DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Wann endlich Offenheit und Mitspracherecht?

Bezug nehmend auf die Umgestaltung in der DDR sind wir, Facharbeiter der NC-Instandhaltung, der Meinung, dass diese nur unter Mitwirkung aller durchgesetzt werden kann. Dazu ist eine offene, ehrliche und konstruktive Diskussion erforderlich. Wir sehen in unserer SE 300 bzw. im Betrieb keine Aktivitäten. Es hat den Anschein, dass gewisse Leute Angst davor haben. Denn die beiden Foren im Saal können ja wohl nicht alles gewesen sein. Bei uns im Kollektiv türmen sich die Probleme.

1. Seit einem Jahr bemühen wir uns um die Klärung der gerechten Entlohnung der Schichtinitiative 15 + 2. Die Effektivität des Rhythmus ist sowieso in Frage gestellt. Sie ist doch nur eine Abrechnung nach oben. Die Entscheidungsberechtigten für diesen Fall brauchen ja nicht in diesem Rhythmus arbeiten. Arbeiten sollte mal im unserer Gesellschaft ein Bedürfnis sein, das kann ich in den letzten Jahren nicht behaupten.

2. Warum sind die Stellenpläne nicht der Öffentlichkeit zugänglich? Denn nur durch eine Aufklärung darüber kann das Misstrauen über die Abrechnung der Gelder gebrochen werden. Denn wenn wir nicht wissen, wie hoch die Stimulierung ist, fehlt die nötige Motivation, mehr zu leisten.

3. Leitende Kader waren bisher immer Mitglieder der SED. Wir haben nichts gegen Genossen, die ordentlich ihre Arbeit gemacht haben bzw. machen. Wir haben aber etwas gegen eine SED-Grundorganisation, die nie offen zu den Arbeitern war, die es nicht geschafft hat, uns ordentlich zu führen, im Gegenteil! Wurden Probleme angesprochen, wurden diese meist im Keim erstickt. Wir sind auch der Meinung, was wir in all den Jahren geschaffen haben, ist nicht schlecht, aber wir hätten gemeinsam viel mehr schaffen können. Deshalb sind wir der Meinung, dass die SED-Grundorganisation nichts mehr in den Betrieben zu suchen hat. Der Betrieb wird auch ohne sie produzieren. Sie sollte sich wie alle anderen Fraktionen außerhalb des Betriebes ihrer Parteiarbeit widmen. Es sollte schwer sein, die ehrlichen Genossen herauszufinden, die keine Korruption betrieben haben. Es kann nicht sein, dass sich jetzt ehemalige Genossen der obersten Leitung mit dem Austritt der Verantwortung entziehen.

4. Warum werden gerade in der Zeit der Meinungsfreiheit Werktätige mit anderen Ansichten als Elemente bezeichnet? Es soll doch gemeinsam verändert werden und somit jeder die Chance haben, sich kreativ zu äußern.

5. Weiterhin besteht Unklarheit in Abrechnung und Verbleib der Gelder bei Planerfüllung: Iran-Panzerreparaturen, W 50-NSW und der Verbindung VEB RWN und IMES. Wir fordern hiermit die volle Aufklärung.

6. Auf dem Sonderparteitag der SED kam ein Beitrag eines Genossen von Schwarze Pumpe. Bei ihm hat sich die Parteiorganisation im Betrieb aufgelöst, unter Androhung eines Generalstreiks. Wir hoffen, die Betriebsleitung hat die Situation erkannt. Wir glauben, sonst kommt es auch hier zu solcher Situation. Muss es dazu kommen?

Wir schlagen vor:

Wieder wöchentlich in jedem Kollektiv das Argument durchzuführen. Dort sollten die Probleme der einzelnen behandelt und realisiert werden. Monatlich ein Betriebsforum. Dieses kann zur Berichterstattung, Unterbreitung und Diskussionen, zu Vorschlägen usw. genutzt werden. Denn Probleme, die unseren Betrieb und uns betreffen, sind nicht unwesentlich in Bezug der DDR, z. B. Ausreise und Wiedervereinigung. Diese unsere Meinung entstand aus Diskussionen unter uns Facharbeitern der NC-Instandhaltung.

Elektriker
der NC-Instandhaltung
J. B(...)

aus: ANTRIEBSRAD, Nr. 1, 23.01.1990, Betriebszeitung der Werktätigen des VEB Reparaturwerk Neubrandenburg