DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Kinderkrippen - "Ernst der Lage nicht begriffen"

In Berlin-Mitte gründete sich ein Bürgerkomitee zur Erhaltung der Kinderkrippen / Kritik an der Krippenunterbringung nehmen sie ernst / Mütter müssen wählen können, ob sie zu Hause bleiben möchten / Interview mit zwei Mitbegründerinnen

In der DDR besuchen gegenwärtig 81 Prozent der Kleinkinder unter drei Jahren eine Kinderkrippe. Damit ist die DDR im Weltmaßstab führend (2. Stelle: ČSFR mit 26 Prozent, BRD: zwei Prozent). Für viele junge Familien und allein stehende Mütter sind diese Krippen eine existentielle Notwendigkeit, um Beruf und Familie in Einklang zu bringen. Jahrelang sorgte die SED dafür, dass weder Zweifel an noch negative Erfahrungen mit der Unterbringung der Kleinkinder in den Krippen in das öffentliche Bewusstsein drangen. Daran hat sich mittlerweile einiges geändert - allerdings mit dem Erfolg, dass im Gefolge von Zeitungsartikeln, die sich negativ zu den Kinderkrippen äußern, Unterschriftensammlungen durchgeführt, Protestbriefe verfasst und Bürgerkomitees gegründet werden. Zwei Mitbegründerinnen eines Bürgerkomitees zur Erhaltung der Kinderkrippen in Berlin-Mitte, J. Glaesener (Mutter eines Krippenkindes) und H. Haufe (Leiterin einer Kinderkrippe), über Arbeit des Komitees.

taz: In einem Artikel der evangelischen Wochenzeitschrift 'Glaube und Heimat', der in der Kinderzeitschrift 'Bummi' 9/90 nachgedruckt wurde, wird auf die Erkenntnis verwiesen, dass Krippenkinder in ihrer Entwicklung gefährdeter und störanfälliger sein sollen als ausschließlich in häuslicher Geborgenheit aufwachsende Kinder, dass Kinder erst nach dem vollendeten dritten Lebensjahr imstande seien, für mehrere Stunden ohne die Anwesenheit der Mutter auszukommen. Warum kann man auf solche Veröffentlichungen nicht gelassen reagieren?

Glaesener: Die Erkenntnisse, auf die hier verwiesen wurde, sind mir nicht unbekannt und müssen diskutierbar sein. Aber wir müssen in der jetzigen Situation die Häufung von Artikeln, die sich gegen die Unterbringung der Kleinkinder in Krippen richtet, als Signal für bevorstehende politische Entscheidungen bewerten. Die Artikel in den Zeitungen und Zeitschriften sind nur ein Indiz dafür.

Welche Indizien gibt es noch?

Glaesener: Anträge des FDGB und des IHB, ihre Kinderkrippen an die Kommune zu übergeben.

Haufe: Im Wahlkampf zur Kommunalwahl am 6. Mai hat sich von den Bürgermeisterkandidaten nur der Vertreter der PDS, Peter Zotl, zur Frage der Kinderkrippen geäußert, darüber hinaus nur noch der Unabhängige Frauenverband. Bei einer Veranstaltung unseres Bürgerkomitees am 2. Mai, zu der alle Parteien eingeladen waren, war nur ein Vertreter des Unabhängigen Frauenverbandes anwesend.

Wen wollt Ihr ansprechen?

Glaesener: Vor allem natürlich die Eltern. Obwohl es Schwierigkeiten gibt, viele Eltern zu mobilisieren. Es macht den Anschein, dass viele den Ernst der Lage noch gar nicht begriffen haben. Wir setzen natürlich auch auf Formen des parlamentarischen Kampfes, führen Unterschriftssammlungen durch, Demonstrationen sind geplant.

Wie arbeitet Euer Komitee?

Glaesener: Im Kern besteht es aus einem Redaktionsstab, dem vier Eltern und zwei Krippenerzieher angehören. Die Mitglieder dieses Stabes gehen in die Krippen, initiieren Versammlungen, sprechen Eltern an.

Was beinhaltet Eure Forderung nach Erhaltung der Kinderkrippen?

Glaesener: Wir sind uns natürlich im Klaren, dass das Konzept der Vergangenheit nicht zu retten sein wird. Immerhin verbrauchten die Kinderkrippen jährlich 1,35 Milliarden Mark an Subventionen. Andererseits muss es uns nicht nur um die Erhaltung der Krippen schlechthin, sondern auch um erschwingliche Preise für Krippenplätze gehen. Welche Mutter wird sich leisten können, 350 bis 500 DM für einen Krippenplatz auszugeben?

Würdet Ihr aus eigener Erfahrung anderen Müttern empfehlen ihr Kind in eine Krippe zu geben?

Haufe: Aus meiner 24jährigen Erfahrung mit Krippenerziehung kann ich es empfehlen. Zumal in den letzten Jahren zum Beispiel in unserer Krippe vieles getan wurde, um wirklich das Wohl der Kinder zur obersten Maxime zu machen. Wir gehen wirklich auf jedes Kind ein, sitzen an ihren Betten, wenn sie ruhen. Jede Mutter kann ihr Kind eingewöhnen in die Krippe, nach dem Babyjahr und nach jeder Krankheit - ja nach Empfinden des jeweiligen Kindes. Die Kinder dürfen persönliche Utensilien mitbringen usw. Natürlich im Vergleich zu einem idealen Zustand familiärer Geborgenheit wird die Krippe immer schlechter abschneiden. Aber wo und wie oft gibt es das schon?

Glaesener: Natürlich bin ich auch dagegen, wenn Mütter aus materiellen Gründen gezwungen werden, ihr Kind in die Krippe zu geben. Auch ist die Zeit, die die Kinder in den Krippen verbringen, oft viel zu lang. Doch die Entscheidungsmöglichkeit muss erhalten bleiben. Und dann kann und muss es eine Frage des Verantwortungsbewusstseins der Eltern sein können, den optimalen Weg für das eigene Kind zu finden.

Das Interview führte Michael Wendt.

Wer Kontakt aufnehmen will: Bürgerkomitee zur Erhaltung der Kinderkrippen, Französische Str. 16/17, Berlin 1080, Tel. (...)

aus: TAZ Ost vom 01.06.1990

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