DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Wir, die Kollegen des Kombinates Kernkraftwerke "Bruno Leuschner" Greifswald, haben mit Befremden und mit Sorge die in den vergangenen Tagen entfachte Diskussion um die Kernenergie in der DDR verfolgt. Auch in diesem Fall rächt sich leider bitter die Medienpolitik der vergangenen Jahre, die unser Kernkraftwerk mit einem Tabu belegte. Deshalb erscheint es jetzt schwer, eine republikweit geführte emotionsgeladene und durch westliche Medien unsachliche und in verantwortungsloser Weise angeheizte Diskussion in einen vernünftigen Meinungsstreit kompetenter, mündiger Bürger umzuwandeln. Wir sind für eine Offenlegung der realen Situation und verwahren uns gegen jede Art von Gerüchten, die in letzter Zeit zunehmend in Umlauf gebracht wurden.

Tatsache ist, dass seit der Inbetriebnahme des Blockes 1 1973 keine messbaren radioaktiven Umweltbelastungen auftraten. Alle aufgetretenen Störungen wurden beherrscht und die Reaktoren in einen im Rahmen ihres Projektes nuklear sicheren Zustand überführt, ohne dass die gültigen Grenzwerte bei der Abgabe von Radioaktivität oder der Strahlenbelastung des Personals überschritten wurden. Analoge Schlussfolgerungen können aus dem Betrieb von Reaktoren dieses Typs WWR 440 in der Sowjetunion, Finnland, ČSSR, Ungarn und Bulgarien gezogen werden. Es muss endlich Schluss sein, dass mit der Kernenergie fadenscheinige Politik gemacht und ein Geschäft mit der aus Uninformiertheit erwachsenen Angst der Bevölkerung betrieben wird.

Der Ausbildungs- und Qualifizierungsstand unseres Personals befindet sich auf einem anerkannten Niveau, wird zyklisch überprüft und ständig durch technische Weiterbildungsmaßnahmen ergänzt. In Vorbereitung befindet sich ein neues Schichtsystem, um einen noch höheren Zeitfonds für Qualifizierungsmaßnahmen zu schaffen.

Eine sofortige Stilllegung des Kernkraftwerkes Greifswald ist weder ökonomisch noch ökologisch zu vertreten. Entscheidungen zu diesem Thema dürfen nur von der Regierung gefällt werden, gestützt auf ein sicherheitstechnisches Gutachten und wirtschaftliche Langzeitprogramme. Übereilte ultimative Forderungen des Runden Tisches, die sich zudem auf eine stark tendenziöse und teilweise sachlich falsche Berichterstattung in westlichen Medien gründen, lehnen wir grundsätzlich ab. Meinungsfreiheit darf sich nicht zur Freiheit der Inkompetenz verkehren. Deshalb müssen alle Gutachten den internationalen Sicherheitsstandard berücksichtigen und aufgrund der Tragweite dieser Analysen auch Gegengutachten von anderen Organisationen, zum Beispiel aus Frankreich, Schweden, Finnland und der IAEA eingeholt werden.

Es ist ökologisch nicht vertretbar, statt einiger Nanogret Tausende Tonnen CO2 jährlich zusätzlich zu der ohnehin schon starken Belastung in die Umwelt abzugeben, selbst wenn man annimmt, dass die Belastung durch Staub, Schwefel und Stickoxide gering gehalten wird. Wer gestattet uns, die Bodenschätze der Erde verstärkt zu verbrennen, statt sie auch in Zukunft sinnvoll zu nutzen? Eine rasche Einsenkung unseres Energiebedarfes um cirka 30 Prozent ist wegen der fehlenden ökonomischen Basis ebenso unrealistisch wie die Annahme, kurzfristig durch Importe aus der BRD den dann fehlenden Elektroenergiebedarf decken zu können. Allein für die Fernwärmeversorgung der Stadt Greifswald müsste ein umweltbelastendes Kohleheizwerk wieder angefahren werden. Außerdem müssten durch den weiter vorangeschrittenen Wohnungsneubau in Greifswald zusätzlich Heizkapazitäten geschaffen werden.

Weiterhin muss die Bereitstellung von Energie für die zahlreichen Industriebetriebe und Kliniken als notwendige Existenzgrundlage tausender Menschen geklärt werden. Es müssten weiterhin Lösungen gefunden werden, Dampf für die Aufbereitung der trotzdem noch anfallenden radioaktiven Wässer auch bei stillgesetzten Blöcken zu erzeugen. Auch wären Baustellenbetriebe und der Anfahrbetrieb des Blockes 5 ohne Dampfabgabe der Blöcke 1 bis 4 nicht möglich. All dies sind ökologische und ökonomische Faktoren, die einer sofortigen Stillsetzung aus ökonomischer Sicht entgegenstehen. Ganz abgesehen von dem fehlenden sozialpolitischen Auffangprogramm.

Da gegenwärtig über Betriebsstilllegung verhandelt wird, sind wir nicht einverstanden mit der Interessenvertretung der Werktätigen durch die Vertreter des FDGB am Runden Tisch. Wir verlangen konsequenten Einsatz für die Belange von Werktätigen, die von der Betriebsstilllegung betroffen sind. Den Forderungen nach einem sozialen Netz müssen jetzt endlich konkrete Gesetzesvorlagen folgen.

Voraussetzung für eine Weiterentwicklung der Kernenergie ist ein hohes Sicherheitsniveau. Dafür müssen im Rahmen der existierenden und neu vorzulegenden Analysen als notwendig angesehene Rekonstruktionsmaßnahmen durchgeführt und mit zusätzlichen Kontrollmaßnahmen versehen werden. Gegen die Reaktordruckgefäßversprödung sind umfangreiche technische Maßnahmen vom Einsatz von Abschirmkassetten bis zum thermischen Ausheilen des Druckgefäßes ergriffen worden. Die Sicherheit großer Rohrleitungen gegen Abriss oder Bruch wird durch ein umfangreiches System von Werkstofftechnik im Prüfverfahren und Druckproben nachgewiesen. Wichtig ist auch die zunehmend bessere Bereitstellung von Mitteln, um Verschleißteile durch Austauschreparatur zu ersetzen und somit die projektgemäße Basissicherheit der KKW-Blöcke zu gewährleisten. Die Rekonstruktionsmaßnahmen sollten vorrangig Redundanzerhöhungen des sicherheitsrelevanten Systems zum Ziel haben und damit fortgeschrittenen internationalen Stand erreichen.

Wir Kernkraftwerker versichern, verantwortungsbewusst und umsichtig die KKW-Blöcke zu betreiben und weiterhin alle gesetzlichen, staatlichen und betrieblichen Bestimmungen einzuhalten. Weitere Entscheidungen zum Betrieb der Blöcke 1 bis 4 sollten nur im Ergebnis einer umfassenden Sicherheitsanalyse kompetenter Fachleute erfolgen. Wir befürworten ein Energieprogramm, das eine schrittweise Inbetriebnahme neuer, neuesten Sicherheitsstandard entsprechenden Kapazitäten vorsieht. Wichtigstes Anliegen muss ein ökologisch-ökonomisch abgestimmtes Konzept sein, das Tragfähigkeit für die nächsten Jahrzehnte hat.

Wir fordern unsere Medien auf, kurzfristig unsere Bevölkerung über die tatsächliche Situation im Kombinat Kernkraftwerk "Bruno Leuschner" Greifswald, zu informieren.


[Diese Erklärung wurde im Auftrag der Belegschaft, vom diesthabende Ingenieur Volkmar K., auf der 11. Sitzung des Zentralen Runden Tisches am 05.02.1990, verlesen.]

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