DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Streiks Januar 1990


Mo. 01.01.
In Beelitz streikt Militär für eine Militärreform. Seit 1 Uhr stehen mehrere Hundert Armeeangehörige vor dem Tor der Friedrich Wolf Kaserne. Damit soll gegen ihrer Meinung nach unflexible und schleppende Durchführung der Armeereform protestiert werden. Gefordert wird die kurzfristige Entlassung aller in der Volkswirtschaft stationierten oder dafür vorgesehenen Armeeangehörigen in ein ziviles Arbeitsrechtsverhältnis an ihrem heimatlichen Arbeitsplatz. Des weiteren wird die Verkürzung des Grundwehrdienstes auf 12 Monate gefordert mit kurzfristiger und rückwirkender Durchsetzung. Am Abend beginnen Verhandlungen über die Forderungen.

Link zu ihrer Resolution

Armeeangehörige demonstrieren in Dresden und Leipzig.

Di. 02.01.
Verteidigungsminister Admiral Theodor Hoffmann traf gestern mit Armeeangehörigen des Standortes Beelitz zusammen.

Gegenstand des Gesprächs war ein Forderungskatalog von Soldaten und Unteroffizieren, in dem die Verkürzung des Grundwehrdienstes auf zwölf Monate, der Einsatz in der Volkswirtschaft sowie die Verbesserung der Dienst- und Lebensbedingungen enthalten sind. Bei einigen Fragen entschied der Minister sofort deren Klärung, andere wird er der Volkskammer und dem Ministerrat zuleiten.

Im Anschluss teilte der Verteidigungsminister mehreren hundert Armeeangehörigen seine Entscheidungen mit. Das betrifft beispielsweise die Abschaffung der Standortbereiche für den Ausgang, das Recht, ständig über den eigenen Personalausweis verfügen zu können, die Möglichkeit des Klublebens auch nach 22 Uhr und den Wegfall der gemeinsamen Esseneinnahme als "Dienstpflicht". Noch in dieser Woche, so Admiral Hoffmann, werden entsprechende Weisungen für die Teilstreitkräfte erlassen.

Forderungen aus dem Standort Beelitz hatten sich Soldaten aus Basepohl, Neuseddin, Erfurt und Warin angeschlossen.

Mi. 03.01.
120 Arbeiter des Treptower Betriebsteils von Steremat Berlin legten gestern Vormittag für zwei Stunden die Arbeit nieder. Sie protestierten gegen den Ministerratsbeschluss, der freigestellten Mitarbeitern aus Ministerien und dem Staatsapparat Überbrückungsprivilegien zusichert.

Angefangen hatte es morgens um 9 Uhr. Die Dreher der Großmechanik erfuhren aus einem Flugblatt vom Inhalt des Beschlusses, diskutierten kurz darüber und stellten ihre Maschinen ab. Eine Stunde später hatten sich 120 Arbeiter angeschlossen. Sie forderten eine Stellungnahme der Gewerkschaftsleitung. Der stellvertretende BGL-Vorsitzende Nils Rehahn aus dem Hauptwerk informierte die Streikenden darüber, dass die Steremat-Leitung bereits in der vorigen Woche beim Ministerrat und dem Zentralvorstand der Gewerkschaft der Mitarbeiter der Staatsorgane und der Kommunalwirtschaft protestiert hätte.

"Eine Viertelstunde später haben alle wieder gedreht", sagte uns Günter Funk aus der Vorfertigung. "Es ist ja nicht so, dass wir nicht arbeiten wollen. Wir aus der Vorfertigung wollen die zwei Streikstunden gerne nacharbeiten. Wir haben auch nichts dagegen, dass hier ein ehemaliger Stasimitarbeiter anfängt. Es stehen genug Drehbänke leer. Aber zu den gleichen Tarifen wie wir."

Mo. 08.01.
Beschäftigte des Suhler Fahrzeug- und Jagdwaffenwerkes legten am Montagvormittag ihre Arbeit nieder. Mit diesem Warnstreik, dem sich Mitarbeiter weiterer Suhler Großbetriebe anschlossen, verliehen sie ihrer Empörung über die Ministerratsbeschlüsse zu den Ausgleichszahlungen für ehemalige Mitarbeiter des Staats- und Sicherheitsapparates Ausdruck. In einem mit "Gleiches Geld für gleiche Arbeit" überschriebenen, an den Ministerrat der DDR gerichteten Offenen Brief forderten die Arbeiter und Angestellten die sofortige Revidierung der Beschlüsse vom Dezember vergangenen Jahres sowie ähnlich gelagerter Regelungen.

"Geht das Bestreben der alten Kräfte weiter, ihre Privilegien zu festigen und soviel wie möglich des für sie vorteilhaften alten Systems zu restaurieren, wird es zu unvorhersehbaren Auswirkungen kommen, die uns ins Chaos führen. Streiks werden sich nicht verhindern lassen. Dies nutzt keinem Menschen, der an einer ehrlichen Neugestaltung interessiert ist. Soziale Sicherheit ja, Sicherung von Privilegien nein", heißt es im Brief.

Im Anschluss an die Kundgebung vor dem Jagd- und Sportwaffenwerk am Viadukt führte ein Protestmarsch durch Suhls Innenstadt.

Warnstreiks gibt es im Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk in Suhl und einem Werk der Reichsbahn in Berlin.

Mi. 10.01.
In Betrieben des ganzen Bezirks finden Warnstreiks statt. In Suhl streiken die Arbeiter des Elektrogerätewerkes und finden sich zu einer Kundgebung zusammen, auf der eine Fortsetzung des Demokratisierungsprozesses, die Abschaffung der vom Ministerrat beschlossenen Ausgleichszahlungen für ehemalige Mitarbeiter des AfNS und die vollständige Beseitigung alter Machtstrukturen gefordert wird. Auf mitgeführten Transparenten steht:

Alte Namen "neue" Posten - so'n Betrug gibt's nur im Osten
Ist die Wende schon zu Ende - Gysi reibt sich schon die Hände
Ist das ganze Volk erst weg, zieht keiner die Karre mehr aus dem Dreck;
Offenlegung des SED-PDS Vermögens
Warnstreik gegen alte Machtstrukturen

Warnstreik in Magdeburg.

Während der Volkskammertagung protestieren Bauarbeiter mit einem einstündigen Warnstreik gegen ihrer Meinung nach zu langsame demokratische Veränderungen in der DDR. Auf mitgeführten Plakaten wird eine schnelle Wiedervereinigung beider deutscher Staaten verlangt und gegen den weiter funktionierenden Machtapparat der SED protestiert.

Do. 11.01.
In einen rund zweistündigen Warnstreik traten am Donnerstagnachmittag mehr als 2 000 Beschäftigte des Weimar-Werkes, damit etwa ein Drittel der Belegschaft des Landmaschinenbetriebes. Sie forderten eine weitere Demokratisierung, bessere Arbeitsbedingungen und gerechte Entlohnung. Einige Redner erklärten, dass sie keine erneuerte SED-Herrschaft wollen. Verlangt wurde unter anderem die endgültige Auflösung der Staatssicherheit.

Betriebsdirektor Prof. Herbert Kroker stellte sich der Diskussion auch über notwendige Veränderungen für eine sichere Zukunft des Betriebes sowie Möglichkeiten einer wirksamen Interessenvertretung der Werktätigen. Dabei wurde über die Wahl eines Betriebsrates im Bereich Rationalisierungsmittelkonstruktion und Modellbau informiert.

An dem Warnstreik beteiligten sich Werktätige weiterer Betriebe, unter anderem aus den Uhrenwerken, dem VEB Ausbau und dem VEB Kraftfahrzeug-Instandsetzung.

Mo. 15.01.
Gestern kam es erneut in mehreren DDR-Städten zu politischen Warnstreiks, zu denen zum Teil oppositionelle Parteien und Gruppierungen aufgerufen hatten.

In Jena, Gera und Zwickau forderten Tausende ein Ende der restaurativen Bestrebungen der SED-PDS, die bedingungslose Auflösung des Amtes für Nationale Sicherheit und die Einstellung der Überbrückungszahlungen für ehemalige Mitarbeiter.

Die Werktätigen in Zwickau setzten sich während ihres zweistündigen Warnstreiks für eine Volksabstimmung zur weiteren Entwicklung der DDR ein. Entschieden werden sollte über die Souveränität der DDR oder eine Konföderation mit der BRD als vertraglich geregeltem Staatenbund. Von der derzeitigen Führung der DDR hatte man bis zum 14. Dezember die Bekanntgabe des Termins für diese Volksabstimmung erwartet.

Kraftfahrer des VEB Versorgungstransporte Berlin beschlossen am Montag einen auf 24 Stunden befristeten Streik bei der Auslieferung von Milch. Sie wollen damit ihre Forderung unterstreichen, unverzüglich und konsequent die Strukturen des ehemaligen Amtes für Nationale Sicherheit beziehungsweise der Staatssicherheit aufzulösen. Wie dazu aus dem Magistrat der Hauptstadt zu erfahren war, werden die Kraftfahrer dennoch am Dienstag die Versorgung von Krankenhäusern, Kindergärten und -krippen, Schulen, Alters- und Kinderheimen sowie Großküchen mit Milch gewährleisten.

Etwa hundert Mitarbeiter der Poliklinik "Robert Koch" am Prerower Platz in [Berlin-]Hohenschönhausen legten am Montagmorgen um 9 Uhr für 30 Minuten die Arbeit nieder. Mit diesem Warnstreik protestierten die Mediziner gegen die Zahlung von Überbrückungsgeldern für ehemalige Mitarbeiter des Staatsapparates und des Amtes für Nationale Sicherheit - eine Forderung, die nur wenige Stunden später am Runden Tisch erfüllt wurde.

Beim VEB Kraftverkehr Wismar kommt es zu einem Warnstreik.

Mi. 17.01.
In der Strafvollzugseinrichtung Karl-Marx-Stadt haben die Gefangenen, mit Ausnahme der in Versorgungsbereichen eingesetzten, die Arbeit niedergelegt. Zu den Forderungen gehört laut Sprecherrat der Inhaftierten, die dem ADN gestern mitgeteilt wurden, die allumfassende Amnestie. Diese wird auch in einem Brief, adressiert an den "Volkskammerausschuss für Rechtsangelegenheiten" genannt. Darin erklären sie ihren Unmut über die Tatsache, dass Personen mit von der Amnestie ausgeschlossenen Delikten amnestiert wurden beziehungsweise amnestiert werden. Die Strafgefangenen fordern gleiches Recht für alle Strafgefangenen im Land.

Fr. 19.01.
Ab 9 Uhr streiken die Mitarbeiter des VEB Kraftverkehr Suhl bis zum Nachmittag. Über den Streik wurde zuvor die Bevölkerung informiert. Forderungen ist die Verbesserungen der Arbeitsbedingungen und ein Betriebsrat.

Di. 23.01.
In einen nicht angekündigten mehrstündigen Warnstreik traten in der Nachtschicht zum Dienstag Warenbegleiter und Kraftfahrer des Milchhofes Cottbus. Wie ein Sprecher der Streikenden ADN mitteilte, forderten sie von herbeigerufenen Verantwortlichen der Betriebsleitung höheren Schichtlohn und Zusatzurlaub, den Abbau von Überstunden und eine bessere Nachtschichtversorgung. Sie wurden von der Betriebsleitung darüber informiert, dass die Zustimmung zum Zusatz­urlaub bereits vorliege und ab 1. März für die gesamte Belegschaft neue Produktivlöhne eingeführt werden.

Leipzig. Mit einem Warnstreik machten Mitglieder der Leipziger Taxi-Genossenschaft am Dienstagmorgen auf Kalamitäten ihrer Branche aufmerksam. Mit etwa 200 Fahrzeugen bildeten sie einen dichten Kordon um das Neue Rathaus der Messestadt und gaben ihrer Forderung nach zeitgemäßer PKW- und Funktechnik Ausdruck.

Dresden. In einen zweistündigen Warnstreik trat die Belegschaft des Dresdner Cosid-Kautasit-Werkes 4. Die Arbeiter und Angestellten forderten die Beseitigung "der mittelalterlichen Arbeitsbedingungen in ihrem Betrieb, höhere Vergütung langjähriger Betriebszugehörigkeit, eine ungeschminkte Aufklärung der Belegschaft über gesundheits­gefährdende Wirkungen der eingesetzten Rohstoffe sowie den Bau einer neuen, umweltfreundlichen Gummi Mischerei".

Warnstreiks finden in Suhl und Ueckermünde statt.

Mi. 24.01.
Zu Warnstreiks kommt es in Dresdner Betrieben "gegen die Erhaltung und Erneuerung alter Machtstrukturen der SED-PDS". Ferner gegen die "Restauration von Geheimdiensten in der DDR", berichtet die Nachrichtenagentur ADN.

Link zu einem Interview mit Teilnehmern

Fr. 26.01.

Streik bei der Berliner Müllabfuhr am 26.01.190

Mo. 29.01.
In einen zwei-stündigen Warnstreik traten am Montagvormittag Arbeiter aus der kleinmechanischen Fertigung und Montagebereichen der Wema-UNION Gera. Mit dem Ausstand wollten die rund 200 Beschäftigten Forderungen Nachdruck verleihen, die zum Teil schon seit Jahren bestehen. Dies betrifft zum Beispiel gleichen Lohn für gleiche Arbeit - so erhalten Arbeiter im Kombinatsstammbetrieb für die gleiche Tätigkeit bis zu einer Mark höheren Stundenlohn - und die bessere Bezahlung an manuellen Arbeitsplätzen. Bessere hygienische Bedingungen gehören ebenso dazu wie der Einsatz von Mitteln aus dem Export für die Rationalisierung in den mechanischen Fertigungsabteilungen. Die Betriebsleitung machte erste Zusagen, so zur Renovierung der sanitären Anlagen. Daraufhin verkürzten die Arbeiter den Warnstreik von drei auf zwei Stunden.

Aus Sorge um die weitere Sicherung der medizinischen Betreuung streikten am Montag Schwestern und Ärzte der Dialyseabteilung des Potsdamer Bezirkskrankenhauses - eine Stunde lang. Andere Abteilungen solidarisierten sich mit den Forderungen nach Abbau alter Leitungsstrukturen, Anschaffung moderner Medizintechnik, Lohnpolitik, der Erhöhung des Pflegesatzes, besserer Versorgung der Dialysepatienten mit Urlaubsplätzen und neuer gewerkschaftlicher Interessenvertretung.

Private Fuhrunternehmer aus den Kreisen Zwickau-Stadt und -Land sowie aus den Städten Werdau und Crimmitschau blockierten mit rund 300 LKW für eine Stunde zwei der drei Fahrspuren auf dem Zwickauer Dr.-Friedrichs-Ring. Mit ihrem Warnstreik forderten die Fuhrunternehmer eine neue Besteuerung sowie diesbezügliche Gleichstellung mit dem volkseigenen Sektor. Sie verlangen sowohl finanzielle wie auch materielle Möglichkeiten, ihren Fuhrpark aus eigenen Kräften zu modernisieren.


Alle Angaben sind Auszüge aus den Chronikseiten Januar 1990 www.ddr89.de. Es wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben.

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