DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Schuhfabrik Weißenfels vor dem Ruin?

Unser Betrieb, die Schuhfabrik "Banner des Friedens" Weißenfels, gehört zu den milieugeschädigten Betrieben der alten Wirtschaftsführung. Jahrelang sind wir durch die Parteiführung zu einer Massenproduktion von Kinderschuhen gezwungen worden. Verständlicherweise genügte diese Massenproduktion hinsichtlich des Materialeinsatzes, des gestalterischen Niveaus und der Qualität nicht den Ansprüchen unserer Bevölkerung und des Handels. Im Ergebnis einer solchen Politik entstanden im Handel extrem hohe Bestände an Kinderschuhen, die teilweise heute noch aus den Jahren von 1987 bis 1989 vorhanden sind. Das trifft für eine Größe von 10 Millionen Paar pro Jahr zu. Diese Situation führt seitens des Handels zu einseitigen Vertragsstornierungen bereits 1989 abgeschlossener Verträge in Höhe von etwa 2,5 Millionen Paar Kinderschuhen für die Produktion des 1. Halbjahres 1990. Dies entspricht 50 Prozent der ursprünglich abgeschlossenen Verträge.

Unser Betrieb verfügt wie auch andere Betriebe der Schuhindustrie über kein eigenes Absatz- und Vertriebsnetz und ist somit den Machenschaften des volkseigenen Großhandels schutzlos ausgeliefert und hinsichtlich des Vertriebes der Kinderschuhe im eigenen Land handlungsunfähig. Damit wird unsere Lage im 1. Halbjahr 1990 sowohl hinsichtlich der Auslastung der vorhandenen Kapazitäten als auch der finanziellen Situation auf das äußerste zugespitzt. Das geht so weit, dass der Handel die vertraglich ausgelieferte Ware nicht bezahlt und zurückschickt und somit den finanziellen Ruin des Betriebes heraufbeschwört. Mit Recht haben deshalb unsere 3 800 Werktätigen Angst um ihre Arbeitsplätze.

Nach unseren Vorstellungen sind sofort folgende Maßnahmen durch die Regierung zu regeln:

1. Mit sofortiger Wirkung ist die Einfuhr von Kinderschuhen in die DDR aus allen Ländern zu stoppen. Diese Maßnahme ist bis 31. 12. 1991 zu begrenzen, um unserem Betrieb die Möglichkeit zu geben, sich auf die Bedingungen der Marktwirtschaft und des Wettbewerbs einstellen zu können.

2. Es Ist dringend notwendig, bestimmte Teile des volkseigenen Handels der Industrie zuzuordnen mit dem Ziel, den Vertrieb unserer Erzeugnisse in eigene Regie zu nehmen.

Z(...), Betriebsdirektor

S(...), BGL-Vorsitzende

aus: Neues Deutschland, Sozialistische Tageszeitung, 45. Jahrgang, Ausgabe 96, 25.04.1990, Zeitung der Partei des Demokratischen Sozialismus