DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Fr. 6. Oktober


Im Berliner Palast der Republik findet in Anwesenheit von 4 000 geladenen Gästen aus der DDR und über 70 Delegationen aus dem Ausland die offizielle Festveranstaltung zum 40. Jahrestag der DDR-Gründung statt. Festredner sind der Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und Vorsitzende des DDR-Staatsrates, Erich Honecker, und Michail Gorbatschow, Generalsekretär des ZK der KPdSU und Vorsitzender des Obersten Sowjets der UdSSR.

Honecker schildert die 40jährige DDR-Entwicklung als Erfolgsbilanz. In diesem Rahmen räumt er ein, "dass das Leben in unserem Lande wie auch die internationalen Ereignisse (...) in unserer Zeit Fragen (stellen), die der klaren Antwort (...) bedürfen". In diesem Zusammenhang stellt er dem Volk der DDR in Aussicht:

"(...) Wir werden unsere Republik in der Gemeinschaft der sozialistischen Länder, durch unsere Politik der Kontinuität und Erneuerung auch künftig in den Farben der DDR verändern. Die Ziele sind im Programm unserer Partei niedergelegt. Es geht um die weitere Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft. Selbstverständlich ist dies kein Vorhaben, das binnen kurzer Zeit und nach fertigen Rezepten, ohne unablässige Suche nach den jeweils zweckmäßigsten Lösungen zu bewältigen wäre. Es handelt sich vielmehr um einen historischen, einen langwierigen Prozess tief greifender Wandlungen und Reformen in allen Bereichen. (...) Dementsprechend bleiben wir beim Erreichten nicht stehen, erhalten wir Bewährtes, trennen uns von dem, was überholt ist und hemmt, schreiten wir auf dem Kurs der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik voran. In diesem Geist werden wir auch die sozialistische Demokratie in ihren vielfältigen Formen weiterentwickeln. Unser Anliegen ist, dass die Bürger sich immer aktiver und konkreter an den Staatsgeschäften beteiligen. (...) Unsere Probleme allerdings lösen wir selbst, mit unseren sozialistischen Mitteln. (...) Die Kombinate haben eine Reife erreicht, die es ermöglicht, schrittweise eine neue Qualität von Leitung, Planung und wirtschaftlicher Rechnungsführung zu verwirklichen. Eigenerwirtschaftung der Mittel - das ist ein Schlüsselwort für Änderungen (...). Weit geöffnet wird der Raum für Verantwortung und Eigeninitiative auf dem soliden Boden eines bilanzierten Planes. Der Einfluss des einzelnen wie des Kollektivs und der Gewerkschaften im Betrieb wird sich erhöhen. (...) ".

Mit keinem Wort geht Honecker auf die Massenflucht von DDR-Bürgern ein. Stattdessen erklärt er:

"(...) Die zügellose Verleumdungskampagne, die derzeit, international koordiniert, gegen die DDR geführt wird, zielt darauf ab, Menschen zu verwirren und Zweifel in die Kraft und Vorzüge des Sozialismus zu säen. (...)"
(ND, 9.10.1989)

Der sowjetische Partei- und Staatschef, Michail Gorbatschow, dem im Laufe des Tages von oppositionellen Kräften in Berlin der Ruf entgegenklang: "Gorbi, hilf uns!", sagt in seiner Festrede zum Thema Perestroika:

"(...) Natürlich hat die DDR, wie jedes andere Land, ihre eigenen Entwicklungsprobleme, die ihre Durchdenkung und ihre Lösung erfordern. Sie sind sowohl vom inneren Bedürfnis der Gesellschaft zur ständigen Weiterentwicklung hervorgerufen als auch vom allgemeinen Prozess der Modernisierung und Erneuerung, der jetzt im gesamten sozialistischen Lager vorgeht. (...) Wir zweifeln nicht daran, dass die Sozialistische Einheitspartei mit ihrem intellektuellen Potential, ihren reichen Erfahrungen und ihrer politischen Autorität imstande ist, in Zusammenarbeit mit allen gesellschaftlichen Kräften Antwort auf die Fragen zu finden, die durch die Entwicklung der Republik auf die Tagesordnung gestellt wurden und die ihre Bürger bewegen. (...) Die Versuche der Unifizierung und Standardisierung in den Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung, einerseits der Nachahmung, andererseits der Aufzwingung von irgendwelchen verbindlichen Mustern, gehören der Vergangenheit an. (...) Die Auswahl der Entwicklungsformen ist eine souveräne Angelegenheit eines jeden Volkes. (...) Vor allen Dingen sollten unsere westlichen Partner davon ausgehen, dass die Fragen, die die DDR betreffen, nicht in Moskau, sondern in Berlin entschieden werden. Die DDR ist ein souveräner Staat, sie unternimmt selbständig Maßnahmen, die verschiedene Aufgaben des Schutzes ihrer Interessen, ihre Innen- und Außenpolitik betreffen. (...)"

Mit einem Fackelzug von über 100 000 aus allen DDR-Bezirken zusammengeholten Teilnehmern legt die FDJ durch den Mund ihres Ersten Sekretärs, Eberhard Aurich, ihr Bekenntnis zur sozialistischen Republik und zur SED ab. In dem FDJ-Gelöbnis heißt es unter anderem:

"(...) Dieses Land ist unser Land. Hier sind wir zu Hause. Hier haben wir noch viel vor. Hier verwirklichen wir unsere Pläne und schaffen unser Glück. Hier arbeiten und lernen, studieren und forschen, tanzen und lieben wir. Hier wollen wir leben in Freundschaft und helfen einander. (...)"
(BZ, 9.10.1989)

Was zuvor und auch an diesem Tag keinem SED- oder FDJ-Funktionär in aller Öffentlichkeit über die Lippen kam, äußert die 19jährige Studentin Gabi Hansch aus Gotha:

"(...) So richtig ausgelassen feiern kann ich nicht. Weil einige nicht mehr dabei sind, viele in meinem Alter, die unser Land verlassen haben. Die im Gegensatz zu mir meinten, hier keine Perspektive zu haben. Das macht mich traurig und nachdenklich."
(BZ, 9.10.1989)

Als die "Berliner Zeitung" diese Meinung wiedergibt, gehört noch Courage dazu, solches zu äußern und zu veröffentlichen. Denn wie mit Andersdenkenden verfahren wird, liest sich in einer von ADN verbreiteten Meldung so:
[siehe 7. Oktober]

bis hier aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR 1. Folge 2. Auflage Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990 ISBN 3-7303-0582-4

Eine Delegation des Hauptvorstandes der IG Medien - Druck und Papier, Publizistik und Kunst im DGB unter Leitung seines Vorsitzenden, Erwin Ferlemann, die auf Einladung der Zentralvorstände der IG Druck und Papier und der Gewerkschaft Kunst des FDGB in der DDR weilte, beendete am Freitag einen mehrtägigen Aufenthalt. Während eines Gesprächs mit den Vorsitzenden beider Zentralvorstände, Werner Peplowski und Herbert Bischoff, das in einer offenen von gegenseitigem Vertrauen und Dialogbereitschaft gekennzeichneten Atmosphäre verlief, informierten sich die Gäste darüber, wie die Gewerkschaften in der DDR als Interessenvertreter der Werktätigen an der weiteren Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft mitwirken. Mit Interesse nahmen sie zur Kenntnis, dass auch für die Zukunft allen Bürgern der DDR soziale Sicherheit, Geborgenheit und ein Leben in Frieden als Grundvoraussetzung für die Verwirklichung aller Menschenrechte garantiert werde. Erwin Ferlemann informierte über die Arbeit der IG Medien, an deren vorderster Stelle der Kampf gegen Arbeitslosigkeit stehe.
(Neues Deutschland, Mo. 09.10.1989)

In der Erlöserkirche in Berlin findet die Zukunftwerkstatt "Wie weiter DDR?" statt. Es wird die am 04.10. beschlossen gemeinsame Erklärung verschiedener oppositioneller Gruppen verlesen.

In Schwerin findet eine Informationsveranstaltung über das Neue Forum und die Initiative zur Gründung der SDP statt. Zu der Veranstaltung kommen rund 1 200 Teilnehmer. An der Veranstaltung nimmt Sebastian Pflugbeil für das Neue Forum teil.

In Berlin kommt es zu einem Treffen zwischen Vertretern des Demokratischen Aufbruch und dem Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung, Norbert Blüm.

In Prag wird der Zugang zur BRD-Botschaft gesperrt.

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