DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Demonstrationen und Kundgebungen April 1990


Di. 03.04.
Unter dem Motto "Kohl - rück die Kohle raus", ruft der Republiksprecherrat des Neuen Forum zu Demonstrationen auf. Es wird die Einhaltung der Wahlversprechen zur Währungsunion gefordert.

Do. 05.04.

Gewerkschafter gehen am Donnerstag auf die Straße, um gegen die Empfehlung der Bundesbank und führender BRD-Politiker zu protestieren, die DDR-Mark im Verhältnis 2:1 umzutauschen. Die Empfehlung sei nicht nur Wahlbetrug, sondern ein unzumutbares Spiel mit den Erwartungen und Ängsten vieler Menschen, heißt es in einer Erklärung des FDGB vom Mittwoch.

Hier Termine für die von Parteien und Vereinigungen mitgetragenen Demos:

Berlin 17 Uhr Alexanderplatz/Lustgarten
Cottbus 17.00 Uhr Oberkirche
Dresden 17.00 Uhr Theaterplatz
Erfurt 17.30 Uhr Zentrum der Stadt zur Andreasstraße
Frankfurt (Oder) 17.00 Uhr Zentraler Platz
Gera 16.30 Uhr Marktplatz Halle 17.00 Uhr Innenstadt
Karl-Marx-Stadt 17.00 Uhr Karl-Marx-Allee
Leipzig 17.00 Uhr Karl-Marx-Platz
Magdeburg 17.00 Uhr Domplatz
Neubrandenburg 17.00 Uhr Karl-Marx-Platz
Potsdam 17.00 Uhr Platz der Nationen
Rostock 17.00 Uhr Universitätsplatz
Schwerin 17.00 Uhr Alter Garten
Suhl 17.00 Uhr Karl-Marx-Platz

"Wir haben jetzt die einmalige Chance, zum Hinterhof und Armenhaus der BRD zu werden." Mit Sarkasmus schilderte Schauspielerin Käthe Reichel am Donnerstagabend auf der Demonstration im Berliner Lustgarten die Wirkungen eines Umtauschverhältnisses 2:1 im Zuge der Währungsunion, jüngst vorgeschlagen von der Bundesbank. Rund 100 000 Berliner hatten sich hier zusammengefunden. So wie in Berlin protestierten in allen Bezirksstädten und weiteren Orten der Republik Gewerkschafter.

Unüberhör- und -sehbar hieß es "Ein Neubeginn mit Wahlbetrug? Mit uns nicht! Gewerkschafter fordern 1:1." Das ganze Verwirrspiel um die Währungsunion sei eine schamlose Missachtung der Interessen der DDR-Bürger, ein unzumutbares Spiel mit den Sorgen, Erwartungen und Ängsten vieler Menschen. Mit diesen Worten erklärte FDGB-Vorsitzende Helga Mausch, was die Mitglieder der Gewerkschaften von den scheinheiligen Versprechen der BRD-Politiker im DDR-Wahlkampf halten. Eine andere Lösung als 1:1, das wurde auch auf den anderen Protestdemonstrationen klipp und klar gesagt, komme nicht in Frage. Dafür wolle man kämpfen, und so wie am Donnerstag auch wieder auf die Straße gehen. Einen Fingerzeig, wie ernst das gemeint ist, gab es in Leipzig. Der Protestzug nahm jenen Weg im Stadtzentrum, auf dem seit Herbst 1989 die Montagsdemonstrationen entlanggeführt hatten. Mit dem Ruf "Wir sind keine halben Deutschen" protestierten 20 000 Gewerkschafter in Halle.

Sa. 07.04.
Nach elf Tagen Hungerstreik haben am Samstagabend in Erfurt Mitglieder der Bürgerwache im ehemaligen Stasi-Gebäude in der Andreasstraße ihre Protestaktion beendet. Die acht Männer wollten damit die Überprüfung der Volkskammerabgeordneten und der Kandidaten für die Kommunalwahlen auf eventuelle Zusammenarbeit mit der ehemaligen Staatssicherheit erwirken. Am Vortag hatten der Minister ohne Geschäftsbereich Sebastian Pflugbeil und Matthias Büchner vom Erfurter Bürgerkomitee die Zusage überbracht, dass die Forderungen der acht Männer erfüllt werden.

Do. 12.04.
Der Berliner Lustgarten war am Donnerstagvormittag von Traktoren und Landmaschinen besetzt. Etwa tausend Bauern forderten von der Regierung staatlichen Schutz für den Binnenmarkt, ein vernünftiges Hinüberwachsen in den EG-Markt, Entschuldung der LPG und Sicherheit für genossenschaftliches und privates Eigentum. Bauernverband und Genossenschaftsverband standen hinter den Forderungen. Um denen Nachdruck zu verleihen, hatten Bauern im Kreis Salzwedel für eine Stunde die eine Grenze blockiert.

So. 22.04.

Aufruf: Demo gegen § 218

Umweltschützer begingen am Sonntag mit zahlreichen Aktionen in der DDR den "Tag der Erde". Unter der Losung "Heute bleibt der Motor kalt, wir radeln in den grünen Wald" beteiligten sich Umweltschützer aus Ost und West an einer Radsternfahrt vom Berliner Roten Rathaus zur Glienicker Brücke bei Potsdam, die für kurze Zeit blockiert wurde. Anlass dieser Ost-West-Aktion am "Tag der Erde" ist die drohende Gefahr, die auf das Berliner Umland durch den zu erwartenden motorisierten Massentourismus zu Land und zu Wasser zukommt.

Tausende Thüringer waren am Nachmittag der Einladung zu Volksfesten am "Tag der Erde" unter anderem in Erfurt, Weimar und Jena gefolgt. Umweltschützer machten auf wachsende Müllberge aufmerksam. Ehrfurcht vor allem Leben und neue Grundwerte der Lebensgestaltung wurden ebenso angemahnt wie neue Energiepolitik. Mit Fahrrad-Demonstrationen in Erfurt und Jena wurden neue Verkehrskonzepte angemahnt.

Zu einer Gedenkkundgebung für die Opfer des Stalinismus versammelten sich am Sonntag rund 100 Menschen vor der ehemaligen Haftanstalt der Staatssicherheit auf dem Karl-Marx-Städter Kaßberg. Aufgerufen hatte dazu der Bund der stalinistisch Verfolgten.

Pfarrer Schreiber von der St. Nikolai-Gemeinde Karl-Marx-Stadt brachte Betroffenheit über die Praktiken der Staatssicherheit zum Ausdruck. Er forderte die Aufdeckung der Namen der Stasi-Mitarbeiter und sprach sich dafür aus, endlich den Verantwortlichen, angefangen bei Erich Honecker, den Prozess zu machen.

Di. 24.04.
"In- und Ausländer gemeinsam sind unteilbar". Unter diesem Motto sind alle Einwohner beider Teile Berlins für Dienstagnachmittag zu einer Demonstration zwischen Alexanderplatz und dem Roten Rathaus mit anschließender Kundgebung eingeladen. Das geht aus einem Aufruf der Initiativgruppe "In- und Ausländer gemeinsam" hervor. Auf der Kundgebung sprechen Vertreter von Parteien, Bürgerbewegungen, Basisgruppen Parteien und Kirchen.

Vor der Volkskammer in Berlin findet eine Demonstration gegen die Einführung des § 218 statt. Für die Fristenlösung in eine gesamtdeutsche Gesetzgebung. CDU-Frauen verteilten Broschüren "Aktion Rettung ungeborener Kinder".

In- und Ausländer gemeinsam!
Menschenrechte sind unteilbar!

Demonstration 17.00 Uhr, auf dem Alexanderplatz und um 18.00 Uhr Kundgebung vor dem Roten Rathaus

Do. 26.04.
Kernkraftgegner blockierten in den frühen Morgenstunden des Donnerstag die Zufahrten zum Kernkraftwerk Stendal. Nach Angaben der VP versperrten sie Bauarbeitern den Weg zu ihrer Arbeitsstelle. An diesem Tag jährte sich zum vierten Mal die Katastrophe von Tschernobyl. Republikweit waren aus diesem Anlass von Umweltgruppen Antikernkraftaktionen geplant

Zu einem DDR-weiten Tschernobyl-Aktionstag am 26. April, dem vierten Jahrestag des Reaktorunfalls in der Ukraine, haben kirchliche Umweltgruppen die Kirchgemeinden in der DDR aufgerufen. Auch ein landesweites Glockenläuten soll Bestandteil der vielfältigen Aktionen und Veranstaltungen sein, heißt es in dem Aufruf, der am Mittwoch, 4. April, in Berlin bekannt wurde. Alle lokalen Aktivitäten sollen am 29. April mit einer Demonstration auf dem Stendaler Marktplatz fortgesetzt werden.

Sa. 28.04.
Mit Traktoren und Lkw sperrten am Sonnabend sächsische Bauern die drei vogtländisch-bayrischen Grenzübergänge Blosenberg, Gassenreuth und Heinersgrün. Mit ihrer Aktion, die vom Bauernverband und Genossenschaftsverband der DDR gemeinsam organisiert wurde, machten sie auf die besorgniserregende Situation in der Landwirtschaft aufmerksam Die Bauern forderten unter anderem den Stopp unkontrollierter Nahrungsgüterimporte.

Zur Zeit überschwemmten viele westliche Nahrungsmittel den Markt, weil sich der Handel scheinbar nur noch dorthin orientiere. DDR Bauern aber können ihre Produkte nicht in der BRD absetzen, der Zoll verhindert solche Versuche sofort.


Alle Angaben sind Auszüge aus den Chronikseiten April 1990 www.ddr89.de. Es wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben.

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