DDR 1989/90Brandenburger Tor


Demonstrationen, Kundgebungen und Dialogveranstaltungen Februar 1990


Do. 01.02.
In Weimar wird eine Demonstration gegen Bombendrohungen, die sich gegen die Krankenhäuser gerichtet haben, durchgeführt. Seit dem 12.01. gab es 18 Bombendrohungen in Weimar. Auf das Büro des Demokratischen Aufbruch wurde ein Buttersäureanschlag verübt.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Roten Kreuzes aus allen Bezirken demonstrieren rund um den Alexanderplatz in Berlin. Es wird gegen die geringe Bezahlung und für eine Lohnerhöhung demonstriert. Außerdem wird auf die schlechte materielle Ausstattung hingewiesen.

Demonstrationen finden in Erfurt, Gera, Magdeburg, Meiningen und Rostock statt.

Sa. 03.02.
Standesgemäß führt die Grüne Liga anlässlich ihres Gründungskongress in Schkopau ein Fahrradkorso durch.

Demonstriert wird in Finsterwalde.

Mo. 05.02.
Zu Demonstrationen kommt es in Dresden, Halle, Leipzig und Suhl.

Mi. 07.02.
Schweriner Lehrer und Erzieher versammelten sich am Mittwochabend auf dem Markt der Bezirksstadt zu einer Demonstration für ihre soziale Sicherheit. Sie setzten sich für Kündigungsschutz, Pensionsberechtigung sowie die Gewissheit ein, unabhängig von der gerade regierenden Partei ihre Tätigkeit ausüben zu können. Die angespannte Situation der Lehrer war durch eine Forderung des Schweriner Runden Tisches noch verstärkt worden, wonach Pädagogen, die hauptamtlich als SED-Funktionäre tätig waren, nicht im Schuldienst arbeiten dürften.

Do. 08.02.
In Erfurt und Gera finden Demonstrationen statt.

Die SPD Stendal führt um 20 Uhr auf dem Marktplatz eine Wahlkampfkundgebung mit dem Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, Johannes Rau, als Gastredner durch.

Mo. 12.02.
"Deutschland"- und "Sachsen unser Heimatland"-Rufe bestimmten am Montagabend die Demonstration von rund 30 000 Bürgern in Karl-Marx-Stadt. Auf der schon traditionellen Kundgebung vor dem Karl-Marx-Monument betonten mehrere Redner, daß dem Land nur noch eine soziale Marktwirtschaft nach BRD-Muster helfen könne. Kein Arbeitswilliger brauche Angst um seine Zukunft zu haben. Es gehe um eine effektive Wirtschaft, die auch für ein engmaschiges soziales Netz sorge. Gefragt seien jedoch keine weiteren sozialistischen Experimente. Joachim Nestler von der Deutschen Forumspartei, der "im Auftrag der Chemnitzer" "liebe Landsleute" aus Bayern, Hessen und Baden-Württemberg herzlich begrüßte, forderte gleichzeitig unter dem Beifall der Versammelten: "Herr Modrow, treten Sie zurück!" Als Vertreter der Koalition der Liberalen Mitte plädierte er für Deutschland, für Sachsen und für eine freie Stadt Chemnitz.

Ein PDS-Vertreter, der für Toleranz unter Andersdenkenden eintrat, wurde unter Tumult mit den Rufen "Rote raus" am Weiterreden gehindert.

Ihre schwarz-rot-goldenen sowie grün-weißen Fahnen Sachsens schwenkend, zogen die Demonstranten mit dem eindeutigen Motto "Deutschland, einig Vaterland" auf ihren Transparenten durch das Stadtzentrum.

Wahlkampfatmosphäre prägte das Bild der Montagsdemo in Leipzig. Mit einer Flut von Flugblättern, Aufklebern, Wimpeln warben neue und etablierte Parteien für ihre Ziele. Was sie davon halten, machten Rechtsradikale auf ihre Weise deutlich: Sie versammelten sich hinter dem Opernhaus und verbrannten Wahlkampfmaterialien anderer Parteien. Pfiffe erntete ein Redner auf der mit dem "Deutschlandlied" eingeleiteten Kundgebung, als er für einen friedlichen Verlauf eintrat. Bei Tätlichkeiten zwischen Rechtsradikalen und Andersdenkenden wurden zwei Jugendliche verletzt.

Zur Zuversicht hat Altbundeskanzler Helmut Schmidt am Montag in Güstrow die Bürger der DDR aufgerufen. Vor mehreren tausend Einwohnern der mecklenburgischen Stadt erklärte er, sie sollten auf die Hilfsbereitschaft und die Solidarität der BRD vertrauen. Er selbst habe bereits konkrete Vorschläge gemacht, wie die Leistungen der DDR-Wirtschaft finanziert werden können. Auf dem historischen Markt brachte Helmut Schmidt seine Anerkennung für die friedliche Umgestaltung in der DDR zum Ausdruck und bat darum, dem Meisterwerk der gewaltlosen Revolution ein Meisterwerk an Vernunft folgen zu lassen und im Lande zu bleiben.

Das Motto der Kundgebung auf dem Marktplatz lautet: "Wir sind wieder da - SPD".

Mi. 14.02.
Mit einer Demonstration am Märkischen Ufer brachten am Mittwochnachmittag etwa 300 Berliner Eisenbahner ihre Forderungen an die Gründungskonferenz der IG Eisenbahn zum Ausdruck. Auf Transparenten und in einer Willensbekundung sprachen sich die Teilnehmer für eine einheitliche Gewerkschaft aus.

In allen, Teilen der Republik demonstrierten am Mittwoch Mitglieder der Gewerkschaft der Volkspolizei (GdVP). Sie forderten vor allem die rasche Verabschiedung eines Gewerkschaftsgesetzes durch die Volkskammer. Bei den Demonstrationen in Bezirks- und Kreisstädten traten die Teilnehmer für die weitere demokratische Umgestaltung der Deutschen Volkspolizei, besonders für die Transparenz ihrer Tätigkeit und die Fortsetzung der Sicherheitspartnerschaften ein.

Die Volkspolizisten verlangten ein baldiges Beamtengesetz. Aufgerufen zu diesen Demonstrationen hatten VP-Angehörige aus Halle. In der Saalestadt forderten die Demonstranten unter anderem, dass sich alle Parteien und Organisationen klar zur Sicherheitsstrategie äußern.

Gegen meinen drohenden Sozialabbau im Bereich des Ministeriums für Innere Angelegenheiten demonstrierten am Mittwoch in Berlin mehr als 2 000 Polizisten, Angehörige der Feuerwehr und des Strafvollzuges. Einem Aufruf des Bezirksvorstandes Berlin der erst 25 Tage alten Gewerkschaft der Volkspolizei (GdVP) folgend, artikulierten sie sich nach einem " Sternmarsch durch die Stadt vor dem Roten Rathaus.

Volkskammer, Ministerrat und Zentraler Runder Tisch wurden aufgefordert, "endlich dafür zu sorgen, die Ereignisse um den 7. und 8. Oktober vergangenen Jahres rückhaltlos aufzuklären". Die zu Unrecht inhaftierten und gedemütigten Bürger seien zu rehabilitieren, die Verantwortlichen für das Geschehene zu bestrafen.

Mo. 19.02.
Tausende gehen auch heute wieder bei den Montagsdemonstrationen in vielen Städten des Landes auf die Straße.

Für die schnelle Vereinigung beider Staaten wird in Leipzig demonstriert. Etwa 50 000 Teilnehmer finden sich zu einer Kundgebung auf dem Karl-Marx-Platz zusammen. Vom Balkon des Opernhauses stellen Vertreter von Parteien ihre Positionen zur Wahl vor.

Die Forderung nach der Einheit Deutschlands bestimmt auch die traditionelle Kundgebung in Karl-Marx-Stadt, an der etwa 80 000 Bürger des sächsischen Industriezentrums teilnehmen. Die Demonstranten stimmen einhellig der Rückbenennung ihrer Heimatstadt in Chemnitz zu.

Auf der letzten Demonstration vor den Volkskammerwahlen spricht der Ministerpräsident von Niedersachsen, Dr. Ernst Albrecht, zu Tausenden Hallenser Bürgern. Er bietet dem bald entstehenden Land Sachsen-Anhalt, dessen Landeshauptstadt Halle werden könnte, eine enge Kooperation und Unterstützung an. Auf eine Währungs- und Wirtschaftsunion beider deutscher Staaten eingehend, betont der Ministerpräsident: "Das Geld der Sparer darf nicht entwertet werden." Die Bundesrepublik werde nicht nur ihre starke D-Mark einbringen, sondern auch ihre Erfahrung und Wirtschaftskraft.

Nach Willen der im Hallenser Reformhaus vereinten Parteien und Gruppierungen, die die bisherigen Montagsdemonstrationen organisiert hatten, sollte die Kundgebung mit über 5 000 Teilnehmern vorerst die letzte sein. Mit Blick auf die Wahl seien verschiedene Positionen deutlich geworden. Deshalb solle man nicht mehr demonstrieren.<

Demonstrationen finden in Calau, Dresden und Plauen statt. In Dresden spricht Edmund Stoiber von der bundesdeutschen CSU. Der Staatssekretär im Bundesinnenministerium Carl-Dieter Spranger (CSU) spricht in Karl-Marx-Stadt und Bundesverkehrsminister Friedrich Zimmermann (CSU) in Plauen.

In Dresden findet die letzte Montagsdemonstration statt.

Di. 20.02.
Zu einem Bekenntnis zur Vereinigung beider deutscher Staaten gestaltete sich die erste Wahlkundgebung der "Allianz für Deutschland" mit Bundeskanzler Helmut Kohl gestern Abend auf dem Erfurter Domplatz.

Der CDU-Bundesvorsitzende ging auf die Ängste der DDR-Bevölkerung ein und sicherte allen den Schutz des sozialen Netzes der Bundesrepublik zu. Nahezu 10 000 Kundgebungsteilnehmer hatten ihm mit "Helmut!"-Sprechchören und der skandierten Forderung "Deutschland einig Vaterland!" zugejubelt. Kohl erinnerte an die bereitgestellten Übergangshilfen, aber er sei nicht bereit, in ein System zu investieren, von dem er nicht sehe, dass es den Bürgern zugute komme.

Dankbar sei er für das Ergebnis der Gespräche mit Generalsekretär Gorbatschow hinsichtlich der deutschen Einheit. Dagegen hob er an die Adresse von DDR-Premier Modrow hervor, er sei nach den Gesprächen in Dresden sicher gewesen, dass "sehr rasch die Bedingungen für die Einführung der sozialen Marktwirtschaft getroffen" würden.

Die CDU der Bundesrepublik unter Führung Helmut Kohls sei es gewesen, die verhindert habe, "dass wir weiterhin eingemauert bleiben" und statt dessen "die Freiheit errungen haben". Mit dieser Erkenntnis überraschte der Vorsitzende des Demokratischen Aufbruchs, W. Schnur, die Öffentlichkeit. Teilnehmer der Erfurter Wahlveranstaltung allerdings bekräftigten die Worte des Demokraten durch Sprechchöre "Rote raus", "Helmut"-Rufe und Applaus für das Wahlprogramm der "Allianz für Deutschland".

Zu heftigen Kontroversen führte das Auftreten von rund 500 vorwiegend jugendlichen Demonstranten gegen eine vorschnelle Vereinigung in eine "Kohlonie". Schon eine Stunde vor der Kundgebung gab es auf dem Platz erregte Debatten um den Weg zu einem einheitlichen Deutschland und um die soziale Sicherheit. Die Mehrheit versuchte mit Sprechchören "Rote raus!" die Andersdenkenden vom Platz zu verdrängen.

Um den Erhalt der staatlichen Souveränität ging es am Dienstagabend in Frankfurt (Oder) auf einer Kundgebung, zu der Jugendgruppen der Stadt künftig für jeden Dienstag aufrufen.

Auf dem Alten Markt in Magdeburg demonstrieren Rentner.

Do. 22.02.
Für soziale Sicherheit, das Recht auf Arbeit und gegen Massenruin und Massenarbeitslosigkeit demonstrierten am Donnerstag in Berlin rund 20 000 Menschen. Es gehe um Würde statt Anschluss, erklärten die Redner auf einer anschließenden Kundgebung im Lustgarten. Die DDR gehöre gegenwärtig zu den freiesten Ländern Europas, es sei jetzt nötig, das zu bewahren. Wir lassen uns von der Bundesregierung nicht über den Tisch ziehen, sagte Ina Merkel vom Unabhängigen Frauenverband, der gemeinsam mit den Vereinigten Linken, linken Jugendverbänden, den NELKEN, der Grünen Partei und Vertretern weiterer Bewegungen zu der Veranstaltung aufgerufen hatte.

Fr. 23.02.
Demonstriert wird in Finsterwalde.

Die Wahlkampfauftaktveranstaltung "Bündnis 90 - Bürger für Bürger" findet in Schwerin statt. Getragen von Demokratie Jetzt, der Initiative für Frieden und Menschenrechte und Neues Forum.

So. 25.02.
Für eine souveräne DDR, gegen Vereinnahmung und Sozialabbau demonstrieren im Berliner Lustgarten mehr als 50 000 Berliner und Gäste. Zu dieser Veranstaltung hatte die PDS eingeladen.

Mo. 26.02.
Auf mehreren der Montagsdemonstrationen im Lande griffen gestern bundesdeutsche Politiker in den Wahlkampf von DDR-Parteien ein.

Auf einer Kundgebung der DSU in Potsdam wurde der Generalsekretär der bayerischen CSU, Erwin Huber, am Sprechen gehindert und von empörten Demonstranten zum Verlassen der DDR aufgefordert. Weiterhin ergriffen die SPD-Politiker Herbert Schnoor, Innenminister des Landes Nordrhein-Westfalen, und Dietrich Stobbe, ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin (West), sowie Eberhard Diepgen, Vorsitzender der Westberliner CDU, das Wort.

Für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze, soziale Sicherheit und gegen Baustopp demonstrierten Werktätige des Wohnungsbaukombinats Dresden sowie zahlreiche der über 30 000 Wohnung suchenden der Stadt vor dem Dresdner Rathaus. Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer wurde aufgefordert, endlich ein Konzept für den weiteren Wohnungsbau vorzulegen.

"Zum Ernst der Politik gehört auch närrische Kritik" war eine Losung auf der jüngsten Leipziger Kundgebung, zu der sich am Rosenmontag nur noch einige Tausende Menschen zusammenfanden. Sie äußerten sich in karnevalistischen Anspielungen zum Stand der jetzigen Demokratisierungsversuche. Ein Pfeifkonzert erntete ein Redner, der auf Missstände bundesdeutscher Realität aufmerksam machte und für deutsch-deutsche Annäherung, gegen Einverleibung der DDR eintrat. Während der Kundgebung wurde außer Wahlkampfmaterialien auch die Zeitung der Reps, "Der Republikaner" verteilt. Danach begaben sich zahlreiche, vor allem deutsch-konservative Demonstranten, zum Marsch auf den Innenstadtring.


Alle Angaben sind Auszüge aus den Chronikseiten Februar 1990 www.ddr89.de. Es wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben.

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