DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Lehrlingsrat: Farbigkeit auf blauem Grund

Gelassene Eintracht nicht nur an der Wandzeitung / Fähigkeiten zählen - nicht der Proporz / Es wird viel und heftig um politische Fragen gestritten

Betriebsschule Tiefbau Berlin. Moderner Typenbau, sauber, frisch gestrichen, ein normaler Unterrichtsbetrieb, der in seiner Stille nur ahnen lässt, dass hier 450 Lehrlinge ausgebildet werden.

Doch auf den zweiten Blick fallen Veränderungen ins Auge. An der Wandzeitung nur noch der blaue Fahnenstoff als Untergrund geblieben. FDJ, autonome Antifa, CDJ und JuliA melden sich neben den Arbeitsgruppen zu Wort. Die Wandzeitung strahlt gelassene Eintracht aus.

Doch wie funktioniert diese Vielfalt, wollte von Silvio M(...), 1. Sprecher des Lehrlingsrates, JW-Mitarbeiter Michael B(...) wissen.

Nur von unten.

Wir haben einen Lehrlingsrat gewählt, der sich aus den Klassensprechern und je einem Vertreter der politischen Plattformen und verschiedenen Jugendverbänden zusammensetzt. Es gibt erste Umrisse eines Aktionsprogramms. Die besten Ideen setzen sich durch und werden demokratisch entschieden. Jeder Klassensprecher und jeder Vertreter der Jugendverbände hat ein Stimmrecht. Doch der 1. Sprecher des Lehrlingsrates hat keine Stimme. Damit wollen wir verhindern, dass sich wieder etwas verselbständigt. Die FDJ-Sekretäre haben oft aus bestem Wollen heraus "FDJ-Arbeit gemacht" und letztendlich nur noch für sich selbst gesprochen.

Ist die FDJ out?

Nein. Aber bei dem Mitgliederschwund steht die Frage, ob die FDJ legitimiert ist, für alle zusprechen. In den FDJ-Gruppen liefen die Wahlen. Alle 50 FDJ-Mitglieder der Schule gehören zu den aktivsten in der Klasse. Die Ausstrahlung der FDJ ist nicht zahlenmäßig an Mitglieder gebunden. Das zeigen die jetzigen Wahlen zu den Klassensprechern für den Lehrlingsrat. Von den neun gewählten Klassensprechern sind sieben FDJler. Es geht also nach den Fähigkeiten der Leute, nicht nach irgendeinem Proporz.

Politisch-ideologische Arbeit war "Herzstück der FDJ-Verbandsarbeit". Ist das Herz in die Hose gerutscht?

So viele politische Fragen wie jetzt wurden an der Schule noch nie diskutiert. Neu ist auch die Heftigkeit. Antworten müssen im wahrsten Sinne erkämpft werden. Passee ist dieses verschulte Polittheater Studienjahr. Vermissen tut's niemand, soweit ich weiß.

Auf welches Programm habt ihr euch geeinigt?

Die Umrisse des Aktionsprogramms gehen von den unmittelbaren beruflichen und Lebensinteressen aus. Die neuen ökonomischen Initiativen werden auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten. MMM-Aufgaben, die wirkliche ökonomische Effekte bringen und von uns vorgeschlagen werden, aber gerne! Wir schmeißen nicht alles über Bord, weil es von Vor-Oktober ist.

Gute lehrplangerechte Ausbildung in den Kombinatsbetrieben, eigene Vorschläge für Lehrlingsobjekte, die mehr bringen als tief stehen und weit schmeißen, der Ausbau der IG Ökologie mit den Aktionen "Gesunder Wald", "Stadtökologie" und "Wohngrün" und Arbeitseinsätze am Wochenende in Krankenhäusern der Stadt.

Wie wirst du bezahlt?

Bis jetzt mit der Planstelle FDJ-Sekretär der BBS. Das passt dem Magistrat nicht. Der untersagt die weitere Bezahlung. Aber da hinter dem Lehrlingsrat die Mehrheit der Leute steht, kommt auch der Magistrat nicht an uns vorbei. Wir sind als legitimiertes Organ an allen Entscheidungen in der Betriebsberufsschule beteiligt.

aus: Junge Welt, Nr. 293 B, 13.12.1989, 43. Jahrgang, Organ des Zentralrats der FDJ

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