DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Betriebsrat kontra Gewerkschaft?

"fp"-Gespräch im VEB Elektromotorenwerke Grünhain

Betriebsräte sind im Kommen. Einer der ersten in unserem Bezirk wurde am 6. Dezember 1989 im VEB Elektromotorenwerke Grünhalm gewählt.

Was ist ein Betriebsrat? Was will und kann er? "fp" unterhielt sich darüber mit Betriebsratsmitgliedern und einem Vertreter der Betriebsleitung.

Seit Dezember 1989 existiert der Betriebsrat - ein früher Zeitpunkt. Wie kam es dazu?

Nikolaus K(...), Laborleiter und Betriebsratsvorsitzender: Als im Dezember der Streikaufruf des Neuen Forums bekannt wurde, haben auch wir auf einer Betriebsversammlung überlegt, ob wir uns dem anschließen. Letztendlich kamen wir zum Ergebnis, dass das nicht unsere Sache sein kann. Und es war ein Mitglied des Neuen Forums, das vorschlug, einen Betriebsrat zu bilden, um Meinungsverschiedenheiten zwischen der Betriebsleitung und den anderen Werktätigen auf diesem Wege unter einen Hut zu bringen.

War die Betriebsleitung damit einverstanden?

Ulrich T(...), stellvertretender Betriebsdirektor: Die Betriebsleitung war dafür, direkte Interessenvertreter der Belegschaft zu wählen. Staatliche Leitung und Belegschaft können nicht losgelöst voneinander existieren, auch als marktwirtschaftlich orientiertes Unternehmen nicht.

Hans-Jochen G(...), Konstrukteur: Wir wollen uns dabei nicht in wirtschaftliche Entscheidungen einmischen. Wir legen unser Veto nur ein, wenn daraus unzumutbare Nachteile für die Belegschaft erwachsen. Bei einschneidenden Problemen wollen wir schon ein Wort mitreden, z.B. wenn es um Kooperationsvereinbarungen geht.

Ersetzt der Betriebsrat die Gewerkschaft?

Nikolaus K(...): Ich will hier mal ganz deutlich sagen, dass wir uns keineswegs als Konkurrenz zur Gewerkschaft verstehen. Ich bin ja selbst Gewerkschafter. Ausgangspunkt unserer Gründung war sicherlich, dass viele zur Gewerkschaft kein Vertrauen mehr hatten.

Worin bestehen jetzt die Aufgaben des Betriebsrates?

Stefan G(...), Werkzeugmacher: Tja, das ist zurzeit etwas problematisch. Momentan sind wir Mädchen für alles. Jetzt kommt es darauf an, die Aufgaben von Betriebsrat und Gewerkschaft zu trennen und genau zu fixieren. Wir haben - da wir über keinerlei Erfahrungen verfügen - ein vorläufiges Statut geschaffen. Wir betrachten unsere Arbeit bis zur Betriebsratsneuwahl im Mai als provisorisch.

Nikolaus K(...): Während sich die Gewerkschaft um die Tarifpolitik kümmert, sehen wir unsere Hauptaufgabe darin, ein Klima zu sichern, in dem ordentlich gearbeitet werden kann, sozusagen die Sicherung des sozialen Friedens. Dabei verstehen wir uns als Kontrollorgan der Leitung. Wir wollen verstärkt ökonomische Dinge anpacken, neue Strukturen schaffen, den Einsatz von Technik überdenken. Dazu suchen wir uns Berater, denn wir sind ja nicht in allem kompetent. Und dazu gehört auch ein ordentliches Verhältnis zur Betriebsleitung.

Ulrich T(...): Sicher gibt es da in Zukunft auch Reibereien. Wir müssen beide lernen, uns zusammenzuraufen, damit ein hoher Gewinn erwirtschaftet wird. Letztendlich kommt er dann jedem von uns zugute. Ich denke schon, dass wir dafür ganz gute Voraussetzungen haben.

Stefan G(...): Stimmt. Unser Sortiment hält durchaus Vergleichen auf dem Weltmarkt stand. Das Markenzeichen VEM unseres Kombinates Elektromaschinenbau hat einen guten Namen in der Branche. Darauf lässt sich aufbauen.

Hans-Jochen G(...): Uns geht es nicht anders als vielen DDR-Betrieben: zu niedrige Arbeitsproduktivität, schlechte Organisation, zu hohe Kosten. Das ist auch für uns als Betriebsrat ein weites Betätigungsfeld.

Und wie erfährt die Belegschaft, wie der Betriebsrat arbeitet?

Nikolaus K(...): Durch unseren Tätigkeitsbericht, den wir alle vier Wochen aushängen. Wir haben auch eine Sprechstunde. Aber Sprechstunde haben wir eigentlich fast immer.

(Das Gespräch führte
Martina Brandenburg.)

aus: freie presse, Nr. 60, 12.03.1990, 28. Jahrgang, Karl-Marx-Stadt

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