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Gedanken zur Wirtschaftsreform

An unserem Betrieb geht die Wende vorbei

BZ sprach mit Arbeitern aus dem VEB Messelektronik

"An unserem Betrieb geht die Wende vorbei." Die sieben Frauen und Männer aus dem VEB Messelektronik sind enttäuscht: keine klaren Aussagen zum 90er Plan, kein Kassensturz im Betrieb, lehre Worte der Betriebsleitung. Schweigen bei der Gewerkschaft. Bewegung lediglich bei den SED-Mitgliedern. Sie ziehen sich zurück. BZ hatte sich mit den Kollegen der Leiterplattenfertigung des Betriebes verabredet, um mit ihnen über die Wirtschaftsreformen zu sprechen.

Die Leiterplattenfertigung ist ein Kleinfertigungszentrum. Kleine Serien also verlassen die Abteilung, für den Eigenbedarf in Produktion und Entwicklung, auch für Kunden außerhalb des Betriebes. Da so gut wie jedes Messelektronik-Erzeugnis - vor allem Feldstärkemesstechnik, wie sie bei der Post benötigt wird - Leiterplatten enthält, ist der Bereich für das Funktionieren anderer Abteilungen wichtig.

Ich frage die sieben Kollegen, was sie sich für die Zukunft wünschen. Gudrun M(...), die Meisterin, will saubere, klare Linien in Politik und Wirtschaft sehen, damit sie wieder Vertrauen haben kann. Außerdem müssten Betriebs- und Gewerkschaftsleitung endlich das laufen lernen.

Klaus K(...), der Chemiefacharbeiter, will seine Arbeit richtig gewürdigt wissen, gutes Geld verdienen, dafür auch Gutes kaufen können. "Ich weiß, das braucht seine Zeit", sagt er, "und ich blicke auch nicht nur nach dem Westen, aber 20 Jahre will ich nicht mehr warten müssen."

Reform wäre zunächst gerechte Entlohnung

Einrichter Ernst W(...) erwartet lückenlose Aufklärung aller schlimmen Vorgänge der letzten Jahre. Rainer K(...), ebenfalls Einrichter, erhofft sich für immer Offenheit in unserer Gesellschaft. Ralph S(...), der NC-Bohrer, wünscht sich nie solche wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse wie in Polen. Qualitätsprüferin Christel S(...) will als allein stehende Mutter soziale Sicherheit gewahrt wissen. Und Rosemarie S(...), die Laborantin, denkt an freie Wahlen und, was nicht ohne Widerspruch bleibt, an die Wiedervereinigung.

Und was erwarten sie von einer Wirtschaftsreform? Zunächst schnellstens annähernd klare Vorgaben für die Arbeit 1990 und darauf aufbauend eine leistungsgerechte Entlohnung.

"Das Jahr '89 ist dank vieler Katastrophen-Einsätze einigermaßen gelaufen", sagt die Meisterin über ihre Abteilung. 20 Mitarbeiter stehen auf ihrer Soll-Liste. 10 hat sie. Dennoch habe man den Plan geschafft, was übrigens auf Konten der Instandhaltung und Wartung ging, mussten die Kräfte dafür doch mitproduzieren. Die Entlohnung aber sei seit Jahren nicht gerecht. So werden nur 105 Prozent der Leistung von den Kollegen als Lohnobergrenze anerkannt. Das sei so mit der Betriebsleitung vereinbart und vor der Gewerkschaft abgesegnet. Geleistet aber wurde mehr. Diese Lohndifferenz hat man gesammelt und als einmalige Soli-Spende im Jahr abgeführt, mitunter 9 000 Mark. Wie ungerecht! Wie schizophren! Der Wunsch nach sofortiger leistungsgerechter Entlohnung ist verständlich.

Aber haben die Arbeiter dafür überhaupt Ansprechpartner? "Nein", sagt Klaus K(...). "Die Betriebsleitung tagt zwar ständig, von neuen Konzepten ist die Rede, Zuarbeiten müssen gemacht werden. Aber nicht mal der Fachdirektor hat sich seit der so genannten Wende bei uns blicken lassen. Das ist nicht anders als vorher, was übrigens auch für die Gewerkschaft gilt, die bisher immer der Betriebs- und der Parteileitung die Händchen gehalten hat". Was von Einrichter Ernst W(...), Mitglied der BGL, auch bestätigt wird.

Mehr Mitspracherecht und echte gewerkschaftliche Interessenvertretung - schnell wird deutlich, dass ohne mehr Demokratie im Betrieb auch nur jeder Ansatz einer Wirtschaftsreform scheitern wird. Dass die Arbeiter das Gefühl haben, die Zeitenwende liefe an Ihnen vorbei, hängt genau mit diesem im Betrieb vorhandenen Vakuum zusammen. Nichts ist jetzt weniger gefragt als stumme Leiter und Gewerkschafter.

"Wir wollen mitreden können", sagt Klaus K(...), "wollen eine richtige Plandiskussion, in die wir unsere Meinung, die ja immer eine realistische war, wirklich einbringen können. Die Gewerkschaft muss dabei auf unserer Seite stehen. Was zum Beispiel machen die Industriegewerkschaften? Deren Rolle müsste man stärken, dann wird vielleicht ein Schuh daraus."

Volkseigentum beim Wort genommen

Wir sprechen auch über die Zukunft des Betriebes. Der habe langfristige Verträge mit der Sowjetunion, sagen sie, einen Markt, den man, wie immer auch der künftige VEB Messelektronik sich profilieren würde, nicht aufgeben darf. "Ansonsten sollten wir alles nutzen, was uns leistungsfähiger macht", meint Gudrun M(...) mit Blick auf die Konkurrenzunternehmen in der BRD. Ausländisches Kapital im VEB Messelektronik - die Arbeiter würde es nicht stören. Auch das Wort Volkseigentum wollen sie richtig verstanden wissen, könnten sich auch radikale, dem Ursprung das Wortes so nahe kommende Formen vorstellen wie das Pachten ihres Produktionsbereiches mit entsprechender Gewinnbeteiligung. "Das würde doch ungeheuer motivieren", sagt Klaus K(...).

Ideen, Vorstellungen gibt es also zur Wirtschaftsreform nicht nur von Wissenschaftlern.

Heiner Pachmann

aus: Berliner Zeitung, Nr. 295, 15.12.1989, 45. Jahrgang. Die Redaktion wurde mit dem Karl-Marx-Orden, dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold und dem Orden "Banner der Arbeit" ausgezeichnet.

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