DDR 1989/90Brandenburger Tor


So. 1. April 1990


Die Gewerkschaft der Volkspolizei (GdVP) wird frei und unabhängig im Dachverband des FDGB arbeiten. Das beschlossen die rund 1 000 Delegierten aus allen Bezirken am zweiten Beratungstag ihres 1. Ordentlichen Kongresses der GdVP in Aschersleben nach mehrstündiger Diskussion um das künftige Statut.
(Berliner Zeitung, Mo. 02.04.1990)

Die DDR-Spitzenpolitiker Lothar de Maizière, Ibrahim Böhme und Gregor Gysi gingen entlastet aus der Überprüfung ihrer Stasi-Akten hervor.

Auf persönliche Bitte des CDU-Chefs de Maizière und mit Zustimmung der Regierungsbeauftragten hatten unter anderen Konsistorialpräsident Dr. Manfred Stolpe und Rechtsanwalt Dr. Gregor Gysi seine Akten durchgesehen. Dem CDU-Vorsitzenden war verschiedentlich vorgeworfen worden, Informant der Stasi gewesen zu sein. Zuvor waren die Unterlagen über den PDS-Vorsitzenden Gregor Gysi gesichtet worden. Auch daraus ergaben sich keine Bedenken.
(Neue Zeit, Mo. 02.04.1990)

Den Raiffeisenverband e. V. der DDR gründeten am Wochenende die 390 Delegierten aus Bäuerlichen Handels-, Molkerei- und Winzergenossenschaften auf dem Genossenschaftstag 90 in Bogensee bei Bernau. Zum Präsidenten wurde Karl-Walter Funk, Vorsitzender der LPG Tierproduktion Brenz, Kreis Ludwigslust, gewählt.

Der Verband versteht sich als Interessenvertreter seiner Mitglieder gegenüber der Regierung, anderen Verbänden, Institutionen und Gewerkschaften. Er ist der gesetzliche vorgeschriebene Prüfungsverband für jede Genossenschaft und bereitet mit dem Partnerverband der BRD Schritte für die Vereinigung vor.

In der DDR bestehen gegenwärtig 272 BHG. Sie erreichten einen jährlichen Umsatz von 5,8 Milliarden Mark. Die 2 800 Bankfilialen führen 1,2 Millionen Konten mit Einlagen von 13 Milliarden Mark. Die Molkereigenossenschaften unterhalten 86 Betriebe, die nahezu 60 Prozent des Milchaufkommens verarbeiten. Ihre jährliche Warenproduktion beläuft sich auf 19 Milliarden Mark. Winzergenossenschaften in Meißen und Freyburg keltern 60 000 Hektoliter Wein. Zu Beginn des Genossenschaftstages 90 hatte der Artener BHG-Leiter Dieter Mußmann als Maßstäbe für den Neubeginn Nähe zum Kunden, Eigenständigkeit und Leistungsbereitschaft genannt.
(Neues Deutschland, Mo. 02.04.1990)

Eine gemeinsame Gedenkveranstaltung aus Anlass des Jörn Ha Schoa (Gedenktag für die ermordeten Juden) wollen am 23. April der Verband der Jüdischen Gemeinden in der DDR und der Zentralrat der Juden in Deutschland in der Synagoge in der Berliner Rykestraße durchführen. Das geht aus einem Kommuniqué über eine turnusmäßige Beratung der Mitglieder und Beiräte des DDR-Verbandes der Jüdischen Gemeinden gestern in Dresden hervor. Der daran teilnehmende Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Dr. Heinz Galinski, sagte dem Verband jede politische und moralische Unterstützung zu.
(Berliner Zeitung, Mo. 02.04.1990)

Die drei Schutzmächte in Berlin verzichten nach den Entwicklungen in der DDR auf ihre bislang jährlich veranstalteten Alliierten Militärparaden. Nach dem Fall der Mauer gibt es erstmals in diesem Jahr keine Parade, sagte der Sprecher der französischen Mission, Philippe Trigault, auf dpa-Anfrage.
(Neues Deutschland, Mo. 02.04.1990)

Als lebendige Heimstatt all derer, die sich in irgendeiner Weise für Japan interessieren, versteht sich die am Wochenende gegründete Deutsch-Japanische Gesellschaft in der DDR. Auf der Basis regionaler Gruppen im ganzen Land will sie direkte Kontakte zwischen Familien, Interessengruppen, Organisationen und Einrichtungen der DDR und Japans vermitteln und unterstützen. Die Gründungsversammlung wählte Prof. Dr. Jürgen Berndt (Humboldt-Universität) zum Präsidenten der Gesellschaft und Dr. Hans Modrow, den amtierenden Regierungschef, zum Ehrenpräsidenten.
(Neues Deutschland, Mo. 02.04.1990)

Für den grenzüberschreitenden Verkehr mit Sportbooten sind am Sonntag an der DDR-Ostseeküste insgesamt neun Grenzübergangsstellen eröffnet worden. Sie befinden sich bei Timmendorf (Insel Poel), am Hafen Wismar, in Rostock-Warnemünde (Alter Strom), an den Inseln Bock und Rüden, in Libben (Halbinsel Bug), am Hafen Stralsund, in Saßnitz und Kamin. Bei der Einreise ist auf kürzestem Weg und ohne vorherigen Landkontakt die nächstgelegene Grenzübergangsstelle anzulaufen. Das Passieren einer Grenzübergangsstelle gilt auch für die Ausreise.
(Neues Deutschland, Mo. 02.04.1990)

Die bundesdeutschen Großverlage Bauer, Burda, Grüner + Jahr und Axel Springer haben das Ersuchen des Presse- und Informationsdienstes der DDR an das Bonner Innenministerium zurückgewiesen, die Auslieferung westdeutscher Zeitungen und Zeitschriften in der DDR zu unterbinden. In einer gestern dem Bonner ADN-Büro übermittelten Erklärung heißt es, der Bundesregierung werde zu Unrecht der Vorwurf gemacht, sie bemühe sich nicht um einen Vorschlag für ein Vertriebssystem in der DDR, das die Interessen aller Verlage berücksichtige. Das Gegenteil sei der Fall. Seit Wochen verhandele das Bundeskartellamt auf Initiative des Bonner Innenministeriums über ein den Grundsätzen des chancengleichen Markteintritts verpflichtetes Grossomodell für die DDR.
(Berliner Zeitung, Mo. 02.04.1990)

Ibrahim Böhme legt wegen der Stasivorwürfe alle Parteiämter und den Vorsitz in der SPD-Fraktion der Volkskammer nieder.

Delegationen von CDU und SPD treffen sich zu einem weiteren Informationsgespräch über eine mögliche Regierungsbeteiligung der SPD.

Der sächsische Städte- und Gemeindetag wird in Dresden gegründet.

Die Subventionen für Presseerzeugnisse fallen weg. Die Folge ist eine massive Preiserhöhung. Die Tageszeitungen Bauern-Echo, Berliner Allgemeine (vor dem 01.02.1990 National-Zeitung), Berliner Zeitung, Brandenburgische Neuste Nachrichten, Märkische Oderzeitung (vor dem 17.03.1990 Neuer Tag), Märkische Volksstimme, Brandenburgische Neuste Nachrichten, Tribüne von 15 auf 50 Pfennig, die Leipziger Volkszeitung und die Volksstimme aus Magdeburg von 15 auf 40 Pfennig, die Junge Welt von 10 auf 40 Pfennig, das Neue Deutschland von 15 auf 55 Pfennig, Der Morgen, Deutsches Sportecho von 20 auf 50 Pfennig, Die Neue Zeit von 20 auf 55 Pfennig.

Die Zeitungen Sonntag von 30 Pfenning auf 1,50 Mark, Wochenpost von 30 Pfennig auf 1 Mark, "das blatt" 2,70 M, "Das Magazin" 3 M.

Das Jugendradio DT64 sendet als Vollprogramm.

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