hatten sich zuvor zu einem Demonstrationszug formiert und auf den Vorplatz der Stadthalle begeben. Nachdem die Mehrzahl der Teilnehmer des Meetings dem Vorschlag zustimmte, erklärte Werner Walde, Kandidat des Politbüros des Zentralkomitees und 1. Sekretär der Bezirksleitung Cottbus der SED: "Ich bin bereit zum weiteren Dialog und werde hier sein".

Teils von ehrlicher Sorge motiviert, teils aber auch hitzig, unsachlich und von Pfiffen unterbrochen, hatten Bürger ihre Fragen und Meinungen vorgetragen. Es ist wahr, dass in der DDR viel geschaffen worden ist. Aber es ist auch wahr, dass Erfolge überbewertet und Probleme der gesellschaftlichen Entwicklung nicht rechtzeitig erkannt worden sind, sagte Werner Walde. Dafür trage er die Mitverantwortung. Zustimmung unter der Mehrheit der Teilnehmer des Meetings fanden Äußerungen, dass es jetzt darauf ankomme, den Schlüssel zur Lösung der anstehenden Aufgaben zu finden.

Nach einem Friedensgebet in der Martinskirche in Bernburg (Saale) begeben sich die Demonstranten zur SED-Kreisleitung in der Friedensallee. Zu einem Gespräch mit dem SED-Kreissekretär kommt es auf dem Marx-Engels-Platz.

Demonstriert wird auch in Daubitz, und Wittichenau.

Di. 31.10.
Weimar: Im Zentrum von Weimar formierten sich mehrere tausend Demonstranten mit brennenden Kerzen und mit Transparenten. Während des friedlichen, mehr als einstündigen Marschs wurden unverzügliche Reformen in Wirtschaft und Staat verlangt. In Sprechchören wurde gerufen: "Wir sind das Volk", "Demokratie, jetzt oder nie". Mehr Umweltschutz, freie Wahlen sowie zensurfreie Unterhaltungskunst waren weitere Forderungen.

Vor dem Rathaus kam es zu Gesprächen, bei denen Oberbürgermeister Prof. Dr. Baumgärtel Fragen zur Kommunalpolitik beantwortete. Er informierte unter anderem darüber, dass Vertreter des Rates der Stadt sowie von Gruppierungen wie dem "Neuen Forum" zu einem kontinuierlichen Meinungsaustausch kommen wollen.

Meißen: Ihrer Forderung nach Konsequenz bei der gesellschaftlichen Erneuerung in der DDR gaben am frühen Abend rund 10 000 Einwohner von Meißen Ausdruck. Im Demonstrationszug begaben sie sich zum Gebäude des Rates des Kreises. Die von den Teilnehmern der Zusammenkunft angesprochenen Probleme umfassten im Verlauf der etwa dreistündigen Zusammenkunft u. a. die Zulassung des "Neuen Forums", Fragen der Ordnung und Sicherheit in der über 1 000jährigen Domstadt und verbesserten Umweltschutz im Industriegebiet Meißen-Triebischtal.

Meiningen: Im Anschluss an ein Friedensgebet, das viele Bürger auch über Lautsprecher auf dem Vorplatz der Kirche verfolgten, versammelten sich am Dienstagabend in Meinigen etwa 5 000 Demonstranten. Während ihres Marschs durch die Innenstadt forderten sie auf Transparenten und in Sprechchören unter anderem freie Wahlen. Der friedliche Protestzug löste sich nach etwa einer Stunde auf.

Die Aufhebung des Sperrgebiets an der Grenze zu Bayern wird auf einer Kundgebung in Lobenstein/Saale gefordert.


Alle Angaben sind Auszüge aus den Chronikseiten Oktober 1989 www.ddr89.de. Es wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben.

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