DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Mi. 21. Februar


Professor Dr. Wolfgang Biermann, früherer Generaldirektor des Kombinates Carl-Zeiss-Jena, ehemaliges Mitglied des Zentralkomitees der SED und Intimus des Wirtschafts-"Fach"-Mannes Günter Mittag, befindet sich in der Bundesrepublik.

In einer von seinen Anwälten in Westberlin veröffentlichten Pressemitteilung weist Biermann, gegen den in der DDR wegen Anstiftung zu verbrecherischer Untreue zum Nachteil sozialistischen Eigentums Haftbefehl erlassen und die Fahndung veranlasst wurde, die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zurück.
(BZ, 22.2.1990)

Einen bedingungslosen Anschluss der DDR an die BRD werde es mit seiner Partei nicht geben. Das betont der Geschäftsführer der SPD der DDR, Ibrahim Böhme, gegenüber dem sozialdemokratischen Magazin "Vorwärts". In dem heute in Bonn vorab veröffentlichten Interview erklärt der SPD-Politiker, ein vereintes Deutschland als assoziiertes Mitglied in der NATO werde es nicht geben, "auch nicht in modifizierter Fassung von Herrn Genscher." Auf die Frage des "Vorwärts", warum die SPD in der DDR eigentlich dieselbe soziale Marktwirtschaft kopieren wolle, "die in der BRD Massenarbeitslosigkeit, neue Armut und massive Umweltprobleme erzeugt", antwortet Böhme, das sei "pure Unterstellung". Er denke, dass "eine Reihe von DDR-Grundrechten durchaus in die neue Verfassung übernommen werden sollten - das Recht auf Arbeit etwa, auf Wohnung, auf Bildung".
(BZ, 22.2.1990)

Der ehemalige FDGB-Vorsitzende, Harry Tisch, ist der erste Ex-Spitzenfunktionär, gegen den Anklage erhoben wird. Wie die Generalstaatsanwaltschaft vor der Presse weiter verkündet, wurde am selben Tag entschieden, ihn aus der Haft zu entlassen. Da die Ermittlungen abgeschlossen seien, Spuren also nicht mehr verwischt werden könnten und eine Flucht ausgeschlossen werde, sei das zu verantworten, meint Pressesprecher Peter Przybilski. Auch die Ermittlungen gegen den früheren CDU-Vorsitzenden Gerald Götting sind abgeschlossen. Noch in dieser Woche soll die Anklageschrift übergeben werden.
(BZ, 22.2.1990)

bis hier aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR, 4./5. Folge, 1. Auflage, Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990, ISBN 3-7303-0604-9

Am morgigen Donnerstag findet vom Alex bis zum Lustgarten eine Demo statt. Treffpunkt ist 17 Uhr. In dem Aufruf dazu heißt es: Wir sind gegen Massenruin und Massenarbeitslosigkeit! Wir fordern den Schutz unserer Wirtschaft vor dem Würgegriff einer übermächtigen Konkurrenz Für den geordneten Umbau unserer Wirtschaft in Richtung Ökologie und Wettbewerbsfähigkeit! Für Zusammenarbeit statt Kapitulation! Für soziale Sicherheit! Für unser Recht auf Arbeit! Für den sozialen Schutz der Frauen, Kinder und Jugendlichen, der Rentner, Kranken und Behinderten! Für starke Interessenvertretungen er Werktätigen in Stadt und Land!

Die Veranstalter sind die Vereinigte Linke, Linke Jugendverbände, DIE NELKEN, der Unabhängige Frauenverband, die Grüne Partei, Rainhard Schult, Neues Forum (Fraktion Aufbruch 89) und Vertreter von Gewerkschaften.
(Neues Deutschland, Mi. 21.02.1990)

Vertreter aller am Runden Tisch der Jugend beteiligten Jugendorganisationen, auch die der FDJ, besetzten Mittwoch Abend das Gebäude des ehemaligen Zentralrates der FDJ Unter den Linden.

Wie gestern auf einer Pressekonferenz mitgeteilt wurde, sollte ein Zeichen gesetzt werden, sich gegen den systematischen Abbau der Rechte der Jugend und gegen die Streichung finanzieller Unterstützungen zur Wehr zu setzen.

Auslöser für diesen Schritt, der auch Ausdruck der Differenzen in der FDJ ist, sind Vorhaben, das Gebäude Unter den Linden einer kommerziellen Nutzung zuzuführen. Auf der einen Seite steht hier der Anspruch der Organisationen, unabhängige politische Arbeit zu leisten, auf der anderen Seite die Tatsache, dass staatliche Zuschüsse für das Gebäude Ende März auslaufen. Die Jugendorganisationen können jedoch die Kosten nicht aufbringen.

Eine FDJ-interne Informationslücke führte zu der Auffassung, dass die sich um Nutzungsrechte bewerbende Projekt und Service GmbH ein Loch sei, durch das FDJ-Vermögen verschwindet.

Dieses Projekt zielt jedoch nach Auskünften des Geschäftsführers Hochhold darauf, durch Teilkommerzialisierung der Nutzung den Jugendorganisationen eine Büroetage zu erhalten und z. T. zu finanzieren sowie die Arbeitsplätze der technischen Mitarbeiter zu sichern. In den übrigen Etagen und Räumen soll ein Zentrum für Know-how - Softwareentwicklung, Industrieautomatisierung und Umwelttechnologie sowie Personalschulung gerade für Jugendliche entstehen.

Den Vertretern des Runden Tisches war all dies unbekannt. Sie forderten einhellig den Erhalt des Gebäudes als Haus der Jugend. Klärung wird von einem gemeinsamen Gespräch des Rundes Tisches und Regierungsvertretern erwartet.
(Berliner Zeitung, Fr. 23.02.1990)

Einen einheitlichen Presseausweis für DDR-Journalisten wird es voraussichtlich ab Frühjahr dieses Jahres geben. Dies geht aus einer Presseerklärung des Vorstandes des Verbandes der Journalisten (VDJ) von gestern hervor. Außerdem unternehme der VDJ gegenwärtig "verschiedene Schritte", um die professionellen und sozialen Rechte seiner Mitglieder zu sichern. Der Verband stehe in Gesprächen mit den Gewerkschaften, in denen Journalisten organisiert sind. In Verhandlungen mit den Journalistenorganisationen der BRD gehe es um eine solidarische Gemeinschaft von VDJ, IG Medien und DJV.
(Berliner Zeitung, Do. 22.02.1990)

Die Neuformierung des Bibliotheksverbandes der DDR im Zeichen der Umgestaltung hat das Präsidium des Verbandes am Dienstag und Mittwoch in Berlin beraten. In Zukunft soll die Fachorganisation aus Landesverbänden bestehen. Sie werden sich dafür einsetzen, in der Öffentlichkeit das Verständnis für Bedeutung und Erfordernisse des Bibliothekswesens zu vertiefen, staatlichen Organen Standpunkte zu Grundsatzentscheidungen auf diesem Gebiet zu übergeben sowie Finanzierung und Sicherung des Bibliothekswesens zu erwirken.

Mitte Juni soll eine Hauptversammlung in Magdeburg über die Satzung des "Deutschen Bibliotheksverbandes/DDR" und die inhaltlichen Orientierungen für die künftige Verbandsarbeit entscheiden. Der Verband strebt eine enge Zusammenarbeit mit der Bundesvereinigung Deutscher Bibliotheksverbände in der BRD an, um die Voraussetzungen für die Weiterführung des gemeinsamen Wirkens in einem einheitlichen "Deutschen Bibliotheksverband" zu schaffen.
(Berliner Zeitung, Fr. 23.02.1990)

"Grüne Energiewende jetzt". Das fordern in einem gemeinsamen Papier die Grünen Parteien beider deutscher Staaten, die Grüne Liga, das Neue Forum und die Westberliner Alternative Liste.

Dafür haben die fünf Organisationen einen 10-Punkte-Plan aufgestellt. Kern ist, die inzwischen heftig umstrittene, sofortige Stilllegung der laufenden Kernenergieanlagen und der Ausbaustopp für neue Atommeiler. Betriebssicherheit müsse vor Wirtschaftlichkeit gehen, so die Unterzeichner. Um eine Energiekrise in der DDR zu vermeiden rund zehn Prozent des verbrauchten Stroms kommt aus Kernkraftwerken - soll das Manko bis dahin aus der BRD und Österreich bezogen werden. Die Grünen im Bundestag, so ihr Abgeordneter Wolfgang Daniels, wollen sich für eine Subventionierung dieser Importe durch die Bonner Regierung einsetzen. Er sprach von über 20 000 Megawatt Reservekapazität bundesdeutscher Kraftwerke, mit denen die Stilllegung der 1 760 Megawatt aus Greifswald und der 70 MW aus Rheinsberg kompensiert werden könnte. Auch die Leitungen zwischen den Ländern seien keineswegs ausgelastet.

"Energiefresser" wie die Kali-Industrie sollten auch aus anderen ökologischen Gründen schnell "heruntergefahren" werden. Aluminiumproduktion und Chlorelektrolyse müssten den fünf Parteien zufolge sogar völlig eingestellt werden.

Weitere Punkte beziehen sich auf stärkere Förderung der Energieeinsparung, Modernisierung der Kraftwerke, Austausch von Braun- gegen Steinkohle bzw. Erdgas und Aufhebung der Subventionen. So würde ein Aufschlag von nur einem Pfennig auf den bisherigen Strompreis von 8 Pfennigen im Jahr 1.3 Milliarden Mark bringen, die für Modernisierung der Kraftwerke eingesetzt werden (könnten. Gleiche man den Preis sogar den Kosten von 30 Pfennigen an, wären das schon fast 30 Milliarden.

Minister Pflugbeil vom Neuen Forum gab zu bedenken, dass nicht alles über finanziellen Druck auf den Bürger machbar sei, wenn diesem entsprechende Energiespar-Möglichkeiten fehlten. So müssten zum Beispiel Wärmedämmung, regelbare Heizungen und verbrauchsarme Konsumgüter vom Gesetzgeber gefordert werden. Er kritisierte, dass die. Opposition nicht in die Ausarbeitung der neuen Energiekonzeption durch die Regierung einbezogen war, die am Montag vorgelegt wurde: Dann wird zwar die Forderung nach Drosselung von Energiefressern berücksichtigt, zugleich aber von einem durch die Bevölkerung per Saldo steigenden Verbrauch ausgegangen. Die Umweltbelastung soll mit teuren Gasimporten und massivem Atomausbau erkauft werden. Ob damit ein Weg aus der energiepolitischen Sackgasse gegeben ist, wird sich zeigen.
(Berliner Zeitung, Mi. 21.02.1990)

Der Hauptvorstand der DGB-Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen beschließt die Einrichtung von acht Büros in der DDR. Die betriebliche Gewerkschaftsarbeit soll unterstützt und gewählte betriebliche Interessenvertretungen stehen auf dem Programm. Ziel ist es, "demokratische, unabhängige, starke und durchsetzungsfähige Gewerkschaften in einem vereinten Deutschland" aufzubauen. Das soll in Zusammenarbeit mit den FDGB-Gewerkschaften Handel, Nahrung und Genuss und der Gewerkschaft der Mitarbeiter der Staatsorgane und der Kommunalwirtschaft, geschehen.

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