DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Füllmasse anstelle von Gedanken

Wir, die Brigade "Neuer Weg" Fahrbetrieb Spreetal/Scheibe, können uns mit der sach- und fachbezogenen Berichterstattung der "WBZ" [Welzower Betriebszeitung] über Betriebsprobleme noch einverstanden erklären. Hingegen scheint in politischer Hinsicht einiges im Argen zu liegen. Das WBZ-Redaktionskollegium scheint in einer anderen Welt zu leben als wir. Dieselben abgedroschenen Phrasen, die uns seit Jahrzehnten als Füllmasse anstelle von Gedanken angeboten werden, kommen uns noch immer aus den ausgewählten tendenziösen Artikeln entgegen.

Die Zeit steht still in der "WBZ". Von den Begriffen "Wende, Dialog" hat man bei Euch anscheinend noch nichts gehört. Dass die FDJ einen Existenzkampf führt, dass das Vertrauen des Volkes zur SED schwer angeschlagen ist und es inzwischen einen Führungswechsel gegeben hat . . . all das ist für Euch anscheinend kein Thema.

Habt Ihr eigentlich noch keine Order für die neue Linie oder keinen Mut ohne eine solche Order der Wahrhaftigkeit die Ehre zu geben? Wie sagte doch Gorbatschow im Westfernsehen anlässlich des 7. Oktober in der DDR: "Wer sich nicht am Leben orientiert, über den wird das Leben hinweggehen." Auch einen Lenin hat es gegeben, der forderte, das Ohr an der Masse zu haben und einen Blick ins Buch, aber dafür zwei ins Leben zu werfen.

Der Geist der Zeit ist ein ganz anderer als Ihr ihn noch immer von Euch gebt. Durch unsere Massenmedien weht ein Wind von echter Demokratie. Man darf endlich sagen, was man denkt. Dinge für die man noch vor kurzem zum Verräter an Staat und Partei abgestempelt worden wäre, werden endlich überall offen ausgesprochen - nur nicht in der "WBZ". Habt auch Ihr endlich den Mut, die Wende zu vollziehen. Werft die restlichen vorbereiteten Artikel alter Machart aus dem Schreibtisch und aus dem Satz. Wendet Euch den wirklichen Problemen zu.

Uns nützen keine Berichte über erhebende Gefühle beim Fackelzug oder von den "Verrätern", die unser Land verlassen. Eine längst überfällige geistige Unterdrückungspolitik hat uns soweit gebracht. Missbildungen in Wirtschaft, Bildung und Kultur, Zensur, Bevormundung, Gängelei, wo man hinsah. Welche Arroganz und Ignoranz hat doch hier bei uns geherrscht. "Die Partei die Partei hat immer recht ..." - dieses Lied, seines Sinnes entleert, wurde zur Funktionärshymne, die sich damit legitimiert sahen, da sie die Partei repräsentierten, immer und überall recht zu haben.

Wenn man ohne eigene Anstrengung immer Recht hat, verliert sich die kritische Distanz, es wird verdrängt, wenn Wunsch und Wirklichkeit nicht mehr übereinstimmen. Und da man außer über das Wahrheitsmonopol ja auch über Machtmittel verfügt, so wird schließlich Polizei und Stasi geschickt, um die Querulanten und Meckerer zu "beruhigen".

Es war höchste Zeit, dass das Volk ein Machtwort gesprochen hat. All die Zehn- und Hunderttausende, die in der gesamten Republik auf die Straße gingen und gehen in einen Topf zu werfen und als Pflastersteinwerfer, Randalierer und von den westlichen Massenmedien verhetzt zu diffamieren, ist in diesen Tagen schlichtweg eine Provokation, liebe "WBZ".

Habt den Mut und veröffentlicht diesen Brief in vollem Wortlaut. Leitet damit Eure Wende ein Ihr tragt damit dazu bei, dass Eure Zeitung wieder lesenswert wird.

Mit freundlichem Gruß
im Auftrag der Brigade
"Neuer Weg" Fahrbetrieb
Spreetal/Scheibe

Karl-Heinz N(...)
Vertrauensmann

aus: Welzower Betriebszeitung, Nr. 40, 14. November 1989, 15. Jahrgang, Organ der Zentralen Parteileitung - VEB BKW Welzow. Herausgeber: Zentrale Parteileitung des VEB Braunkohlewerk Welzow

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