DDR 1989/90Brandenburger Tor


Mo. 30. April 1990


Der VEB Fahlberg/List, einer der größten Pflanzenschutzmittelhersteller in der DDR, musste seine Produktion vorerst einstellen.

Mit dicken Betonplatten hatte die Schriftstellerorganisation Greenpeace zwei Abflussrohre des Chemieunternehmens in Magdeburg verschlossen, um gegen die Verschmutzung der Elbe zu protestieren. Nach der Aktion des Greenpeace-Laborschiffs "Beluga" kündigte die Firma am Montag Abend an, sie habe die sofortige Stilllegung einiger umweltgefährdender Produktionsabschnitte beschlossen. "Greenpeace fordert die Schließung des gesamten Betriebes. Heute wollen Betriebsleitung und Wasserwirtschaftsdirektion endgültig über das Schicksal des über 100 Jahre alten Chemiebetriebes und der rund 1 700 Beschäftigten entscheiden. Nach Analysen von Greenpeace sind die Abwasser des Betriebes mit Chemikalien wie Benzol, Toluol, Xylol und Chlorbenzolen extrem stark belastet. Es wurden zwischen 100 und 1 000 Mikrogramm dieser Substanzen pro Liter gemessen. Außerdem wurden Chlorphenole und besonders giftige Chloralkyläther entdeckt. "Diese Stoffe wirken bei Mensch und Tier zum Teil krebserzeugend, erbgutverändernd und können Embryonen schädigen", so Jörg Naumann, Mitarbeiter der Umweltschutzorganisation aus Dresden. Die Chlorverbindungen schädigten Leber, Nieren und das Nervensystem. Auch wurden chemische Substanzen aus der Produktion des Insektizides Lindan nachgewiesen. Bedenklich hoch - mit 500 und 1 000 Mikrogramm pro Liter - waren auch die Werte des stark krebserregenden Tetrachlorkohlenstoffes. Die Chemikalie ist einer der Stoffe, deren Einleitung dem Dresdener Arzneimittelwerk Radebeul in der vergangenen Woche von der zuständigen Wasserwirtschaftsdirektion verboten wurden.
(Berliner Zeitung, Mi. 02.05.1990)

"Wohnheim" Herderplatz. Studenten aus Hoch- und Fachschulen hatten ihn vergangene Woche besetzt, um ihre Notlage sichtbar zu machen. Ihre Buden in alten Häusern, von angehenden Architekten und ihren Freunden selbst instand gesetzt, werden ihnen gekündigt (zugunsten Finanzkräftigerer?). Bei einer erzwungenen Diskussionsrunde mit Parteienvertretern gab es manches Versprechen. Man wird sie daran erinnern.
(Neues Deutschland, Mi. 02.05.1990)

Über die Zusammenarbeit der Volksbanken in beiden Teilen Berlins informierte am Montag in Berlin (West) der Vorstandsvorsitzende der Berliner Volksbank eG, Heinz-Dieter Prüske, die Vertreterversammlung. Ziel der Kooperationsvereinbarung mit der Volksbank in Ostberlin sei es im Rahmen der politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Möglichkeiten die Verschmelzung beider Banken vorzubereiten. Diese könne, so Prüske, schon vor der staatlichen Einheit vollzogen werden. werde derzeit vor allem bei der Fortbildung der Mitarbeiter sowie durch technische Unterstützung und Mitarbeiteraustausch.

Die Berliner Volksbank eG verzeichnet seit nunmehr acht Jahren eine kontinuierliche Aufwärtsentwicklung, wurde auf der Vertreterversammlung mitgeteilt. So habe sich die Bilanzsumme 1989 um 14,2 Prozent auf nahezu 4,86 Milliarden DM erhöht. Das Wachstum habe - zum Ausbau der Spitzenstellung unter den bundesdeutschen Volks- und Raiffeisenbanken geführt.

Die Berliner Volksbank eG unterhält 30 Filialen und beschäftigt rund 1 000 Mitarbeiter.
(Neues Deutschland, Mi. 02.05.1990)

In der mecklenburgischen Kreisstadt Malchin konstituierte sich kürzlich eine Arbeitsgruppe zur Vorbereitung der Gründung einer Evangelischen Arbeitnehmerbewegung (EAB) in Mecklenburg. Damit ist Mecklenburg das erste Land der DDR, in dem die Neugründung dieser überparteilichen und gewerkschaftsunabhängigen Organisation von sich zur evangelischen Konfession bekennenden Arbeitnehmern begangen wurde.
(Neue Zeit, Mi. 02.05.1990)

Ein Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt e.V. (kda) in der DDR nimmt am 1. Mai Seine Arbeit auf. Das haben Christen aus den verschiedenen evangelischen Landeskirchen der DDR im März beschlossen, heißt es in einer Pressemitteilung des kda.

Der kda schließt christliche Arbeitnehmer, Gewerkschafter, Arbeitsrechtler, Mediziner, Theologen, Pfarrer und einige Arbeitgeber zusammen. Mit dem Verein wollen sie unter anderem die Industrie- und Sozialarbeit in den Landeskirchen aufbauen und fördern. Zudem wird der kda Angebote zur Bewältigung von Krisensituationen unterbreiten.

Kontaktadresse: Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt - Geschäftsstelle, Ehm-Welk-Str. 15, Berlin, 1153.
(Neue Zeit, Mo. 30.04.1990)

Noch immer verlassen Woche für Woche rund 4 000 Bürger die DDR. In den vergangenen acht Tagen haben sich 4 282 DDR-Bewohner als Übersiedler in der Bundesrepublik gemeldet. Die Gesamtzahl der Übersiedler seit dem 1. Januar hat sich damit auf 174 865 erhöht. Um den Verlust von Menschen durch die Übersiedlung in die BRD auszugleichen, schlug am Montag in Düsseldorf der nordrhein-westfälische Sozialminister Hermann Heinemann (SPD) vor, solle die DDR Aussiedler aus Ost- und Südeuropa aufnehmen. Als weiteren Grund nannte er, dass die Ballungsgebiete in der BRD den Zuzug von Aussiedlern nicht mehr verkraften könnten. Dieser Punkt müsse nach seiner Ansicht Gegenstand der Verhandlungen über einen Staatsvertrag sein.
(Berliner Zeitung, Mi. 02.05.1990)

Mit Champagner wurden die Teilnehmer des ersten Direktfluges Dresden-Paris der "Interflug" am Montag auf dem Internationalen Pariser Flughafen Charles de Gaulle empfangen. Zweimal wöchentlich (montags und mittwochs) wird die Interflug von Dresden aus jeweils am Vormittag nach Paris starten und am frühen Nachmittag den Rückflug antreten. Für eine dritte Direktverbindung zwischen Paris und Dresden sorgt die AIR FRANCE, die am Freitag diese Linie bedient. Wie in Paris verlautete, wurden drei unterschiedliche Tarife ausgehandelt: der Normaltarif, den vor allem Geschäftsleute nutzen werden und bei dem ein Hin- und Rückflugticket von Paris umgerechnet etwa 1 300 Mark kosten wird, der Ferien- und Wochenendtarif (ein Flug muss am Wochenende erfolgen), der ein Ticket für etwa 500 Mark bietet, und der Jugendtarif für etwa 330 Mark.
(Neue Zeit, Mi. 02.05.1990)

Die Benelux-Länder, Frankreich und die Bundesrepublik haben grundsätzlich vereinbart, dass die Visumpflicht für DDR-Bürger für die Benelux-Länder und Frankreich innerhalb der fünf Staaten abgeschafft werden soll. Allerdings dies im Rahmen des Schengener Abkommens über Personen- und Güterfreiheit nur auf der Basis der Gegenseitigkeit gewährt werden. Das teilte am Montag in Den Haag ein Sprecher des niederländischen Außenministeriums mit.

Er konnte aber noch kein Datum für das Inkrafttreten dieser Regelung nennen. Die Visumfreiheit für die DDR-Bürger könne durch einseitige Erklärungen der betreffenden Staaten verfügt werden.
(Neue Zeit, Mi. 02.05.1990)

In Berlin-Niederschönhausen finden die zweiten "Zwei-plus-Vier"-Gespräche auf Beamtenebene statt.

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