DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Stellungnahme der Bergarbeiter des Großtagebaues Meuro im Stammbetrieb des BKK Senftenberg

Voller Zorn und Empörung haben wir die verbrecherischen Machenschaften wie Macht- und Amtsmissbrauch, persönliche Bereicherung und Korruption ehemaliger leitender Funktionäre zur Kenntnis genommen. Der materielle Schaden, der in seinem vollen Umfang noch nicht absehbar ist, da täglich neue Verstöße bekannt werden, wird sicher von dem moralischen Verlust für unseren Staat noch übertroffen, wirft er doch die Frage der Existenz unserer Republik auf.

Wir unterstützen alle Maßnahmen zur demokratischen, dem Volke zugewandten Erneuerung unseres Landes. Wir fordern mit aller Entschiedenheit die restlose Aufklärung aller Fälle von Amtsmissbrauch, Korruption, und persönlicher Bereicherung, aber auch die strafrechtliche Verfolgung aller Verursacher volkswirtschaftlicher Schäden. Wir verlangen, wie es immer mehr Praxis, in unserem Lande ist, eine offene und schonungslose, aber sachliche Berichterstattung zu allen Fragen der Strafverfolgung und ihren Ergebnissen. Wir erwarten, dass Maßnahmen bis zur letzten Konsequenz wirksam werden; welche eine Wiederholung solcher und ähnlicher Fälle von Amtsmissbrauch mit Sicherheit ausschließen. Die parlamentarische auf Pluralismus basierende Kontrolle aller Machtorgane des Staates durch das Volk muss zuverlässig gesichert werden. Wir unterstützen unsere Koalitionsregierung und erwarten Maßnahmen zur allseitigen Stabilisierung unseres Staates.

Zu diesen Maßnahmen zählen wir u. a.:

- Gewährleistung von Ordnung und Sicherheit und Unterlassung jeglicher Gewaltanwendung;

- Vermeidung eines Machtvakuums und Installierung von Leitungsmechanismen zur stabilen Lenkung des Staates und der Wirtschaft in allen Verantwortungsebenen;

- langfristige Überarbeitung der energiewirtschaftlichen Konzeption unseres Landes mit dem Ziel z. B. hoher Nutzung von Abfallenergie und Installierung von Kapazitäten, die auf anderen Primärträgern als Braunkohle basieren;

- Veränderungen in der Investitionspolitik, um gezielt Maßnahmen forcieren zu können, die auf Steigerung der Arbeitsproduktivität gerichtet sind

- und nicht zuletzt Überarbeitung des gesamten Lohngefüges mit starker Orientierung auf das Leistungsprinzip.

Unsere Hauptaufgabe sehen wir darin, trotz der in unserem Großtagebau zurzeit objektiv vorhandenen Schwierigkeiten unseren Anteil zur Rohkohleversorgung zu gewährleisten. Der Tagebau Meuro befindet sich in einer örtlich begrenzten geologischen Störzone und kann daher seine sonst bekannte volle Förderfähigkeit nicht entfalten. Wir setzen alle unsere Kräfte und bergmännischen Fähigkeiten dafür ein, trotz der Probleme, die wir zu lösen haben, unseren Anteil an der Förderung zu sichern und zu steigern. Wir brauchen dazu stabile Verhältnisse im Lande und sind entschieden gegen alle Formen der Einschränkung der Produktion und damit der Gefährdung der Versorgungslage.

Wir lehnen alle Aufrufe zur Einstellung der Arbeit ab. Wir weisen mit allem Ernst darauf hin, welche katastrophalen Folgen eine auch nur kurzzeitige Einstellung der Förderung für uns alle hätte. In diesem Zusammenhang sei auf die Silvesternacht 1978/1979 hingewiesen, wo allerdings damals witterungsbedingt, die Förderung republikweit zum Erliegen kam und nach wenigen Stunden bis hin zum totalen Ausfall der elektrischen Energieversorgung, das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben sehr negativ beeinträchtigt wurde. Wir wollen darauf mit Nachdruck hinweisen, dass alle Bürger, auch bei emotionaler Diskussion um das Thema der Durchsetzung von Forderungen, bedenken sollen, dass ein landesweiter Streik in unserer Situation "Licht aus" für Städte und Gemeinden, Industrie, Landwirtschaft und Gesundheitswesen darstellt. In unserer so stark energieabhängigen Gesellschaft wären die Folgen katastrophaler als in dem genannten Winter 1978/79.

Unser Wille ist es, eine solche Situation zu vermeiden! Die Dialogbereitschaft aller gesellschaftlichen Kräfte unseres Landes macht es möglich, über alle Forderungen zu sprechen und Lösungen zu finden. Infolge der erheblichen negativen Auswirkungen auf uns alle halten wir einen Streik derzeit für ein ungeeignetes Mittel zur Durchsetzung von Forderungen, welcher Art auch immer.

In der gegenwärtigen ökonomischen Situation der DDR ist im Interesse aller Bürger eine ungestörte Produktion erforderlich.

Wir teilen die Meinung vieler Bürger unseres Landes und treten dafür ein, jetzt das Erreichte vor Gefahren zu schützen und es nicht durch Unbesonnenheit und Gewalt zu gefährden. Wir appellieren an alle Parteien und politischen Gruppierungen unseres Landes, an alle Bürger, sich mir ganzer Kraft für eine allseitige Stabilisierung einzusetzen

Die Bergarbeiter des
Großtagebaues Meuro

aus: Lausitzer Rundschau, Nr. 296, 16.12.1989, 38. Jahrgang, Sozialistische Tageszeitung für den Bezirk Cottbus

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