DDR 1989/90Brandenburger Tor


Demonstrationen, Kundgebungen und Dialogveranstaltungen Januar 1990


Mo. 01.01.
Mit mehreren hundert Anhängern veranstaltete die Sozialdemokratische Partei (SDP) am Abend des Neujahrstages in Karl-Marx-Stadt ihre erste diesjährige Kundgebung in Vorbereitung der für Mai geplanten Wahlen. Sprecher der Partei erklärten, die SDP werde sich im Wahlkampf auf die Traditionen der deutschen Sozialdemokratie stützen Die Partei wolle erreichen, dass Karl-Marx-Stadt 1990 wieder den Namen Chemnitz erhält. Mit schwarz-rot-goldenen Fahnen und entsprechenden Losungen sprachen sich die SDP-Anhänger für die Vereinigung beider deutscher Staaten aus. In scharfer Polemik wandten sich die Sprecher der SDP gegen Entscheidungen der Regierung der DDR. Zugleich setzten sie sich mit der Politik der SED-PDS und des FDGB auseinander.

Nach einem Gottesdienst wird in Annaberg demonstriert.

Armeeangehörige demonstrieren in Dresden und Leipzig.

Di. 02.01.
Demonstriert wird in Meißen und Suhl.

Mi. 03.01.
Rund 250 000 Berliner versammeln sich in den Abendstunden zu einer Demonstration am Ehrenmal in Berlin-Treptow. Sie folgen damit einem Aufruf der SED-PDS, des Komitees der Antifaschistischen Widerstandskämpfer, der DSF und anderer Parteien, Organisationen und Initiativen aus beiden Teilen der Stadt. Auf der Kundgebung, mit der die eine Woche zuvor angebrachten nationalistischen und antisowjetischen Schmierereien verurteilt werden, sprechen u.a. Gregor Gysi und Manfred Gerlach. Als brennende Aufgaben werden von ihnen genannt: ein starker Verfassungsschutz, antifaschistische Basisgruppen, ein Bildungswesen, das viel stärker humanistische Werte vermittelt, staatliche Autorität, wo immer Neonazis auftreten.

Demonstriert wird in Limbach-Oberfrohna.

Do. 04.01.
In Ribnitz-Damgarten ziehen Demonstranten vor das Haus der SED-PDS-Kreisleitung. Sie protestieren gegen die katastrophalen Zustände im Gesundheitswesen. Mit Erfolg wird gefordert, das Gebäude der Kreisleitung für eine Klinik zur Verfügung zu stellen.

Demonstriert wird auch in Erfurt und Gera.

Den Stopp von Müllimporten aus Berlin (West) und Stuttgart forderten Bürger Ketzins gestern bei einem Protestmarsch zur Deponie unweit der Stadt.

Sie blockierten für eine Stunde die Zufahrt zu dem 90 Hektar großen Gelände, auf dem seit 1977 Hausmüll, Filterkuchen aus Entgiftungsanlagen und andere Schadstoffe verbracht werden.

Die Deponie vor Ketzin liegt in einem Landschaftsschutz- und Naherholungsgebiet. 1974 wurde zwischen der DDR-Regierung und dem Senat von Berlin (West) ein Vertrag über ihre Nutzung für 20 Jahre abgeschlossen. Nach Recherchen der Bürgerinitiative ist der Standort auf Grund der Bodenverhältnisse völlig ungeeignet. Durch Salze und organische Substanzen würden Grund- und Oberflächenwasser erheblich belastet.

Umweltschützer aus der DDR und der Bundesrepublik haben am selben Tag vor der Deponie Schönberg erstmals gemeinsam gegen Mülltransporte aus der BRD in die DDR protestiert.

Armeeangehörige und Zivilbeschäftigte der Robert-Siewert-Kaserne Neuseddin fanden sich gestern zu einer Demonstration gegen Neofaschismus zusammen. Sie bekundeten ihren Willen zur Fortsetzung der Demokratisierung der DDR. Dieser Prozess sollte nicht durch Schönhuber und Co. gefährdet werden. Die Demonstranten verurteilten die Schmierereien und Schändungen auf Ehrenfriedhöfen der Sowjetarmee. Sie forderten eine intensivere Berichterstattung in den Medien der DDR über das Gesamtproblem Neofaschismus und seine geschichtlichen Wurzeln sowie konkrete Maßnahmen der Regierung gegen den Rechtsradikalismus.

Sa. 06.01.
Demonstrationen und Kundgebungen gibt es in zahlreichen Orten. So in Arnstadt, Aue, Dresden, Fürstenwalde, Greiz, Hartenstein, Plauen, Prenzlau und Seelow.

So. 07.01.
Zu einer Menschenkette wird zwischen 14.30 und 14.45 Uhr aufgerufen. In dem Aufruf heißt es: "Die Bürgerinitiativen des Eichsfelds haben zur Bildung einer Menschenkette von Hessen (Witzenhausen) durch das Eichsfeld nach Niedersachsen (Duderstadt) aufgerufen.

'Wir wollen Zeichen setzen' - diese Kette soll unseren festen Willen dokumentieren, dass wir für weitere Veränderungen auf friedlicher Basis diesseits der Grenze eintreten und unsere Zukunft nur zusammen mit unseren wiedergewonnen Nachbarn sehen. Deshalb sollten sich möglichst alle Bürger guten Willens, auch aus den angrenzenden Regionen Hessens und Niedersachsens, daran beteiligen."

In Neubrandenburg ruft die SED-PDS zu einer Demonstration auf.

Standesgemäß zum ersten Aktions- und Informationstag der Grünen Liga in Berlin im Haus der Jungen Talente, findet eine Fahrraddemo statt.

Mo. 08.01.
Friedensgottesdienste in vier Leipziger Kirchen gaben den Auftakt zu den Montagsdemonstrationen 1990 in der Messestadt.

Superintendent Friedrich Magirius begründete nochmals seinen am Runden Tisch geäußerten Vorschlag, die Begegnungen auf dem Ring künftig ohne Kundgebungen durchzuführen. Es müsse verhindert werden, dass wahltaktische Erwägungen den demokratischen Charakter dieser international geachteten Willensbekundung der Bürger belasten. Diesem Vorschlag folgten die Teilnehmer an der Demonstration nicht. Vor ihrem Beginn versammelten sich etwa 100 000 Menschen auf dem Karl-Marx-Platz.

Tausende riefen am Opernhaus vor dem sich in- und ausländische Fernseh- und Rundfunkstationen postiert hatten, "Deutschland einig Vaterland", "Gysi weg", "Modrow weg" und "Nieder mit der SED", sangen Lieder zur Wiedervereinigung.

Vermummte Linksextreme, die sich auf Mao bezogen, waren ebenso im Zug wie Vertreter der "Republikaner".

Gera. Mehrere tausend Einwohner der Bezirksstadt folgten am Montagabend einem Aufruf von SED-PDS, DFF, Bezirkskomitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer, Volkssolidarität, FDGB und DFD zu einer Demonstration gegen Antisowjetismus, Chauvinismus und Neofaschismus. Als Antwort auf die Schändung des sowjetischen Ehrenhains durch jugendliche Rowdys forderten sie, den Anfängen solcher Tendenzen zu wehren.

Weitere Demonstrationen fanden in Cottbus, Gadebusch, Neubrandenburg, Halle, Karl-Marx-Stadt, Frankfurt und Schwerin statt.

Friedensgottesdienste in vier Leipziger Kirchen gaben den Auftakt zu den Montagsdemonstrationen 1990 in der Messestadt.

Superintendent Friedrich Magirius begründete gegenüber ADN nochmals seinen am Runden Tisch geäußerten Vorschlag, die Begegnungen auf dem Ring künftig ohne Kundgebungen durchzuführen. Es müsse verhindert werden, dass wahltaktische Erwägungen den demokratischen Charakter dieser international geachteten Willensbekundung der Bürger belasten. Diesem Vorschlag folgten die Teilnehmer an der Demonstration nicht. Vor ihrem Beginn versammelten sich etwa 100 000 Menschen auf dem Karl-Marx-Platz.

Tausende riefen am Opernhaus, vor dem sich in- und ausländische Fernseh- und Rundfunkstationen postiert hatten, "Deutschland einig Vaterland", "Gysi weg"." "Modrow weg" und "Nieder mit der SED", sangen Lieder zur Wiedervereinigung. SDP, CDU, CSPD und weitere Parteien und Gruppierungen warben mit Flugblättern für ihre Politik. Tenor ihrer Wahlaussagen war: Keine sozialistischen Experimente mehr! Freie Wahlen gegen Links- und Rechteradikale!

Vermummte Linksextreme, die sich auf Mao bezogen, waren ebenso im Zug wie Vertreter der "Republikaner", die mit schwarzer Schrift auf gelbem Grund "Wiedervereinigung jetzt, Volksabstimmung in Ost und West" forderten.

In Karl-Marx-Stadt demonstrierten 50 000 Menschen für freie Gewerkschaften. Tausende gingen auch in Cottbus, Halle und Neubrandenburg auf die Straße.

Di. 09.01.
Demonstriert wird in Bad Langensalza, Berlin, Erfurt, Greifswald, Meiningen, Meißen, Nordhausen, Penig, Rostock, Suhl, Weimar, Schwerin und Zwönitz.

In Halle findet eine Kundgebung des Handwerks statt. Gefordert wird die Gründung einer unabhängigen Interessenvertretung des Handwerks.

Mi. 10.01.
In mehreren Städten finden Demonstrationen und Kundgebungen statt. U.a. in Brandenburg, Herzberg und Magdeburg.

Do. 11.01.
Nach der Parlamentssitzung demonstrieren mehr als zehntausend Menschen gegen Überbrückungsgelder für ehemalige Stasi-Mitarbeiter und gegen Pläne, noch vor den Wahlen einen Verfassungsschutz einzurichten.

Nach Gebeten für Frieden und Gerechtigkeit in Erfurter Kirchen kamen am Donnerstagabend Zehntausende Bürger auf dem Domplatz zu einer Kundgebung zusammen. Sprecher des Erfurter Bürgerkomitees behaupteten, der Fortgang des Demokratisierungsprozesses würde durch die Restaurationspolitik der SED-PDS und ihres Sicherheitsapparates behindert. Mehrmals unterbrochen von Rufen "Nieder mit der SED", 2Stasi weg" und "Wir sind das Volk", bekräftigte der Sprecher des Neuen Forums den Aufruf des Erfurter Bürgerkomitees zur Blockade der Volkskammer am Freitag 7 Uhr.

Gefordert wurde ferner die Aufklärung der Verbrechen der Staatssicherheit als Machtinstrument und deren Auflösung, die Entflechtung von SED-PDS und Staat vor allem auf kommunaler Ebene und die Auflösung aller Parteiorganisationen in Betrieben und Einrichtungen. Die Donnerstags-Demonstration werde künftig genutzt, die Bürger über den aktuellen Stand des Erfurter Runden Tisches zu informieren, wurde mitgeteilt.

Mehrere zehntausend Menschen demonstrierten am Donnerstagabend in Gera vor allem für Pressefreiheit. Nach einer lautstarken Ansammlung vor der "Volkswacht" dem Organ des Bezirksvorstandes der SED-PDS, löste sich die Demonstration friedlich auf.

Demonstriert wird auch in Rostock.

Fr. 12.01.
In Gotha findet die freitägliche Demonstration mit Kundgebung auf dem Hauptmarkt statt.

Sa. 13.01.
Zu einer Umweltdemonstration in Merseburg ruft das Neue Forum auf. In Plauen findet die samstägliche Demonstration statt.

So. 14.01.
In der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde gedenken Hunderttausende den 1919 ermordeten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Dafür hat die SED-PDS einen Satz umfassendes, damit unvollständiges Luxemburg-Zitat: "Die Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden", gewählt. Das Benutzen des Zitats führte zwei Jahre zuvor in Berlin noch zu Verhaftungen.

Berliner Sozialdemokraten wollen am Sonntag Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ehren. In einer Pressemitteilung, die dem ADN übergeben wurde, heißt es: "Sozialdemokraten in der DDR wahren ihre Traditionen. Am 14. Januar 1990 treffen wir uns um 14 Uhr auf dem Berliner Alexanderplatz und gehen zum Gedenkstein für die Gefallenen der Novemberrevolution im Friedrichshain."

Gegen die Politik der SED-PDS richtete sich am Sonntagnachmittag eine Kundgebung auf dem Magdeburger Domplatz, zu der das Neue Forum eingeladen hatte. Vertreter verschiedener oppositioneller Parteien und Gruppierungen forderten unter anderem die tatsächliche Auflösung und kontrollierbare Entwaffnung aller Dienststellen des ehemaligen MfS und seiner Nachfolgeeinrichtungen.

Im Anschluss an die friedliche Kundgebung zog ein Demonstrationszug zum Gebäude des Bezirksvorstandes der SED-PDS. Scheiben des Hauses wurden zerschlagen. Bürger drangen gewaltsam in die ehemalige Bezirksparteischule ein, die schon längere Zeit als Hotel genutzt wird.

Mo. 15.01.
Zehntausende Demonstranten folgen dem Aufruf des Neuen Forum und dringen am frühen Abend in die ehemalige Stasi-Zentrale in Berlin ein.

In zahlreichen Städten der DDR demonstrierten gestern Abend über eine halbe Million Bürger. Sie folgten einem Aufruf des Neuen Forum zu einer landesweiten Aktion gegen die Restaurationspolitik der SED und ihres Sicherheitsapparates.

Demonstrationen wurden aus Berlin, Cottbus, Dresden, Erfurt, Frankfurt (Oder), Halle, Karl-Marx-Stadt, Leipzig, Magdeburg, Neubrandenburg, Potsdam, Rostock und Stralsund gemeldet. Die übergroße Mehrheit der Teilnehmer sprach sich für eine gewaltfreie Fortsetzung des Demokratisierungsprozesses aus.

In Jena, Gera und Zwickau forderten Tausende ein Ende der restaurativen Bestrebungen der SED-PDS, die bedingungslose Auflösung des Amtes für Nationale Sicherheit und die Einstellung der Überbrückungszahlungen für ehemalige Mitarbeiter.

Di. 16.01.
Demonstriert wird in Graal-Müritz.

Do. 18.01.
In Erfurt und Gera finden Demonstrationen statt.

"Auch wir Sportler sind das Volk." Mit dieser Losung bekundeten gestern Abend in Halle auf der ersten Demonstration für den Erhalt des Sports in der DDR Tausende Aktive, Trainer, Übungsleiter und sportinteressierte Bürger leidenschaftlich, dass die Erneuerung der Gesellschaft in der Republik keinen Bogen um den Leistungs- und Massensport machen darf. Mit starkem Beifall unterstützten die Teilnehmer der Demonstration die Forderung an die Regierung Modrow nach einem Sportgesetz, das noch vor den Wahlen am 6. Mai beschlossen werden sollte.

Grund für diese Demonstration war die Schließung von über 50 Sportgemeinschaften im Bezirk Halle, 190 sind wegen fehlender Finanzierung ohne Leitung. Der Appell richtet sich auch an die Betriebe, die ihren Werktätigen in den Sportgemeinschaften keine Zukunft mehr geben wollen. Zudem verlangten die Demonstranten, künftig mehr für den Massensport zu tun.

Sa. 20.01.
In Neubrandenburg demonstrieren Bauern für ihre Interessen. Verunsicherung gibt es bezüglich des Bodens und was wird aus den LPGs. Sorgen bereitet auch mögliche Absatzschwierigkeit der eigenen Produkte wegen Importe aus dem Westen. Es wird sich für das Volkseigentum, genossenschaftliches Eigentum und Privateigentum sowie für die Gründung eines Genossenschaftsverbandes ausgesprochen. Gefordert wird die Verbesserung der Infrastruktur im ländlichen Raum. An Ministerpräsident Hans Modrow wird ein Offener Brief gerichtet.

Demonstriert wird in Finsterwalde.

So. 21.01.
Im Bezirk Erfurt sammeln sich Bürgerinnen und Bürger in einer symbolischen "Massenflucht" rüber in das Bundesland Niedersachsen. Die Demonstration richtet sich gegen die SED-PDS und für ein bleiben in der Heimat.

Mo. 22.01.
Leipzig Die radikale Weiterführung des Demokratisierungsprozesses in unserem Land forderten am Montagabend in Leipzig weit über 100 000 Bürger. Sie hatten sich zum Auftakt ihres kilometerlangen Marsches durch den Ring um das Stadtzentrum auf dem Platz zwischen Oper und Gewandhaus versammelt. Dabei bestimmten schwarz-rot-goldene Fahnen das äußere Bild. In Sprechchören und auf Transparenten wurden vor allem die deutsche Einheit sowie der rigorose Bruch mit dem einstigen Herrschaftssystem der SED gefordert.

Vertreter von oppositionellen Parteien und Gruppen sprachen sich für zügigen Fortgang der Demokratisierung sowie gegen Links- und Rechtsradikalismus aus. Die widersprüchlichen Meinungen der Demonstranten widerspiegelten sich in der Tatsache, dass selbst Warnungen vor einer sozialen Gefährdung durch übermäßigen Einfluss kapitalistischer Unternehmer von einem Teil der Zuhörer mit Pfiffen und Rufen "Rote aus der Demo raus" beantwortet wurden, andererseits aber ein Aufruf zur Besonnenheit und Respekt vor andersdenkenden Minderheiten durchaus Beifall erhielt.

Wie schon in den zurückliegenden Wochen waren wiederum Anhänger der Republikaner zu beobachten, die Handzettel und Plakate verteilten.

Halle Nach einer friedlichen Demonstration durch die Innenstadt von Halle fanden sich am Montagabend Zehntausende Hallenser vor dem Fahnenmonument auf dem Hansering zu einer Kundgebung zusammen. Die Veranstaltung war diesmal von der Grünen Partei getragen. Ihr Vertreter Henry Schramm forderte ein Aktionsbündnis aller politischen Kräfte, Gruppierungen und Bürgerbewegungen für die Lebensinteressen der Einwohner der Saalestadt. Es werde viel geredet, doch nichts getan. Tatsachen seien jetzt gefragt. Der Redner verwies auf zahlreiche Betätigungsfelder, so auf die Müllentsorgung und Stadtreinigung. Er forderte vom Rat der Stadt, das vorgesehene Wohnungsamt schnellstens einzurichten.

Vom Ruf nach Toleranz und Fairness in Potsdam bis zum "Rote raus!" in Dresden reichte das Spektrum der Meinungen auf weiteren Demonstrationen, an denen sich auch in Cottbus, Schwerin, Karl-Marx-Stadt, Suhl, Magdeburg und Berlin zahlreiche Bürger beteiligten.

Weit über 200 000 DDR-Bürger beteiligten sich in zahlreichen Städten an den schon traditionellen Montagsdemonstrationen. Die größte Zahl war wiederum in Leipzig auf der Straße, wo sich mehr als 100 000 Menschen versammelten.

Die aus vielen Orten angereisten Teilnehmer wurden mit Losungen von SPD, CDU, Demokratischem Aufbruch und anderen konfrontiert. Vorherrschende Themen waren die Ausgrenzung der SED-PDS und der Wunsch nach deutscher Einheit. "Nieder mit der SED" wechselte sich mit Parolen wie "Deutschland, Deutschland!" und der Forderung nach "Volksentscheid für Einigkeit!" ab. Hunderte schwarz-rot-goldene Fahnen, Plakate zur Auflösung und Enteignung der SED-PDS bestimmten das Bild, das zahlreiche in- und ausländische Massenmedien übertrugen.

Eine von vorwiegend jungen Linken betriebene "Gegen-Demo" setzte - nach einer ersten Begegnung mit den Demonstranten vor der Thomaskirche - ihren Marsch in entgegengesetzter Richtung der Hunderttausend fort. Zunehmend erregten sie Missfallen der für deutsche Einheit und gegen "Rote" Demonstrierenden. Vor dem Komplex der Leipziger Universität kam es zur regelrechten Hetzjagd auf die etwa 100 jungen Leute, die sich mit Sprechchören, DDR-Fahnen und Transparenten für linke Positionen bekannten. Eine größere Gruppe aus dem Zug der Montagsdemonstration beschimpfte die Flüchtenden, die sich schließlich in die Uni-Mensa retteten. Augenzeugenberichten zufolge sei es nur dem Auftreten eines Pfarrers zu verdanken gewesen, dass die brisante Situation nicht eskalierte und gewalttätig endete. Er zollte den jungen Linken Mut für ihr Auftreten, gab jedoch zu bedenken, ob dies der rechte Ort und Zeitpunkt für das Bekunden solcher Meinungen sei.

Nahezu ausschließlich schwarz-rot-goldene Fahnen ohne Emblem waren auch in Dresden zu sehen, wo mehrere Zehntausend demonstrierten. Auch dort waren Anti-SED-PDS-Losungen vorherrschend. In Cottbus ging es den Demonstranten neben der Einheit Deutschlands und der Auflösung der SED-PDS in erster Linie um den Umweltschutz.

Ein totaler Ausfall der Mikrofontechnik zwang die Organisatoren der ersten "Berliner Montagsdemo" dieses Jahres zum Abbruch der geplanten Veranstaltung auf dem Alexanderplatz. Hunderte von Berliner Bürgern hatten sich am Montagabend vor der Weltzeituhr versammelt, um Näheres über Programme und Ideen der neuen politischen Parteien und demokratischen Bewegungen zu erfahren. Zahlreiche Demonstranten waren mit selbstgefertigten Plakaten und Transparenten erschienen. Darauf wurde massiv gefordert, der SED-PDS am 6. Mai keine Stimme zu geben.

Als nach einer halben Stunde Mikrofon und Lautsprecher ausfielen, bat ein Sprecher des Bürgerkomitees "Berliner Montagsdemo" die Anwesenden, am kommenden Montag erneut um 18 Uhr auf dem Alex zu erscheinen.

Di. 23.01.
Demonstriert wird in Calau auf dem Marktplatz.

So mancher private Handwerksbetrieb in Berlin blieb gestern Nachmittag zu, weil es Meister und Angestellte zum Roten Rathaus zog. Dort ging es auf einer Protestdemonstration um die berechtigten Forderungen der Handwerker und Einzelhändler nach echter Gewerbefreiheit, leistungs- stimulierender Besteuerung und gerechter Entlohnung. Mit Vehemenz setzten sich die Redner für kurzfristige Entscheidungen der Regierung ein, die dem privaten Handwerk günstigere Entwicklungsmöglichkeiten bieten und eine am Markt orientierte Gewerbepolitik fördern. Viel Beifall gab's für die Mitteilung, dass nach dem 1990 zu erwartenden neuen Steuergesetz auch mithelfende Familienmitglieder nach einem festen Tarifsystem entlohnt werden.

Mi. 24.01.

Blaulicht und Martinshorn kündeten gestern Nachmittag in der Leipziger Innenstadt lautstark und weithin sichtbar von einer Demonstration von 3 000 Volkspolizisten der Messestadt und des Landkreises. Sie bekundeten ihren Willen zur Sicherheitspartnerschaft mit allen demokratischen Kräften und zum Abbau des Misstrauens der Bevölkerung gegenüber der VP. Die Polizisten führten Transparente mit Aufschriften wie "Auch wir sind das Volk", "Für eine demokratische Polizei", "Kriminalpolizei ist keine Stasi" und "Auch wir wurden betrogen" mit.

Der vom Hauptbahnhof kommende Zug sammelte sich auf dem Leipziger Markt. Dort forderten die VP-Angehörigen auf einer Kundgebung die Stellungnahme der Verantwortlichen für den Einsatz gegen das Volk am 2. und 7. Oktober vergangenen Jahres, schnellste Klärung der Ereignisse dieser Tage mit schonungslosem Aufdecken der Hintergründe und Hintermänner und Bestrafung der wahren Schuldigen. Sie verwahrten sich gegen globale Beschuldigung aller Polizisten und forderten durchschaubare, gesetzliche Grundlagen für ihre Arbeit.

In Zittau äußerten zu gleicher Stunde Mitarbeiter des Gesundheitswesens Forderungen der rund 1 000 Beschäftigten dieses Bereichs. Unter der Losung "Statt Streik Demo" verlangten sie mit einem, Sternmarsch von ihrem Ministerium die Revidierung eines im Dezember gefassten Beschlusses zur "Schichtstimulierung", dafür eine schnellstmögliche und alle Beschäftigten umfassende Erhöhung der Grundgehälter. Während der gesamten Dauer sei die Not- und Grundbetreuung der Patienten gesichert gewesen.

Auf dem Gelände des Leipziger Bezirkskrankenhauses St. Georg demonstrierten Mitarbeiter des medizinischen, technischen und ökonomischen Bereichs. Die Aktion, die während der Besuchszeit stattfand, sollte auf den Notstand in der medizinischen Einrichtung hinsichtlich der Arbeitskräfte und der technischen Ausstattung aufmerksam machen. So fehlen zahlreiche Ärzte und Schwestern. An der Aktion nahmen nur Mitarbeiter teil, die dienstfrei hatten.

Do. 25.01.
Donnerstag, 5.30 Uhr. Der Zugang zur Mülldeponie Schöneiche, Bezirk Potsdam, wird von Bürgern der Gemeinden Kallinchen, Gallun und Schöneiche gesperrt. Auf Plakaten und Spruchbändern verleihen sie ihrer Forderung Nachdruck: "Stoppt den Müllberg, den keiner will. Aus mit der Sondermüllverbrennung! Herr Kohl, wie verträgt sich Müll-Export in die DDR mit zugesagter Hilfe beim Umweltschutz? Giftmüll - stopp!"

Rund 5 000 Menschen demonstrieren in Dresden für bessere arbeits- und Lebensbedingungen im medizinischen Einrichtungen.

Demonstriert wird auch in Rostock.

Sa. 27.01.
Willy Brandt spricht vor dem Rathaus in Eisenach.

Mo. 29.01.
Erneut sind in Leipzig rund 100 000 Messestädter zur traditionellen Montagsdemonstration auf dem Karl-Marx-Platz zusammengekommen.

"Keiner wählt die SED" und "Deutschland einig Vaterland" waren die bestimmenden Akzente in Sprechchören sowie auf Transparenten. Eine einmütige Absage gab es auf der Kundgebung an jeglichen Rechts- und Linksradikalismus.

Zur Berliner Montagsdemo kamen mehrere hundert Menschen auf den Alex. Auf Plakaten wurde von der SED-PDS gefordert, alle Machtpositionen aufzugeben Einige Bürger fanden sich in der Nähe zu einer Gegendemonstration zusammen, um ihrer Meinung gegen die Bestrebungen nach Wiedervereinigung Ausdruck zu verleihen.

In Plauen nahmen Zehntausende an einer LDPD-Kundgebung teil, auf der der Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion, Wolfgang Mischnick, sprach. Die Volkskammerwahl, sagte er, sei eine reale Chance, um den Sozialismus endgültig abzuwählen.

Leipzig. "Keiner wählt die SED" und "Deutschland einig Vaterland" waren bei der Leipziger Montagsdemonstration die bestimmenden Akzente in Sprechchören sowie auf Transparenten. Schwarz-rot-goldene Fahnen verliehen auf dem Karl-Marx-Platz der Forderung Nachdruck, die beiden deutschen Staaten so bald wie möglich zu vereinigen. Auf der Kundgebung mit rund 100 000 Teilnehmern wurde die deutliche Distanzierung von jeglichem Rechts- und Linksradikalismus bekundet.

Karl-Marx-Stadt. Schwarz-rot-goldene und weiß-grüne Fahnen beherrschten am Montag das Bild der Kundgebung in Karl-Marx-Stadt, der sich eine Demonstration durch die Innenstadt anschloß. Daran nahmen nach Angaben des Veranstalters, der Demokratischen Oppositionellen Plattform, etwa 85 000 Bürger aus der Bezirksstadt und Umgebung teil. Zahlreiche von ihnen mitgeführte Transparente und Plakate trugen die Aufschrift "Wählt die SED nie mehr, sonst ist Sachsen menschenleer" oder "Wer die SED wählt, wählt die Massenflucht".

Dresden. Fast 100 000 Menschen haben sich in Dresden an der Montagabend-Demonstration beteiligt. Zwei Forderungen wurden auf Transparenten und in Sprechchören tausendfach gestellt: ein vereinigtes Deutschland sowie die Achtung der SED-PDS und des ehemaligen SED-Machtapparates, deren Machenschaften mit denen des Nationalsozialismus verglichen wurden.

Auch in Halle, Schwerin, Cottbus, Neubrandenburg, Potsdam und Magdeburg forderten Tausende ein geeintes Deutschland.

Zur ersten Berliner Montagsdemo dieses Jahres - die bereits vor einer Woche geplante Kundgebung war wegen technischer Störungen ausgefallen - haben sich mehrere hundert Berliner auf dem Alexanderplatz versammelt. Zu Beginn der Kundgebung appellierte ein Sprecher des veranstaltenden Bürgerkomitees "Berliner Montagsdemo", keine Provokationen zuzulassen. Redner verschiedener Parteien und Bewegungen informierten Ober Ziele und Programme ihrer Organisationen. Auf Plakaten wurde von der SED/PDS gefordert, alle Machtpositionen aufzugeben.

Einige Bürger fanden sich unweit zu einer Gegendemonstration zusammen, um ihrer Meinung gegen die Bestrebungen nach Wiedervereinigung zu verleihen.

Di. 30.01.
Stilles Gedenken an die Opfer der Naziherrschaft dann am Abend wenige hundert Meter weiter am Mahnmal Unter den Linden: 150 Berlinerinnen und Berliner aus Ost und West waren dem Aufruf des Unabhängigen Frauenverbandes der DDR gefolgt und wandten sich mit Kerzen in den Händen - gegen Neofaschismus und Ausländerfeindlichkeit. Wenig später formierten sich mehrere hundert Jugendliche aus beiden Teilen der Stadt zu einer Menschenkette um das Brandenburger Tor.

Aktionen zum Antifa-Tag auch in anderen Städten des Landes: In der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen gedachten Jugendliche aus beiden deutschen Staaten der mehr als 100 000 im dortigen KZ von den Faschisten ermordeten Menschen.

Dem Aufruf in Suhl zu einer Demonstration waren am Abend rund 1 000 Bürger der Bezirksstadt, umliegender Ortschaften sowie aus der BRD gefolgt. 300 junge Cottbuser, vor allem Lehrlinge, fanden sich zu einer Kundgebung am antifaschistischen Mahnmal in der Puschkin-Promenade der Bezirksstadt zusammen. Mit einem Schweigemarsch durch das Rostocker Stadtzentrum bekannten sich mehrere hundert junge Leute zu Antifaschismus, Demokratie und Toleranz.

Hunderte Mitglieder der Sozialistischen Jugend Deutschlands Die FALKEN aus Berlin (West) und der sich im Aufbau befindlichen Jungen Sozialdemokraten der DDR gedachten gestern im ehemaligen KZ Sachsenhausen der Opfer des deutschen Faschismus. Die Veranstaltung stand unter dem Motto "Nie wieder Faschismus - Frieden und Freiheit für Europa".


Alle Angaben sind Auszüge aus den Chronikseiten Januar 1990 www.ddr89.de. Es wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben.

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