DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Demonstrationen, Kundgebungen und Dialogveranstaltungen Januar 1990


Mo. 01.01.
Mit mehreren hundert Anhängern veranstaltete die Sozialdemokratische Partei (SDP) am Abend des Neujahrstages in Karl-Marx-Stadt ihre erste diesjährige Kundgebung in Vorbereitung der für Mai geplanten Wahlen. Sprecher der Partei erklärten, die SDP werde sich im Wahlkampf auf die Traditionen der deutschen Sozialdemokratie stützen Die Partei wolle erreichen, dass Karl-Marx-Stadt 1990 wieder den Namen Chemnitz erhält. Mit schwarz-rot-goldenen Fahnen und entsprechenden Losungen sprachen sich die SDP-Anhänger für die Vereinigung beider deutscher Staaten aus. In scharfer Polemik wandten sich die Sprecher der SDP gegen Entscheidungen der Regierung der DDR. Zugleich setzten sie sich mit der Politik der SED-PDS und des FDGB auseinander.

Nach einem Gottesdienst wird in Annaberg demonstriert.

Armeeangehörige demonstrieren in Dresden und Leipzig.

Di. 02.01.
Demonstriert wird in Meißen und Suhl.

Mi. 03.01.
Rund 250 000 Berliner versammeln sich in den Abendstunden zu einer Demonstration am Ehrenmal in Berlin-Treptow. Sie folgen damit einem Aufruf der SED-PDS, des Komitees der Antifaschistischen Widerstandskämpfer, der DSF und anderer Parteien, Organisationen und Initiativen aus beiden Teilen der Stadt. Auf der Kundgebung, mit der die eine Woche zuvor angebrachten nationalistischen und antisowjetischen Schmierereien verurteilt werden, sprechen u.a. Gregor Gysi und Manfred Gerlach. Als brennende Aufgaben werden von ihnen genannt: ein starker Verfassungsschutz, antifaschistische Basisgruppen, ein Bildungswesen, das viel stärker humanistische Werte vermittelt, staatliche Autorität, wo immer Neonazis auftreten.

Demonstriert wird in Limbach-Oberfrohna.

Do. 04.01.
In Ribnitz-Damgarten ziehen Demonstranten vor das Haus der SED-PDS-Kreisleitung. Sie protestieren gegen die katastrophalen Zustände im Gesundheitswesen. Mit Erfolg wird gefordert, das Gebäude der Kreisleitung für eine Klinik zur Verfügung zu stellen.

Demonstriert wird auch in Erfurt und Gera.

Den Stopp von Müllimporten aus Berlin (West) und Stuttgart forderten Bürger Ketzins gestern bei einem Protestmarsch zur Deponie unweit der Stadt.

Sie blockierten für eine Stunde die Zufahrt zu dem 90 Hektar großen Gelände, auf dem seit 1977 Hausmüll, Filterkuchen aus Entgiftungsanlagen und andere Schadstoffe verbracht werden.

Die Deponie vor Ketzin liegt in einem Landschaftsschutz- und Naherholungsgebiet. 1974 wurde zwischen der DDR-Regierung und dem Senat von Berlin (West) ein Vertrag über ihre Nutzung für 20 Jahre abgeschlossen. Nach Recherchen der Bürgerinitiative ist der Standort auf Grund der Bodenverhältnisse völlig ungeeignet. Durch Salze und organische Substanzen würden Grund- und Oberflächenwasser erheblich belastet.

Umweltschützer aus der DDR und der Bundesrepublik haben am selben Tag vor der Deponie Schönberg erstmals gemeinsam gegen Mülltransporte aus der BRD in die DDR protestiert.

Sa. 06.01.
Demonstrationen und Kundgebungen gibt es in zahlreichen Orten. So in Arnstadt, Aue, Dresden, Fürstenwalde, Greiz, Hartenstein, Plauen, Prenzlau und Seelow.

So. 07.01.
Zu einer Menschenkette wird zwischen 14.30 und 14.45 Uhr aufgerufen. In dem Aufruf heißt es: "Die Bürgerinitiativen des Eichsfelds haben zur Bildung einer Menschenkette von Hessen (Witzenhausen) durch das Eichsfeld nach Niedersachsen (Duderstadt) aufgerufen.

'Wir wollen Zeichen setzen' - diese Kette soll unseren festen Willen dokumentieren, dass wir für weitere Veränderungen auf friedlicher Basis diesseits der Grenze eintreten und unsere Zukunft nur zusammen mit unseren wiedergewonnen Nachbarn sehen. Deshalb sollten sich möglichst alle Bürger guten Willens, auch aus den angrenzenden Regionen Hessens und Niedersachsens, daran beteiligen."

In Neubrandenburg ruft die SED-PDS zu einer Demonstration auf.

Standesgemäß zum ersten Aktions- und Informationstag der Grünen Liga in Berlin im Haus der Jungen Talente, findet eine Fahrraddemo statt.

Mo. 08.01.
In Karl-Marx-Stadt demonstrieren mehr als 50 000 Menschen für freie Gewerkschaften und Streikrecht. In Leipzig fordern über 100 000 Demonstranten "Deutschland einig Vaterland", "Nieder mit der SED!", "Modrow weg!" und "Gysi weg!". Vermummte Linksextreme, die sich auf Mao beziehen, sind ebenso dabei wie Vertreter der Republikaner.

Tausende gehen auch in Cottbus, Halle, Frankfurt (Oder), Neubrandenburg und Schwerin auf die Straße.

Di. 09.01.
Demonstriert wird in Bad Langensalza, Berlin, Erfurt, Greifswald, Meiningen, Meißen, Nordhausen, Penig, Rostock, Suhl, Weimar, Schwerin und Zwönitz.

In Halle findet eine Kundgebung des Handwerks statt. Gefordert wird die Gründung einer unabhängigen Interessenvertretung des Handwerks.

Mi. 10.01.
In mehreren Städten finden Demonstrationen und Kundgebungen statt. U.a. in Brandenburg, Herzberg und Magdeburg.

Do. 11.01.
Nach der Parlamentssitzung demonstrieren mehr als zehntausend Menschen gegen Überbrückungsgelder für ehemalige Stasi-Mitarbeiter und gegen Pläne, noch vor den Wahlen einen Verfassungsschutz einzurichten.

In Erfurt und Gera demonstrierten gestern wieder Zehntausende Bürger gegen die Restauration des Macht- und Pressemonopols der SED-PDS. "Nieder mit der SED" und "Stasi weg" erklang in Sprechchören.

Demonstriert wird auch in Rostock.

Fr. 12.01.
In Gotha findet die freitägliche Demonstration mit Kundgebung auf dem Hauptmarkt statt.

Sa. 13.01.
Zu einer Umweltdemonstration in Merseburg ruft das Neue Forum auf. In Plauen findet die samstägliche Demonstration statt.

So. 14.01.
In der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde gedenken Hunderttausende den 1919 ermordeten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Dafür hat die SED-PDS einen Satz umfassendes, damit unvollständiges Luxemburg-Zitat: "Die Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden", gewählt. Das Benutzen des Zitats führte zwei Jahre zuvor in Berlin noch zu Verhaftungen.

Berliner Sozialdemokraten wollen am Sonntag Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ehren. In einer Pressemitteilung, die dem ADN übergeben wurde, heißt es: "Sozialdemokraten in der DDR wahren ihre Traditionen. Am 14. Januar 1990 treffen wir uns um 14 Uhr auf dem Berliner Alexanderplatz und gehen zum Gedenkstein für die Gefallenen der Novemberrevolution im Friedrichshain."

Gegen die Politik der SED-PDS richtete sich am Sonntagnachmittag eine Kundgebung auf dem Magdeburger Domplatz, zu der das Neue Forum eingeladen hatte. Vertreter verschiedener oppositioneller Parteien und Gruppierungen forderten unter anderem die tatsächliche Auflösung und kontrollierbare Entwaffnung aller Dienststellen des ehemaligen MfS und seiner Nachfolgeeinrichtungen.

Im Anschluss an die friedliche Kundgebung zog ein Demonstrationszug zum Gebäude des Bezirksvorstandes der SED-PDS. Scheiben des Hauses wurden zerschlagen. Bürger drangen gewaltsam in die ehemalige Bezirksparteischule ein, die schon längere Zeit als Hotel genutzt wird.

Mo. 15.01.
Zehntausende Demonstranten folgen dem Aufruf des Neuen Forum und dringen am frühen Abend in die ehemalige Stasi-Zentrale in Berlin ein.

In zahlreichen Städten der DDR demonstrierten gestern Abend über eine halbe Million Bürger. Sie folgten einem Aufruf des Neuen Forum zu einer landesweiten Aktion gegen die Restaurationspolitik der SED und ihres Sicherheitsapparates.

Demonstrationen wurden aus Berlin, Cottbus, Dresden, Erfurt, Frankfurt (Oder), Halle, Karl-Marx-Stadt, Leipzig, Magdeburg, Neubrandenburg, Potsdam, Rostock und Stralsund gemeldet. Die übergroße Mehrheit der Teilnehmer sprach sich für eine gewaltfreie Fortsetzung des Demokratisierungsprozesses aus.

In Jena, Gera und Zwickau forderten Tausende ein Ende der restaurativen Bestrebungen der SED-PDS, die bedingungslose Auflösung des Amtes für Nationale Sicherheit und die Einstellung der Überbrückungszahlungen für ehemalige Mitarbeiter.

Di. 16.01.
Demonstriert wird in Graal-Müritz.

Do. 18.01.
In Erfurt und Gera finden Demonstrationen statt.

Sa. 20.01.
In Neubrandenburg demonstrieren Bauern für ihre Interessen. Verunsicherung gibt es bezüglich des Bodens und was wird aus den LPGs. Sorgen bereitet auch mögliche Absatzschwierigkeit der eigenen Produkte wegen Importe aus dem Westen. Es wird sich für das Volkseigentum, genossenschaftliches Eigentum und Privateigentum sowie für die Gründung eines Genossenschaftsverbandes ausgesprochen. Gefordert wird die Verbesserung der Infrastruktur im ländlichen Raum. An Ministerpräsident Hans Modrow wird ein Offener Brief gerichtet.

Demonstriert wird in Finsterwalde.

So. 21.01.
Im Bezirk Erfurt sammeln sich Bürgerinnen und Bürger in einer symbolischen "Massenflucht" rüber in das Bundesland Niedersachsen. Die Demonstration richtet sich gegen die SED-PDS und für ein bleiben in der Heimat.

Mo. 22.01.
Weit über 200 000 DDR-Bürger beteiligen sich an den schon traditionellen Montagsdemonstrationen. In Leipzig fordern mehr als 100 000 die deutsche Einheit und die Auflösung der SED. Weitere Demonstrationen finden in Karl-Marx-Stadt, Schwerin, Suhl, Potsdam, Halle und Berlin statt.

Di. 23.01.
Demonstriert wird in Calau auf dem Marktplatz.

Mi. 24.01.
In Leipzig demonstrieren Volkspolizisten. Sie wollten zeigen, auch wir sind das Volk. "Mit dem Volk - Für das Volk". Sie wollen nicht den Buhmann spielen.

Mitarbeiter des Gesundheitswesens demonstrieren in Leipzig und Zittau für die Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen.

Do. 25.01.
Donnerstag, 5.30 Uhr. Der Zugang zur Mülldeponie Schöneiche, Bezirk Potsdam, wird von Bürgern der Gemeinden Kallinchen, Gallun und Schöneiche gesperrt. Auf Plakaten und Spruchbändern verleihen sie ihrer Forderung Nachdruck: "Stoppt den Müllberg, den keiner will. Aus mit der Sondermüllverbrennung! Herr Kohl, wie verträgt sich Müll-Export in die DDR mit zugesagter Hilfe beim Umweltschutz? Giftmüll - stopp!"

Rund 5 000 Menschen demonstrieren in Dresden für bessere arbeits- und Lebensbedingungen im medizinischen Einrichtungen.

Demonstriert wird auch in Rostock.

Sa. 27.01.
Willy Brandt spricht vor dem Rathaus in Eisenach.

Mo. 29.01.
Erneut sind in Leipzig rund 100 000 Messestädter zur traditionellen Montagsdemonstration auf dem Karl-Marx-Platz zusammengekommen.

"Keiner wählt die SED" und "Deutschland einig Vaterland" waren die bestimmenden Akzente in Sprechchören sowie auf Transparenten. Eine einmütige Absage gab es auf der Kundgebung an jeglichen Rechts- und Linksradikalismus.

Zur Berliner Montagsdemo kamen mehrere hundert Menschen auf den Alex. Auf Plakaten wurde von der SED-PDS gefordert, alle Machtpositionen aufzugeben Einige Bürger fanden sich in der Nähe zu einer Gegendemonstration zusammen, um ihrer Meinung gegen die Bestrebungen nach Wiedervereinigung Ausdruck zu verleihen.

In Plauen nahmen Zehntausende an einer LDPD-Kundgebung teil, auf der der Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion, Wolfgang Mischnick, sprach. Die Volkskammerwahl, sagte er, sei eine reale Chance, um den Sozialismus endgültig abzuwählen.

Leipzig. "Keiner wählt die SED" und "Deutschland einig Vaterland" waren bei der Leipziger Montagsdemonstration die bestimmenden Akzente in Sprechchören sowie auf Transparenten. Schwarz-rot-goldene Fahnen verliehen auf dem Karl-Marx-Platz der Forderung Nachdruck, die beiden deutschen Staaten so bald wie möglich zu vereinigen. Auf der Kundgebung mit rund 100 000 Teilnehmern wurde die deutliche Distanzierung von jeglichem Rechts- und Linksradikalismus bekundet.

Karl-Marx-Stadt. Schwarz-rot-goldene und weiß-grüne Fahnen beherrschten am Montag das Bild der Kundgebung in Karl-Marx-Stadt, der sich eine Demonstration durch die Innenstadt anschloß. Daran nahmen nach Angaben des Veranstalters, der Demokratischen Oppositionellen Plattform, etwa 85 000 Bürger aus der Bezirksstadt und Umgebung teil. Zahlreiche von ihnen mitgeführte Transparente und Plakate trugen die Aufschrift "Wählt die SED nie mehr, sonst ist Sachsen menschenleer" oder "Wer die SED wählt, wählt die Massenflucht".

Dresden. Fast 100 000 Menschen haben sich in Dresden an der Montagabend-Demonstration beteiligt. Zwei Forderungen wurden auf Transparenten und in Sprechchören tausendfach gestellt: ein vereinigtes Deutschland sowie die Achtung der SED-PDS und des ehemaligen SED-Machtapparates, deren Machenschaften mit denen des Nationalsozialismus verglichen wurden.

Auch in Halle, Schwerin, Cottbus, Neubrandenburg, Potsdam und Magdeburg forderten Tausende ein geeintes Deutschland.


Alle Angaben sind Auszüge aus den Chronikseiten Januar 1990 www.ddr89.de. Es wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben.

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