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DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Versuch der "Freisetzung" konnte vorerst abgeschmettert werden

VEB-Betriebsleitung bisher ohne Konzept / Wo bleibt Gewerkschaft?

Unser Betrieb im volkseigenen Möbelkombinat produzierte bisher Rationalisierungsmittel für die Möbelfertigung und, da das seine Kapazität 1989 nur zu etwa 8 Prozent auslastete, darüber hinaus Erzeugnisse des Maschinenbaus. In unserem Betriebsteil sind 35 Kollegen beschäftigt.

Am 31.1.1990 (!), 10 Minuten vor meinem Arbeitsschluss wurde ich ohne die geringste offizielle Vorinformation von unserem Betriebsteilleiter zu einem "Kadergespräch" geladen. Teilnehmer waren außerdem die Kaderinstrukteurin unseres Betriebsteiles und der Vertreter der BGL des anderen Betriebsteiles.

In einer mündlichen Information und einem vorgelegten Protokollvordruck wurde mir mitgeteilt, dass wegen "wirtschaftsorganisatorischer Maßnahmen in unserem Betrieb zum 1.4.1990 Struktur- und Personalveränderungen" erforderlich sind und dass, ausgehend von den zu lösenden betrieblichen Aufgaben, die Betriebsleitung gezwungen sei, Kader aus dem Leitungs- und Verwaltungsbereich mit anderen Aufgaben zu betrauen bzw. sie freizusetzen. Darüber hinaus hieß es: "Eine Ablehnung dieser zumutbaren anderen Arbeit (nicht konkretisiert) ist für uns Anlass zur fristgemäßen Kündigung des Arbeitsrechtsverhältnisses."

Ich beanstandete, dass die Betriebsleitung bisher ein Konzept für ein zukünftiges Produktionsprogramm weder vorgelegt noch mit den Angehörigen dieses (immer noch volkseigenen) Betriebes oder Vertretern der Gewerkschaft diskutiert hat. Ohne ein konkretes Produktionsprogramm hat der Leiter auch keinen schlüssigen Grund, Kaderveränderungen vorzunehmen. Jeder kann seinen Koffer nur dann sinnvoll packen, wenn er weiß, ob er an die See oder ins Gebirge fährt!

Offenbar war sich auch der Vertreter der Gewerkschaft seiner ungeheuren Verantwortung sowohl für den Betrieb als auch für die hier Beschäftigten nur mangelhaft bewusst.

Ich habe also die finsteren Mienen meiner Gesprächspartner ignoriert und den mir vorgelegten Protokollvordruck nicht unterschrieben, um damit auszudrücken, dass ich mit dieser Verfahrensweise nicht einverstanden bin.

Nun werde ich zusammen mit meinen Kollegen versuchen, von der Betriebsleitung Antwort auf die entscheidende Frage zu erhalten, was der Betrieb, was wir planen und mit welchen Erfolgen die Betriebsleitung Anstrengungen unternommen hat, den in diesem Betrieb beschäftigten Werktätigen ihren Arbeitsplatz und der Volkswirtschaft einen ökonomisch arbeitenden Betrieb zu erhalten.

Renate P(...)

aus: Podium, Die Seite der neuen Parteien, Initiativen und Gruppierungen in der Berliner Zeitung, Nr. 53, 03./04.03.1990, 46. Jahrgang